Walter Mathes
Bild: Walter Mathes
10. September 2015  /// Bewegung Textil

Annas Blog /// aus Bangladesch

282 Fabriken /// Mo. 07.09.2015

Ich bin gerade an einer kleinen bis großen Recherche dran. Klein hat es begonnen, groß könnte es werden. H&M veröffentlicht auf seiner Homepage all seine Zulieferfabriken. Ich mache mir eine Liste von den Fabriken in Bangladesch, lösche die Doppelnennungen. Es dauert lange. Schlussendlich habe ich eine Zahl: 282 Fabriken produzieren in Bangladesch für H&M.

Diese Zahl ist der Beginn. Ich will mehr wissen.

„Watschn“ /// Mo. 07.09.2015

Und immer wieder denke ich an sie. Vor allem an sie. Diese junge Frau. Neunzehn Jahre alt. Arifa. Ich tippe in den Computer, was sie mir beim Interview erzählt hat.

Die Welt ist nicht fair, das wusste ich schon vorher. Aber es war wieder mal diese „Watschn“, die es mir gezeigt hat. Und wenn ich an Arifa denke, denke ich an die großen Unternehmen, die so viel Macht haben.

Arifa hat mir die Labels genannt, für die sie genäht hat. Sie hat mir sogar Etiketten der Kleidungsstücke gezeigt, die sie aus der Fabrik mitgenommen hat. Beim Recherchieren stellt sich heraus, dass es eine amerikanische Sport-Marke ist, die ihre Produkte nur online verkaufen. Ich weiß jetzt, wie solche Produkte hergestellt werden und das ändert ziemlich viel. Ich tippe jeden Satz ab, den mir Arifa und Jassmin erzählt haben. Ihre Geschichten sagen viel aus darüber, wie die Kleidung für den Westen produziert wird. Bald gibt es die Geschichten hier in voller Länge.

Österreich in Bangladesch /// So, 06.09.2015 

Ich kaufe mir auf der Straße eine Zeitung. Es ist Sonntag und schön langsam habe ich mich daran gewöhnt, dass der Sonntag hier im muslimischen Bangladesch wie unser Montag und das Wochenende freitags und samstags ist. Unser Faulenz-Sonntag wird zum Beginn der Woche.

12 Taka kostet die Zeitung, das sind 14 Cent. Ich kann es bis jetzt nicht glauben, 14 Cent für eine ganze Zeitung. Eine Mango kostet mich hier zehn Mal so viel.

Mit der Zeitung unterm Arm laufe ich die Straße entlang weiter. Während ich über den holprigen Gehsteig laufe, werfe ich einen Blick auf die Titelseite und lese „Austria.“ Ich bleibe stehen und lese mir die ganze Geschichte durch. Österreich auf der Titelseite in Bangladesch. Da steht:

Anna Holl
Bild: Anna Holl

Eine Frage /// Fr, 04.09.2015

Nach den Interviews zeigt mir Hera von der NGWF (National Garment Workers Federation) ihren Workshop. Eine große Gruppe von Textilarbeitern lernt dort drei Tage lang über ihre Rechte als Textilarbeiter, indem sie die Arbeitergesetze besprechen. Sie lernen, wie sie eine Gewerkschaft in ihrer Fabrik starten und Hera gibt ihnen Ratschläge, wie sie ihr Geld managen.

Anna Holl
Bild: Anna Holl
Anna Holl
Bild: Anna Holl

Ich höre zu. Ein Trainer übersetzt für mich. Hera stellt mich den Arbeitern vor und ich muss erklären, was ich hier in Bangladesch mache. Alle hören aufmerksam zu. Als ich fertig bin, will Hera, dass ich die Arbeiter mit ein paar Worten ermutige. Puh. Das fällt mir schwer. Alle warten, was ich sagen werde.

Ich habe heute zwei faszinierende Frauen kennen gelernt, die beide in ihrer Fabrik eine Gewerkschaftsbewegung gestartet haben. Ich sehe hier an diesem Ort so viel positive Kraft, die gegen ein bestehendes System kämpft. Als ich das zusammenfasse und den Arbeitern sagen will, dass sie auch so viel Kraft haben können, gemeinsam, ist das ein sehr emotionaler Moment. Ich frage mich, ob man mir das ansieht.

