Dieter Bartels, Athen
Bild: Dieter Bartels, Athen
10. August 2015  /// Athener Tagebuch Welt

Athener Tagebuch KW 33 (38-44)

Sonntag 16.08.15 / Folge 44

Wie man den Tag genießen kann, mit einem Spiel, das „Tafli“ heißt und hauptsächlich Männer spielen. In Europa nennt man es Backgammon, wobei das nur eine Variante des Spieles ist, denn hier werden drei gespielt.

Persönlich liebe ich Tafli, weil es volle Konzentration erfordert und man auch Glück braucht. Das Geräusch der Würfel und das Klacken der Steine, die von einem Feld ins andere gespielt werden müssen, ist immer wieder eine Herausforderung.

Man unterhält sich dabei, aber es bleibt keine Zeit für komplexe Themen. Es wird relativ wenig gesprochen, jedoch darf man seinen Ärger zeigen, wenn man nicht die Würfelzahl hat, die man gerade benötigt. Auch die psychologische Bearbeitung des Gegners während des Spieles ist erlaubt. Natürlich immer im Rahmen der Höflichkeit und einer Form von Respekt.

Die Zuschauer dürfen dem Spiel beiwohnen, aber wehe dem der einen Kommentar abgibt oder versucht Hilfestellung für einen Spieler zu geben. Das ist absolut verboten !! Es gelten strenge Regeln, die nirgendswo niedergeschrieben sind, aber jeder kennt sie und hält sich daran.

Wenn doch unsere Gesellschaft auch so wäre:“Keine Gesetze und trotzdem respektiert jeder den Anderen !“

 

Dieter Bartiel, AthenSamstag 15.08.2015/ Folge 43

Der fünfzehnte August ist ein großer Feiertag in Griechenland. An so einem Tag erkennt man, wie tief die orthodoxe Kirche in der Gesellschaft verwurzelt ist. Sicherlich hat sich die Jugend von der Kirche gelöst, aber viele strömen trotzdem, aus Gewohnheit und weil es so die Sitte ist, in die Kirchen, um zumindest eine Kerze anzuzünden.

Auf Tinos reisen die Menschen aus dem ganzen Lande an, um Maria zu ehren und die ganz Gläubigen bewegen sich sogar auf allen Vieren, Meter um Meter zu der Kirche, die in der Ortsmitte steht, um dort ihre Geschenke darzulegen.

Wer das einmal erlebt hat, sieht aber auch, dass um diesem ursprünglichen Brauch mittlerweile ein großes Geschäft entstanden ist und die Frage entsteht, inwieweit das einer christlichen Lebensform entspricht.

Der Namenstag spielt hierzulande noch eine große Rolle, eigentlich eine größere als der Geburtstag. Da das halbe Land „Maria“ heißt, kann man sich ungefähr vorstellen, wieviele Glückwünsche heute ausgetauscht werden. Die Häuser sind für alle geöffnet und jeder der die Glückwünsche direkt überbringen möchte ist herzlich eingeladen.

Man bekommt Essen und Getränke serviert und es herrscht eine fröhliche und ausgelassene Atmosphäre. Auf den Inseln und den Dörfern ist das alles noch viel intensiver und die Namensträgerinnen warten regelrecht auf den Besuch um den Gästen ihre Leckereien aufzutischen.

Ich kann Euch sagen, an so einem Tag braucht man nicht mehr zu Mittag zu kochen, denn nach 8 Hausbesuchen hat man ausreichend Kalorien für die nächsten Tage zu sich genommen.

 

Freitag 14.08.2015/ Folge 42

Das gibt es auch nur in Athen: das Parlament hat nach einem 24-Stunden-Marathon in den frühen Morgenstunden doch noch für das 3.Hilfsprogramm abstimmt. Einige Abgeordnete konnten dann auch ihre Müdigkeit nicht mehr verbergen, doch wem schadet schon nachts um 5 Uhr ein kleines Nickerchen?

