4. Juli 2015  /// Griechenland Leben Politik

Athener Tagebuch (1)

Auf dem Wochenmarkt

Wie jeden Samstag kaufe ich ökologische Eier von der gleichen „Eierfrau“ ein, wie ich sie mittlerweile nenne. Eine Frau Mitte Vierzig, verheiratet und zwei Kindern.

Sie lächelt immer, auch heute begrüßt sie mich schon von weitem. „Und?!“, war ihre erste Frage. „Und was?“ antwortete ich. „Ich hätte gerne wie immer 6 Eier!“ „Nein, nicht das! Wegen morgen, was meinen Sie dazu?“

Ich fragte sie: „Was sagt ihr Herz?“ und sie schaute mich mit einem Gesicht an, das tausend Bände sprach!!! Sie wusste worauf ich hinaus wollte, nämlich auf ihr Gefühl zu hören und nicht auf die Logik.

Sie wußte auch, dass ich als Deutscher genau diesen Punkt, dieses griechische Ehrgefühl getroffen hatte.

Wir sprachen nicht weiter, sondern verabschiedeten uns mit einem netten Augenzwinkern und wussten beide, was das zu bedeuten hatte.

An der Kasse im Supermarkt

Der Supermarkt bei uns in der Nähe war wie immer am Samstag voller Menschen, die für das Wochenende einkauften. Heute waren es aber mehr als sonst und alle kauften irgendwie hektisch ein, als wenn sie erwarten würden, dass etwas passiert, ohne es genau beschreiben zu können.

Nach dem Einkauf begab ich mich an die Kasse zum Bezahlen. Hinter mir eine ältere Dame, die den Einkaufswagen voll hatte mit Toilettenpapier.

Ich sah die Kassierin an, dann die ältere Dame und schmunzelte, konnte mich gleichzeitig aber nicht zurückhalten die Dame etwas Humorvolles zu fragen. Das tat ich ein bisschen lauter, weil ich wollte, dass auch die anderen in der Schlange es mithören konnten.

Höflich, mit Respekt vor der Dame, aber gezielt sagend: „Wünsche Ihnen Gute Besserung gnädige Frau!“ Sie schaute mich überrascht an und ich wusste, dass sie mich fragen würde: „Warum sagen Sie mir das, ich bin nicht krank!“ Mit einem Lächeln erwiderte ich: „Das freut mich, denn ich dachte Sie hätten einen Magen-Darm-Virus, weil Sie so viel Toilettenpapier eingekauft haben. Das reicht ja für drei Monate !“ Sie errötete ein bisschen und wusste nicht, was sie antworten sollte. Alle die in der Nähe standen fingen an zu lachen, auch die Kassierin. Ich nahm die Hand der älteren Dame und schaute ihr mit einem freundlichen Lachen in die Augen und jetzt hielt es sie auch nicht mehr. Sie lachte und lachte und es war eine ungemein solidarische und familiäre Stimmung, die sich in der Kassenschlange ausbreitete.

Draußen vor dem Supermarkt traf ich sie wieder und sie sagte zu mir: „Wir sollten uns nicht verrückt machen lassen und Ruhe bewahren!“ …..weise Worte und eine schöne Erkenntnis.

In der Schlange vor der Bank

Wie bereits die ganze Welt weiß, können wir zurzeit pro Tag höchstens € 60 abheben. Was die Welt nicht weiß, ist, dass es keine Zwanziger mehr gibt. Deswegen sind es nur € 50, denn Fünfziger sind ausreichend vorhanden.

Es standen gut 10 Personen in der Schlange und wie man weiß sind die Griechen sehr redsam (ich mittlerweile auch) und so kam ich mit meinem Hintermann ins Gespräch.

Er sei Geschäftsmann und (eher konservatives Äußeres) kam auch gleich aufs Thema. „Wir“, damit meint er die Griechinnen und Griechen, „lassen uns das nicht gefallen. Wir lassen uns nicht unterdrücken. Egal von wem!!!“ und „Das lässt unser Ehrgefühl nicht zu!“ Weiterredend meinte er: „Es gab schon schlimmere Zeiten und wir haben es geschafft, wir werden es auch diesmal schaffen!“

Da war es wieder, dieses Wort „Ehrgefühl“.

Jetzt war ich an der Reihe und ich sagte ihm, ich wäre Deutscher. Er war sehr gut informiert über die Skandale von Schäuble und über das CV von Merkel. Er hat in Italien studiert, in den USA gelebt und durchreist ganz Europa. Er erzählte mir, dass er vor einer Woche in Milano gewesen war und beschrieb in wenigen Worten die dortigen Probleme, die bisher in Europa noch gar nicht diskutiert werden, geschweige denn auf der Tagesordnung stehen. Auch ließ er mich wissen, dass die Italiener zu ihm gesagt hätten „Ihr habt es gut, Ihr habt wenigstens noch die Sonne, aber WIR ?“

Damit spielte er auf die Schulden des Landes an, die vielen Entlassungen, die Jugendarbeitslosigkeit, die Angestellten, die nur mit sechsmonatigen Zeitverträgen ausgestattet werden und auf den Aufkauf der Modeindustrie um Milano herum durch chinesische Firmen.

Ich hörte ihm gespannt zu, war aber jetzt selbst an der Reihe und hob € 50 ab. Auf dem Weg zum Auto, rief er mir noch nach: „Sie werden morgen sehen wie stark das ΟΧΙ, also das NEIN ausfällt !“ und ich lachte herzlich.

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