Anna Holl
Bild: Anna Holl

Danach frage ich die Arbeiter, ob sie Fragen an mich haben. Eine junge Frau (mit lila Kleidung im Bild) steht auf und sagt. „Wir Textilarbeiter arbeiten hier sehr viel und lange in den Fabriken und am Ende des Monats bekommen wir nicht genug Geld dafür. Wie kannst du uns helfen, dass das anders wird?“

Ich sage, dass ich Journalistin bin und über die Arbeitsverhältnisse schreiben werde und die Leute zu Hause es so lesen werden. Das ist alles, was ich machen kann. Und ich sage, dass ich gerne all ihre Geschichten hören würde und sie, wenn sie Lust haben, mir aufschreiben können, was sie gerne sagen wollen. Ich werde es dann veröffentlichen und den Leuten weitergeben. Alle im Saal kramen in ihren Taschen und holen Notizblöcke und Zettel heraus. Einige beginnen schon zu schreiben. Ich sage, sie können es später machen und ich hole die Nachrichten in ein paar Tagen ab.

Bevor ich gehe, kommen einige her und wollen ein Foto mit mir machen. Auch die Frau mit der Frage.

Anna Holl
Bild: Anna Holl

Jessmin und Arifa /// Fr. 04.09. 2015

Es ist Freitag. Heute treffe ich die Textilarbeiterinnen. Ich sitze mit Sarah im CNG, dem typischen Drei-Rad-Taxi Asiens. Sarah wird für mich übersetzen. Auf meinen Schoß liegt mein A4-Block. Zwei Seiten voll mit Fragen, die ich den Arbeiterinnen stellen will. Meine Augen überfliegen die Fragen und überlege, wie ich sie stellen soll.

Anna Holl
Bild: Anna Holl

Später wird alles ziemlich anders werden. Denn die Geschichten von Arifa und Jessmin, die ich treffe, sind so besonders, dass sie unser Gespräch leiten. Meine Liste an Fragen wird Nebensache werden.

Anna Holl
Bild: Anna Holl

Als das CNG hält, sind wir eine halbe Stunde zu früh da und Sarah und ich trinken noch einen Tee in einem kleinen Restaurant. Meine Liste wird noch einmal bearbeitet und dann starten wir los. Und treffen Jessmin und Arifa.

Anna Holl
Bild: Anna Holl

Ich sitze im Haus von Arifas Familie. Es ist ein Zimmer mit zwei Doppelbetten, die der Länge nach hintereinander stehen. Daneben ein schmaler Gang, der zu Hälfte von einem großen Schrank verstellt ist. Darin die bunten, schönen Salwar Kameez der Frauen der Familie (traditionelle Kleider in Bangladesch), Haarbürsten, Zahnbürsten, Becher, Zündhölzer, alles Mögliche. An der Decke läuft der Ventilator und macht es in der Hitze angenehm. Die Wände sind massive, silber-glänzende Wellblechdächer. An der Decke hängt die Fahne von Bangladesch, gleich neben einem Familienfoto und einem Foto eines lokalen Politikers. Arifa sitzt neben mir am anderen Bett. Sie ist neunzehn Jahre alt. Gerade gibt sie ihrer kleinen Schwester einen Geldschein und die verschwindet zur Tür hinaus, wo einige Nachbarn neugierig reinschauen. Was macht die Ausländerin hier?

Die Ausländerin stellt Fragen und Arifa antwortet. Sie hat zweieinhalb Jahre in einer Textilfabrik gearbeitet und erzählt mir zwei-drei Stunden lang, wie es war, dort zu arbeiten. „Danke, dass du da bist Anna. Es freut uns, wenn jemand unseren Geschichten zuhört,“ sagt sie. Arifas Schwester kommt mit einer großen Packung Keksen zurück. Das ist die Gastfreundschaft von Bangladesch. Also reden wir weiter über die Arbeit in der Fabrik und essen gleichzeitig Kekse.

Die Gewerkschaft ///  Mi. 02.09.2015

Ich sitze in einem langen dünnen Raum, an einem Tisch, der sich diesem Raum offensichtlich angepasst hat. Gerade nicht zu groß, damit noch Stühle darum stehen können. Die Wände sind vollgepflastert mit großen Bildern. Von Demonstrationen. Textilarbeiter die Banner in die Höhe halten. Safia, die mich gerade mit einer großen Umarmung begrüßt hat, zeigt auf einen Mann: „Brother Amin“ und ihre Hand findet denselben Mann an vielen Stellen der Wand. Die Fotos zeigen die National Garment Workers Federation in Aktion. Es ist eine Gewerkschaft, und Brother Amin ist der Chef. Mit ihm habe ich gestern telefoniert und das Treffen ausgemacht.

Ich betrachte die Bilder, eines zeigt vier Kinder. Darunter steht, dass diese durch den Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes 2013 zu Waisen geworden sind. Und dann in dieses Büro gekommen sind, um Hilfe zu suchen. Ich würde gerne alle Geschichten unter den Bildern lesen, da werde ich schon in einen weiteren Raum geführt. Wir gehen durch einen langen schmalen Gang. Er ist feucht, vom vielen Regen. Vor der Tür ziehen wir die Schuhe aus und treten ein. Das Büro der Gewerkschaft.

