5. Juli 2015  /// Griechenland Leben Politik

Athener Tagebuch (2)

Nachmittags vor dem Wahllokal

Es war ruhig. Sehr ruhig, denn die Griechen waren noch am Strand. Bei 38°C im Schatten geht man nicht so gerne zum Wählen. Deswegen werden es sehr viele vorziehen, nach dem erfrischenden Bad an den Wahlurnen ihre Stimme abzugeben. Die sind schließlich noch bis 19.00 geöffnet.

Meine Ehefrau wählt in Voula, einem Vorort südlich von Athen, nicht weit vom Meer. Die Griechen im Altertum benutzten diesen Weg über Voula und Vouliagmeni, um zum berühmten Poseidon-Tempel, der in Sounion liegt, zu gelangen.

Die verschiedenen Wahllokale sind nach dem Alphabet geordnet. Keine Warteschlangen.

Keine lauten Diskussionen. Menschen aller Altersklassen waren zu sehen. Auch ein Polizist, der im Schatten saß und gemütlich seinen Eiskaffee trank und eine Zigarette dazu rauchte. Eben alles typisch griechisch.

Wir trafen eine Familie aus Andros, er Neurologe, mit seiner Gattin und deren Mutter.

Er fragte nicht, was meine Frau wählen würde, umgekehrt ebenso nicht. Mehr aus Höflichkeit und Respekt. Jedoch tauschten wir Informationen aus, an denen man ungefähr erkennen konnte, wie seine persönliche Einschätzung war.

Er ist jetzt Rentner und weiß, was es bedeutet, die Hälfte der Rente gestrichen zu bekommen. Das ist für ihn sehr unerfreulich und wenn er nicht gespart hätte, dann wäre es für ihn schwierig im täglichen Leben.

Er ist nicht reich, aber gut situiert mit einem Haus in Athen und einem Wochenendhaus auf der Insel Andros. Deswegen beklagte er sich auch nicht, sondern stellte nur fest, wie die Lage zurzeit sei und warum es in den letzten fünf Jahren dazu gekommen ist. Er ist ein konservativer Wähler, schwer enttäuscht von der Vorregierung und von deren Korruption, die sie nicht unterbunden, wohl aber noch gefördert hat.

Auch über die griechischen TV-Stationen, die dem Staat Hunderte von Millionen schulden und bisher von allen alten Parteien hofiert wurden. Wie heißt es so schön:„Eine Hand wäscht die andere!“ Man sollte nur nachher schauen, ob die Hände auch wirklich sauber sind!!

Diese Ungerechtigkeit mache ihn traurig, gleichzeitig aber auch wütend und ärgerlich, denn wie soll der Rentner und der normale Bürger diese große Last tragen, wenn die Reichen nicht auch dazu beitragen.

Diese Frage ließen wir unbeantwortet und verabschiedeten uns. Gleichzeitig konnte man sehen, dass die ganze Familie, die (ökonomisch) wohl zum guten Mittelstand zählt, ihr Kreuz nicht für eine Partei gemacht hatte, wohl aber für die Demokratie im Lande.

Im Café

Nach der Wahl gingen wir ins Zentrum von Voula und tranken einen Kaffee. Die Platia war sehr gut besucht und eigentlich wie immer an einem Sonntag. Es gab keine Anzeichen von Wahlkampfstimmung oder desgleichen. Die Menschen lachten und plauderten miteinander.

Der Eigentümer des Cafes ist ein Freund und so machte er auch gleich seinen Unmut deutlich. Eigentlich ist er ein zurückhaltender Typ, aber heute redete er drauf los und erklärte uns auch, warum er NEIN gewählt hatte!

Das war doch mal eine klare Aussage, dachte ich und er fuhr fort, dass er für das Land wählt, nicht für eine Partei. Denn links wäre er nicht, eher ein Mensch des Zentrums.

Aber die letzten Monate und vor allem die letzten Tage hätten ihm gezeigt, dass man dieses Demokratieverständnis der Griechen nicht will! Und das kann er nicht hinnehmen. Ihm ging es vielmehr darum bestimmten europäischen Politikern und den Völkern Europas klar zu machen, dass man hier mit NEIN oder JA wählen kann und morgen trotzdem wieder vereinigt ist und miteinander lebt. Es dürfe keine Spaltung im Lande geben, betonte er besonders. Wir sollten auch die positiven Seiten der Deutschen und Österreicher annehmen und endlich anfangen mit der Korruption aufzuräumen. Die Bürokratie zu reorganisieren. Den aufgeblähten Staatsapparat abbauen und anfangen zu arbeiten. Diese Länder zeigten es uns doch jeden Tag, was man schaffen kann, wenn man den Willen dazu hat.

Selbstkritik verbunden mit dem Willen etwas für das Land zu tun. So denken viele Griechen, die sicherlich anders sind als viele Europäer, aber der Wunsch zu leben und dafür auch zu arbeiten ist stark vorhanden. Er arbeitet in seinem Cafe übrigens rund 12 Stunden am Tag.

 

 

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