© Valentina Bosio-Raynard
Bild: © Valentina Bosio-Raynard
30. August 2015  /// Kultur Spirtualität Umwelt

Alles fühlt Alles (2)

Wir leben aber nicht nur in einer Welt, in der alle alles fühlen. Gibt es nicht auch Teilwelten, in denen Dinge geschehen, weil wir nicht mit-fühlend sind?   

Ja. Das ist die Banalität des Bösen. Wir können uns gegen das Mitfühlen wappnen. Das ist das faszinierende an uns Menschen, dass wir uns einreden können, dass etwas anders ist, als wir es eigentlich wahrnehmen. Und dann kann man sich entsprechend verhalten. Das tun wir alle, mehr oder weniger. Wir sehen viele Dinge, vor denen wir die Augen verschließen. Manche mehr, manche weniger. Und manche sagen sogar, sie sind immun. Das sind die Söldner des Betriebes. Das kann man machen. Aber es funktioniert nicht 100 %ig. Es hinterlässt Spuren. Die Übergänge in diesem Bereich sind fließend.

Kennen Sie das Brecht Gedicht „Ein Pferd klagt an“? Dort ist es ein Pferd, das Mitgefühl mit den gefühllosen Menschen entwickelt. Müssen wir uns nicht gegen das Mitfühlen abgrenzen, wenn es zu viel Leid gibt? Müssen wir es dann nicht abspalten, weil wir sonst nicht leben können? Aber ist es nicht auch so, dass gerade diese abgespaltenen Anteile dennoch sehr mächtig sind?  

Ich stimme zu: Wir müssen erkennen, dass wir in einer falschen Wirklichkeit leben. Zu dieser gehört, dass strukturelle Gewalt erlaubt ist. Damit meine ich nicht, dass wir als Lebewesen so verfasst sind, dass wir uns von anderen Lebewesen ernähren müssen. Das ist eine Realität, mit der wir auch leben müssen. Aber zu akzeptieren, dass wir uns von Lebewesen ernähren müssen, ist eine Sache. Eine andere, und eben gewalttätige, ist die Art von Schlachthöfen, die es heute gibt.

Wir haben uns ein Weltbild gemacht, das davon ausgeht, dass die Welt ein System aus lauter funktionalen, toten Einzelteilen ist und dass diese Maschine immer effizienter und produktiver funktionieren kann und muss. Dafür ist uns jedes Mittel recht. Und das wirkt sich auf die Gesellschaft und auf die Erziehung aus und spiegelbildlich auf unseren Umgang mit Leben. Ich halte dies für einen gravierenden Irrtum über die Wirklichkeit. Aber man kann sich über die Wirklichkeit irren. Das ist möglich. Vor allem, wenn alle anderen sich mit irren. Und wenn wir in diesem Irrtum leben, dann gibt es manche Dinge nicht mehr, z.B. bestimmte Formen der Selbstverständlichkeit, der Leichtigkeit und des heiteren Selbstvertrauens, wie sie manch anderen Kulturen oder Kindern noch zu Eigen sind. Das ist dann verloren. Wir haben es hier mit einer Zombie-Gesellschaft emotional schwer gestörter Individuen zu tun, die versuchen, diese Störung irgendwie zu kompensieren, in dem sie z.B. immer neue Dinge kaufen. Bis die Unterschiede zwischen denen, die sich ständig neue Dinge leisten können, und den anderen, die sie sich nicht leisten können, so groß sind, dass die einen die anderen totschlagen. Ich denke, man muss an dem Konzept von Wirklichkeit ansetzen, das wir seit 2000 Jahren haben. Denn es ist ein Konzept, das sich in einem profunden Irrtum über den Charakter dieser Wirklichkeit befindet. Und weil wir die Welt so behandeln, wie wir irrtümlicherweise glauben, dass sie sei, machen wir die Welt kaputt. Das ist immer so: Wenn man nicht weiß, wie etwas funktioniert, dann läuft man Gefahr, es unwissentlich zu zerstören. Daran kann man verzweifeln, muss es aber nicht. Denn es gibt auf der anderen Seite auch sehr viel, das aus sich selbst heraus schöpferisch und produktiv ist. Und es ist uns ja auch einiges gelungen. Gewalt zum Beispiel ist sanktioniert. Aber wir haben uns zu sehr auf den engen Bereich der persönlichen Entfaltung konzentriert. Doch darum alleine kann es nicht gehen.

Ist nicht das Gebot „Du darfst nicht fühlen“ heute sehr dominant? Ist Nichtfühlen nicht die neue Normalität? Was lernen wir daraus für unser Leben? Wie sollen wir leben?

Lassen Sie mich das anders formulieren. Der Begriff „sollen“ ist nicht gewaltfrei. Und wenn wir ihn durch „möchten“ ersetzen, dann ist es auch nicht gewaltfrei, weil es einfach nur eine Reaktion auf das Sollen ist und oft in so einer Art hedonistischem Überschießen mündet. Dann landet man bei weißen Ledergarnituren mit lauter neuen Apple-Erzeugnissen Drumherum.