Es gibt neun weitere solche Büros in anderen Städten von Bangladesch. Mir wird Tee angeboten. Den lehne ich ab, auch wenn es sich falsch anfühlt, aber den Durchfall der letzten Tage muss ich nicht unbedingt wiederholen. Wir sitzen zu fünft an einem Schreibtisch und reden über die Textilindustrie, darüber, was ich machen will und darüber was wir gemeinsam machen können. Golam in der Mitte übersetzt auf Englisch, was ich sage und mir was die anderen sagen. Die Wand ist bedeckt mit bedruckten weißen A4-Zetteln. Alles Beschwerdefälle von Arbeiterinnen, wird mir erklärt. Die zwei Frauen am Tisch haben beide über zwanzig Jahre in Fabriken gearbeitet, jetzt arbeiten sie Vollzeit in der Gewerkschaft. Wenn ich Fragen über die Arbeit in den Fabriken stelle antworten sie schnell und mit vielen Worten. Am Freitag werde ich wieder kommen, dieses Mal um mit Textilarbeitern zu sprechen, Interviews zu machen. Und sehr wahrscheinlich auch, um mit ihnen in deren Häuser zu fahren, um ihr Leben zu sehen. Um zu sehen, welches Leben sie sich mit ihrer Arbeit finanzieren können.

Mensch sein in Österreich – Mensch sein in Bangladesch ///  Mo. 31.08.2015

Ich liege im Bett. Der Ventilator läuft an der Decke. Ich schwitze trotzdem. Ich habe einen Magen-Darm-Infekt.  Kein schönes Erlebnis.

Ich hab den ganzen Vormittag geschlafen und genug davon. Ich schaue auf den Bildschirm und sehe durch Facebook, was zu Hause passiert. 20.000 Menschen auf einer Demo für Flüchtlinge. Das ist wunderschön. Die Szenen am Westbahnhof. Mein Facebook ist voll von positiven Flüchtlings-Geschichten. Das ist mal etwas anderes, und wirklich erfrischend.

71 tote Flüchtlinge sind in einem Lastwagen gefunden worden. Das verändert Österreich. Schade, dass es immer wieder so schlimme Ereignisse braucht, damit sich etwas ändert. Trotzdem gut, dass sich etwas ändert. Die Solidarität, die es vorher schon gegeben hat, summiert sich und zeigt sich auf den Straßen. Es ist schön, das über Facebook mitzuerleben. Und ich denk mir, es ist fast schade, dass ich nicht zu Hause bin. Und ich denk mir: Jetzt sitze ich hier in Bangladesch und will über die Textilindustrie schreiben, darüber wer unsere Kleidung produziert. Das interessiert doch jetzt kein Schwein. Das Thema Nummer Eins sind Flüchtlinge. Ich hätte an Europas Grenzen fahren sollen, das wäre zeitgemäße Berichterstattung.

Textilindustrie ist grad nicht wirklich aktuell. Hier in Bangladesch ist alles ziemlich ruhig und alltäglich. Es ist gerade niemand gestorben. Vor zwei Jahren war das anders, da war Bangladesch Thema Nummer Eins. Als 1.138 Menschen beim Fabrikeinsturz von Rana Plaza ums leben kamen.

Und dann denk ich mir: So ein Blödsinn, Anna! So ein Blödsinn, was du denkst. Ich muss die Themen doch nicht vergleichen. Das eine schließt das andere nicht aus. Nur weil es keinen schlimmen Auslöser gegeben hat, und nicht alle Augen auf das Thema gerichtet sind, besteht das Problem trotzdem. Das Thema ist aktuell. Jeder von uns kauft regelmäßig Kleidung. Und die wird zu einem großen Teil hier in Bangladesch produziert.

Hier in Bangladesch geht es auch um’s Mensch sein. Für die Textilarbeiter. Mensch sein in Bangladesch.

