Karin Chladek
Bild: Karin Chladek
11. Februar 2016  /// Kultur Reihe Berlinale

Berlinale 2016 – ein nachhaltiges Festival?

Heute, am 11.02.2016, startet die 66. Berlinale in, erraten, Berlin. Das Festival ist sowohl ein großes internationales Branchenfestival (eines der drei großen Filmfestivals in Europa, neben Cannes und den Filmfestspielen von Venedig) als auch ein beliebtes Publikumsfestival, das die deutsche Hauptstadtjedes Jahr zehn Tage Jahre im Februar in Atem hält. Auch 2016 präsentiert die Berlinale, die ein Jahresbudget von 23 Millionen Euro hat, knapp 400 Filme aller Genres, Längen und Formate. Das Festival gliedert sich in neun Sektionen sowie eine variierende Anzahl an Sonderveranstaltungen und umfasst dieses Jahr 32 verschiedene Spielstätten, vom hochmodernen Berlinale Palast am Potsdamer Platz bis zu kleinen Kiez-Kinos.

Die Berlinale ist ein eigenes Universum und natürlich auch ein großer Hype. Was hat das mit nachhaltiger Entwicklung zu tun?

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Gesellschaftskritisches Festival

Im Unterschied zu den Filmfestspielen von Cannes und Venedig gilt die Berlinale als politisch engagiertes, gesellschaftskritisches Festival, was sich sowohl bei der Auswahl der Filme als auch in den Äußerungen der Berlinale-Protagonisten zeigt, allen voran der Berlinale-Jury und dem langjährigen Leiter Dieter Kosslick. Langjähriges Dranbleiben an Themen ist wichtig, gerade auch für die nachhaltige Wirkung. „Nachhaltig“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch ja oft mit „langfristig“ gleichgesetzt. Tatsächlich ist Langfristigkeit zwar nicht alles, was nachhaltige Entwicklung ausmacht, aber sie gehört doch unbedingt dazu.

Flüchtlingsthema im Zentrum

Zurück zur Berlinale: Bereits im Vorfeld der Berlinale-Eröffnung ist klar, dass sich die Berlinale-Leitung explizit zur aktuellen Causa prima, der „Flüchtlingskrise“, äußern wird. Immer wieder hat die Berlinale schon in den vergangenen Jahren sowohl auf das Schicksal von politischen Flüchtlingen als auch so genannten „Wirtschaftsflüchtlingen“ aufmerksam gemacht. Jetzt, da sehr viele Flüchtende sowohl aus politischen – bzw. kriegsbedingten – als auch wirtschaftlichen Notlagen nach Mitteleuropa und gerade nach Deutschland kommen, positioniert sich auch die Berlinale stärker – auf Seiten der Flüchtenden.

© Berlinale
Dieter Kosslick ist seit 2001 Festivalleiter der Berlinale. (Foto: Marc Ohrem Leclef © Berlinale)

Festivalleiter Dieter Kosslick schreibt aktuell auf der Website der Berlinale: „Der für mich intensivste Moment, in dem die Utopie mit der Realität und das Kino mit der Wirklichkeit zusammen kamen, war der letzte Tag der Berlinale 2003. Jury-Präsident Atom Egoyan – ein Armenier – verkündete um 14:00 Uhr den Goldenen Bären für Michael Winterbottoms Flüchtlingsdrama „In This World“; gleichzeitig demonstrierten rund um den Potsdamer Platz über 400.000 Menschen gegen die Invasion im Irak. Da waren die Berlinale und das Kino buchstäblich „in this world“.“

Im Film „In this World“ geht es übrigens um so genannte „Wirtschaftsflüchtlinge“, deren schwierige Situation und Reise überzeugend dargestellt werden.

Bärengewinner als Asylwerber

Die Frage bleibt: Was kann ein Filmfestival anderes tun als zum Nachdenken anregen, „schöne Reden schwingen“, um es bösartig zu formulieren? Wie sieht es mit dem eigenen Engagement aus? 2013 gab es die umstrittene Jury-Entscheidung, dem Hauptdarsteller eines Doku-Dramas, einem Laiendarsteller, der zum ersten Mal vor der Kamera stand und sein eigenes Leben spielte, den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller zuzusprechen. Noch pikanter wird diese Entscheidung, wenn man weiß, dass dieser Laiendarsteller Nazif Mujic war, ein Rom aus Bosnien, der in „An Episode in the Life of an Iron Picker“ seine eigene Geschichte nachzeichnet. Man kann darüber streiten, ob es eine gute Entscheidung der Jury war, diesen Mann auszuzeichnen und damit viel an medialer und öffentlicher Aufmerksamkeit auf das harte Leben von Nazif Mujic und die Diskriminierung von Roma in den Ländern des Balkans zu lenken.

© Berlinale
Nazif Mujic gewann 2013 den Silbernen Bären als Bester Darsteller (Foto: Richard Hübner © Berlinale)

Fakt ist: Nazif Mujic kam natürlich mit dem großen Unterschied zwischen der Episode im Rampenlicht und dem prekären Umständen in Bosnien nicht zurecht und versuchte ein Jahr später, auszuwandern. Er beantragte in Berlin Asyl. Dazu Dieter Kosslick: „Nazif Mujic, der Roma aus Bosnien, der in „An Episode in the Life of an Iron Picker“ seine eigene Geschichte gespielt und dafür 2013 den Silbernen Bären für den Besten Darsteller gewann, kam im folgenden Winter mit seiner Familie wieder nach Berlin und beantragte Asyl. In solchen Momenten haben wir als Mitarbeiter der Berlinale eine besondere Verantwortung. Wir haben dann privat eine großartige Anwältin für ihn engagiert, wir taten, was wir konnten. Aber wir können die Gesetze nicht ändern, Bosnien gilt als sicheres Herkunftsland, die Familie musste zurückkehren.“

Also kein Happy-End.

