24. August 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland Leben

Athener Tagebuch KW 35 (52-58)

Sonntag 30.08.15 / Folge 58

Die Wahlperiode hat begonnen, jedoch sieht man noch keine Wahlplakate. Ein gutes Zeichen finde ich: es sieht so aus, als ob sich auch hier die Austerität widerspiegelt.

Die ersten Meinungsumfragen zeigen SYRIZA (Tsipras) mit einem Vorsprung von 2,3 % vor den Konservativen. Kommt es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen? Es könnte sein, denn die Bürger wurden die letzten sieben Monate nicht nur mit den Capital Controls, sondern auch mit starken finanziellen Einbußen, konfrontiert.

Als wenn sie das nicht schon vorher gespürt hätten. Aber wohl nicht so stark wie in den letzten Wochen, die durchaus viele Nerven gekostet haben, weil man nicht wusste, ob das Land im Euro bleibt oder zur Drachme zurückkehrt.

Selbstverständlich sagen die Umfragen noch nicht viel aus, zumal die GriechenInnen erst jetzt aus dem Urlaub zurückkommen. Auch wurden die jungen Wähler noch nicht berücksichtigt und die werden eine entscheidende Rolle spielen, wie auch bei der Wahl im Januar.

Der Trend geht zu SYRIZA, wie auch die Medien bestätigen, da Tsipras ein Charisma hat, das den anderen Parteien fehlt. Er hat seine Fehler öffentlich kundgetan und gesagt: wir sind jetzt reifer geworden. Es wurde auch die Erkenntnis gewonnen, dass man mit den europäischen Verhandlungspartnern und der starken Bankenlobby gezwungenermaßen anders umgehen muss. Diese Unerfahrenheit auf diesem Gebiet musste das Land teuer bezahlen.

Tsipras meinte gestern in einer Wahlveranstaltung, dass ihm das Volk eine neue Chance geben solle das Land zu regieren, was ihm bisher, aufgrund der Verhandlungen, nicht möglich war. Werden ihm die Wähler diese Chance geben oder werden sie ihm diese verweigern. Das ist die große Frage!

 

Dieter Bartels / AthenSamstag 29.08.15 / Folge 57

Irgendwie kommt man immer in Kontakt mit der Religion. Egal ob man pro oder kontra eingestellt ist. Diese kleine Kirche (Foto) steht in „Καβούρη“, das heißt übersetzt „Krabbe“. Man sagte uns, vor über 30 Jahren habe es davon auch noch sehr viele gegeben. Daher habe die Region südlich von Athen ihren Namen.

Leider ist heute keine einzige Krabbe mehr zu sehen. Das einzige was hier herumkrabbelt sind Menschen, die am Wochenende in Massen zum Baden an die Strände eilen.  Dort wo der Mensch auftritt, flüchten die Tiere – oder so scheint es.

Der Priester der am Sonntag stark besuchten Kirche ist vom  „Heiligen Berg“ Athos. Dort lebte er in einem der bekannten Klöster, die noch nach dem alten Kalender arbeiten. Das heißt, die Mönche stehen morgens um 4 Uhr auf, gehen zuerst zum Beten in die Kirche treffen sich dann erst zum Frühstück. Der Berg Athos ist nur für Männer zugänglich, die dort abgeschirmt von der Öffentlichkeit leben, meditieren und arbeiten. Umgeben von einer unberührten Natur, wie uns der frühere Mönch sagte. Wildschweine und Schlangen aller Art werden dort nicht gejagt, sondern leben in Harmonie mit den Mönchen.

Persönlich habe ich die Klöster noch nicht besucht, deswegen fragte ich ihn danach und er erzählte mir ein bisschen darüber. Meine erste Frage aber war, warum er das Kloster verlassen habe. „Ja“, meinte er, „das war eine eher menschliche Entscheidung. Ich wollte doch eine Familie gründen und bin deswegen stattdessen hier her gekommen.“ Hier ist zu erwähnen, dass die orthodoxen Priester heiraten dürfen, aber dann nicht mehr die Möglichkeit haben z.B. Erzbischhof zu werden.

