Dieter Bartels
Bild: Dieter Bartels
7. September 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland Leben

Athener Tagebuch KW 37 (66-72)

Sonntag 13.09.15 / Folge 72

Mußte heute sehr früh in die Stadt. Wozu man sonst 45 Minuten oder länger braucht, benötigte ich um 8.00 in der früh nur 15 Minuten!!!!! Das war der reinste Genuss.

Die Stadt ist noch im Sonntags-Schlaf, aber die ersten großen Vorbereitungen für die Wahl am nächsten Sonntag werden getroffen.

Zufällig kam ich am Stand des vorigen Ministerpräsidenten vorbei. Er war leer, wurde nur von einem Mann bewacht. Ob er am 20.09. auch so leer aussieht, sollte die Wahl verlorgen gehen?

Die Demoskopien sehen SYRIZA immer noch vorne und wenn nicht etwas unvorhersehbares passiert, dann wird sie auch die Wahl gewinnen, nach Meinung der Experten.

Aber was könnte noch passieren? Ja, da ist doch das „debate“ morgen um 21.00 zwischen den beiden Parteiführern der zur Zeit größten Parteien.

Laut Umfragen vereinigen sie ungefähr 50% der gesamten griechischen Wählerschaft.

Es sind 2 Stunden angesetzt und es soll eine richtig heiße Auseinandersetzung werden, wie bereits angekündigt wurde. Wieder einmal werden wir vor dem Fernseher sitzen und hoffen, daß programmatische Aussagen gemacht werden, die das Land in ruhigere Gewässer führt.

Wird einer von den beiden als Gewinner hervorgehen? Gibt es ein Patt ? Wird diese letzte Redeschlacht noch eine entscheidende Wende bringen, die sich vor allem die konservative Seite erhofft?

Verlierer gibt es nicht und wenn dann sind es die Fernsehzuschauer, denen vor lauter Langeweile und Müdigkeit die Augenlider zufallen, weil sie vergebens auf ein Programm warten.

Samstag 12.09.15 / Folge 71

Ein schwieriger Tag für mich. Unter dem Spülbecken ist die Tür ausgehakt. Als „Anti-Mechaniker“ muß ich das unbedingt reparieren. Was für andere Menschen eine Kleinigkeit ist, bedeutet für mich Stress. Wie sagte mein Vater, bevor er mich in eine Lehre schickte: „Es sieht so aus, als wenn Du zwei linke Hände hättest, deswegen schlage ich vor, Du machst eine kaufmännische Ausbildung“. Dem konnte ich nicht nur damals zustimmen. Wobei ich mir mittlerweile ein kleines Grundwissen erarbeitet habe. Ganz so schlimm ist es ja auch wieder nicht. Aber die Tür, die bereitet mir doch Kopfzerbrechen.

Nach einer guten Stunde und einem Schweißausbruch wie nach einem Marathon-Lauf habe ich es geschafft. Die Tür hängt! Zwar nicht gerade, weil sie noch justiert werden muß, aber das kriege ich heute nicht mehr auf die Reihe.

Und wie heißt der berühmteste griechische Ausdruck? Es ist das Zauberwort „αύριο“ und bedeutet „morgen“ und will so viel aussagen wie „morgen ist auch noch ein Tag“ oder „immer schön mit der Ruhe“ oder „jetzt lass uns erst mal einen Kaffee trinken“. Tja, und das mache ich jetzt auch! Schließlich muß man sich auch mal eine Pause gönnen, oder nicht ?

Dieter BartelsFreitag 11.09.15 / Folge 70

Reden wir heute doch mal übers Essen. Politik macht hungrig und die Krise auch und zwischendurch muß man einfach mal abschalten.

Und da empfiehlt sich immer ein Besuch in der Plaka (Altstadt). Sie liegt direkt unter der Akropolis und strahlt eine besondere Atmosphäre aus.

Alles sitzt eng beisammen. Man spürt den Tischnachbarn förmlich und die Touristen aus aller Welt haben auf ihrer Liste, neben den Museen und antiken Stätten, einen Besuch in diesem romantischen Viertel, stehen.