Aber es gibt etwas anderes Wichtiges in uns allen. Ein Gefühl dafür, ob wir uns in einem produktiven, schöpferischen Geben und Nehmen mit der Welt befinden oder nicht. Die Erfahrung von Lebendigkeit. Leider kann man hier jedoch nicht einfach sagen: Du hast diese Großzügigkeit für das Leben, du spürst, ob etwas lebensfördernd oder zerstörerisch ist, drum schalt diesen Radar einfach ein, der Rest kommt von selbst. So einfach ist das leider nicht. Wir haben eine innere Stimme, die uns sagt, ob wir so handeln, dass Lebendigkeit sei, aber diese innere Stimme lässt sich leicht übertönen. Oder einschüchtern. Wir müssen sie darum schützen und pflegen, wie Eltern. Denn wenn man gelernt hat, dass Gewalt legitim ist, und vor allem die Gewalt gegen sich selbst, dann verliert man diese Fähigkeit, die Verbindung zum Lebendigen, und muss sie erst wieder entwickeln. Womit wir wieder am Ausgangspunkt sind. Ich weiß, dass andere Lebewesen uns bei dieser Suche helfen können. Lebewesen, die uns nicht beurteilen, nicht  verurteilen und in denen sich die ganze Emotionalität alles Lebendigen spiegelt. Sie helfen uns dabei. Wir sind in der Lage, Lebendigkeit zuzulassen oder sein zu lassen. Das ist nicht trivial. Aber wir haben dafür einen Sinn, eine feine innere Stimme, die uns führen kann, der man aber zuwiderhandeln kann, weil sie so fein ist. Sie macht eine Art von Einklang, Gleichgewicht und Austausch möglich. Nur erlauben wir uns das oft nicht. Denn wenn wir Lebendigkeit wagen, müssen wir manchmal große Wagnisse auf uns nehmen. Wenn wir z.B. in einem Job feststellen, dass die Arbeit uns in eine Mumie verwandelt oder in einen Zombie, dann ist die einzige lebendige Konsequenz eben, dass wir uns mit Vorgesetzten streiten, ein bisschen mehr Courage zeigen und am Ende sogar vielleicht kündigen, um das zu ändern, was uns tötet. Und das ist nicht trivial. Es gibt kein einfaches Rezept. Wenn man so lebt, dass man Lebendigkeit steigert, bei sich selbst und anderen, dann kann man wenig falsch machen. Mehr Lebendigkeit ist immer besser als weniger. Man kann so an Landschaften herangehen, indem man hinschaut, wie lebendig ist die Landschaft? Oder wie lebendig ist das Familien-Mittagessen? Natürlich könnte man auch viele Kriterien aufschreiben, aber ich bin der Überzeugung, man hat dafür auch ein Gefühl.

Vielleicht kennen Sie das Buch „Elizabeth Costello“ von J.M. Coetzee. Costello ist eine fiktive Figur, und in dem Roman argumentiert sie in einem Kapitel, dass die Massenschlachtungen aufhören sollen. Die Philosophen, mit denen sie diskutiert, sehen das anders und sagen: „Du weißt doch gar nicht, wie sich ein Tier fühlt“.  Sie antwortet: „Ich weiß ganz genau, wie sich eine Fledermaus fühlt. Denn ich sehe wie sie ist, wenn sie frei ist und sich in ihrem VOLLEN SEIN befindet. Ich weiß es, weil auch ich einen Körper habe.“ Das hat aber nichts mit Hedonismus zu tun, mit Selbstverwirklichung oder damit, sich „authentisch zu fühlen“. Es ist eine Dimension, für die man unter Umständen sogar sterben muss, wenn man sie ernst nimmt. Aber es gibt sie.

http://www.autor-andreas-weber.de/

 

 

Berthold Brecht: EIN PFERD KLAGT AN

(Auszüge)

Ich zog meine Fuhre trotz meiner Schwäche. Ich kam bis zur Frankfurter Allee.

Dort denke ich noch: O je! Diese Schwäche! ..

Da stürzten aus den Häusern schon hungrige Menschen

.. und rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen….

Aber die kannt‘ ich doch von früher, die Leute!..

Einst mir so freundlich und mir so feindlich heute!

Plötzlich waren sie wie ausgewechselt! …

Da fragte ich mich:

Was für eine Kälte muss über die Leute gekommen sein!

Wer schlägt da so auf sie ein, dass sie jetzt so durch und durch erkaltet?

So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!

Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!

++++++

Lebendigkeit von Andreas WeberAlles fühlt

Dr. phil. Andreas Weber, geb. 1967, Buchautor, Journalist und Politikberater, studierte Biologie und Philosophie. Für seinen Artikel »Lasst uns raus« in der Zeitschrift GEO gewann der Naturphilosoph den Deutschen Reporterpreis 2010. Sein Buch »Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur« erzielte anhaltende Resonanz. Andreas Weber lebt mit seinen zwei Kindern Max und Emma in Berlin und in Varese, Ligurien.
Foto: Random House © Valentina Bosio-Raynard

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