Aimee Mullins – Porträt einer Powerfrau

Die Amerikanerin Aimee Mullins ist Sportlerin, Model, Schauspielerin und gefragte Rednerin. Das besondere daran: seit frühester Kindheit lebt Mullins mit künstlichen Beinprothesen.

Natürlich hat Aimee Mullins Beine. Gleich mehrere Paare. Die US-Amerikanerin ist der lebende Beweis gegen die Stimmigkeit gleich mehrerer Klischees: Dass Menschen mit Behinderungen nicht erfolgreich sein können, dass sie nicht attraktiv sein können, dass sie nicht öffentlich auftreten können, dass speziell Frauen mit Behinderungen keinen „normalen“, noch dazu attraktiven Partner finden können. Noch dazu: Aimee ist keineswegs das Kind reicher Eltern. Ihre Eltern hatten einen Arbeiter-Hintergrund und kamen als Einwanderer aus Irland in die USA. Aimee ist also eine richtige Selfmade-Powerfrau, die mit ihrer Intelligenz und Unerschrockenheit zahlreiche Hürden nahm.

„Warum ist unser Verständnis von Schönheit so beschränkt? Warum halten wir an Klischees fest, wenn doch die größte Schönheit in der Fantasie liegt? Warum beschränken sich so viele Menschen selbst und wollen bloß „normal“ sein? „Normal“ ist doch total uninteressant.“ Gute Fragen. Aimee Mullins leistete sich immer den Luxus, zu träumen. Das war entscheidend für ihr Leben. Aimee betrachtete sich selbst nie als behindert und ruft andere Menschen dazu auf, ihrem Beispiel zu folgen: „Menschen, die früher als behindert betrachtet wurden, können zu Architekten ihrer eigenen Identität werden.“

Sie fand sich auch nie damit ab, unzureichende Prothesen zu haben. Design und Funktionalität waren ihr immer wichtig. Bei einem Besuch des berühmten Madame Tussaud´s Mitte der 1990er Jahre in London stellte sie entsetzt fest, dass damals kein einziger Künstler im Prothesenbereich arbeitete. Aimee änderte das, indem sie forderte und inspirierte.

Aimee Mullins ist eine preisgekrönte Sportlerin, Model, Filmschauspielerin und Rednerin. Die doppelte Staatsbürgerin der USA und Irlands hat zahlreiche Vorträge gehalten (unter anderem vor den Vereinten Nationen und im Weißen Haus), bei Projekten des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) mitgearbeitet und war Praktikantin im Pentagon, in der Analyse-Abteilung. Klingt fantastisch? Es wird noch um einiges fantastischer, wenn man weiß, dass Mullins ohne Wadenbeine geboren wurde. Wegen dieser Fehlbildung konnten ihre Beine das Körpergewicht nicht tragen, sodass ihr bereits im Säuglingsalter beide Unterschenkel unterhalb der Knie amputiert wurden. Deswegen war sie seit dem Kindesalter auf Prothesen angewiesen. Aimee konnte aber mit ihren Prothesen so gut umgehen, dass sie während ihres Studiums der Geschichte und Diplomatie an der Georgetown University in Washington D.C. – die renommierte Universität konnte Aimee durch ein Begabten-Stipendium besuchen – sogar mit nicht-behinderten Athleten um die Wette lief. Aimee war es schon als Kind in Pennsylvania gewohnt, sich mit körperlich nicht beeinträchtigten MitschülerInnen zu messen, und oft zu gewinnen, Als erste Sportlerin lief sie mit den sogenannten „Geparden-Prothesen“. Sie war es, die dieses Design berühmt machte. Heutzutage laufen 90 Prozent aller Parathleten mit dieser Art von Prothesen, aber Mitte der 1990-er Jahre waren sie noch ganz neu.

Als der legendäre Lauf-Coach Frank Gagliano anfing, Aimee zu trainieren, war ihm bald klar, dass sie junge Frau talentiert, vor allem aber entschlossen war. Sie ließ nicht locker und war bereit, für ihr großes Ziel, ein Champion zu werden, hart zu arbeiten. Sie war auch bereit, Schmerzen zu tolerieren. Das gehörte für sie dazu. Willensstärke war ihr wichtiger.

Rekordsportlerin

Bei den Sommer-Paralympics 1996 in Atlanta kamen ihre ersten großen Stunden. Die damals 20-jährige Mullins gewann zwei Sprint-Weltrekorde, im 100-Meter-Lauf sowie im 200-Meter-Lauf; daneben trat sie auch beim Weitsprungwettbewerb an. 2012 nahm sie zwar nicht als aktive Sportlerin an den Olympischen Spielen in London teil, führte aber trotzdem das us-amerikanische olympische und paraolympische Team als „Chef de Mission“ an.

 „Gratwanderung zwischen Schock und Schick“

Seit Ende der 1990er Jahre arbeitete Mullins auch als Model, zunächst für den 2010 verstorbenen britischen Designer Alexander McQueen. Als sie für das französische Modehaus Givenchy in aufsehenerregenden geschnitzten „Holzstiefeln“ über den Laufsteg ging, sorgte sie für Raunen in der Modewelt. Die Süddeutsche Zeitung schrieb von einer „Gratwanderung zwischen Schock und Schick“. Heutzutage, wo relativ viele junge Frauen und Männer mit Behinderungen als Models arbeiten, wäre die Reaktion wohl nicht mehr so stark, aber Aimee Mullins war eine Pionierin. Das hatte für sie auch unangenehme Konsequenzen: Sie musste sich vor aufdringlichen Paparazzi regelrecht verstecken.