Anna Holl
Anna Holl

Oh /// Sa. 29.08.2015

Ich stehe am Bug eines kleinen Holz-Motorbootes. Nuer hält meine Kamera und gibt mir Anweisungen: „Streck beide deine Arme in die Höhe!“ Er zeigt es mir vor und macht eine Art Titanic Pose. Die soll ich jetzt machen, und er macht ein Foto davon. Ich bin mitten am Buriganga Fluss. Gerade sind wir vom Hafen weggefahren. Nuer ist mein Guide. Er lacht viel. „Na mach schon!“ Ich strecke die Arme leicht in die peinliche Position. Rund um uns sind sicherlich zwei Dutzend Schiffe. All deren Passagiere schauen auf mich, die Ausländerin, die mitten am Fluss am Bug eines Schiffes steht und jetzt auch noch ihre Arme in die Höhe streckt. Ich mach es kurz, nur ganz kurz. Für Foto-Shootings war ich noch nie gemacht. Ich bin lieber hinter der Kamera. Das ist meine gewöhnliche Position. Der Mann hier dreht den Spieß um.
Ich blicke nach vorne auf den breiten Fluss. Wir fahren unter einer massiven Betonbrücke durch. Rechts von mir ist die Altstadt von Dhaka. Links von mir Süd-Dhaka, mit einem großen Industriegebiet. Vor mir ist der Buriganga. Und darauf hunderte kleine Holzboote, die von Männern mit langen Holzpaddeln über den Fluss chauffiert werden. Es sieht ein bisschen aus wie Venedig, ein etwas heruntergekommenes Venedig. Ein großes, tiefliegendes Dampfschiff fährt dicht an unser Boot rann. Nuer erzählt mir etwas darüber. Meine Gedanken sind noch beim Venedig von Bangladesch. Da sagt Nuer: „Da rüber.“ Was? Da rüber? „Was meinst du?“ Er deutet auf das Dampfschiff. Oh.

Ich wage einen kleinen Sprung und bin auf dem anderen Schiff. „Everything is possible with me!“, sagt Nuer und lacht laut und lang. Und ich lache mit.

Mehr Eindrücke von meiner Tour durch die Stadt, gibt es bald in Bildformat. Ich war im Industrieviertel von Süd-Dhaka und habe in Textilfabriken reingeschaut. Solche, die für den lokalen Markt produzieren, nicht für den Westen. Ich habe bei der Schiffsreparatur zugeschaut, war in einer wunderschönen Moschee, bin durch die geschäftigen Gassen der Altstadt gelaufen und habe Tee mit Bangladeschis geteilt. Eigentlich sie mit mir. Zwischendurch habe ich mir massiven, aber gottseidank kurzweiligen Durchfall geholt und in den folgenden Tagen mehr Zeit am Klo als auf der Straße verbracht.

Überall Textil  ///  Mi 26.08.2015

Heute habe ich meinen Computer vom Techniker zurückbekommen. Er funktioniert wieder. Das macht einiges einfacher. Jetzt zum Eigentlichen:

Ich komme hier so oft und immer wieder in Kontakt mit Leuten, die in der Textilindustrie arbeiten. Vor ein paar Tagen war eine Cousine von Sarah zu Besuch, deren Mann gerade die Arbeit in seiner neuen Textilfabrik gestartet hat. Heute sitze ich mit Atik und seinen Freunden auf der Dachterrasse und Atik erzählt, dass der Freund neben mir ein „Buyer“ ist und für ein „Buying House“ arbeitet. So nennt man diejenigen, die als Zwischenhändler für  westliche Textilunternehmen arbeiten.

Er erzählt von seiner Arbeit. Dass er für deutsche Unternehmen arbeitet. Er sagt mir sogar den Namen eines Unternehmens. Ich habe dort schon eingekauft. Jeder von uns wahrscheinlich. Ich schreibe hier nicht, welches Unternehmen es ist, weil ich mit ihm in Zukunft gerne zusammenarbeiten will. Wenn ich alles hier schreibe, könnte er Probleme bekommen und ich verliere den wichtigen Kontakt. Das Ganze funktioniert so, erzählt er mir: Sein Boss fliegt nach Deutschland und nimmt dort die Verträge auf. Die Unternehmen nennen den Preis, den sie für das Produkt zahlen wollen. Wenn der nicht möglich ist, bekommt sehr wahrscheinlich jemand Anderer den Vertrag.

Der Freund zeigt auf Atiks T-Shirt. „Wie viel glaubst du, bekomme ich für so ein T-Shirt?“ fragt er mich. Vielleicht 1-2 Dollar? „Ich bekomme etwas mehr als einen Dollar,“ sagt er. Und diese Summe teilen sich, er also der Buyer, die Textilbesitzer und die Textilarbeiter. Für ihn ist die Textilindustrie nicht schlecht. Sie ist gut. Und sie bietet den Bangladeschis Arbeitsmöglichkeiten. Wir reden lange. Das Thema ist komplex. Er kann mir nicht genau sagen, wie es ist. Jede Fabrik ist anders, so auch die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung. In vielen Fabriken machen die neuen Gewerkschaften Ärger, meint er, aber nicht in allen. Bei einem ist er sich sicher: „Wenn uns die westlichen Unternehmen mehr Geld geben, kommt natürlich mehr zu den Arbeitern.“

Es ist nicht alles schlecht  ///  Di, 25.08.2015

Ich bin wieder mal auf Besuch in Sarahs Zimmer: zum Rauchen. Sie hat mir gerade Musik aus Bangladesch gezeigt. Eine junge Bangladeschi mit schwarzem Hindu-Punkt singt aus dem Laptop-Bildschirm heraus. Drei Männer hinter ihr vollbringen den Rest. Schlagzeug, E-Gitarre und Bass. Sehr rockig und irgendwie wild. Dazu die tiefe Stimme der Sängerin, die ein traditionelles Lied in den Rock-Sound einbettet. Genial. Faszinierend. Ihre Stimme benutzt andere Tonhöhen und –abfolgen, als wir es im Westen tun.

