Heike Janssen
Bild: Heike Janssen
3. Dezember 2015  /// Klima Spirtualität Welt

Die lebenden Wälder – Kawsak Sacha. Wie die indigenen Kichwa in Paris für ihre Rechte kämpfen

Paris, 3.12. 2015. Ein Mann steigt in ein Kanu, stößt sich ab und lässt sich auf dem breiten, träge fließenden Amazonas treiben. Um ihn herum erhebt sich die dichte, grüne Wand des Tropenwaldes. Der Film auf der großen Leinwand zeigt den Fluss als Straße, als Quelle der Nahrung und der Freude, beim Fischen und wenn die Kinder in ihm schwimmen. Er zeigt das Zusammenleben der Kichwa von Sarayaku mit Pflanzen und Tieren des Waldes, wie sie alles zum Überleben nutzen, aber auch erhalten.

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Wie erklärt man Europäern ein Weltbild, in dem Bäume mehr sind, als Rohstoffe? Foto: Heike Janssen

Ena Santi, José und Patricia Gualinga wollen den Menschen aus der industrialisierten Welt eine Botschaft übermitteln. Darum sind sie auf die Klimakonferenz nach Paris gekommen. Sie sitzen auf dem Podium eines kleinen überhitzten Raumes im Climate Generations Center. Die Indigenen wollen ihre Sicht auf die Erde erklären. Die könnte ihre Bewohner vor dem Klimawandel bewahren und gleichzeitig zu einer ganzheitlichen und gesünderen Lebensweise verhelfen. José Gualinga hat dafür eine traditionelle Holzperlenkette umgelegt. Er trägt bunten Federschmuck auf dem Kopf. Er und auch die beiden Frauen aus seiner Community haben ihre Gesichter bemalt.

Noch leben 1200 Kichwa mitten im Amazonasregenwald 

Die Kichwa in Sarayaku leben seit Tausenden von Jahren im Amazonasregenwald, immer im Einklang mit der Natur, sie haben nie mehr verbraucht als nachwachsen kann. Noch heute leben 1200 Kichwa mitten im Wald.

Doch ihre Welt ist durch die westliche Lebensweise bedroht. Diese dringt auf der Suche nach immer neuen und billigeren Roh- und Antriebsstoffen für eine Wirtschaft, die immer weiter wachsen will, in die intakte Natur ein. Sie verändert und zerstört sie.

„Das erste was wir hörten, waren die Hubschrauber“, erzählt Ena Santi. „Wir hatten nie von dem Vertrag erfahren, den die ecuadorianische Regierung mit der argentinischen Ölfirma CGC abgeschlossen hatte. Niemand hat uns informiert und erst recht nicht: gefragt. Sie kamen mit Sicherheitsleuten, Soldaten und Arbeitern. Mit Gewehren und schwerem Gerät.“

Jetzt zeigt das Video auf der großen Leinwand schwer bewaffnete Soldaten und Sicherheitsleute, die den Kichwa gegenüberstehen. Die Indigenen sind hilflos und wütend. Sie versuchen, zu diskutieren, tragen eloquent ihre Argumente vor. „Das hier ist unser Land! Das Recht ist auf unserer Seite. Gehen sie wieder nach Haus!“ Die Soldaten lassen sich nicht beirren. Sie verbieten, die Aktion zu filmen.

Die Kichwa sind mutig 

Die Kichwa sind mutig. Immer wieder werden in Lateinamerika Menschen, die für ihr Recht auf das Land ihrer Vorfahren kämpfen, ermordet. Sie kämpfen aber nicht nur für sich selbst: Der Schutz der Regenwälder ist essentiell im Kampf gegen den Klimawandel, der alle Menschen bedroht.

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Für den Kampf um den Regenwald eine wichtige Waffe: Moderne Kommunikationsmittel Foto: Heike Janssen

Weltweit gibt es viele ähnliche Situationen: Indigene Menschen und lokale Gemeinschaften besitzen weltweit 50 Prozent der Landmasse. Aber sie kontrollieren nur 10 Prozent des Landes, auf das sie Ansprüche erheben. Oft wird dieses Land durch Tradition weitergegeben, es gibt keine Besitzurkunden. Manchmal gibt auch ein korrupter Anführer die Rechte gegen Geld ab. Ein Großteil indigenen Landes wird inzwischen von Regierungen oder Firmen beansprucht.