Es gibt Dutzende von Tavernen, die in kleinen Seitengassen liegen, die typisch griechische Gerichte anbieten und zum Schluß einen leckeren Mokka servieren. Der übrigens nicht aus der Kaffeemaschine kommen darf, sondern auf Gas erhitzt und mindestens 3x zum Kochen gebracht werden muß, wegen des Aromas. Erfahrene Kaffeetrinker wie ich, erkennen sofort an den Bläschen auf der Oberfläche, ob er auch traditionell zubereitet wurde.

In der Plaka kann man Stunden verbringen, weil es dort kunterbunt zugeht und ein fröhliches Treiben herrscht. Das steckt auch die Gäste an, die sich dort mal richtig „hängen“ lassen können, von den ermüdenden Besichtigungen.

Da die ganze Altstadt fast komplett eine verkehrsfreie Zone ist, kann sich jeder frei bewegen, ohne von dem Verkehrslärm der Stadt belästigt zu werden. Eine Erholung, die richtig gut tut!


Donnerstag 10.09.15 / Folge 69

Irgendwie bin ich sauer. Wenn das gestern ein „Debate“ war, dann haben sicherlich die Politiker und die Journalisten das Wort falsch übersetzt. Die Frage- und Antwortzeit war so knapp gehalten, daß die Beteiligten in 90 Sekunden gar keine Chance hatten die Fragen einigermaßen zu beantworten. Also blieb es sehr oberflächlich und parteiintensiv. Das kam bei den Wählern nicht gut an, weil sie eine Diskussion erwartet hatten und keine Wahlpropaganda der Parteien.

Jedoch alle Volksvertreter haben sich anschließend als Gewinner gesehen. Na ja, das ist doch schon mal etwas positives, wenn man sich selbst als Sieger darstellen kann. Wer waren also die Verlierer ? Wie immer. Das Volk und der Wähler.

An einer Wahl erkennt man den Egoismus und Narzismus der Politiker, die zwar über die Krise redeten, aber keine konkreten Vorschläge brachten, wie das Land sich aus dieser lösen könnte. Ausser dem üblichen „blablabla“, d.h. es benötigt Aufschwung und Investitionen. „Seufz“. Irgendwie kommt man sich vor, als wenn da Tonbänder ablaufen bzw. die Sätze auswendig gelernt wurden.

Jetzt stellt sich mir eine allgemeine Frage, die in der Demokratie erlaubt sein sollte: „Werden die Wähler nicht ernst genommen oder sind sie so naiv, daß sie das alles glauben, was man ihnen auftischt ?“

Meine Antwort dazu: „Beides!“


Mittwoch 09.09.15 / Folge 68

Das wird ein hochpolitischer Fernsehabend. Ganz Griechenland wird vor der ersten Debatte aller Parteiführer – ausser der rechtsradikalen Partei- um 21.00 vor dem Bildschirm sitzen.

Geplant sind 3 Stunden Rede- und Antwortspiel zwischen den ausgewählten Journalisten und den Politikern, und das gibt es alles live zu sehen im griechischen Staatsfernsehen.

Die Frage steht im Raume, ob diese TV-Debatte die Wähler beeinflussen wird oder nur die Unentschlossenen? Fachleute sprechen von dieser Möglichkeit, weil es zu kontroversen Auseinandersetzungen kommen wird.

Tsipras ist jung und sein Gegenspieler über 60 Jahre alt. Sicher ist, daß Tsipras trotz seiner Unerfahrenheit und seiner Fehler, die er in den letzten Monaten begangen hat, einen sehr großen Wert an Sympathie genießt.

Deswegen zielt die Oppositionspartei auf Erfahrung im Regieren ab, die sie sicherlich hat. Ob aber richtig regiert wurde ist nämlich ein anderer Streitpunkt der Politiker, die sich gegenseitig vorwerfen, versagt zu haben.

