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13. Mai 2016  /// Schwerpunkt Ernährung

Apfelanbau mit statt gegen die Natur

von Marc van der Sterren

Äpfel wachsen auch ohne exzessiven Pestizideinsatz ganz ausgezeichnet. Danny Billens aus Oettingen im flämischen Pajottenland beweist das. Er hat fast 30 Jahre Erfahrung mit dem Anbau von Äpfeln und verwendet auch unkonventionelle Pflanzenschutzmittel.

Eigene Vertriebswege statt Supermarkt

Es ist kein einfacher Job, man könne damit aber sicherlich gleich viel Geld verdienen, wie mit konventionell angebauten Äpfeln. Man sollte allerdings nicht darauf abzielen, für den Supermarkt zu produzieren, erklärt er. Man müsse sich so viel wie möglich auf den Eigenvertrieb konzentrieren.

Billens war in Flandern der Erste, der professionell Bio-Äpfel anbaute. Inzwischen bestellt er 6,5 Hektar mit Äpfeln, einen Hektar mit Birnen und einen halben Hektar mit Pflaumen und Kirschen. Der angeschlossene Ab-Hof-Verkauf wird durch andere Bio-Produkte und eine Bäckerei ergänzt, betrieben von seiner Tochter. Darüber hinaus verkauft er sein Obst am Bio-Markt und über Bio-Kisten. „So kann ich auch Ware „2.Klasse“ verkaufen. Für Äpfel mit einem kleinen Makel bekomme ich 70 Cent pro Kilo. Das ist halb so viel wie für Äpfel „1.Klasse“, aber immer noch ein guter Preis für mich.“, erzählt Billens. Der Rest wird zu Apfelsaft verarbeitet.

„Wir leben zwar in der EU, trotzdem gelten überall andere Regeln“

Der Markt für Bio-Produkte ist nach Billens Erfahrung riesig. „Es herrscht fast immer Knappheit, es ist schwierig das ganze Jahr über für Nachschub zu sorgen.“ Deshalb profitieren auch die Bio-Bauern, wenn die gesamte Apfelproduktion anzieht. Weil niederländische und flämische Bauern nicht miteinander konkurrieren, kommt es hier zu einem regen Informationsaustausch. Das macht den Anbau von Bio-Obst zu einem äußerst innovativen Sektor mit einem breiten Feld an alternativen Pestiziden, Techniken und Methoden, um die Kontrolle über Schädlinge und Krankheiten zu behalten. Die größte Einschränkung kommt hier letztlich von der Gesetzgebung, meint Billens. „Ich darf keinen einfachen Brennnesseltee verwenden, um Blattläuse zu bekämpfen. Gesetzlich sind nur Mittel erlaubt, die am Markt erhältlich sind und eine offizielle Genehmigung haben.“

In diesem Punkt unterscheidet sich die Gesetzgebung auch innerhalb der EU. „Wir leben zwar in einer Europäischen Union mit Ernährungsagentur, aber trotzdem gelten überall andere Regeln.“ Vor gut 20 Jahren waren die Regeln noch nicht so streng. Damals verwendete Billens den Brennnesseltee durchaus öfter. Auch Schachtelhalmtee war in Verwendung. Das Kraut ist reich an Siliciumdioxid, wodurch die Immunität von Pflanzen Krankheiten gegenüber gestärkt wird. Inzwischen verwendet er diese Art von Pflanzenschutzmitteln nicht mehr.

Den Extrakt vom Bitterholz Quassia auch nicht. Gegen Pflanzenwespen, aber auch gegen Blattläuse und andere Insekten funktioniert dieser Extrakt zwar ausgezeichnet. Aber genau das ist auch sein großer Nachteil. Als Bio-Bauer will Billens so wenig Tiere wie möglich töten. Breit angelegte Pestizide töten auch natürliche Feinde. Das ist das größte Problem mit den meisten neuen Produkten der letzten Jahre: sie sind sehr effektiv, „wirken aber oft zu breit“, so Billens. Er bevorzugt es, seine Schädlinge sehr fokussiert zu bekämpfen, da ein Großteil des Lebens im Obstgarten durchaus nützlich ist.

