Dieter Bartels
Bild: Dieter Bartels
28. September 2015  /// Athener Tagebuch Gesellschaft

Athener Tagebuch KW 40 (87-93)

Sonntag 04.10.15 / Folge 93

Die Flüchtlingsthematik nimmt Fahrt auf. Das Dreier-Gespräch Merkel-Faymann-Tsipras hat allen klar gemacht, dass die Grenzen von Griechenland nicht gehalten werden können, weil die Menschen über das Meer kommen.

Der österreichische Bundeskanzler hat einen Kurztrip angekündigt und trifft sich am Dienstag mit dem Premierminister auf der Insel Lesbos, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Warum haben alle so lange gewartet? Wieso haben so viele Menschen ihr Leben lassen müssen? Es sieht aus, als ob die Politik nicht mehr agiert, sondern nur noch reagiert und wie in diesem Drama, viel zu spät!

Hier muss ein schnelles Umdenken erfolgen, damit wir nicht weitere Tote zählen, sondern den Menschen vor Ort helfen.

Die Zeit drängt, denn der Herbst hält Einzug und die Gefahren über das Meer eine griechische Insel zu erreichen werden aufgrund der Stürme noch riskikoreicher.

Es gibt nur eine Forderung an die Politiker: „Tut endlich was!“

Dieter BartelsSamstag 03.10.15 / Folge 92

Der Flüchtlingsstrom nach Griechenland hört nicht auf. Mittlerweile zeigen sie auch Kinder und Jugendliche, die ganz alleine unterwegs sind. Unter den widrigsten und gefährlichsten Umständen haben sie die griechische Insel Lesbos erreicht.

Dass Kinder ohne ihre Eltern diese Flucht ergreifen, erscheint mir besonders bedrückend. Wie kann man sie im Alter von 7 Jahren auf so eine Reise schicken?

Es muss eine große Verzweiflung herrschen, anders kann ich es mir nicht erklären. Solche Geschichten haben wir nicht mal vom 2. Weltkrieg gehört, als die Menschen aus dem heutigen Polen vertrieben wurden und ihr ganzes Hab und Gut verloren. Eine Familie bedeutet auch Zusammenhalt, selbst in einer derartigen Lebenslage.

Krieg ist immer tragisch, denn man ist hilflos den Gewalttätigkeiten ausgesetzt, ohne sich wehren zu können.

Der schlimmste Frieden ist besser als jeder gute Krieg!!! Dafür haben wir Sorge zu tragen, auch dass in unseren Regionen nicht dergleichen passiert. Und das geht nur durch Solidarität: Miteinander und Füreinander

Dieter BartelsFreitag 02.10.15 / Folge 91

Der Schuhladen ist mir in den letzten Tagen bei einem Stadtbummel aufgefallen. Alles handgemacht aus Leder und leicht zu tragen. Für lange Waldmärsche sicherlich nicht zu empfehlen, aber bei sommerlichen Temperaturen ein Genuss, weil auch mal die Füße frische Luft bekommen!!

Für Europäer wohl ein bisschen gewöhnungsbedürftig, weil man keine Socken trägt, aber die werden bei uns sowieso auch erst im Herbst bzw. Winter aus dem Schrank geholt.

Deswegen erkennen wir auch Touristen sofort an ihrem Äußeren. Sie tragen nämlich Shorts mit Sandalen und natürlich Socken! Sieht lustig aus, wenn man bei 40° C die leidenden Besucher sieht, die sich mit ihren kulturellen Gewohnheiten herumquälen, anstatt sich den klimatischen Verhältnissen einfach anzupassen.

Aber wie es im Leben so ist, wenn die Gewohnheit erstmal zur Gewohnheit wird, dann wird es Zeit, in sich zu gehen, um Dinge neu zu überdenken. Davon abgesehen: wenn ihr mal ein paar Sommer-Latschen braucht, sagt mir Bescheid. Ich sag euch dann, wo ihr den Laden findet. Und zusammen einen Kaffee trinken gehen wir auch!


Donnerstag 01.10.15 / Folge 90

Ein neuer Monat beginnt, und wie es sich nach griechischer Sitte gehört, wünsche ich euch allen einen wunderbaren Monat mit viel Glückseligkeit!!

Wir verbrauchen in Griechenland sehr viel Olivenöl, nicht nur aus Gründen der Zubereitung, sondern weil es auch so gesund ist. Sicherlich ist es weit günstiger in unseren Regionen, da hier 1 Liter nur fünf Euro kostet, selbstverständlich direkt vom Bauern.

Der verstorbene Dr. Dimitrios Labropoulos, der die Forschung über die gesundheitlichen Eigenschaften des Olivenbaumes vorantrieb und sich dabei auf Hippokrates bezog, fand heraus, dass sogar die Extrakte von frischen Olivenbaumblättern zur Bekämpfung und Verhütung von Krankheiten hervorragend sind und gleichzeitig den Organismus stärken.

