cax
Bild: Christine Ax
30. Juli 2015  /// Gesellschaft Wirtschaft

Arbeitslosigkeit und Wege in eine neue Gesellschaft

Letzten Monat im Standard Online:

Wien – 395.518 Personen waren in Österreich im Mai auf Arbeitssuche. Das sind 6,9 Prozent mehr als vor einem Jahr und so viele wie noch nie. Jahr für Jahr kommen zusätzlich 50.000 bis 60.000 Arbeitskräfte auf den österreichischen Arbeitsmarkt. Johannes Kopf, Vorstandsdirektor des Arbeitsmarktservice (AMS) und Helmut Mahringer vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) sehen laut Standard Online keine Chance, dass sich diese Situation in nächster Zeit entspannen wird. Die Begründung für diesen Abwärtstrend sehen sie ganz klar: Weniger Schulungsteilnehmer beim AMS, meint Kopf, Grenznähe und starker Zuzug in die Metropolregion Wien, meint Mahringer. Weiterhin fehle auch ein Wirtschaftswachstum, welches als das einzige Wundermittel gegen Arbeitslosigkeit präsentiert wird. In der Summe sind auch mehr Menschen erwerbstätig als zuvor – das hingegen finden die Experten verwunderlich.

Was zählt, sind die Lösungsansätze …

Wir haben uns mit Lösungsansätzen zum Thema Erwerbsarbeit beschäftigt. Denn wir finden: Lösungen sind ein wichtiger Baustein beim Diskutieren von Problemen. Die Frage, die sich unseres Erachtens stellt, lautet: Was soll getan werden, um einer wachsenden Arbeitslosigkeit zu begegnen? Und ist die Art und Weise, wie wir in Österreich arbeiten, nicht längst überholt?

Wissenschaftliche Prognosen zeigen das schon lange …

Vor 22 Jahren prophezeite Stanley Aronowitz (University of New York) eine Zukunft ohne Arbeit (“The Jobless Future”). Hochtechnologien würden mehr Jobs überflüssig machen, als neue schaffen. Vor zwei Jahren belegten Carl Benedict Frey und Michael Osborne (Oxford University) diese These mit ihrer Studie “The Future of Employment”. Sie untersuchten, wie viele Jobs in den nächsten 10-20 Jahren höchstwahrscheinlich durch Automatisierung überflüssig würden,  und kamen zu dem Ergebnis, dass in den USA 47 % aller Arbeitsplätze automatisierbar sind. Vor einem Jahr wurde nach derselben  Methode vom Think Tank Bruegel der europäische Arbeitsmarkt analysiert. Sie schätzen die Zahl der Arbeitsplätze, die in Europa überflüssig werden, je nach BIP auf 46 % – 63 %. In Österreich sollen es  54,1 % sein.

2015 ergänzte die Oxford Martin School diese Prognosen: Sie wies darauf hin,  dass Arbeitslosigkeit durch Automatisierung gedämpft werde, weil im gleichen Zeitraum neue Arbeitsplätze in den Bereichen Soziales, Kreatives und besonders im Bereich „Problemlösungen“ entstünden. Dies aber nur sehr begrenzt. Ihre Empfehlung: Innovationen und Bildung fördern und soziale Ungleichheit bekämpfen. Konsum, Luxusgüter und Vermögen sollten besteuert werden. Da das Wirtschaftswachstum in Zukunft niedriger sein werde als erhofft, empfehlen sie, lebenslanges Lernen zu ermöglichen, damit so viele Menschen wie möglich in der Arbeitswelt der Zukunft eine Chance hätten. Wie unsere lernenden Kinder werden wir immer weiter lernen und uns dabei gegenseitig unterstützen.

Die Autoren der Oxford Martin School sprechen in diesem Zusammenhang von  “inclusive growth” und meinen damit ein Wachstum, das alle integriert, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, wirtschaftlicher Klasse, Behinderung und Religion. Ansätze dafür gibt es viele, und sie gehen (wie oben erwähnt und gleich weiter ausgeführt) sehr viel weiter als direkte Einkommensumverteilung.

