10. Juli 2015  /// Gesellschaft Griechenland Politik

Athener Tagebuch (7)

Und wieder ein Tag der Entscheidung. Wie oft haben wir diesen Satz in den letzten Monaten, in den letzten Jahren gehört!

Und wieder steht Griechenland vor dem Staatsbankrott. Auch einen Satz, der in den letzten Monaten fast wöchentlich durch den Medienwald ging.

Die Frage ist, steht das Land dieses Mal wirklich vor dem Absturz ?

Es könnte stimmen, wenn man das hektische Treiben der Regierung, der Oppositionsparteien, der Eurogruppe, der Staats- und Regierungschefs der anderen europäischen Länder sieht.

Wie reagieren die Bürger? Wie stehen sie dazu? Was sind ihre Ängste? Besteht ein Funken Optimismus?

Die Bürger reagieren gelassen. Gestern gab es eine Veranstaltung von Tausenden von Menschen auf dem Syndagma-Platz für den Verbleib in Europa. Heute wurde eine Versammlung angesagt, die gegen die Sparpolitik ist. Und das bisher ohne irgendwelche Zwischenfälle.

Das zeigt demokratisches Verständnis und Toleranz gegenüber der anderen Meinung.

Die Parteien tagen heute schon den ganzen Tag und heute Abend soll eine Abstimmung im Parlament stattfinden. Alexis Tsipras möchte eine Vollmacht von den Abgeordneten, dass er, auf der Grundlage der griechischen Vorschläge, weitere Verhandlungen mit den europäischen Partnern führen kann.

Natürlich gab es von der extremeren, linken Parteihälfte Widerstand. Sie bestehen immer noch auf das Programm von 2014 in Thessaloniki. Sie bestehen auf einem Programm, dass bisher nicht realisiert werden kann, wie internationale Ökonomen bestätigen.

Tsipras hielt eine Rede vor seinen Abgeordneten mit einer wichtigen Aussage: „Entweder gehen wir gemeinsam oder wir verschwinden gemeinsam!“ Das hat doch einige aufgerüttelt und die Zahl der Abtrünnigen hat sich stark reduziert. Wie viele es wirklich sein werden, werden wir heute Abend bei der Abstimmung sehen.

Da er den Fraktionszwang aufgehoben hat, kann er mit den Stimmen der Oppositionsparteien rechnen und mit einer großen Zustimmung.

Die Ängste der Griechen sind eigentlich in einem Satz zusammengefasst: „Was passiert morgen?“

Es geht um die Perspektiven eines Landes und nicht nur um Reformen, wie sie genannt werden. Perspektiven für die jungen Leute, für die Rentner, für die Unternehmer, die Selbständigen etc.

Das geht nur mit einem wirtschaftlichen Aufschwung und hier wird und muss angesetzt werden. Ein Volk, jedes Volk, braucht das Gefühl, dass der morgige Tag auch ein Tag der Hoffnung sein kann. Hier sind jetzt auch die Europäer gefordert, denn wenn es nur finanzielle Reformen sind, ohne einen Schimmer der Hoffnung, dann wird auch diese Vereinbarung keinen Erfolg haben.

Die Griechen hatten letzten Sonntag 62% mit NEIN gewählt, aber auch 100% für Europa und die Stimme Alexis Tsipras gegeben. Damit ist er der starke Mann in Griechenland. Er hat das Land in die Weltpresse gebracht. Er hat dem Land wieder seinen Stolz gegeben. Aber Vorsicht! Zu viel Stolz ist keine Tugend, sondern kann die Persönlichkeit zerbrechen.

Es herrscht eine gute Stimmung. Eine abwartende. Eine beobachtende, aber keine melancholische, geschweige denn deprimierende. Man ist sich der Situation bewusst und alle wollen jetzt dazu beitragen, dass der „morgige“ Tag ein GUTER wird!

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