Empfehlung meinerseits: Gerade weil es in Zentraleuropa keine Olivenbäume gibt, bietet es sich an, sie selbst zu pflanzen und die Oliven zu ernten. Es ist ganz einfach, probiert es mal.

Dieter BartelsMittwoch 30.09.15 / Folge 89

Wer schon mal mit der U-Bahn in Athen gefahren ist, wird sich wundern. Wieso? Weil jede U-Bahnstation nur so vor Sauberkeit glänzt. An bestimmten Haltestellen, wie die der Akropolis, sind Ausgrabungen zu sehen und an anderen Ausstellungen moderner Kunst etc.

Die Fahrt kostet nur 1.20 € und für Personen über 60 nur die Hälfte. Deswegen wird sie mittlerweile täglich von vielen Tausend Athenern benutzt. Und man merkt es, da der Verkehr in der Stadt stark nachgelassen hat. Man muß dazu sagen, dass die Verwaltung von einer Privatfirma geleitet wird und nicht von Beamten! Ich möchte wirklich keine griechischen Staatsangestellten beleidigen, aber den Unterschied sieht man im öffentlichen Verkehr, bei den Buslinien und der Eisenbahn.

Von der Endstation Glyfada (im Süden) bis ins Zentrum sind es knapp 20 Minuten, und man kann direkt am Syndagma-Platz aussteigen. Eine Wohltat, wenn man mal in die Stadt möchte zum Bummeln oder auf einen Kaffee, da man sich die stundenlange Parkplatzsuche auch noch spart.

Ehrlich gesagt, eine derartig saubere U-Bahn habe ich in Paris und London vermisst, dort haben sie dazu auch noch extrem hohe Fahrpreise.

Dieter BartelsDienstag 29.09.15 / Folge 88

In diesen kleinen Zelten (s. Foto), die hier zum Verkauf angeboten werden, übernachten ganze Familien, die aus Syrien und anderen Ländern geflohen sind. Sie sammeln sich auf dem Victoria-Platz in Athen und hoffen, bald weiterreisen zu können.

Keiner möchte hier bleiben, alle wollen nach Zentral- bzw. Nordeuropa. Sie wissen, sie haben noch eine lange Reise und ungewisse Zukunft vor sich.

Viele Kinder sind krank, denn in Athen ist der Herbst eingezogen und die Temperaturen sind auf 19° C gesunken. Starke Regenfälle und nasskaltes Wetter machen die Situation nicht einfacher.

Die Geschichte eines achtjährigen Jungen, der seine Familie verloren hat, macht zur Zeit die Runde. Er sieht müde aus, aber nicht traurig, denn eine andere Flüchtlingsfamilie mit zwei Töchtern hat ihn aufgenommen. Sie kümmern sich um ihn und werden ihn mitnehmen, auf ihre Reise in eine bessere Zukunft.

Bessere Zukunft bedeutet für sie alle KEIN KRIEG sondern Frieden, täglich etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf.

All das, was wir bereits haben, was viele unter uns oftmals vergessen!


Montag 28.09.15  / Folge 87

Heute hatte ich ein interessantes Streitgespräch mit einem Bremer über das Wort „arm“. Er meinte, Griechenland ist ein armes Land, weil es schlecht gewirtschaftet hat.

Stimmt! Das sie hier ein bisschen „schlampiger“ waren, dem widerspricht niemand. Aber ist das Land wirklich arm? Oder ist es nur ärmer, weil es weniger Geld in der Staatskasse hat? Jetzt müsste man das Wort erst einmal definieren.

Was bedeutet eigentlich heute in unserer Gesellschaft Armut? Eindeutig wird damit das Finanzielle gedeutet. Es wird alles auf das Ökonomische reduziert. Dabei wird nicht gefragt, ob jemand glücklich ist!

Also ist reich und arm so simpel auszudrücken? Nein, auf keinen Fall. Reich an Geld? Reich an Kriminalität?
Reich an Meer und Natur? Reich an Freunden? Reich an Gesundheit? Reich an Lebensfreude?

Oder reich an Einsamkeit? Reich an seelischen Problemen? Reich an Stress? Reich an Autos und Immobilien?

Viele Fragen, die uns stark zum Nachdenken anregen und nicht einfach mit einer Floskel enden sollten und alles über einen Kamm scheren, ohne es analysiert zu haben.

Wir haben das Telefonat freundlich beendet und er verstand, dass Hellas auch reich ist – reich auf seine Art und Weise. Dann, sagte er mir zum Schluss schmunzelnd, habe er nur einen Wunsch: „Lieber reich und gesund als arm und krank.“

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