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31. Mai 2017  /// Athener Tagebuch

Athen im Mai

Die griechische Krise ist wieder da. Ist sie das wirklich? Es sieht so aus, weil sich der IWF und Schäuble nicht einigen können. Dabei hat Deutschland gut verdient mit dem niedrigen Euro. Man spricht von 300 Milliarden, die mit den günstigen Zinsen zusammenhängen. Möchte man das Land deshalb in der Krise halten? Wäre ein Argument, das wir jedoch so nicht stehen lassen können.
Warum? Darauf gehen wir später ein.

Eine andere Frage entsteht jedoch in diesem Zusammenhang. Was macht eigentlich die Euro-Gruppe wenn das Thema Griechenland vakant ist? Dann müssten sie sich endlich um die europäischen Themen kümmern. Also Ablenkungsmanöver von den eigenen Problemen? Es gibt starke Anzeichen dafür, weil die italienischen Banken wackeln und, man glaubt es kaum, auch die deutschen.

Wie kann Europa geliebt werden von seinen Bewohnern, wenn politische Spiele auf ihren Schultern ausgetragen werden, nur um das eigene Ego oder das Ego eines Landes zufrieden zu stellen? Es braucht sich also keiner zu wundern, wenn immer mehr der europäischen Politik überdrüssig werden.

Und wer blickt denn eigentlich noch durch bei diesen ganzen Sitzungen? ESM, Euro-Gruppe, EZB,… die sich alle mit einem Thema beschäftigen: GELD!

Sie sprechen über Milliarden und der normale Bürger redet über 2.000 oder 3.000 Euro. Was sind das für Unterschiede? Wahrscheinlich nur Peanuts, an denen ganze Familien hängen und von leben müssen. Da werden Summen verschoben, bei denen keiner weiß wo sie hinfließen und die älteren Rentner müssen sogar bei ihren Zahnbehandlungen drauf zahlen! Eine Unverschämtheit, zumal sie die Basis für die heutige Generation sind und selbst durch Kriege gehen musste, um dann wieder alles zerrüttete wieder aufzubauen, von dem ihre Kinder und Enkel heute leben.

Aber kommen wir nicht vom Thema ab, weil die Krise immer noch in Hellas existiert. Und welche Teilschuld oder Mitverantwortung trägt das Land, die Bürger, die Institutionen, die Firmen? In Prozenten kann man es sicherlich nicht ausdrücken. Und wo ist die Wurzel des Übels bzw. der Niedergang des Landes festzustellen?

Nicht nur an der südländischen Mentalität. Nein, die ist nun einmal lockerer und lebensfreudiger. Nein, es ist der Wille Verantwortung zu übernehmen für die Fehler der Vergangenheit. Der Wille die dschungelartige Bürokratie auf den Ämtern, in den Firmen endlich zu lichten. Alle wollen es. Können sie es auch? Diese Frage beschäftigt mich seit Jahren, seitdem ich in Athen lebe.

Und eine exakte Antwort darauf habe ich noch nicht gefunden. Jedoch festgestellt, dass es mir bekannte Unternehmen gibt, die absolut europäisch und auf höchstem Niveau arbeiten. Hier wäre zuzufügen, dass sie alle international tätig sind und gewissermaßen gezwungen waren, ihre firmeninterne Organisation anzupassen. Natürlich sitzen diese Firmen meistens in Athen und Thessaloniki. Auf den Inseln herrscht heute noch ein ganz anderes Verständnis zu diesem Thema.

Dort lebt man abseits, teilweise über 8 Stunden mit dem Schiff reisend (von Piräus), auf sich alleine gestellt im Winter, bei Winden bis zu Stärke 10. Es ist also ganz selbstverständlich, dass man zwar Internet hat und im Sommer von ausländischen Touristen umgeben ist, aber das auch nur für 3-4 Monate. Dann verfällt man wieder ins „Insel-Dasein“. Wem kann man es verübeln, weil es absolut selbstverständlich ist.

Oder glaubt jemand, dass es in der schneelosen Zeit in den Alpen anders ist?

Man lebt also eine andere Geschwindigkeit, wie ich es ausdrücke. Da hilft auch das Internet nicht, weil im Kafenion nebenan oder auf den Fischerkuttern das Leben andere Maßstäbe hat.

Und jetzt kommen unsere netten Technokraten aus Europa und wollen diesen Menschen erzählen wie sie zu leben haben. Wie gesagt, das geht vielleicht in Athen, aber auch hier nur bedingt, weil der Grieche ein Händler ist, soll heißen, er liebt es selbständig zu sein. Und laut europäischer Statistik sollen sie tatsächlich an erster Stelle liegen mit über 50%. Das bedeutet, jeder zweite Grieche ist „nicht angestellt“. Die großen Industrieländer haben eine Quote von 1:8.

Wie kann man hier verlangen, dass einer den anderen versteht? Das kann man nicht und ist auch nicht notwendig. Und wie kann man trotzdem gegenseitiges Verständnis aufbringen für diese unterschiedlichen Kulturen, Strukturen und Lebenseinstellungen? Ganz einfach. Durch gegenseitige Toleranz. Und hier tragen alle Seiten eine Teilschuld bzw. Mitverantwortung, weil ihnen diese Toleranz abhanden gekommen ist.

Die Verantwortung wird die nächste Generation übernehmen, die freier, toleranter, multinationaler und respektvoller denkt und lebt. Freuen wir uns auf diese Generation!

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