22. Juli 2015  /// Griechenland Leben

Athener Tagebuch (19)

Wir waren gestern Abend bei einer Freundin eingeladen. Sie ist Ärztin, genauer gesagt Gynäkologin. Da lag es natürlich nahe zu fragen: „Wie ist eigentlich die Situation in den staatlichen Krankenhäusern? Gibt es Medikamentenmangel bzw. Probleme mit der Versorgung der Patienten? Man hört so viele negative Berichte. Entsprechen die überhaupt der Wahrheit?“

Sie erklärte uns, dass sich die Lage seit dem Beginn der Krise 2010 verschlechtert habe. Eine Modernisierung der Krankenhäuser sei notwendig und im letzten Jahr seien aus Geldmangel viele geschlossen worden. Die Grundversorgung sei jedoch gewährleistet und Berichte, dass es teilweise nicht einmal Toilettenpapier gebe, seien frei erfunden. Auch müssten die Kranken nicht ihre eigene Bettwäsche mitbringen. „Das ist reine Propaganda“, meinte sie.

Dass die griechischen Standards nicht den europäischen entsprechen, ist jedoch korrekt. Die Ärzte genießen dennoch, aufgrund ihrer qualifizierten Ausbildung, einen sehr guten Ruf im In- und Ausland. Und leisten unter den bestehenden Bedingungen hervorragende Arbeit. Man sollte nicht vergessen, dass ein griechischer Arzt nach dem Studium mit einem Grundgehalt von nur  € 900 beginnt. Erst im Laufe der Jahre erhöht sich das auf bis zu € 1.500.

Da hat sie Recht, das entspricht wirklich nicht europäischen Standards!

Es gab aber auch positive Veränderungen, die mit der Reduzierung der Profite der Pharmagroßhändler zusammenhängen. Aufgrund einer Order aus Brüssel durften die ansässigen Pharmafirmen nur 10 % des Bedarfs abdecken und an die Krankenhäuser liefern. Damit wurde die ausländische Pharmaindustrie gefördert! Man zwang sozusagen den Staat, im Ausland teurer einzukaufen! Das nennt sich dann „Belebung des Wettbewerbes“. Es sieht wohl eher so aus, als sei die Lobby der großen Pharmafirmen in Brüssel gut besetzt!

Seit einigen Monaten hat man das geändert. Man unterstützt die einheimische Industrie und die Medikamente können billiger eingekauft werden. „Das dies natürlich einigen Ärzten, die daran sehr gut verdient haben, nicht gefällt, ist doch klar!“, erklärte sie uns.

Auch die Apotheken klagen, weil in Zukunft einige, nicht verschreibungspflichtige Medikamente in Supermärkten verkauft werden können. Auch hier liegt der Grund auf der Hand, denn die Kunden können dann neben einem einfachen Kopfschmerzmittel auch zugleich Cremes, Pampers, Zahnbürsten und mittlerweile sogar Gesundheitsschuhe kaufen. Eigentlich ist das ein „medizinischer“ Supermarkt. Durch die Verlagerung befürchten die Apotheker nun, dass die Kunden nur noch in die Apotheke kommen, um verschreibungspflichtige Medikamente einzukaufen. Somit rechnen die Apotheken, die in Griechenland Gewinnspannen von bis zu 30 % haben, mit enormen Einbußen.

Als wir uns das alles so angehört haben, stellten wir uns die Frage: „Wird diese Profitgier jemals ein Ende haben?“

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