Da soll noch einer sagen, PolitikerInnen sind faul und träge! Selbst nachts arbeiten sie noch, zum Wohle des Volkes (ein Schmunzeln ist hier erlaubt).

Sie stritten und diskutierten im Parlament über die neuen Reformen und als die Abgeordneten endlich wählen durften, verweigerten die eigenen, früheren GefährtenInnen dem Premierminister die Gefolgschaft.

Das wird Folgen haben und es sieht so aus, als wenn Tsipras sich nach dem 20.08. einenm Vertrauensvotum stellen wird. Der Griechenland-Krimi geht in die nächste Folge.

Die Griechen wurden ihrer antiken Historie mal wieder gerecht. Das Wort „Marathon“ hat schließlich einen geschichtlichen Hintergrund. 490 v. Chr. lief der Bote Pheidippides die 42,195 Kilometer von Marathon nach Athen, um ihnen den Sieg gegen die Perser zu verkünden. So ist der berühmte Marathon-Lauf entstanden!

 

Dieter Bartels, AthenDonnerstag 13.08.15 / Folge 41

Das Parlament bebt! Der linke Parteiflügel spaltet sich von SYRIZA und wird eine eigene Partei gründen, was dem Premierminister sicherlich nur recht sein kann. Denn das Volk muss über den Parteiinteressen stehen.

Warum heute? Weil es zur Abstimmung der Vereinbarung des Memorandums kommt und das mit den Stimmen der Oppositionsparteien.

Es wird ein langer Sitzungstag, der sich bis spät in die Nacht hineinziehen wird.

Das Prozedere muss heute erfolgen, weil morgen die Euro-Gruppe tagt und das endgültige OK geben soll, wenn da nicht noch Berlin dazwischenfunkt. Hochspannung pur.

Das sind Probleme, die man ökonomisch lösen kann. Aber wie hilft man den Flüchtlingen auf Kos, die zu Hunderten täglich auf der Insel landen?

Hier ist sofortige Hilfe angesagt, denn die Menschen haben zu wenig Unterkünfte und die Versorgung ist ungenügend.

Die Regierung hat sich deswegen entschieden, eine schnelle und unbürokratische Lösung für das Problem zu finden. Sie hat das Kreuzfahrtschiff „E.Venizelous“ gechartert, das über 2.500 Menschen Platz bietet. Es soll sich bereits auf dem Weg zur Insel befinden. Damit wären zumindest erste Hilfsmaßnahmen für die Beteiligten geschaffen, zumal die technischen Hilfswerke vor Ort überfordert sind.

Um Menschen zu helfen, die in großen Not sind, muss man andere Wege gehen, denn hier geht es um Menschlichkeit und die muss immer Vorrang haben vor Gesetzen und ihrer Bürokratie!

 

Dieter Bartels, AthenMittwoch 12.08.15 / Folge 40

“Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und sie diese Äpfel tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen. Wenn aber zwei Menschen je einen Gedanken haben und diese tauschen, hat am Ende jeder zwei neue Gedanken. ”(Platon)

Wir fühlen mit den Europäern, die zur Zeit unter einer Hitzewelle leiden. Temperaturen, die für uns selbstverständlich sind, haben in Wien, Zürich oder München ganz andere Auswirkungen auf die Menschen.

Deswegen möchte ich mit Euch diese Gedanken teilen und Euch einen kleinen, mediterranen Kaffee-Tip geben:

  • Schritt 1: Kaffee kochen
  • Schritt 2: in den Eisbehälter ins Gefrierfach
  • Schritt 3: Kaffee-Eiswürfel in ein Glas –mit oder ohne Zucker- und mixen
  • Schritt 4: Eisgekühlt trinken

Wie Ihr seht ganz einfach zu machen und auch noch erfrischend!

Na denn, lasst es Euch schmecken.

 

Dieter Bartels, AthenDienstag 11.08.15 / Folge 39

Heute ist so ein Tag, an dem ich keine große Lust habe etwas zu tun. Also gingen wir früh baden. Das Wasser ist warm, glasklar und der Himmel wie immer blau.

