Dieter Bartels / Athen
Bild: Dieter Bartels / Athen
17. August 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland Leben

Athener Tagebuch KW 34 (45-51)

Sonntag, 23.08.15 / Folge 51

Es ist sehr ruhig heute. Die Ruhe vor dem Sturm? Es werden schon Vorbereitungen für die Wahl getroffen und alle Parteien positionieren sich.

Die Linksextremen, die sich von SYRIZA abgespaltet haben, werben für die Drachme und die Unabhängigkeit von Europa. Hier muss man sich allgemein fragen: Gibt es für ein Land überhaupt eine Unabhängigkeit im Weltsystem?

Die rechte Partei ist ebenfalls für die alte Drachme und das Ausweisen der Flüchtlinge. Werden sie Stimmenzuwachs bekommen, aufgrund der hohen Flüchtlingswelle auf den Inseln?

Da haben wir noch die Konservativen, die auf der Europa-Linie fahren und größte Oppositionspartei sind. Ihre Chancen werden trotzdem als sehr gering angesehen, da sie in der Vergangenheit mit Korruptionsproblemen zu kämpfen hatten. Das gilt auch für PASOK, die sich als sozialdemokratisch einstuft, aber nur noch bei 3-6% liegt im Gegensatz zu 2010, da hatten sie über 40 %! Zum Schluss die Partei der Mitte, To Potami, eine junge Partei, die auf Kooperation setzt und eine breiter aufgestellte Regierung fordert.

Die Regierungsparteien SYRIZA und ANEL wollen auch in Zukunft wieder zusammen arbeiten, auch wenn Tsipras die absolute Mehrheit gewinnen sollte. Danach könnte es aussehen, was mittlerweile auch ausländische Medien bestätigen.

Es ist der dritte Wahlgang in diesem Jahr und wenn man nach dem Wunsch der Bürger geht, hoffentlich vorläufig der Letzte!

Ach ja, die Katze im Nachbarhaus. Sie ist immer noch dort. Wir haben ihr Futter hochgeworfen und aufgrund der Hitze jeden Tag mit Wasser bespritzt. Ihr geht es gut und wenn man ruft, dann antwortet sie. Aber runter kommt sie trotzdem nicht.

Halte Euch auf dem Laufenden.

Samstag, 22.08.15 / Folge 50

„Machen Hühner auch Urlaub ?“, war meine erste Frage an die Eierfrau heute auf dem Markt. Ich hatte sie seit 3 Wochen nicht mehr gesehen und deswegen interessierte mich grundsätzlich einmal: Was macht man auf einer Hühnerfarm mit den Hennen, wenn die Eigentümer einmal in Urlaub gehen wollen?

Sie lächelte und erwiderte: „Eier werden weiter gelegt, ob wir da sind oder nicht!“ und führte weiter aus: „Weil wir ein Familienbetrieb sind, springt für ein paar Tage der Cousin ein.“

„Das bedeutet, dass Sie eigentlich fast nie in Urlaub gehen können.“ „Richtig“, antwortete sie „weil die Tiere versorgt werden müssen“.

Mittlerweile kam auch andere Kundschaft hinzu und es entwickelte sich ein interessantes Gespräch. Eine Kundin meinte: „Das müßte man mal unseren Politikern sagen.“ „Wie meinen Sie das ?“ fragte ich. „Schauen Sie, diese Frau kann sich höchstens einmal im Jahr für ein paar Tage erholen, weil sie sich um ihre Hühner kümmern muss. Und die Politiker haben die Fürsorgepflicht für die Bürger, deswegen haben wir sie doch gewählt !“

Wir nickten alle zustimmend und das Gespräch war damit beendet. Ich packte die Eier ein und verabschiedete mich. „Na denn, bis zum nächsten Samstag.“

Die Gedanken kreisten auf dem Heimweg um die Aussage der Frau, die von unseren Volksvertretern fordert, dass sie sich mehr für die Bürger einsetzen sollten und kam zu dem Entschluss: „Wo sie recht hat, hat sie recht.“

 


Freitag, 21.08.15 / Folge 49

Die Hellenen sind doch immer für Überraschungen gut. Denn in weniger als 30 Tagen kommt es zu Neuwahlen. Hier in Athen heißen sie mittlerweile die „Express-Wahlen“ und erinnern mich an Italien in den 60er-Jahren, als fast jeden Monat eine neue Regierung gewählt wurde.