Nichtsdestotrotz zieht Dieter Kosslick den Schluss: „Selbstverständlich wird sich die Berlinale 2016 auch dem Flüchtlingsthema widmen. Es ist quasi Bestandteil der Berlinale-DNA, Filmemachern und Künstlern für ihre Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen eine Plattform zu bieten. Im Moment erkunden wir, welche Möglichkeiten es gibt, und wir nehmen Kontakte zu Flüchtlingsorganisationen auf. Außerdem denken wir über sinnvolle, integrative Formen nach. Einfach nur Eintrittskarten für Flüchtlinge, das kann es nicht sein. Welche Gesprächsforen sind möglich, wie können wir einen Zusammenhang schaffen, in dem sich die Flüchtlinge wiederfinden?“

„Ein Beispiel, das mir gerade zu Ohren gekommen ist: Im brandenburgischen Dorf Golzow ist wegen der Flüchtlingskinder nicht nur die von Schließung bedrohte Schule gerettet, die das Berlinale-Publikum aus der Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ von Barbara und Winfried Junge kennt. Sie haben den Ankommenden dort auch alte, von DDR-Dokumentaristen gedrehte Super-8-Filme aus Syrien und dem Irak gezeigt. Die Flüchtlinge sahen ihre noch unzerstörte Heimat – ein für alle wohl hoch emotionales Erlebnis.“

Auf dem Weg zum „Green Event“?

Angesichts solch mächtiger Themen: Bleibt überhaupt Raum nach Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit? Wieviel Energie verbraucht die Berlinale? Wird Ökostrom eingesetzt? Gibt es ein Verkehrskonzept? Ist die Verpflegung der vielen Gäste ökologisch und regional?

Dazu muss man wissen, dass sich die Berlinale zwar am Potsdamer Platz konzentriert, aber einige Spielstätten auch anderswo in Berlin beheimatet sind. Bei der Einbeziehung auch unabhängiger Kinos ist es schwierig, überall für den gleichen hohen und gleichzeitig ökologisch verträglichen Standard zu sorgen. Ein Statement der Berlinale: „Alle Berlinale Büro-Standorte (werden) mit Ökostrom betrieben. Des Weiteren verfügen wir auch über Ökostrom am gesamten Marlene-Dietrich-Platz, wo sich der Rote Teppich vor dem Berlinale Palast befindet (und die zugehörige Licht- und Übertragungstechnik) als auch die Audi Berlinale Lounge. Zudem werden LED-Lampen sowohl am Standort Berlinale Palast als auch für den Einsatz von Effektlicht verwendet. LED und Leuchtstoff-Lampen werden ebenso für weitere rote Teppiche bei anderen Standorten eingesetzt.“

Kulinarisches Kino

Schon seit Jahren setzt sich die Berlinale in einer Kooperation mit Slow Food für eine bessere Landwirtschaft und Ernährung ein. Das geht auf eine persönliche Initiative des Festivalleiters Dieter Kosslick zurück. In der Programm-Sektion „Kulinarisches Kino“, die 2016 schon zum 10. Mal einen Teil der Berlinale ausmacht,  werden aktuelle Langfilme – sowohl Spielfilme als auch Dokus – über die Beziehungen zwischen Essen, Kultur und Politik gezeigt. Auch Persönliches kann thematisiert werden: Warum empfinden manche Menschen unbändige Lust am Fleisch-Essen?

Zu manchen Filmen servieren Spitzenköche passende Menüs. Die entsprechenden Vorstellungen sind dann meist nicht gerade billig. Ach so, ein Fressfest für die chosen few, könnte man meinen. Aber die meisten Filme werden auch wiederholt und sind dann nicht mit einem Menü verknüpft.

© Berlinale
(Foto: Jan Windzus © Berlinale)

Zudem werden im Rahmen des „Kulinarischen Kinos“ auch für TeilnehmerInnen kostenlose Teegespräche („TeaTime“) zu kritischen Themen organisiert, und auch für originelle Verköstigung am Potsdamer Platz – ansonsten eine kulinarische Wüste – gesorgt: Zusammen mit der Markthalle Neun (einer Kreuzberger Institution) und Slow Food Berlin organisiert die Berlinale den Street Food Markt mit verschiedenen Food Trucks, wie „Heißer Hobel“ mit Allgäuer Kässpätzle, „Big Stuff Smoked BBQ“ mit saftigem Pulled Pork oder „Café 9“ mit Sironis italienischen Backwaren. Der sardische Sternekoch Roberto Petza wird zusammen mit der Berliner Flüchtlingsinitiative „Über den Tellerrand kochen“ in einem Truck Essen aus dem Mittelmeerraum anbieten. Der Anspruch ist es, für die Berlinale-BesucherInnen, die oft tagelang vom Potsdamer Platz kaum wegkommen, ein kostengünstiges, abwechslungsreiches Verköstigungsangebot zu schaffen. Vorschriften an die Zutaten der internationalen Gerichte (aus der Region, aus ökologischem Anbau etc.) sind nicht öffentlich. Der Berlinale Street Food Markt ist während der gesamten Berlinale geöffnet.

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