Dieter Bartels
Bild: Dieter Bartels
31. August 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland Leben

Athener Tagebuch KW 36 (59-65)

Sonntag, 06.09.2015 / Folge 65

Habt Ihr schon einmal eine griechische Taufe miterlebt? Nein? Dann wird es aber Zeit! Zuerst einmal gibt es nur eine Religion und das ist griechisch-orthodox, also haben 98% eigentlich keine andere Wahl.

Der kleine Janis, wie sein Name sein wird, ist bereits 22 Monate alt und bekommt den Namen von seinem Großvater. Meistens gibt man hier die Namen der Großeltern und somit ist es kein Wunder, dass in einer Familie die Namen zweimal vorkommen. Da dies bei dem Bruder und der Schwester genauso ist, ist es unausweichlich das es, sollten es alles Söhne sein, plötzlich der 1. Cousin, der 2. Cousin und usw. auch Janis oder Nikos heißen.

Das machte mir am Anfang große Schwierigkeiten, denn wenn jemand z.B. den Kostas erwähnte, dann musste ich immer nachfragen, welchen Kostas meint ihr denn?

„Ja, das ist der Kostas von der Cousine in Athen!“ „Alles klar“, sagte ich, „aber den meine ich nicht, sondern den Kostas von deiner Cousine in Thessaloniki.“ „Ach, der Kostas? Das ist der Sohn von Louisa, die Schwester meiner 1. Cousine, die mit dem Taxifahrer verheiratet ist.“ „Oh je, nein den meine ich auch nicht, sondern den Kostas mit der Cafeteria.“ „Ach den? Ja richtig, das ist der Kostas, der Sohn meiner 2. Cousine, also die Nichte meines Onkels, der mittlerweile in Athen wohnt.“ „Nein! Der ist es auch nicht“, wurde ich langsam ein bisschen lauter. „Also welchen Kostas meinst Du denn dann?“ „Ich meine den mit dem Schnurrbart!“ „Ach so“, antwortete sie, „der heißt aber nicht Kostas, sondern Nikos.“ Bamm. Das wars. Ich gab es auf, weil ich natürlich nicht wusste, welchen Nikos sie meinte.

Auf jeden Fall wurde unser Janis getauft und anschließend fand eine kleine Feier statt. Klein heißt hier, nur gut 100 Personen!! Damit ihr Euch ungefähr vorstellen könnt, wie so etwas aussieht, habe ich noch ein Foto mitgeschickt.

Übrigens bei uns am Tisch saß kein Kostas und kein Janis. Nur zur Information.

 

Samstag 05.09.15 / Folge 64

Irgendwie war der Tag heute ganz anders verplant, aber erstens kommt es meistens anders und zweitens als man denkt!

Ein Freund, der vor vier Jahren nach Berlin ausgewandert ist, weil er hier keine Arbeit mehr fand, rief mich spontan an und lud mich auf einen Cafe am Strand ein. Er war mit seiner Frau und ein paar Freunden dort.

Es war eine schöne Wiedersehensfreude, da wir uns drei Jahre lang nicht gesehen hatten. Mittlerweile ist er Vater geworden und ist glücklich verheiratet.

Das Gespräch führte unweigerlich auf die Lage und die politische Zukunft des Landes, aber das dauerte nicht sehr lange, weil er anfing über Berlin und Deutschland zu sprechen. Über seine Ängste in der Stadt, in der es eine hohe Kriminalitätsquote gibt, die er hier in Athen nicht gewohnt war.

Angst seinen kleinen Sohn auch nur wenige Minuten aus den Augen zu lassen, weil es Tausende von Kindesentführungen gibt. „Hier“, meinte er, „spielen die Kinder auf der Platia und man achtet kaum darauf, mit wem die Kinder spielen, weil man nicht diese fürchterliche Angst haben muss, dass so etwas passiert.“ Er hatte recht. Ich persönlich kann mich nur an einen Fall in den letzten 10 Jahren erinnern und der beschäftigte die Medien wochenlang.

„Ok“, fragte ich ihn, „warum kommst du nicht zurück?“ „Tja“, erwiderte er, „wenn ich hier Arbeit finden würde, dann wäre ich morgen hier.“ „Das sagen mir viele GriechenInnen in Berlin.“ Das klang nach Heimweh.

Also was ist der Unterschied zwischen den beiden Ländern? Er sagte: „Es ist alles gut organisiert und man wird pünktlich bezahlt, aber es fehlt die Freiheit.“

Freiheit, das war das Wort, das mir auch immer wieder einfällt, wenn man mich danach fragt, warum ich hier lebe. Aber wie kann man es den Menschen erklären, die nicht hier leben? Es ist auch nicht erklärbar, man muß es „erleben“. Es spiegelt sich im täglichen Leben wider. In der U-Bahn, im Cafe, beim Bäcker, im Supermarkt, mit Freunden usw.