Die Kinder tollten im Wasser herum oder buddelten im Sand. Andere lagen in der Sonne und bräunten sich. Ich genoss diesen Anblick und die Ruhe des Meeres und fing an zu träumen.

Dabei fiel mir wieder eine Geschichte ein, die ich Euch gerne erzählen möchte, die heißt: „Als Gott die Welt erschuf.“

Gott erschuf die Welt, und als er fertig war, kamen die Griechen zu ihm und verlangten auch einen Platz für sich.

Gott sagte ihnen: „Wieso kommt ihr erst jetzt? Ich bin fertig mit meiner Arbeit!“

„Aber lieber Gott“, antworteten die Griechen, „du musst uns einen Platz geben!“

„Nein, ich habe euch doch gesagt, ich habe keinen Platz mehr frei, ich habe alles verteilt. Ihr seid zu spät.“

„Das kann nicht sein, lieber Gott, wo sollen wir denn leben? Du musst uns einen Platz geben“, forderten sie.

Gott wiederholte noch einmal: „Es tut mir Leid ich, kann euch nichts geben!“

Aber die Griechen ließen einfach nicht locker und bestanden darauf: „Das kann nicht sein!“

Dann folgte eine kurze Stille, und Gott sagte am Ende: “Einen Moment Griechen, ich habe noch ein Stück Land, das ich eigentlich für mich behalten hatte!“

Das ist Griechenland mit seinen unendlichen Stränden, seinem mediterranen Klima und seinem Sternenhimmel, der im August noch klarer strahlt. Tja, Gott wusste, warum er dieses Stück Land für sich ausgesucht hatte.

 

Dieter Bartels, AthenMontag 10.08.15 / Folge 38

Und plötzlich geht es ja doch! Die Ministerien arbeiten reibungslos mit der Troika zusammen, und es sieht so aus, als käme es endlich zu der erhofften Vereinbarung.

Führt Tsipras jetzt den „linken Thatcherismus“ ein? Das wäre eine neue politische Variante. Die Zeichen stehen auf Aufschwung, sollte das Paket Juncker im Herbst realisiert werden. Die Hoffnung unter den Bürgern steigt, was sich zwar noch nicht im Geldbeutel bemerkbar macht, jedoch alleine schon die Initiativen reichen aus, um eine psychologische Kehrtwende herbeizuführen.

Europa muss lernen, auch die kulturellen Unterschiede der Mitgliedsländer anzuerkennen. Und hier in Griechenland laufen die Uhren nun einmal anders. Das ist klimatisch bedingt, und auch die Lebensweise ist eine andere.

Ein Beispiel ist der Gemüse- und Obsthändler in der Nachbarschaft. Er bietet neben seinen Wassermelonen auch Holzkohle zum Grillen sowie Gasflaschen an. Ob er dafür in Nordeuropa eine Genehmigung bekommen würde? Wahrscheinlich würde er bei der Lebensmittelkontrolle des Amtes durchfallen! Aber warum auch nicht? Es ist bisher noch kein Krankheitsfall aufgetreten, und er hat diesen Laden schon seit über 30 Jahren.

Es gibt Dinge, die man einfach so belassen sollte, weil sie der Mentalität eines Volkes entsprechen. Und das muss Europa lernen!

Eine Antwort zu “Athener Tagebuch KW 33 (38-44)”

  1. Bruna Canavesi

    Ich glaube wie Varoufakis, dass dieser EU Plan nichts gutes für Griechenland bringen kann. Aber
    Tsipras tut wahrscheinlich etwas, an das er nicht glaubt, aber trotzdem erforderlich findet, im innersten gegen seinen Glauben aber eventuell, um sein Land vor dem totalen Kollaps – sprich
    der Erpressung der EU zu retten. Diese „Hilfspakete“ sind deutsche Interessenpakete und tun ausser Deutschland niemandem gut. Sorry, das ist eine Meinung aus der Schweizer bösen Bankenwelt, zu der ich gar nicht gehöre. ich gehöre zu Griechenland, seinem Mut und seinem Meer.

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