Aber das war nicht sein Ziel, wie er mir höflich mitteilte, sondern die Gründung einer Familie. „Und?“ fragte ich. Ein herzliches Lachen kam über sein Gesicht und er sagte: „Es hat geklappt ! Ich lebe hier mit meiner Frau und den Kindern, bin glücklich verheiratet und kann somit den Menschen und Gott mehr dienen.“ Welch ein lobenswertes Ziel: „Dienen“

 

Freitag 28.08.15 / Folge 56

Wenn man so am Meer entlang läuft, die Natur in ihrer Schönheit betrachtet und die Kinder mit ihrer Unbekümmerheit im Wasser sieht, dann überkommt einen doch die Frage: „Warum machen sich die Menschen das Leben so schwer?“ Es könnte alles so einfach sein. Miteinander leben in Respekt und Toleranz, Verteiltes Vermögen, keine Habgier, kein Hunger und keine Kriminalität.

Gerade am Meer, wenn man das Rauschen hört, wird man in eine andere Stimmung versetzt und diese „un-natürlichen“ Dinge wie Kampf, Machtstreben, Geldgier usw. usw. kommen einem so weltfremd vor.

Es sind Augenblicke, die einem auch einen inneren Frieden geben, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Die Natur beruhigt, und besonders das Meer, das wir fast direkt vor der Haustür haben. Welch ein schöner Zustand, den man in der ökonomischen Krise zu leicht vergisst und nicht zu schätzen weiß. Dabei ist alles vergänglich, aber das Meer bleibt! Das ist ganz sicher!

Wenn das doch nur die Menschen verstehen würden, dann hätten wir keine Wirtschaftskrisen, Kriege, Parteikämpfe, sondern Frieden, den sich jeder wünscht.

Richtig, das war das Wort, das mir zu diesem Spaziergang am Meer einfiel: „Frieden“. Ein wunderbares Ziel, in Frieden zu leben mit der Natur und sich selbst.

 

Dieter Bartels / AthenDonnerstag 27.08.15 / Folge 55

Sommerschlussverkauf in der Stadt. Preisreduzierungen von bis zu 50 und 70%. Doch die KundenInnen bleiben aus. Viele Geschäfte kämpfen seit der Einführung der Capital Controls ums Überleben und keiner weiß, ob sie es auch wirklich „überleben“.

Die Fixkosten sind zu hoch und deswegen schulden viele Geschäfte  seit Monaten die Miete. Nicht weil sie nicht wollen, einfach, weil sie nicht bezahlen können. Selbstvorwürfe helfen hier auch nicht, denn die Situation hat die Großstädte Athen und Thessaloniki fest im Griff und hat sich psychologisch in einer Form von Melancholie niedergeschlagen. Und da bekanntlich jede Ökonomie zur Hälfte auf psychologischen Faktoren beruht, ist das alles ein ganz selbstverständliches Resultat.

Es hat uns alle getroffen, den einen mehr, den anderen weniger, aber jeder schuldet irgendjemandem Geld. Man kommt sich vor wie ein „Hamburger“, ist in der Mitte und wird von oben und unten zusammengepresst. Der Käse und die Zwiebeln ändern ein bisschen den Geschmack, aber nicht die Tatsache, dass man komplett von allen Seiten zusammen gequetscht wird.

Das wirkt sich selbstverständlich auch auf den Schlussverkauf aus, der einfach nicht in Gang kommt, weil jetzt auch noch die Parlamentswahlen im September anstehen.

Jeder hält sein Geld zurück, denn wer weiß was kommt?

Die Menschen tragen ihre älteren Kleider nun länger oder gehen wieder zur Schneiderin und lassen die Sachen flicken oder ändern. Da fällt mir ein, hatten wir diese Zeit nicht schon einmal?