Tsipras hat große Chancen, die absolute Mehrheit zu gewinnen. Er schwimmt auf einer großen Welle der Sympathie, die auch konservative Kräfte unterstützen. Er ist noch jung und unkonventionell. Spricht nicht wie die üblichen Politiker, sondern versucht Ehrlichkeit rüber zu bringen.

Auch wenn das 3. Memorandum jetzt da ist, hat Tsipras den Leuten das Gefühl gegeben, dass er wie ein Löwe gekämpft hat. Bis zum Ende einen Marathon gelaufen ist, den die ganze Welt verfolgt hat. Das bleibt den Menschen in Erinnerung.

Und noch etwas, worauf hauptsächlich Frauen geachtet haben. Wie sagte mir eine Bekannte: „Hast Du gesehen, der Arme hat ein Fieberbläschen!“ „Ja“, antwortete ich, „dass ist eine Infektion, nichts außergewöhnliches.“ „Oh doch“, meinte sie, „denn das bedeutet, dass die Verhandlungen ihn persönlich mitgenommen haben.“ Und sie fügte weiter hinzu: „Das zeigt auch, dass er ein sensibler Mensch ist und ihn das alles seelisch belastet hat, denn Herpes ist eine psychsomatische Erscheinung!“

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, aber als die Bekannte das so darstellte, musste ich ihr korrekter Weise zustimmen. Alexis Tsipras wurde mir plötzlich noch sympathischer. „Schau an“, dachte ich mir, „wie doch Dinge einen Ausschlag geben können, ob man einen Menschen mag oder nicht.“

Fazit: So einfach kann Politik sein. UND, vielleicht sollten wir öfters auf das Feingefühl von Frauen hören.

 


Donnerstag, 20.08.15 / Folge 48

Umwelt muss geschützt werden und hat Vorrang vor dem Profit. Das ist auch die Meinung des Umweltministers. Konsequenterweise hat er deswegen einer großen kanadischen Bergbaufirma die Lizenz entzogen. Der Grund: Tests eines Schmelzverfahrens wurden statt vor Ort in Finnland durchgeführt. Skouries  im Norden Griechenlands soll eine der größten Goldminen des Landes werden, und die Umweltbehörden und Umweltschützer haben bereits Alarm geschlagen.

Die Firma droht mit Entlassung der Beschäftigten –rund 5.000- und mit rechtlichen Schritten. Auf die Anforderung des Ministeriums betreffend der Analysen werden nur vage Aussagen gemacht.

Die Unterstützung von Greenpeace und anderen Organisationen, die bereits seit längerem gegen die Erschließung neuer Minen protestieren, haben auch dazu beigetragen, dass der Firma die Lizenz vorläufig entzogen wurde.

Investitionen sind sicherlich gerne gesehen, gerade in Griechenland, aber alles hat seine Grenzen, gerade wenn es um den Schutz der Umwelt geht.

Das alte Thema: Profitgier ohne Rücksicht auf Verluste. Es geht auch anders, es muss anders gehen!!!

 

Mittwoch, 19.08.15 / Folge 47

Wieder ein Stück mehr Normalität. Seit gestern wurden die Kapitalverkehrskontrollen reduziert. Das bedeutet für uns Bürger, dass wir ab sofort wieder  monatlich €500 ins Ausland überweisen können, was bisher nicht mehr der Fall war.

Wir bestellen unsere Kontaktlinsen seit vielen Jahren in Deutschland und konnten deshalb keine Transaktion mehr vornehmen. Und wo geht man hin, wenn man ein Problem hat? Zur eigenen Mama, unser bestes Stück, wie wir sie liebevoll nennen. Und sie hat den Betrag beglichen. Was würden wir doch ohne unsere „Mutti“ machen!

Jetzt werden sich viele fragen, warum wir die Linsen nicht in Athen bestellen? Antwort: Sie sind in Deutschland viel günstiger, weil die Optiker hierzulande diese Produkte importieren müssen. Das ist auch ein Vorteil von Europa. Weniger Grenzen, mehr Flexibilität.

Die Lockerung der „Capital Controls“ innerhalb des Landes hat sich leider noch nicht geändert.Wir können immer noch nur 60 € pro Tag oder max. 420 € pro Woche abheben.

In der Realität bedeutet das: die Geschäfte haben in den letzen Wochen einen Rückgang von 50-70 % zu verzeichnen und die Kettenreaktion trifft uns alle ziemlich hart.