Auch in Österreich spricht die vom Lebensministerium für zwei akademische Foren 2010 in Auftrag gegebene Literaturanalyse von Hans Holzinger von Umverteilung. Sie zeigt viele Wege auf, wie das gehen könnte, z.B: Arbeitszeitverkürzung, Arbeitszeitumverteilung und Verschiebung. Darunter auch Lebensarbeitszeitkonten oder Teilzeitbeschäftigung. Nicht zuletzt auch, um Zeit für Kinder und Familie zu haben. Da am Arbeitsmarkt Vollzeitstellen gestrichen werden, ohne dass Teilzeitarbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden, müsse dieser Wandel durch staatliche Maßnahmen gefördert werden. Ohne Umverteilung gehe es nicht, da Bildung alleine nicht ausreichend neue Jobs schaffe.

Als Mittel der Umverteilung werden das  “Bedingungslose Grundeinkommen” (BGE), Mischformen wie “Bezahlte Bürgerarbeit” oder gestaffelte Transfereinkommen, die in ein BGE übergehen, vorgeschlagen. Alle BürgerInnen könnten z.B. im Laufe ihres Lebens eine noch näher zu bestimmende Zahl von Freijahren in Anspruch nehmen. Eine weitere Idee besteht darin, alle BürgerInnen mit einer Art „Basiskapital“ auszustatten. Alle Vorschläge dieser Art haben das gleiche Ziel: Mehr Gleichheit (und Inklusion) durch Umverteilung. Welche Maßnahmen am effektivsten wären, bleibt auszuprobieren.

“Effektivität”

Die University of Warwick zeigte in einer Studie, dass “Happiness” (Glück, Zufriedenheit) Menschen rund 12 % produktiver macht. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman (Princeton University) zeigt mit Studien auf, dass zusätzliches Geld, jenseits eines durchschnittlichen Mittelklasseeinkommens, “Happiness” nicht erhöht. Eigene Armut zu lindern, bringt einem selbst also sehr viel Freude und Glück, immer höhere Einkommen hingegen nicht.

Arbeitslosigkeit ist allerdings ein sicherer Weg ins Unglück, selbst dann, wenn die Betroffenen finanziell unterstützt werden. Freude, Glück und Zufriedenheit schwinden und Scheidungsraten, Selbstmordraten und schwere Krankheiten nehmen zu.

Franklin D. Roosevelt sagte sehr zutreffend: “Happiness lies not in the mere possession of money; it lies in the joy of achievement, in the thrill of creative effort.”

Kennon M. Sheldon (University of Missouri) zeigt mit seinen Untersuchungen, dass Sinnhaftigkeit für das Glück und die Zufriedenheit von Menschen wichtiger ist als ein hohes Einkommen. Am unglücklichsten ist, wer mit seiner Arbeit weder ein gutes Einkommen erzielt, noch einer sinnvollen Tätigkeit nachgeht.

Doch woher soll sinnvolle Arbeit kommen, wenn tendenziell keine mehr da ist?

Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit. Arbeit sind auch alle Tätigkeiten, die erforderlich sind, damit eine Gesellschaft funktioniert. Dazu gehören Vereinsarbeit, Kindererziehung, Pflege, Bildung, Forschung, aber womöglich auch Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft.

Sinn in der Arbeit finden wir, indem wir uns der Frage nach dem Sinn unseres Lebens und unserer Taten tatsächlich stellen und dieser lange genug nachgehen können, um sie uns überzeugend zu beantworten.
Der Sinn gibt uns Motivation und Kraft, die Arbeit zu finden die uns erfüllt, womit wir wieder bei der Produktivität wären.
Menschen muss also die Möglichkeit gegeben werden, ihren Sinn zu finden und mit Zielen zu verfolgen, um eine Gesellschaft mit Freude, Glück und Zufriedenheit stabiler weiter zu entwickeln.