Wir schweigen und lauschen der Musik, da sagt Sarah plötzlich: „Anna, schreib nicht nur die schlimmen Sachen über die Textilindustrie. Es gibt gute Sachen hier. Es gibt auch gute Fabriken.“ Sie schaut ernst und redet von einer Doku, die ihr ein Freund gezeigt hat und zeigt sie jetzt mir. Darin ist ein Kanadier zu sehen, der eine sichere und faire Fabrik betreibt. „Es ist nicht alles schlecht“, sagt Sarah. „Die Textilindustrie ist eine großes Potential für Bangladesch.“

Am nächsten Tag sitze ich mit Samina Luthfa im Aufenthaltsraum der Professoren an der Dhaka University, der staatlichen Universität von Bangladesch. Sie hat mit drei anderen Professoren eine Studie über Textilarbeiterinnen gemacht. Sie selbst betrachtete deren Leben aus soziologischer Perspektive. Sie analysierte, was die Textilarbeiterinnen essen, ob sie sich medizinische Behandlungen leisten können und das Sicherheitsgefühl der Arbeiterinnen in den Textilfabriken. Die fertige Studie kann sie mir nicht geben. Sie wird erst veröffentlicht. Aber sie gibt mir einen kurzen Einblick: Das Sicherheitsgefühl der Arbeiterinnen sei seit dem Einsturz von Rana Plaza 2013, wo fast 1.200 Menschen starben, gestiegen. Die Arbeiterinnen fühlen sich bei der Arbeit sicherer. Das kann zeigen, dass die Veränderungen die seit dem verheerenden Unglück gemacht wurden, wirklich Auswirkungen auf das Arbeitsklima haben. Die Ernährung sei aber sehr schlecht. Meistens nur Reis, also Kohlenhydrate, keine Proteine und Vitamine. Ihr Kollege, der an der Studie mitarbeitete, stößt zu uns, bestellt einen Tee. Wir reden über das Weltwirtschaftssystem. Er sieht die Probleme der schlechten Bezahlung, meint aber auch: „Für Frauen, die in Textilfabriken arbeiten, verbessern sich ihre Lebensumstände. Ihr Status in der Familie und Gesellschaft ändert sich. Sie sind diejenigen, die Geld reinbringen und ihre Familie finanziell unterstützen können“. Er betont, wie wichtig er es findet, dass ich das auch beleuchte.

Der Rock  /// Mo, 24.08.2015

Ich wasche den dunkelbauen, langen Rock. Er hat mich jetzt sechs Tage durch Dhaka begleitet und war dabei unbezahlbar. Lang und dezent. Er berührt fast den Boden, mit jedem ungewaschenen Tag wurde er länger. Heute zu lang und zu dreckig. Das Wasser färbt sich braun, wie der Staub auf den Straßen. Der Rock ist dem, was die Frauen hier tragen sehr ähnlich. Er ist perfekt für hier. Luftiger als eine Jeans. Weniger auffällig. Gemütlich. Er passt zu dieser Kultur und zu mir gleichzeitig.

Gekauft habe ich ihn um 15 Euro in Österreich. Gemacht wurde er in Bangladesch, steht am Etikett. Es war die Ironie des Lebens. Die Ironie unseres Wirtschaftssystems. Die Frauen, die ihn genäht haben, bekommen einen Mindestlohn von 5300 Taka, das sind knapp sechzig Euro. Ich will in den kommenden Wochen herausfinden, welches Leben man damit führen kann. Und was es für Frauen in Bangladesch bedeutet, wenn ich einen Rock um 15 Euro bei einem der großen Ketten in Österreich kaufe.

Ich habe vergessen auf Holz zu klopfen  ///  So-Mo, 23-24.08.2015

Eine Stunde nachdem ich mit einer Freundin geskyped habe und erzählt hatte, wie genial und einfach der Anfang hier ist, gibt es eine „Watschn“ für mich. Mein Laptop geht ganz plötzlich ein, lädt nicht mehr, ist unbenutzbar. Supergenial. Die Blogeinträge, die ich geschrieben habe, sind futsch. Ziemlich cool für meine Recherche. Ziemlich cool für’s Video schneiden. Ich bin begeistert.

Der Typ im Apple-Shop sagt, die Wahrscheinlichkeit, dass er ihn wieder hinbekommt ist gering. Wahrscheinlich braucht er ein Teil, das aus Singapur hertransportiert werden muss. In 21 Tagen fahre ich fast schon wieder nach Hause.