Auch Kommunikationstechniken sind Waffen 

Die Kichwa nutzen die Waffen der modernen Welt: Viele studieren, einer von ihnen erlernte Kommunikationstechniken, um den Kampf journalistisch zu dokumentieren. Und sie zogen vor Gericht.

„Die Regierung hatte uns nie gefragt, nicht einmal informiert, „ sagt Miriam Cisneros. „Wir versuchten, mit der nationelan und lokalen Regierung zu sprechen, mit den nationalen Gerichten, aber niemand wollte mit uns reden. Das ist gegen das Gesetz. Die Regierung hat unser Recht auf freie, vorherige und gut informierte Zustimmung verletzt.“

2003 klagten sie vor dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof in Costa Rica.

Neun Jahre dauerte der Prozess, dann bekamen die Kichwa recht. Die ecuadorianische Regierung muss jetzt garantieren, dass die Rechte der indigenen Bevölkerung auf vorherige Konsultationen gesichert ist. Die Ölfirma gab auf.

Doch das Land der Kichwa ist nicht sicher. Zwar muss die Regierung sie jetzt fragen, aber sie weigerte sich zu versprechen, dass derartige Invasionen von Firmen nicht wieder geschehen. Oft ist Korruption im Spiel, wenn Firmen Konzessionen zur Ausbeutung der Ressourcen erhalten, sagen Beobachter.

Und immer noch liegen fast 1400 Tonnen Sprengstoff auf Gebiet der Kichwa. Die Ölfirma wollte ihn zur Erkundung der Quellen nutzen.

Die Kichwa gehören zu den wenigen, die sich erfolgreich wehren konnten – bisher.

Denn um ihre Region herum werden immer noch Rohstoffe ausgebeutet und die Umweltzerstörung macht nicht an Grenzen halt.

Die Kichwa haben einen Ring  aus blühenden Bäumen und Pflanzen um ihr Gebiet angelegt, den man aus der Luft gut erkennen kann. Der wird sie nicht schützen.

Natürlich ist die moderne Welt auch in das Leben der Kichwa eingedrungen: Sie studieren, nutzen Smartphones, viele kleiden sich westlich. Aber sie haben nie den Kontakt zu der Natur verloren.

Auf der Konferenz legen sie ihre traditionelle Tracht an. Auch damit nutzen sie psychologische Mechanismen der westlichen Welt, in der sich viele Menschen angezogen fühlen von alten, ganzheitlichen Traditionen.

Patricia Gualinga hat einen  Vorschlag an die Besucher der Klimakonferenz:

Die lebenden Wälder – Kawsak Sacha.

„Helft uns. Hört die wahre Stimme der Erde. Verstehen Sie, was der Wald bedeutet.

Unsere Heimat ist ein lebender Organismus, in dem die Bäume, die Blumen, die Flüsse, die Lagunen, die Tiere und die Menschen unauflösbar miteinander verbunden sind. Alle Elemente des Regenwaldes haben für uns Seelen und Hüter: Schutzgeister, mit denen unsere Ältesten kommunizieren können. Sie zeigen uns den Weg des Sumak Kawsai, der den Wald erhält und die Basis für das Überleben der Menschen in der Zukunft ist.“

Die Kichwa wollen, dass alle Menschen die Natur nicht länger als auszubeutende Ressourcenquelle sehen. Sie wünschen sich eine Sichtweise, die uns mit den vielen sichtbaren und unsichtbaren Lebensformen verbindet, die aus Jahrtausende altem Wissen entstand.

Ena Santi und die anderen kämpfen darum. „Wir bieten Ihnen an, unsere Sichtweise zu lernen. Für Sie ist der Wald nur etwas Grünes, für uns ein lebendiges Netz des Lebens. Ich bin nach Frankreich gekommen, damit meine Stimme gehört wird. Unsere Stimmen müssen gehört werden. Sonst können wir den Wald nicht verteidigen. Wir werden bis zum Letzten kämpfen.“

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