Das Land gibt einem ein Gefühl der Freiheit und dieses Gefühl ist so unglaublich stark ausgeprägt. Wie sagte mir einmal ein griechischer Freund:„Wenn Du in Hellas mehr als ein Jahr gewohnt hast, dann kannst Du nirgendwo mehr leben! Also pass auf, dass du nicht zu lange hier bleibst!“ „Schon zu spät“ antwortet ich ihm lachend, „schon viel zu spät!“

Freitag 04.09.15 / Folge 63

Gestern sagte ich noch, daß alles sehr ruhig sei auf den Inseln. Das hat sich heute leider geändert. Flüchtlinge greifen aufgrund ihrer Situation die örtliche Polizei an, weil sie unbedingt auf das Festland wollen.

Wie kam es dazu ? Ein Ferryboat legte ab, und die Flüchtlinge versuchten das Schiff zu besetzen. Der Kapitän schloss die Katapulte und informierte die Polizei. Das war der Auslöser dieses ersten großen Konfliktes auf Lesbos.

Wie meinte der Polizeichef so schön? Er sagte: „Um alle Menschen nach Piräus zu verschiffen, bräuchten wir eine ganze Flotte, die uns aber gar nicht zur Verfügung steht! Wir wissen nicht mehr was wir machen sollen. Wir stehen der Lage hilflos gegenüber! Die Bürger wissen auch nicht mehr weiter, denn ihre finanziellen Mittel sind auch begrenzt.“ Und er fügte hinzu: „Es geht langsam die Angst um, weil das alltägliche Leben auf der Insel regelrecht zum Stillstand gekommen ist.“

Griechenland wird zwar in Kürze eine erste Hilfsrate von 30 Millionen erhalten, aber das löst das Problem noch lange nicht. Täglich werden Menschen aus dem Meer gefischt, um sie vor dem Ertrinken zu retten.

Und warum das Ganze ? Weil es SyrierInnen nicht erlaubt ist, in die EU einzureisen. Sie müssen es also auf illegalem Wege tun. Und erst wenn sie ein EU-Land erreicht haben, erhalten sie die Genehmigung. Und genau hier liegt das Kernproblem. Die Ursache warum die aktuelle Krise das Ausmaß einer Tragödie angenommen hat. Man hat sie Flüchtlinge in die Hände kriminellen Organisationen getrieben, statt ihnen eine „legale“ Ausreise bzw. Einreise zu ermöglichen.

Damit sind Europas Nationen Handlanger der Mafia geworden.

Das ist nicht nur traurig. Diese vertane Chance hat viele unschuldige Menschen ihr Leben gekostet.

Donnerstag 03.09.15 / Folge 62

Das schlug heute ein wie eine Bombe. Eine Nachrichten-Bombe wohl gemeint. Nach Informationen, die der Regierung vorliegen, sollen 4 Millionen Menschen in der Türkei darauf warten, das Meer in Richtung Griechenland zu überqueren.

Die Übergangsregierung hat deswegen das Thema Flüchtlinge auf die Tagesordnung gesetzt und ihr absolute Priorität eingeräumt. Heute sind zwei hohe Beamte aus Brüssel eingetroffen, die der Regierung volle Unterstützung auf allen Ebenen zugesagt haben.

Sollten diese Zahlen stimmen, dann wäre das für die Inseln nicht nur ein Problem, das blanke Chaos wäre programmiert. Wie könnten diese Menschen eine Erstversorgung bekommen? Wo sollen sie nächtigen? Wie sieht es mit der ärztlichen Hilfe aus? Wie kann man die Lebensmittelversorgung sicherstellen? Und eine ganz wichtige Frage: Wie reagieren die Inselbewohner, wenn es einens solchen  Ansturm von Flüchtlingen gibt?

Und vor allen Dingen: Wie können diese Flüchtlinge die Inseln schnellstens wieder verlassen? Es gibt nur begrenzte Schiffsverbindungen!

Man spricht sogar davon, dass der Notstand ausgerufen werden muss und das zeigt uns den Ernst der Lage. Wenn die europäischen Regierungen nicht sehr schnell handeln und den Krieg in Syrien beenden, dann könnte das zu Zuständen führen, die nicht mehr zu kontrollieren wären. Eine fatale Lage für Alle.

Was muss noch geschehen, damit diese Menschen in Frieden leben können? Eine Antwort auf diese Frage erwarte ich auch von den Regierenden Europas. Aber haben sie darauf überhaupt eine Antwort? Bis heute NICHT!!

Mittwoch 02.09.15 / Folge 61

Aus dem Flüchtlings-Thema ist ein Flüchtlings-Drama geworden. Für beide Seiten. Denn die Inseln sind darauf organisatorisch überhaupt nicht vorbereitet. Von allen Flüchtlingen, die über die Türkei nach Griechenland kommen, nimmt Lesbos 50%, Samos 26 %, Kos 14 % auf, und der Rest verteilt sich auf Chios usw.

Ingesamt kamen seit Januar  800.000 Frauen, Männer und Kinder ins Land. Um das in  Zahlen auszudrücken:  Lesbos hat 82.000 Einwohne. Jetzt kann man sich ungefähr vorstellen, welche Belastung das für diese Insel ist. Und trotzdem muß man sagen, es gibt keine Unruhen. Die Inselbewohner helfen so gut sie können. Man hat eine Schiffsverbindung, von der ich bereits berichtet hatte, eingerichtet, die die Flüchtlinge nach Piräus bringt. Dort angekommen gehen sie zum Bahnhof oder zu den Haltestellender Überlandbusse, die sie an die Grenze bringen. Sie wollen nicht hier bleiben. Sie wollen am liebsten nach Deutschland und nach Schweden.