Aimee Mullins selbst sagt über ihre Erfahrungen in der Modewelt: „Die meisten Models haben mehr Prothesen als ich, mit all der Schminke und den technischen Tricks. Aber niemand nennt sie deswegen behindert.“

Die Schauspielerin

Aimee Mullins erwies sich auch als begabte Schauspielerin. Seit 2002 spielte sie in zahlreichen Serien und Filmen (darunter „Cremaster“ und „World Trade Center“) mit, arbeite mit so bekannten Regisseuren wie Oliver Stone zusammen. Zu ihren bekanntesten SchauspielerkollegInnen gehörten etwa John Malkovich, Michael Shannon, Martha Plimpton oder Vera Farmiga.

Ihre Filmkontakte bescherten Mullins auch ihr privates Glück: Seit 2013 ist sie mit dem britischen Schauspieler Rupert Friend liiert, bekannt vor allem aus der Serie „Homeland“.

Zwölf Paar Füße

Als Rednerin feiert sie wohl ihre größten Erfolge: Sie spricht bevorzugt über die Themen Identität, Design, Körper und Innovation. Besonders gern und oft trat sie bei den inzwischen weltweit bekannten TED-Konferenzen auf (TED steht für Technology, Entertainment & Design, das Konzept entstand an der amerikanischen Westküste) und gilt als eine der dort beliebtesten Gäste. Ihre TED-Reden wurden in 41 Sprachen übersetzt. Sie inspiriert Menschen bis heute. Wie viele erfolgreiche RednerInnen scheut sich Mullins nicht, auf ihre persönlichen Erfahrungen zurückzugreifen. Zu ihren beliebtesten Themen gehören ihre „Zwölf Paar Füße“, wie sie ihre Prothesen liebevoll nennt. In dieser Rede, die man unter https://www.ted.com/ findet und ansehen kann, spricht sie von der Unbefangenheit von Kindern, die im Gegensatz zu Erwachsenen ihre Neugier nicht zügeln, sondern dieser – gibt man ihnen die Gelegenheit, wie es Aimee bei einem Schulbesuch tat – gern freien Lauf lassen. Aimee bat sie, an die idealen Beine zu denken, mit denen man sogar über ein Haus springen könnte. Sie war begeistert von den kreativen Vorschlägen, die von den Kindern kamen.

Wenn Aimee ausgeht, trägt sie oft ihre „süßen Füße“ aus Silikon, die sehr lebensecht aussehen und sogar mit Muttermalen ausgestattet sind.

Zu ihren favorisierten  Themen gehört auch „The opportunity of adversity“ – sie spricht dabei über die Chance, die Hindernisse wie eine Behinderung einem bieten, in menschlicher Hinsicht zu wachsen. Aimee Mullins ist selbst das beste Beispiel dafür, dass dieser Ansatz funktionieren kann.

Aimee Mullins ist mit Prothesen aufgewachsen. Sie kannte das Gefühl nicht, natürliche Beine zu haben, ihre Prothesen haben ihr von frühester Kindheit an viel ermöglicht. So hat sie einen sehr positiven Zugang zu technischen Hilfsmitteln entwickeln können. Für sie haben diese viel mit Ästhetik, Fantasie, aber auch mit überlegener Funktion zu tun. So engagierte sie sich sehr in der Prothesenentwicklung, indem sie forderte und inspirierte. Sie brachte den berühmten Künstler Matthew Barney dazu, mit ihr zusammen neue Prothesen zu entwickeln. Man könnte sagen, Mullins hat eine positive Einstellung zum Konzept des Cyborg – des Menschen, der mit technischen Hilfsmitteln zum Übermenschen wird. Dieser Optimismus ist natürlich eine sehr amerikanische Einstellung. Allerdings ist  Aimee Mullins stets gut damit gefahren. Ihr Leben hat sich schwungvoll entwickelt.

„Seid unrealistisch!“

Aimee Mullins erzählte in einem Gespräch einmal über ihre frühe Gewohnheit, zu träumen. Offenbar hat diese Fähigkeit großen Anteil an ihren Erfolgen: „Wenn man meine Noten von früher betrachtet, so waren diese fast in allen Fächern immer sehr gut, außer wenn mein Betragen und meine Aufmerksamkeit von außen beurteilt wurden. Dann hieß es oft, Aimee ist geistig ständig abwesend und unfokussiert. Ich hatte immer wilde Träume, die mich an andere Orte transportierten. Erst als Teenager merkte ich, dass diese Träume von außen als unrealistisch betrachtet wurden. Aber für mich war es ganz wichtig, unrealistisch zu sein und träumen zu können. “ Auch Einstein betrachtete seine Vorstellungskraft als sein wichtigstes Werkzeug, seine größte Stärke.

„Setzt euch große Ziele! Seid unrealistisch!“ Das ist Aimees wichtigste Botschaft als Rednerin. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass dieses Credo Früchte tragen kann.

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