 

Dieter BartelsMittwoch, 26.08.15 / Folge 54

Hauskauf auf griechisch. Wie das so vor sich geht? Das ist nicht nur spannend, sondern auch gleichzeitig eine seelische, körperliche und zeitliche Tortur. Wir waren vor kurzem bei einer Bekannten zum Kaffee eingeladen, die in Nea Makri, kurz vor Marathon, ein Häuschen erworben hat.

Sie erzählte uns von der fast sechsmonatigen Betätigungszeit, die sie aufbringen musste, bis alle notwendigen Papiere und Formulare beim Notar vorgelegt und endlich unterschrieben werden konnten. „Das ist eine richtige Vollzeitbeschäftigung!“, meinte ich anerkennend und sie nickte seufzend mit dem Kopf: „Oh ja, das kann man wohl sagen!“

„Aber nun ist es geschafft und in 14 Tagen kann ich einziehen“ Sie klang richtig erleichtert, denn nun stand „nur noch“ der Umzug vor der Tür.

Wir fragten sie, was denn das Haus gekostet hätte und sie meinte, es habe zähe Verhandlungen gegeben, bis sie endlich einen Preis gefunden hätten, der auch dem Wert entspricht. Am Ende habe sie über 60.000 €  vom Ausgangspreis herunter gehandelt. „Bravo“, sagte diesmal meine Frau, „da hast Du aber Geduld aufbringen müssen.“ „Ja“, meinte unsere Bekannte, „aber es hat sich am Ende gelohnt.“

An diesem Beispiel erkennt man, dass die Immobilienpreise in Griechenland in den letzten Jahren teilweise um bis zu 50 % gefallen sind und sich auch nicht in absehbarer Zeit stabilisieren werden. Viele Ausländer haben diese günstigen Preise ausgenutzt und sich in der Zwischenzeit ein Haus auf einer Insel oder dem Festland gekauft.

Um ein paar Zahlen zu nennen. Dieses Einfamilienhaus (s. Foto) hat eine Grundfläche von 120qm, ein Grundstücksanteil von 600qm und unsere Bekannte hat 120.000 € dafür hingelegt. Da kann man nur gratulieren! Wir wünschten ihr einen reibungslosen Umzug und einen angenehmen Herbst, denn dann sind wir schon zur Einweihungsparty bei ihr eingeladen. Auf ein schönes Wiedersehen!

 

Dienstag, 25.08.15 / Folge 53

Was für ein Tag! Besuch auf dem Finanzamt wegen einer kleinen Erbschaft. Eine komplizierte Angelegenheit, weil die Schwiegermutter auf einer Insel verstorben ist.

Das zuständige Finanzamt in der Region verwies uns weiter auf die Steuerbehörde, die für Andros, eine der Inseln der Inselgruppe der Kykladen, verantwortlich ist. Dieses Amt wurde aufgrund der Zentralisierung vor einem Jahr nach Athen verlegt, besser gesagt in einen Vorort, der von uns rund eine Autostunde entfernt liegt. Nun ja, wir machten uns auf den Weg und zu unserer Freude war , wegen der Sommerzeit.

Eigentlich benötigt meine Gattin nur eine Bestätigung, aber hier lag das Problem. Denn zuerst braucht man ein Protokoll und dann geht es zur Mitarbeiterin, die das Papier aushändigt. Denkste! Es musste ein Antrag gestellt werden und in dem Antrag wurden auch noch Daten vom verstorbenen Vater verlangt. Unter anderem seine alte Adresse und seine Steuernummer. Das ist eigentlich doch nicht mehr nötig, weil er schließlich schon vor der Mutter von uns ging, aber die Beamtin bestand darauf.