Familienessen  ///  So.23.08.2015

Sarahs Mutter und ich warten auf Atik, Sarahs Bruder. Sarah selbst sitzt vor ihrem Laptop und arbeitet an einer Grafik. In zwei Tagen muss sie eine 80-Seitige Arbeit an der Uni abgeben. Sie studiert Architektur. Morgen wird sie Pläne für die Endarbeit zeichnen. Darum kann sie nicht zum Familienessen mitgehen. Der Fernseher läuft, Nachrichten auf Bengalisch. Eine Frau spricht ins Mikrofon. Sarahs Mutter sagt: „Our Prime Minister“. Ich höre Stolz aus ihrer Stimme. Sheikh Hasina ist Premierministerin von Bangladesch. „She is the daughter of Sheikh Mujibur.“ Dem Mann der den Unabhängigkeitskrieg gegen Pakistan geführt und 1971 gewonnen hat. Vier Jahre später wurden er und seine gesamte Familie von Extremisten ermordet. Bis auf zwei Töchter, die sich gerade in Europa aufhielten. Eine davon ist jetzt Premierministerin von Bangladesch. Eine Frau an der Macht, in einem muslimischen Land. Ein Vorurteil von mir wird gerade zerstampft.

Beim Familientreffen gibt es wieder zu essen. Viel zu essen. Wir essen mit den Händen. Wie ich es mache und das ich es mache, ist lustig für alle anderen. Die Gastgeberin ist Sarahs Tante. Sie spricht kein Englisch, läuft in der Küche von A nach B und schaut, dass alle zufrieden sind. Ihr Mann und ihr Schwager unterhalten sich mit mir über meine Recherche. Aber ich bin immer wieder abgelenkt von dieser Frau. Sie hat ein Lachen am Gesicht und strahlt eine Zufriedenheit aus, die ansteckend ist. Sie sagt etwas auf Bengalisch zu ihrer Tochter Brishty, die auch am Tisch sitzt. „She’s asking why you are looking at her so much,“ sagt Brishty lachend. Ich fühle mich ertappt beim Starren und erkläre, dass ich ihr Lachen wunderschön finde. Alle lachen.

Das Essen ist natürlich genial. Danach gehen wir jungen in das Zimmer von Brishty. Sie, ihre Schwester, Atik, zwei Cousins und ich. Brishty ist wie ihre Mutter, voller Elan und Zufriedenheit. Sie redet gerne und kraftvoll. Wir reden über Faridpur, das Heimatdorf der Familie. Ich habe schon viele Geschichten von Sarah und Atik gehört und wurde dorthin eingeladen. Wenn Brishty über Faridpur redet, strahlen ihre Augen. Sie sagt: „Our president comes from Faridpur. Faridpur is the place of strong women.“

Win Win – Essen /// Fr, 21.08.2015

Ich habe schon lange nicht mehr so viel gegessen wie hier. Drei mal täglich. Schon am Morgen gibt es warmes Essen. Sarahs Mutter bereitet es mit zwei Haushaltshilfen zu. Die zwei wohnen und schlafen hier. Sie bekommen ein kleines Gehalt.

Wenn ich esse, schaut Sarahs Mutter genau, wie viel ich esse und ob ich alles probiere. Wenn nicht, füllt sie einen Schöpfer an und schaut mich fragend an. Meistens nicke ich und der Schöpfer landet auf meinem Teller. Jeden Tag kommt ein neues Gericht dazu, es sind so viele verschiedene: Reis, Chapati (ein typisches dünnes Fladenbrot), eingerollte, gefüllte Chapati, Kartoffeln, Melanzani, Grünzeug, Hühnchen, Rind, Fisch in verschiedenen Größen, alles in würzigen Soßen. Dazu frisches Gemüse und Salat. Und manchmal eine Nachspeise. Bei solcher Großzügigkeit, drei mal täglich gratis Essen, bin ich mir zuerst schmarotzerisch vorgekommen. Wie ein Parasit im Haus. Aber Sarahs Mutter ist traurig, wenn ich nicht esse. Also esse ich. Sie ist glücklich. Ich bin glücklich.

Aller Anfang ist schwer. Und Aufregend  ///  Fr, 21.08.2015

Ich will das Ganze langsam angehen. Erst mal etwas ankommen hier in Bangladesch, bevor ich loslege. Dazu kommt die Portion Respekt, die ich vor dem ganzen Thema habe. Es ist komplex. Sehr komplex. So viele verschiedene Akteure, so viele verschiedene Interessen. Ich bin dafür keine Expertin. Habe nur meine Bücher und meine Archiv-Artikel, sowie meine Ohren zum Zuhören und meinen Mund zum Fragen stellen. Ich versuche das Ganze etwas gelassen zu sehen, obwohl ich jetzt schon Angst habe, dass mir die Zeit zu kurz wird. Im Grunde genommen ist es Luxus, sechs Wochen Zeit zu haben. So habe ich die Möglichkeit, einmal ein erstes Gefühl für das Land zu bekommen. Dass ich bei Sarah wohne, hilft. Durch den Alltag mit ihr und ihrer Familie habe ich einen sehr nahen Einblick. Ich bin nicht die Journalistin, die für zwei Wochen kommt und zu einem Thema recherchiert, sondern ich wohne auch hier. Am Abend fahre ich nicht in ein Hotel, sondern zu meiner Bangladeschi-Familie.