Automatisierung nimmt Wiederholung und Dauer aus unserer Arbeit. Das macht unser Leben länger und einzigartig. Der Staat (also im Endeffekt wir) muss uns also erlauben und ermöglichen, sinnvolle, problemlösende Arbeit zu kreieren und dieser nachzugehen.
Die Chancen der Automatisierung und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit bieten unserer Gesellschaft eine einzigartige Möglichkeit, durch den Sinn unserer Arbeit das Konzept Arbeit neben dem Begriff des Lebens hinfällig werden zu lassen.

Was kann jeder von uns tun?

Wir könnten uns darüber Gedanken machen, ob uns die Erwerbsarbeit gefällt, mit der wir unser Geld verdienen. Jede Woche verbringen ÖsterreicherInnen durchschnittlich fast 40 Stunden im Job. Da scheint es uns doch wirklich eine Zeitvergeudung zu sein, wenn wir diese Zeit nicht für etwas investieren, das wir gerne tun. Es ist also an der Zeit in erster Linie nach dem Sinn zu fragen.  Wo stecken unsere Leidenschaften und Stärken? Wie wollen wir leben?

Jetzt werden die meisten denken, dass das nicht so einfach umsetzbar ist. Schließlich kann man ja nicht von heute auf morgen einfach den Job kündigen und das ganze Leben auf den Kopf stellen. Glücklicherweise gibt es aber Projekte, die darauf aus sind, die Art, wie wir heute unser Leben gestalten und wie wir arbeiten, zu verändern, sodass wir glücklicher werden. In Deutschland gibt es beispielsweise das Projekt Work Life Romance, das von Robert Kötter und Marius Kursawe gegründet wurde. Es hilft allen, die aus ihrer Berufssackgasse aussteigen wollen und ihren Beruf mit ihren Leidenschaften, Talenten, Träumen und Interessen verbinden wollen, aber nicht wissen, wie sie das anstellen können.

Sehr ermutigend sind natürlich auch die vielen Menschen, die ihre Leidenschaft gefunden haben und denen es gelingt, damit ihr Geld zu verdienen oder zumindest die meiste Zeit ihres Lebens damit zu verbringen. Beispiele dazu findet man im Blog Way to Passion.

Für alle die, die nicht gerade eine neue Erwerbsarbeit suchen oder aufbauen wollen, gibt es natürlich auch die Möglichkeit darüber nachzudenken, ob man nicht zu viel arbeitet. Ist es denn wirklich nötig, dass wir 100 % arbeiten? Gibt es eine Möglichkeit auf Teilzeit umzusteigen und die gewonnene Freizeit für das einzusetzen, das man wirklich gerne tut? Wieso nicht den eigenen Job mit einer zweiten Person teilen? Dafür gibt es Jobsharing.

Viel Spaß beim Umgestalten!

Über den Artikel

Wir bekommen häufig Statistiken zu lesen, die unsere Zukunft schwarzmalen. Wir werden mit Meldungen bombardiert, die uns “auf dem neuesten Stand” und “informiert” halten. Die Umstände, unter denen Journalisten heute arbeiten, sind dieser Tage nicht einfach. Niemand ist Schuld daran, dass unsere Nachrichten uns eher in die Passivität drängend, als uns zu inspirieren. “Als ich aufhörte, Nachrichten zu sehen und Zeitungen zu lesen, wurde ich glücklicher und vieles in meinem Leben hat sich verbessert”, sagt Rajesh Setty, vielfacher Autor und Gründer zahlreicher Unternehmen im Silicon Valley. Heutzutage deprimiert es, Zeitung zu lesen. Das muss nicht so sein. Aus diesem Grund bieten wir lösungsorientierten, qualitativen Journalismus, der genau das Gegenteil zum Ziel hat: Er soll inspirieren. Alles ist eine Frage der Perspektive, meinen wir, daher präsentieren wir die negativsten Artikel in neuem Licht.

 

Weiterführende Links:

http://workliferomance.de/

http://waytopassion.com/

https://www.tandemploy.com/de/home

Eine Antwort zu “Arbeitslosigkeit und Wege in eine neue Gesellschaft”

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.