Sicherlich haben die Vorregierungen 30 Jahre nicht die Bürokratie in den Griff bekommen und schon gar nicht die Korruption. Also greift der Slogan von Tsipras „neu gegen alt“? Wir werden heute abend sehen welche Muskeln sie alle spielen lassen und ich werde Euch morgen auf jeden Fall davon berichten.

Persönlich habe ich einen besonderen Wunsch: Ich wünsche mir einen Politiker der ohne Tricks arbeitet und ehrlich zu seinem Volke ist !!! Glaubt Ihr das dieser einmal in Erfüllung geht?

Dieter BartelsDienstag, 08.09.2015 / Folge 67

Die korrektesten Demoskopien gibt es immer beim Friseur. Dimitris, der mir schon seit Jahren die Haare schneidet, hört täglich die Meinungen, die Beschwerden, den Ärger aber auch viel Positives.

„Nun, dann schieß mal los! Was glaubst du, wie die Wahlen nächste Woche ausgehen?“, wollte ich also von ihm wissen. „Na ja, was ich hier so höre, dass gibt mir schon zu denken. Es sind eine Menge Leute darunter, die noch nicht wissen, was sie wählen sollen.“ „Weißt Du es schon?“ „Um ehrlich zu sein, bin ich auch noch am Schwanken, zwischen den alten und den neuen Systemen.“

„Und was machst Du?“, fragte er mich. „Ich habe keine griechische Staatsbürgerschaft und als EU-Bürger kann ich deshalb nur bei den Kommunalwahlen meine Stimme abgeben.“

„Aber Du hörst doch sicherlich eine Tendenz heraus, irgendeine Stimmungslage?“ bohrte ich weiter.

„Die Menschen sind verunsichert. Sie haben Angst vor dem Neuen, aber gleichzeitig wollen sie auf keinen Fall das Alte. Eigentlich möchten sie endlich, dass wieder Ruhe einkehrt ins Land und die Zukunft gesicherter ist als im Augenblick.“

Zum Schluss gab er mir dann doch noch eine Prognose mit: Dimitris glaubt, dass Tsipras knapp gewinnen und es zu einer Zusammenarbeit mit anderen Parteien kommen wird.

Montag, 07.09.15 / Folge 66

Es ist Montag und die Woche wird politisch. Jetzt sind so ziemlich alle Listen der Parteien veröffentlicht und die Bürger wissen, wen sie wählen können, wollen oder auch nicht. Die Beamten haben eigentlich Wahlpflicht, zumal die Parteien in den Ämtern stark vertreten sind, und darauf achten sie auch, dass ihre hofierten Leute zur Urne gehen.

Für viele Mitarbeiter gibt es Sonderurlaub, sollte ihre Wahlheimat nicht in Athen sein, sondern in ihrem Heimatort, also zum Beispiel Tripolis auf dem Peleponnes. Sie bekommen Freitag und Montag frei. Ob sie dann wirklich zur Wahl gehen, ist ein anderes Thema.

Nun, die meisten nutzen aber diese Tage, um in ihr Dorf oder auf ihre Insel zu fahren und die Verwandten zu besuchen. So ist die Wahl ein guter Grund, um mal wieder nach Hause zu kommen.

Ebenfalls werden alle Gerichte für 10 Tage geschlossen, weil die Rechtsanwälte landesweit als gesetzliche Aufseher eingesetzt werden. Die Kinder bekommen selbstverständlich schulfrei, wobei die Schulen am erst 11.09. öffnen und am 17.09. schon wieder schließen, zumal die Klassenzimmer für die Wahlen vorbereitet werden müssen.

Nach den Umfragen von heute liegt die Regierungspartei SYRIZA mit 1% vor der konservativen Partei. Aber diese Zahlen können sich schnell ändern. Entscheidend wird die nächste und letzte Woche vor der Wahl sein. Die ersten ausländischen TV-Stationen sind schon in Athen und Griechenland wird wieder mal auf den ersten Titelseiten zu sehen sein.

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