11. Juli 2015  /// Griechenland Leben Politik

Athener Tagebuch (8)

„Ein eigenartiges Völkchen, diese Griechen“, sagte mir ein gestern ein Gesprächspartner aus Berlin am Telefon. Da hat er Recht. Die Griechen sind sicherlich nett und freundlich, aber auch revolutionär mit einem Hang zum Extrovertierten. Dann wieder extrem konservativ, bis hin zur Anarchie auf bestimmten Inseln. Beispiele sind Kreta und Ikara, Inseln auf denen auch heute noch fast jedes Haus einen Karabiner im Schrank hat.

Bei Hochzeiten in den Dörfern kommen sie dann ab und zu zum Einsatz. Keiner Regierung ist es bisher gelungen die Waffen und Gewehre einzusammeln. Aber warum auch? Wir sind hier nicht in Amerika! Es gibt so gut wie gar keine Gewalttätigkeiten mit den Waffen, geschweige denn Amokläufe. Nein, die Insulaner haben sie noch in ihren Schränken aus der Zeit der Revolution gegen die Türken.

Und wie meinte ein Kreter: „Man weiß ja nie!“, wobei dieser Satz mit einem untersetzten Lächeln und einem Augenzwinkern ausgesprochen wurde.

Deswegen passt der Grieche auch in kein genormtes Bild, so wie es die Nordeuropäer gerne hätten. Sie sind hier alle ein bisschen wie „Zorbas der Grieche“.

Ja, es ist manchmal chaotisch hier. Ja, es stimmt, die Griechen sind desorganisiert, sodass man sich manchmal – manchmal auch öfters – die Haare raufen muss. Ja, die Griechen lassen alle „Fünfe“ gerade sein. Das geht zwar mathematisch nicht, aber im Leben! Und das ist es was die Griechen wollen: „leben“! Diese Form der Freiheit, zu entscheiden, wie sie leben möchten, die überlassen sie keiner Eurogruppe, keiner Regierung. Und wer immer diese Freiheit einschränken möchte, stößt auf Granit, besser gesagt, auf Marmor!

Hinter dieser so chaotischen Maske verbirgt sich ein Gesicht, dass die Menschen, die in dieses Land kommen besonders schätzen: die Gastfreundschaft.

Egal wo sie hingehen, ob zu einer fremden Familie oder zu einem Geschäftstermin, zuerst bietet man ihnen etwas an, gibt ihnen das Gefühl, HIER ist auch DEIN Zuhause.

Eine kleine Geschichte zum Abschluss von der Insel Ikara, die eigene „Gesetze“ hat, wie sie es nennen. Wir würden sagen, sie haben gar keine! Warum fragt ihr? Weil sie keine Uhrzeit kennen, keine regulären Öffnungszeiten, keinen Diebstahl, null Kriminalität. Ein ganz normales soziales Leben, von dem wir alle träumen.

Der Bäcker ist beim Fischen, aber die Bäckerei ist geöffnet, nur es ist keiner drin. Also nimmt man sich das Brot und legt das Geld auf den Tresen. Der Apotheker ist auch nicht in seiner Apotheke, weil er gerade mit dem Bäcker fischen ist. Also muss man gegen späten Vormittag wieder kommen. Dafür kann man Brot und Medikamente auch noch nachts kaufen. Man hat ja Zeit!!

Weil ich dieses Land so innerlich liebe (ich muss wohl in meinem letzten Leben ein Grieche gewesen sein), die Sprache gut beherrsche und auch die Lebensgewohnheiten, die Mimik und Gestik angenommen habe, genieße ich eine bestimmte Form von Narrenfreiheit…..klingt gut, das gefällt mir! Ich kann und darf ihnen sagen, was man verbessern muss, wo sie Fehler machen, wo es auch eine Welt gibt, in der man anders denkt und lebt und man sich nicht am Tag hundert Mal auf die Wangen küsst, um jemanden zu begrüßen oder zu verabschieden.

Jetzt hätte ich doch beinahe noch vergessen, wie die Abstimmung heute Nacht um vier im Parlament ausgegangen ist. Ihr habt richtig verstanden, VIER Uhr nach Mitternacht!

Es war die zweite Abstimmung innerhalb einer Woche. Dieses Mal mussten alle mit JA stimmen, letzte Woche war noch das NEIN gefragt. Ich kann alle Europäer beruhigen, das Parlament hat 251 JA-Stimmen abgegeben, das bedeutet, auch das griechische Parlament steht hinter den Vorschlägen der Regierung.

Aber noch einmal zur Uhrzeit. Wie kam es dazu? Die Fraktionen hatten sich am Freitag Mittag getroffen und parteiintern abgestimmt. Aufgrund der Satzung des Parlaments kann eine Plenumssitzung mit Abstimmung erst am nächsten Tag stattfinden. Also hat die Vorsitzende den Sitzungsbeginn auf 12.01 h gelegt!!

So einfach geht das hier.

Was meint ihr? Sind sie nicht drollig, die Griechen? Man muss sie einfach lieb haben!

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.