Auch im Bio-Bereich sind immer noch Produkte erlaubt, die durchaus die Umwelt belasten

Kupfersulfat zum Beispiel wirkt gegen Mehltau und vor allem Apfelschorf, eine der häufigsten und gefährlichsten Apfelbaumkrankheiten. Es kann aber auch den Boden belasten. Billens verwendet es im Frühling, um Krankheiten vorzubeugen. Nur: seine Dosis ist dabei zehnmal niedriger als auf der Packung vorgeschlagen. „Im konventionellen Apfelanbau ist es durchaus üblich drei bis fünf Kilo pro Hektar zu verwenden, so wie es auf der Packung steht. Wir verwenden nur bis zu 500 Gramm.“ In Belgien ist das noch erlaubt, während Kupfersulfat in den Niederlanden nur als Mikronährstoff verwendet werden darf. Die gleiche Menge, die Billens gegen Apfelschorf anwendet, ist hier also als Dünger erlaubt. Das macht auch Sinn. „Wenn man am Ende der Saison den Boden testet, sind keine Grenzwerte überschritten. Das heißt der Baum verwendet das Kupfersulfat, er nutzt es.“

Marc van der Sterren

Alternativen sind rar

In Belgien ist etwa ein Gemisch aus Schwefel und Löschkalk erlaubt, Billens nennt es „Kalifornischen Haferbrei“. Früher hat er ihn selbst hergestellt, heute ist er auf dem Markt erhältlich. „Das ist ein sauberes Produkt“, erklärt er. „Es zerfällt in Kalk und ist damit gleichzeitig ein Dünger.“ Die Verwendung ist zudem zeitlich auf Mitte März bis Mitte Juni beschränkt, immer noch genug um Apfelschorf und Mehltau unter Kontrolle zu halten.

Resistenzen

Eine resistente Apfelsorte wäre ideal, aber das wird wohl immer ein Traum bleiben, weiß Billens. „Großhändler und Supermärkte wollen nur die üblichen Sorten.“ In den Niederlanden ist das vor allem Elstar, in Belgien Jonagold. Die besten Absatzmärkte für Bio-Bauern – der Ab-Hof-Verkauf und die Bauernmärkte – eröffnen hier mehr Möglichkeiten. „Es gibt seit Jahren Experimente zu robusteren Sorten. Manchmal ist eine gute dabei. Eine die schmackhaft ist und weniger anfällig.“ Aber Resistenzen sind nie permanent. Billens glaubt daher auch nicht an Genmanipulation. „Man kann die Natur nicht manipulieren. Früher oder später können Schädlinge, vor allem Pilze, die Resistenzen durchbrechen.“ Man bemerke so etwas von einem Tag auf den anderen. „Plötzlich ist die ganze Plantage voll von Mehltau oder Apfelschorf.“ Deshalb hat er seine eigene Wetterstation. „Damit kann ich messen, ob eine große Infektion bevorsteht, und rechtzeitig etwas dagegen tun.“

Natürliche Feinde wie Schlupfwespen, Ohrwürmer und Marienkäfer müssen erhalten bleiben

Gegen die Raupen des Apfelwicklers kann man im ökologischen Landbau das Insektizid „Spinosad“ verwenden. Es funktioniere gut, meint Billsen, aber auch viel zu breit. „Es tötet auch Marienkäfer und Ohrwürmer. Deswegen verwende ich es nur als Notbremse.“ Bakterielle oder virale Pestizide sind hier bessere Alternativen, sie funktionieren fokussierter. „Diese Methoden sind besser geworden, aber man muss sie alle sieben bis zehn Tage wiederholen.“

Eine relativ neue Behandlung ist die „Verwirrmethode“. Pheromone, die männliche Insekten anziehen, werden im gesamten Obstgarten ausgebracht, sodass die Männchen schließlich gar keine Weibchen mehr finden können. „Das zeigt Wirkung, aber vor allem auf großen Plantagen“, erklärt Billens. „Je größer, desto besser.“ Die Apfelwickler fliegen dann weg, um sich außerhalb des Obstgartens zu paaren. Selbst in großen Plantagen, müsse man die Ränder allerdings mit anderen Verfahren behandeln, hat Billens‘ Erfahrung gezeigt. Trotzdem tut er alles um Kollateralschäden zu vermeiden. Natürliche Feinde wie Schlupfwespen, Ohrwürmer und Marienkäfer sind in einem biologischen Obstgarten von höchster Wichtigkeit.