Übrigens ist die Katzendame noch immer auf dem Balkon beim Nachbarn. Über zwei Stunden haben wir versucht sie mit „Thunfisch natur“ runter zu locken, aber außer, dass sie uns, auf der Ballustrade sitzend, beobachtet hat, was wir da unten so tun, war sonst keine Reaktion zu erkennen. Geduld, wir versuchen es weiter.

 

Dieter BartelsDienstag, 18.08.15 / Folge 46

Heute mal eine kurze Geschichte abseits des wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Lebens in Griechenland.

Seit ein paar Tagen hören wir immer wieder Katzengejammer und dachten zuerst, da sucht vielleicht jemand nach einem Kater. Dem war aber nicht so. Das Miauen schien seinen Ursprung ganz in der Nähe unserer Wohnung zu haben, weshalb wir die Umgebung absuchten. Und siehe da, da war sie! Sie sitzt auf dem Balkon im 2.Stock eines Nachbarhauses. Sie ist wohl den Baum hochgeklettert und kommt nicht mehr runter. Das kann doch nicht sein, dachten wir uns, denn Katzen sind Kletterweltmeister.

„Was tun?“, denn dieses miauen war ein Hilfeschrei und der trifft einen mitten ins Tierliebhaberherz! Die Mieter waren in Urlaub und es gab keine Möglichkeit die Katze herunter zu holen. Außer sie tat es von selbst, wozu sie sich allerdings nicht  überreden ließ. Unserem guten Zureden antwortete sie nur mit „Miaou“. Aber das war alles.

Wir riefen die Feuerwehr und die Polizei an, aber die meinten sie könnten uns nicht helfen, das wäre Hausfriedensbruch. Dann kam uns die Idee, eine Hilfsorganisation für Tiere anzurufen. Sie gaben uns den Tipp, Thunfisch natur zu kaufen, und dann bräuchte man viel Geduld. Denn der Hunger überwinde Ängste und dann könnte es sein, dass die Katze den Baum runterklettere.

Jetzt waren wir schlauer, die Katze hatte Angst. Aber vor wem bzw. vor was?

Heute Abend, wenn die Mittagshitze vorbei ist, werden wir den Thunfisch-Versuch starten. Gebe Euch auf jeden Fall bescheid, ob wir die arme Katze retten konnten!

 

Dieter Bartels / AthenMontag 17.08.15 / Folge 45

Eigentlich wollte, oder vielmehr musste ich aufs Finanzamt, und das war auch so eingeplant. Vor Ort bildete sich allerdings eine derartig lange Schlange, dass ich es erst einmal vorzog, mich ins Cafe nebenan zu setzen. Praktisch, dachte ich mir, hier ist immer Betrieb. Einerseits von den Angestellten des Amtes und andererseits von den Bürgern, die das Amt besuchen (müssen). Das Cafe macht am Wochenende erst gar nicht auf, es lebt sozusagen vom Finanzamt.

Hier sitzen Steuerberater mit Kunden, die eine Firma gründen bzw. schließen wollen. Rechtsanwälte mit Klienten, die eine Wohnung verkaufen wollen, wie vom Nebentisch zu hören. Das ist notwendig, weil es in Griechenland noch kein Katasteramt gibt (auch eine Forderung der Troika, das zu ändern) und die Daten zu Grund und Boden nicht gesammelt gespeichert sind. Der Anwalt ist also gezwungen, die Steuerakte des Verkäufers einzusehen, ob irgendwelche Belastungen seitens des Staates bestehen. Diese Auskunft erhält grundsätzlich nur ein Rechtsvertreter, der deswegen für derartige Aktionen unbedingt erforderlich ist.

Ich sagte dem Besitzer, dass ich eben mal schnell hoch gehe, um zu schauen, wieviel Leute noch in der Schlange stünden. Er möge doch bitte unterdessen auf meinen Kaffee aufpassen.

Ich ging also in den 1.Stock und sah mit Erschrecken, dass sich die Wartenden kaum verringert hatten. Also ging ich wieder runter und setzte mich an meinen Tisch und genoß meinen Freddo.

Nach einer Weile überkam mich irgendwie das Gefühl, dass heute kein guter Tag wäre. Meine Intuition war dermaßen stark, dass ich mich auf den Weg nach Hause machte, mit dem Hintergedanken, die nächsten Tage unbedingt aufs Finanzamt zu müssen, aber wie das ausgegangen ist, erzähle ich euch dann in Teil 2.

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