Copyright: Agnes Zorell / Theater Olé
Bild: Copyright: Agnes Zorell / Theater Olé
24. Oktober 2017  /// Gastkommentar Politik

Ansichten eines Clowns

Ein Gastkommentar von Hubertus Zorell (Clown und Theaterdirektor), verfasst noch vor der österreichischen Nationalratswahl am 15. Oktober |

Der neue Träger des deutschen Buchpreises ist einer von uns: Robert Menasse. Zur Belohnung kriegt er – außer dem Preisgeld – einen Artikel im STANDARD und darf sich dort als PASSIONIERTEN RAUCHER bezeichnen. Das zeigt, wie ungemein erfolgreich die Imagearbeit der Tabakindustrie nach wie vor ist. Kein Alkohol-, Heroin-, oder Sex-Süchtiger kann sich in unseren Tagen einen PASSIONIERTEN SÄUFER, PASSIONIERTEN FIXER oder PASSIONIERTEN FICKER nennen. SCHWER NIKOTINABHÄNGIGE gelten aber noch immer als PASSIONIERTE RAUCHER. Wahrscheinlich auch deswegen, weil Robert Menasse dafür bekannt ist, komplizierte Zusammenhänge zu DURCHSCHAUEN und sprachlich AUF DEN PUNKT zu bringen. Herzlichen Glückwunsch, Robert Menasse!

Apropos Imagearbeit. Da gibt’s doch in Wien am Ring zwischen den Museen und dem Rathaus dieses CLOWNTHEATER, wo die ganzen Gesetze gemacht werden. PARLAMENT heißt es. Die machen gerade eine GANZ mutige Imagearbeit. Richtig dirty. WAHLKAMPF nennen sie das.

ÜBERHAUPT ist das eine echt lustige Bande. Erinnern Sie sich zum Beispiel an die Geschichte mit dem Anti-Mafia-Paragraphen? Den man dringend gebraucht hat, um – nein, nicht gegen die Mafia, sondern – gegen Tierschützer vorzugehen? Und um ein paar Millionen Prozesskosten in den Sand zu setzen? Auf so eine Nummer kann man als Clown echt EIFERSÜCHTIG werden! Oder jetzt neuerdings: der Anti-Burka-Paragraph. Mit dem man Radlfahrer abstrafen kann, die einen SCHAL tragen, weil ihnen KALT ist, obwohl die Polizei es BESSER weiß. Und zack, hundertfünfzig Euro fällig! Wenn DAS nicht zum Lachen ist! Oder Clown-Nasen. Die gehen GAR NICHT. Weil sie das GESICHT VERHÜLLEN. (Dabei tun sie eigentlich genau das GEGENTEIL. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Na jedenfalls, für eben DIESE CLOWN-BUDE werden jetzt neue Clowns gesucht. Das heißt: GEWÄHLT. Die Bewerber müssen natürlich beweisen, dass sie Ideen haben. Am meisten Chancen kann man sich ausrechnen, wenn man die Idee hat, den aller-ärmsten Leuten etwas wegzunehmen. Das kommt gut an, weil seit Jahren über die SCHERE zwischen den ÄRMSTEN und den REICHSTEN geredet wird. Dass DIE immer WEITER AUFGEHT. Und das soll jetzt eben beschleunigt werden. Selbstverständlich muss man gleichzeitig darauf achten, dass man den REICHSTEN NICHTS wegnimmt, sondern dass DIE NOCH MEHR kriegen. Eben wegen der SCHERE. Dass DIE nicht daran gehindert wird, weiter aufzugehen. Weil, eine Schere, die nicht AUFGEHT, mit DER kann man nicht SCHNEIDEN. Also, kurz gesagt: KÜRZEN. Das ist ja klar.

Die WÄHLER verstehen das natürlich. Vor allem auch die Zweit-, Dritt- und Viert-Ärmsten unter den Wählern. Also die, die als Nächste, Übernächste und Überübernächste dran sind mit Kürzen. Das ist denen aber wurscht, weil sie denken: die Hauptsache ist, dass sie DIESMAL NICHT dran sind. Sondern eben nur die ALLER-ÄRMSTEN. Zufällig sind das auch DIE, die gar nicht wählen dürfen.

Genial. Und UNHEIMLICH lustig! (hz)

Dieser Kommentar wurde ursprünglich als Teil des Newsletter (bzw. in Eigenschreibweise „Njuußlätters“) des „Theater Olé – Wiens erstbestem Clowntheater“ verschickt. Mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verfassers, Co-Direktor und Clown Hubertus Zorell, wollen wir diesen Kommentar hier auch mit unseren N21-Lesern teilen.

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