Walter Mathes
Bild: Walter Mathes
23. Oktober 2015  /// Bewegung Gesellschaft Textil

Annas Blog /// zurück aus Bangladesch

Ein Blog braucht Zeit. Das habe ich in den letzten zwei Monaten gelernt. Recherche über ein Thema braucht auch Zeit, und das Schreiben erst Recht. Als ich Mitte August nach Bangladesch flog, dachte ich, ich würde alle drei Dinge in den sechs Wochen vor Ort gleichzeitig machen können. Das hat nicht ganz funktioniert.

In den ersten Wochen waren die Recherchen noch nicht allzu intensiv, und ich habe meinen Blog täglich gefüllt. Nachdem ich zum ersten Mal in einem der Textilviertel außerhalb der Stadt war, standen die Recherchen im Vordergrund. Das Notizbuch füllte sich. Der Blog nicht mehr.

Anna Holl
Bild: Anna Holl

Drei Tage bin ich in die Textilaußenviertel von Bangladesch gefahren, mit Sabuj, diesem Gewerkschafter mit dem genialen Humor. Wenn er lachte, lachte ich auch, so ansteckend war es. Er nannte sich Marxist, konnte wenig Gutes über Fabrikbesitzer und Konzerne sagen, rauchte gerne eine Zigarette und trank mit mir Tee an den kleinen Straßenständen. Sein Freund Hassan half mir beim Übersetzen und das gratis. Zu dritt waren wir den ganzen Tag in den Textilvierteln unterwegs. Es war herausfordernd: Lange Interviews mit Textilarbeitern machen, die richtigen Fragen stellen und die (übersetzten) Antworten notieren, immer wieder entscheiden, was wichtig ist und was nicht, wohin es als nächstes geht und dann auch noch die Geschichte mit der Kamera festhalten! Keine einfache Sache. Wir verbrachten intensive, lustige und unvergessliche Tage miteinander. Und jeder endete mit einem Abschlusstee oder einem Abschlussessen.

Sabuj und sein ansteckendes Lachen (Bild: Anna Holl)
Marxist Sabuj (li) und sein ansteckendes Lachen (Bild: Anna Holl)

Und danach? Danach kam ich verschwitzt und müde, mit tausend Gedanken im Kopf in meinem zu Hause in Bangladesch an. Nach einer langen Heimfahrt durch den dichten und verstopften Verkehr dieser Stadt. Vielleicht hätte ich mich danach noch hinsetzen sollen und schreiben? Aber ich konnte einfach nichts mehr machen. Nichts, als nach einem genialen Essen in Sarahs Zimmer eine Zigarette mit ihr zu rauchen und den Tag mit einem netten Gespräch abzuschließen. Nichts als mich mit Freunden, die ich in der kurzen Zeit kennen gelernt hatte, auf einen Tee zu treffen (oder auf ein kaltes Bier, das in Bangladesch eigentlich verboten ist.)

Und so ging die Zeit dahin. Ich konzentrierte mich auf ’s Planen und darauf, diese Pläne auszuführen. Zum Schreiben blieb wenig Zeit. Ich traf mich mit einem Filmemacher, der einen Film über die Textilindustrie rausbringen würde. Ich schaute mir im Umland Fabriken und traditionelle Methoden der Kleidungsherstellung an. Ich traf einen Fabrikbesitzer und redete mit ihm drei Stunden über sein Geschäft. Zwischendurch erlebte ich den Alltag in Bangladesch, lief und fuhr durch die Stadt und lernte einige wenige Worte Bangla. Ich feierte das muslimische Opferfest Eid mit meiner Familie aus Bangladesch. Ich besuchte die Produktion von Aranya, ein Modelabel aus Bangladesch, das Stoffe mit Naturfarben färbt und bedruckt. Ich traf mich mit Mitgliedern von drei Gewerkschaften. Ich stand zwei Mal um fünf in der Früh für einen Videodreh auf, der völlig in die Hose ging. Ich fuhr in zwei Textilviertel und sprach mit vielen Arbeitern. Und am Ende hatte ich drei Notizbücher voll mit Geschichten. Die liegen nun auf meinem Schreibtisch.

Seit ich zurück bin, blättere ich sie immer wieder durch und gehe die Geschichten durch, schreibe die Reportage in meinem Kopf und bringe die ersten Gedanken aufs Papier. Ich versuche die vielen Geschichten und Menschen zu einem großen Ganzen zu formen.

Hätte ich mir ein banaleres und weniger komplexes Thema ausgesucht, wäre das vielleicht einfacher. Aber die gesamte Industrie eines Landes, die mir ihr verbundene kapitalistische Welt-Ökonomie und die westlichen Textil-Konzerne in ein Bild zu bringen, ist naturgemäß schwierig.

Ich lese immer noch viel, ordne meine Informationen, Bilder und Geschichten. Und schön langsam formt sich in meinem Inneren das große Bild, meine Geschichte. Ich will und werde sie so gut wie möglich erzählen. Ich will euch zeigen, was ich gesehen habe. Es hat meinen Horizont erweitert, meine Gedanken verändert. Im besten Fall wird es euch genauso gehen.

Annas Blog vom 10.September 2015 aus Bangladesch

Annas Blog vom 18. August 2015 aus Bangladesch

 

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