Auf die Frage eines Reporters: „Was ist passiert, dass Sie ihre Heimat verlassen mussten!“ antwortete ein Syrer, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern auf Kos gelandet war: „Es ist Krieg, Krieg des IS gegen alle und der ist so brutal, dass wir keinen anderen Ausweg gefunden haben, als unser Land zu verlassen. Und wer verlässt schon gerne seine Heimat, in der er aufgewachsen ist, un lässt sein Haus und seine Verwandten zurück?“

Wir sehen diese schrecklichen Bilder, die täglich über die Bildschirme flimmern, so wie heute der kleine Junge, der an einem türkischen Strand tot aufgefunden wurde. Wir sind entsetzt, empfinden Mitleid und wissen aber auch, dass der Aufnahme von Flüchtlingen Grenzen gesetzt sind. Was kann Europa, die Welt tun, damit diese Kriege aufhören? Inwieweit sind sie mit Waffenlieferungen daran beteiligt?

Es sind so viele Fragen und keiner gibt eine Antwort. Es ist wie immer: Alles wird auf den Schultern der einfachen Menschen abgeladen, ohne Rücksicht auf Verluste. Eine bittere Erkenntnis.

Dienstag, 01.09.2015 / Folge 60

Zuerst einmal wünsche ich allen N21-Lesern einen „Schönen Monat“. Das ist hier so üblich und jeder Person, die man heute trifft oder anruft, der wünscht man einen „καλό μήνα“. Man sendet einfach positive Energie aus und die kann wirklich jeder gebrauchen!

Ach ja, hätte ich fast vergessen. Die Katzen-Dame ist wieder bei ihrem Herrchen. Sie ist zwar nicht den Baum heruntergeklettert, aber der Mieter kam aus dem Urlaub zurück und unser Nachbar hat sie freudig in die Arme geschlossen. Das war ein aufregendes Katzen-Abenteuer, das sie wohl so schnell nicht vergessen wird.

Das nächste Abenteuer steht den GriechenInnen bevor. Die Vorbereitungen zur Wahl in drei Wochen gehen in die heiße Phase und alle Parteien reisen durchs ganze Land, um ihre Wähler an die Urnen zu holen. Diese politischen Reden, die man da hört sind so etwas von langweilig und alle tun so, als wenn diese Wahl mal wieder die wichtigste und entscheidendste wäre.

Das haben wir dieses Jahr schon so oft gehört, dass sich doch irgendwie eine Lethargie einstellt, ob man will oder nicht. Man stumpft einfach ein bißchen ab von diesen Krisen-Szenarien. Irgendwie wird man immun gegen Weltuntergangs-Geschichten. Um ehrlich zu sein, finde ich das gar nicht mal so schlecht!

Auf jeden Fall bekriegen sich die beiden großen Parteien recht heftig, d.h. SYRIZA und Nea Demokratia. „Was sich neckt, das liebt sich“, ist doch ein bekannter Ausdruck und vielleicht auch ein Zeichen. Wird es zu einer großen Koalition kommen? Links mit Rechts? Das wäre eine kleine Sensation!

 

Dieter Bartels
Bild: Dieter Bartels

Montag, 31.08.15 / Folge 59

Das Auto brauchte mal wieder einen Ölwechsel. Und da ist es wie beim Zahnarzt, wenn man hingeht, findet er immer etwas. Auch in diesem Falle war es so und der Mechaniker stellte fest, dass die Benzinpumpe unbedingt ausgewechselt werden musste.

„Oje“, dachte ich, „das wird teuer!“ Aber er beruhigte mich und meinte „es sind nur 240 €“. „Das ist teuer“, antwortete ich. Aber mir blieb aber keine andere Wahl, denn wenn das Benzin ausläuft, dann kann das gefährlich werden.

Also ließ ich das Auto in der Werkstatt, die übrigens mitten in einem Wohnviertel angesiedelt ist. Die beiden Brüder, die dort seit über 30 Jahren Autos reparieren – alle Modelle – sind sehr erfahren und leben von der Nachbarschaft.

Sie waren mir von einem Freund empfohlen worden, der dort schon jahrelang hingeht. Sie arbeiten korrekt und sind selbstverständlich viel günstiger als eine Fachwerkstatt. Und, das ist ein wichtiger Punkt, sie reparieren nur was wirklich notwendig ist. Das hat sich im Laufe der Zeit herumgesprochen. Deshalb leben von einer Stammkundschaft, die immer wieder kommt. Auf dies Weise können sie zwei Familien ernähren. Das ist doch was in der heutigen Zeit!

Da die Werkstatt einige Kilometer von meiner Wohnung entfernt liegt, fuhr mich Georgos, der ältere Bruder nach Hause, Morgen, wenn das Auto fertig ist, holt er mich auch wieder ab. Das nenne ich Service!!!

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