Dieter Bartels
Bild: Dieter Bartels
23. Juli 2015  /// Griechenland

Athener Tagebuch (20)

Die Fahrt ins Zentrum von Athen gestern war mit einem Besuch bei einer Freundin verbunden, die seit 20 Jahren ein Damen-Modegeschäft besitzt.

Ein kleiner Laden in Kolonaki, einem Viertel, in dem die etwas teureren Geschäfte ansässig sind. Viele Botschaften und Konsulate, Vertretungen ausländischer Firmen und Bankzentralen.

Bevor ich jedoch darüber schreibe, möchte ich kurz über einen Bankenskandal berichten, der soeben in allen TV-Kanälen läuft.

Im Zeitraum zwischen 2000 und 2012 soll der Staat, durch illegale Kreditvergabe der Agricultural Bank, um 5 Milliarden Euro geschädigt worden sein. Die Ergebnisse der Nachforschungen wurden bereits an die Staatsanwaltschaft von Athen weitergeleitet. Gut informierte Quellen sagen, dass Darlehen an die Eigentümer der TV-Kanäle ausgegeben wurden, die, wie wir alle wissen, rein gar nichts mit der Agrarwirtschaft zu tun haben. Der zuständige Minister für Korruption meinte, dass es einer der größten Skandale der letzten 20 Jahre sei!!!

Die Oligarchen bedienten sich wiederholt und kommen wieder ins Spiel, zum Nachteil der Bürger. Ist das nur die Spitze des Eisbergs? Wir werden sehen!

Kommen wir zurück zu unserer Freundin, die sehr gesprächig ist. Sie ist, wie wir sagen, eine regelrechte Plaudertasche. Aber sehr sympathisch, weil sie uns schon beim Betreten des Geschäfts ihr Herz ausschüttet. Zur Erfrischung hat sie extra frisch gepressten, eisgekühlten Zitronensaft mit Minzblättern bestellt.

Sie erzählt uns von der Flaute in Athen und den umliegenden Läden, die seit Jahren leerstehen. Dass sie bisher überlebt hat, hängt mit der guten Qualität der italienischen Ware und ihrem persönlichen Einsatz zusammen. Sie opfert jede freie Stunde, um die Stammkundschaft zu halten und um, wie sie sagt, „up to date“ zu sein.

Gerade aus Mailand gekommen, berichtete sie uns, was dort los ist. Ihr wurde von den Kleiderproduzenten erzählt, dass chinesische Einkäufer mit Kisten voller Bargeld anreisen, um Firmen aufzukaufen. Das ist dramatisch, weil die Konjunktur ohnehin am Boden liegt. Es geht die Angst um, dass sie, die Italiener, der nächste Problemfall in Europa sein werden.

Auch in Italien wurden Milliarden von Euros über die Schweizer Grenzen gebracht. Das Land blutet aus, die Jugendarbeitslosigkeit ist extrem hoch und die Arbeitslosenzahlen steigen. Sie meinte, die Geschäftsleute dort seien regelrecht deprimiert angesichts der kritischen, ökonomischen Lage und gaben ihr einen Satz mit auf den Weg nach Athen: „Ihr habt wenigstens noch die Sonne, aber was bleibt uns?“

Schockiert über diese Eindrücke, war sie richtig froh wieder in Athen zu sein.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.