Das erste was ich von meiner Frau sah, war ein starkes Kopfschütteln und dann spürte ich wie ihr südländisches Temperament zu brodeln anfing . Sie erklärte der Mitarbeiterin, die anscheinend keine Ahnung hatte, dass diese Sache rein gar nichts mit unserem Antrag zu tun hätte und das ganze ein absoluter Nonsens wäre. Aber nein, sie bestand darauf.

In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die Werbung mit dem HB-Männchen und dachte gleich explodiert auch meine Frau. Ich versuchte sie zu beruhigen und welch ein Wunder, es gelang mir!

Sie redete wie ein Priester ruhig auf die Beamtin ein und siehe da, sie fing an die Papiere zu bearbeiten – wenn auch natürlich erst nachdem der Antrag mit den Daten des toten Vater ausgefüllt waren. Aber immerhin, es bewegte sich etwas in der Sache.

Nun musste nur noch die Abteilungsleiterin unterschreiben. Die war jedoch nicht aufzufinden und es blieb uns nichts anderes übrig als zu warten.

Als sie nach einer halben Stunde auftauchte, unterschrieb sie zwar den Antrag, forderte jedoch noch ein weiteres Papier, das wir uns von der Insel besorgen müssten. Das würde bedeuten, mit dem Schiff dort hinzufahren oder einen Verwandten vor Ort um Hilfe zu bitten. Glücklicherweise gibt es in unserem Falle eine Cousine, die sich sicher bereit erklären würde zu helfen.

Also gut, was bleibt einem anderes übrig in dieser Chaos-Bürokratie, wie wir sie hier nennen. Wir fragten uns nur: „Was machen nur die Ausländer, die hier eine Firma eröffnen möchten?“ Die brauchen wohl nicht nur starke Nerven, sondern auch die Geduld eines Esels!

Letzendlich verließen wir nach über zwei Stunden erschöpft das Amt und gönnten uns erst einmal einen Kaffee. Den hatten wir uns wirklich verdient!

 

Montag 24.08.15 / Folge 52

Die griechische Börse bricht regelrecht ein: -10,5%. Sicherlich kein Zufall, denn die Ungewissheit der politischen Entwicklungen machen sich bemerkbar.

Für einen Monat wird kommissarisch ein Premierminister eingesetzt, in diesem Falle eine Frau. Das ist das erste Mal in der griechischen Geschichte. Wer ist diese Dame, die für ein paar Wochen die Regierungsgeschäfte übernimmt? Sie ist die oberste Richterin der Justiz und bisher politisch noch nie in Erscheinung getreten.

Viel entscheidender ist allerdings, wer die Wahlen im September gewinnt, weil nach dem Wahlgesetz die Partei mit den meisten Stimmen einen Bonus von 50 Abgeordneten zugesprochen bekommt. Damit wollte man in der Vergangenheit verhindern, dass dieses Land regierungsunfähig bleibt. Die Zeiten haben sich geändert und heute werden Koaltionen angestrebt, die noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wären. Deswegen wird dieses veraltete Gesetz wohl in der neuen Legislaturperiode fallen.

Ich kann mich noch gut erinnern wie vor 25 Jahren Wahlen abgehalten wurden. Damals hingen die Straßen mit Plakaten voll, aus Lautsprechern hörte man Reden und es war sehr viel Hektik zu spüren. An jeder Ecke ein Schild mit einer Kundgebung.

Das gibt es heute nicht mehr. Um ehrlich zu sein, spürt man bis jetzt kaum etwas von diesem Ereignis, das für die nächsten 4 Jahre endlich Ruhe in das Land bringen soll. Das ist ein positiver Aspekt ud zeigt wie sich die Menschen geändert haben. Sie lassen sich nicht mehr so einfach in eine politische Schublade stecken.

Wie sagte mir gestern ein früherer Journalist: „Das Wahlergebnis steht schon fest, nur kennen wir es noch nicht. Die großen Mächte haben bereits entschieden.“

Was immer das auch heißen mag, wir können nur hoffen, dass sie eine richtige Entscheidung getroffen haben!

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