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Athener Tagebuch (5)

Athen in einer bedrückenden Stimmung

Das gestrige Treffen in Brüssel hat bedauerlicherweise den Knoten nicht gelöst.

Die Menschen sind davon betroffen, weil sie doch nur NEIN gesagt haben und niemanden damit beleidigen wollten. Sie wollten einfach nur ausdrücken, was sie empfinden und mit der Politik der Austerität nicht einverstanden sind. Auch wollten sie Europa zeigen, dass sie diese jahrelange Korruption nicht mehr ertragen, die mit den alten Volksparteien zusammenhing.

Europa hat jahrelang zugeschaut, hat jahrelang Schmiergelder bezahlt für Panzer, U-Boote, Waffen etc. Und niemand hat sich darüber beklagt, niemand hat den Finger gehoben und gesagt: „Mit uns nicht!“

Und jetzt sagen die Europäer genau diesen Satz? Nur weil es zu einer Volksabstimmung kam, nur weil sich die Griechen von diesem Korruptions-Sumpf befreien wollen?

Ein Wechselbad der Gefühle geht durch die Bevölkerung, wie eine schottische Dusche, wie wir hier zu sagen pflegen! Mal kalt, mal heiß! Mal viel Wasser, mal keins!

Das drückt auch der Zeitungsverkäufer an seinem Kiosk aus. Er hat regen Betrieb, man informiert sich, man kauft Zigaretten und erfrischende Getränke. Für ihn ist jeder Tag gleich. Und doch lacht er nicht mehr so wie vor ein paar Tagen.

Auf meine Frage warum, antwortete er: „Bei diesem Zick-Zack-Kurs, kann einem wirklich das Lachen vergehen!“ und fortführend „Seit Februar hören wir, dass das Land bankrott ist und seit letztem Jahr gibt es nur noch Faxe, in denen uns Termine gesetzt werden!“ „Als wir U-Boote kauften, da waren alle viel freundlicher zu uns und haben auch noch Kredite dazu angeboten!“ Seufzend: „Aber was solls, Politiker müssen sich keine Sorgen um ihr monatliches Einkommen machen, wir zahlen ja immer pünktlich!“ Ich nickte nur stillschweigend und auf dem Fußweg nach Hause, dachte ich mir, wie Recht er hatte und wie plausibel er es in wenigen Sätzen ausdrückte.

Zuhause angekommen erwartete mich schon ein Telefonat aus Deutschland, von meiner Mutter. Sie macht sich Sorgen. „Hast Du zu essen?“ war ihre erste Frage. „Und was machen sie nur mit Euch!“ Sie meinte: „Wir wurden aus unserer Heimat vertrieben, und nach dem Krieg haben wir in der Landwirtschaft gearbeitet, damit wir etwas zu essen hatten. Was für eine schlimme Zeit. So etwas darf nie wieder passieren.“ Eine Frau mit 90 sagte mir in wenigen Worten, was eigentlich jeder Politiker wissen müsste, was er unter Eid gegenüber dem Volk geschworen hat. Oder haben sie doch schon wieder alles vergessen?

Zur Erinnerung brachte die „New York Times“ heute auf der Titelseite: Germans Forget Postwar History Lesson on Debt Relief in Greece Crisis

Und 1953 hatten auch die Griechen unterschrieben. Das sollte man wirklich nicht vergessen!!

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