Heute ist Sarahs Bruder Atik aus Beijing zurückgekommen. Er studiert dort Medizin. Ein Freund von ihm, Ischrak, kommt vorbei. Gemeinsam sitzen wir zu viert im Zimmer, quatschen über dies und das. Ischrak hat lange schwarze Locken. Er dreht sich eine Zigarette und erzählt, dass er in einer Rockband spielt. Sie covern zum Beispiel Pearl Jam. Er will sich ein Plakat von den Beatles für sein Zimmer drucken lassen. Wir gehen gemeinsam auf die Dachterrasse und genießen den Windzug. 15 Millionen Menschen wohnen rund um uns in Dhaka.

Fortsetzung  ///   Do, 20.08.2015

Also bin ich auf den Straßen von Dhaka. Hochhäuser rund um mich, deren Fassaden zugepflastert mit Werbetafeln und Schildern von den Geschäften und Büros. Ich laufe los, halte Ausschau nach dem richtigen Geschäft für eine SIM-Karte, gehe vorbei an einer Reihe von bunt verzierten Rikschas, deren Fahrer auf Kunden warten. Vorbei an kleinen Verkaufsständen mit Obst, Gemüse, Batterien, Zahnpasta und allem möglichen.

Ich quere die Straße. Dafür braucht man die volle Aufmerksamkeit, um einschätzen zu können, welche Lücke zwischen den Fahrzeugen groß genug ist, um nicht überfahren zu werden. Es gibt viele Fahrzeuge: Autos, CNG, Rikschas und Radfahrer. Alle fahren in einem chaotischen System. Der Stärkere und Wagemutigere setzt sich durch.

Ich gehe in ein klimatisiertes, großräumiges Schuhgeschäft. Hier hoffe ich auf Englisch-Kenntnisse. Der Mann zeigt in eine Richtung, dort soll ich hin. Also wieder die Straße queren und nach einem entsprechenden Geschäft suchen. Ich finde nichts und gehe in die Apotheke vor mir. Ein Mann hält mir die Tür auf. Auf meine Frage antwortet er mit einem Handwink. Sein Arbeitskollege führt mich aus dem Geschäft hinaus in eine Seitenstraße. Da steht an der Hauswand neben einem Stoff- und Kleidungsgeschäft ein kleiner Holztisch, dahinter sitzt ein Mann.

Eine SIM-Karte wird aus der Schublade gezaubert. Ich bezahle 280 Taka und habe keine Ahnung, ob das der richtige Preis ist, oder der erhöhte Spezialpreis für eine Weiße. Nach einem Kaffee in einem schicken, überteuerten Café mit Klimaanlage, Fußballübertragung und europäischer Radiomusik gehe ich wieder nach draußen. Dort ist es plötzlich total dämmrig und dunkel. Es ist sechs Uhr abends. Wann wird es noch mal finster in Bangladesch? Doch nicht um sechs. Der Himmel ist grau und gruselig. Da fallen schon die ersten Regentropfen und werden schnell zur intensiven Freiluftdusche.

Ich halte ein CNG an. Der Fahrer versteht nicht, wo ich hinwill. Hinter ihm hält eine Rikscha, der Fahrer kennt den Ort. Ich schaue wenig erfreut auf den Rikscha-Sitz. Das wären dann zwanzig Minuten für mich unter einer beweglichen Freiluftdusche. Er sieht meinen Blick und deutet auf eine Plastikplane. Und schon hat er mich. Mit der Plane vor den Füßen und kleinem Dach vor dem Oberkörper geht’s durch das nasse Dhaka ab nach Hause.

Der Beginn  /// Do, 20.08.2015

Es ist Morgen. Ich liege im Bett und vom Balkon höre ich die Stadt. Autos hupen. Die Rikschas klingeln. Es ist eine Einladung in die Stadt.