Der Bio-Apfelbauer verehrt das Leben in seinem Obstgarten

Derzeit treiben einige grüne Läuse in den Bäumen ihr Unwesen. Anders als viele andere Blattläuse ist diese Art fast völlig harmlos. Sie richtet nur kosmetischen Schaden an, teilweise sieht man ein paar gekräuselte Blätter. Billens stört sich nicht an den Blattläusen, ganz im Gegenteil, füttern sie doch die Population an natürlichen Feinden. „Es ist als wäre der Tisch für sie gedeckt.“ Viele dieser harmlosen Blattläuse bedeuten also auch viele Ohrwürmer und Marienkäfer. Und die kümmern sich wiederum um die nicht so harmlosen Vertreter.

Die Mehlige Apfelblattlaus etwa kann ein ernstes Problem darstellen. Sie schädigt den Baum und der von ihr abgesonderte Honigtau kann das Wachstum des Baumes und der Äpfel einschränken. Ein Pflanzenschutzmittel, das aus dem Niembaum gewonnen wird, schafft hier Abhilfe und wirkt dabei auch nur gegen diese Blattlaus.

Anfangs musste Billens viele der so nützlichen Insekten noch gezielt in seine Plantage locken. Strohbüschel dienten beispielsweise als ideale Rückzugsorte für Ohrwürmer. Inzwischen kommen die Insekten ganz von selbst, auch weil die Bedingungen stimmen.

„Florfliegen leben in erster Linie von Pollen. Man muss also sicher stellen, dass es genug Blumen gibt.“ Auch sie wachsen mittlerweile in Billens Obstgärten ganz natürlich. An den Rändern sät er Weidemischungen, zwischen den Bäumen blühen Löwenzahn, Gänseblümchen, Butterblume und andere Wiesenblumen. Er mäht nur zwischen jeder zweiten Baumreihe. Erst wenn auch die wieder blühen, werden die anderen Reihen gemäht.

Nur wurzelndes Unkraut wie Brennnesseln, Disteln und Sauerampfer entfernt er sorgfältig mit der Schaufel. Die Baumreihen hält er mit der Hacke frei. Das ist arbeitsaufwändig, aber die beste Lösung. Wühlmäuse verstecken sich nur allzu gerne unter Folien, welche die gleiche Aufgabe erfüllen würden. Räuber haben da keine Chance mehr und die Mäuse können so zur Plage werden.

Das Leben in einem Obstgarten ist unerlässlich für das Ökosystem

Die Konkurrenz mit dem Unkraut muss man als ökologischer Unternehmer in Kauf nehmen. Man muss zufrieden sein, mit dem was die Plantage hergibt. Man kann nie das äußerste aus einem Baum herausbekommen. Das geht schief, weiß Billens aus Erfahrung. „Wenn die Preise runtergehen, ist man manchmal versucht, seinen Bäumen zu viel abzuverlangen.“ Die Rechnung ist eigentlich einfach: Mehr Dünger bedeutet mehr Äpfel pro Hektar. Aber man bekommt fast immer Komplikationen: Baumkrebs, Probleme bei der Lagerung, Blattläuse.

Als Bio-Bauer sollte man weniger Kilogramm pro Hektar als selbstverständlich ansehen und stattdessen Nutzen aus dem höheren Preis für das Produkt und den niedrigeren Kosten für Dünger und vor allem Pestizide ziehen. Mit ein wenig Unternehmergeist kann dann schon ein kleiner Obstgarten ein gutes Einkommen sichern.

Link:
Greenpeace-Studie: Der bittere Beigeschmack der europäischen Apfelproduktion und wie ökologische Lösungen aussehen.

Dieser Artikel ist im August vorherigen Jahres schon einmal erschienen, für den „Schwerpunkt Ernährung“ wollten wir ihn für unsere gewachsene Leserschaft noch einmal vor den Vorhang holen.

 

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