Zwei Stunden später, nach einem genial-leckeren Frühstück von Sarahs Mama, sitze ich in einem CNG, einem der kleinen Taxis mit drei Rädern. Ich bin auf dem Weg in die Stadt. Zum ersten Mal sehe ich Dhaka bei Tageslicht. Ich wohne derzeit in einem Wohnviertel am Stadtrand. Von da aus geht es zuerst auf asphaltierten Straßen und dann kleinen Gassen Richtung Hauptstraße. Wir fahren durch eine Gasse voller kleiner bunter Geschäfte. Hier gibt es alles, was man zum Überleben braucht. Und mehr. Fladenbrot, Gemüse, Klopapier, Kaugummi, Elektrogeräte, Handys und tausend andere Dinge, die ich bei dem Gewimmel gar nicht alle wahrnehmen kann.

Das Ziel für heute: Eine SIM-Karte für Bangladesch. Dann kann ich die vielen Kontakte, die ich noch in Österreich vermittelt bekommen habe, anrufen und mit der Recherche losstarten. Mein Fahrer spricht kein Englisch. Er weiß, wo er mich hinbringt. Nach Gulshan 2, ein Stadtteil von Dhaka. Wir fahren über einen Fluss (später wird mir klar, dass es ein kleiner See inmitten von Dhaka ist) und bleiben an einer geschäftigen, chaotischen Kreuzung stehen. „This is Gulshan 2.“ Auf meine Fragen, wo ich denn ein Handygeschäft finde, antwortet er in Bangla. Ich antworte wieder auf Englisch. Er versteht kein Wort von mir. Ich kein Wort von ihm. Ich steige aus. Bin auf den Straßen von Dhaka.

Die Couchsurferin  ///  Mi, 19.08.2015

Ich sitze im Zimmer von Sarah, meiner Couchsurferin. Bei ihr wohne ich für die nächsten paar Tage. Ich bin angekommen in Dhaka, es ist zehn Uhr Abends. Sarah trägt ein wunderschön buntes Salwar Kameez, ein traditionelles Kleidungsstück Bangladeschs. Wir rauchen eine Zigarette. Und sprechen über uns, das Leben und Kleidung. Sarah erzählt von ihrer Schwester, die in den Staaten wohnt. Sie lacht und sagt, ihre Schwester würde ihr nie Kleidung aus Amerika mitbringen: „Dann nimmt sie mir ja wieder nichts aus Amerika mit, denn auf dem Etikett steht mit großer Wahrscheinlichkeit: Made in Bangladesch.“ Sie erzählt von einem Ort in der Hauptstadt Dhaka, wo es Kleidung von großen westlichen Firmen ganz billig zu kaufen gibt. Das sind jene Stücke, die westliche Firmen von den lokalen Firmen bestellt haben, aber schlussendlich auf Grund von Fehlern und Mängeln nicht akzeptieren. Sarahs letzte Couchsurferin war ganz glücklich, als sie Kleidung von den zu Hause bekannten Labels spottbillig in Dhaka kaufen konnte. „Ich kann dich dort hinbringen,“ sagt Sarah.

Made in Bangladesh  ///  Di, 18.08.2015

Vier Tage vor meinem Abflug nach Bangladesch wird mir klar: Ich habe ein Problem. Ein Kleidungsproblem. Ich muss lachen. Irgendwie ironisch. Ich fahre nach Bangladesch um über die Textilindustrie zu recherchieren, um den Ursprung unserer Kleidung zu erforschen und stehe vor einem Schrank voller unpassender Kleidung. Ich habe alles durchforstet. Die Ausbeute: Eine khaki Wanderhose zum Raufstecken und vier T-Shirts. Mehr gibt mein Kleiderschrank nicht her.

Bangladesch ist ein vorwiegend muslimisches Land. In meinem klugen Reiseführer steht: Frauen sollten sich dezent kleiden. Dezent in Bangladesch, was genau bedeutet das? Für mich bedeutet es: eine Hose und vier T-Shirts. Alles andere ist entweder zu heiß oder zeigt zu viel Haut. Ich weiß, dass ich in Bangladesch schon auf Grund meiner braunen Haare und meiner hellen Haut auffallen werde. Da ist es mir lieb, wenn nicht auch noch meine Kleidung lauthals durch die Straßen schreit: „Ausländerin!“

Mein Kopf arbeitet. Auch mit dieser Wanderhose werde ich auffallen. Ich brauche einen langen Rock, nur einen. Den Rest kauf ich mir in Bangladesch.

Also fahr ich in vier Second-Hand Läden. Muss ja nicht schon wieder eine von den bekannten großen Marken sein. Meine Ausbeute: Ein roter Trachten-Rock. Schon beim Zahlen weiß ich, dass der sinnlos ist, viel zu heiß, aber was soll ich machen?

Was ich schlussendlich mache: Ich gehe ins Einkaufscenter und durchforste in Eiltempo die Läden. Die Ausbeute: Ein langer, dunkelblauer Rock aus Baumwolle. Beim Rausgehen schaue ich aufs Etikette. Dort steht: Made in Bangladesch.

6 Antworten zu “Annas Blog /// aus Bangladesch”

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.