20. Oktober 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland

Athener Tagebuch KW 43 (101-107)

Sonntag, 25.10.15 / Folge 107

Was macht man, wenn man acht Frauen zum Kaffeeklatsch zu Besuch hat? Natürlich Kaffee kochen und bei uns gibt es dann immer deutschen Filterkaffee, wie ihn schon meine Oma zubereitete. Den serviert man nicht aus der Maschine, sondern von Hand, das bedeutet, Wasser ständig aufkochen lassen und aufgießen. Nicht vergessen, vorher ein bisschen Salz auf den Kaffee streuen, das reduziert die Bitterkeit und macht ihn bekömmlicher!

Das Hauptthema war die Krise und ihre Auswirkungen, und die machen sich immer noch stark im täglichen Leben bemerkbar. Eine der Damen, deren Mann eine größere Farm hat und Kräuter für den Export anbaut, sagte uns ganz klar, dass die Kapitalverkehrskontrollen sie fast an den Rand des Ruins gebracht hätten, weil sie benötigte Produktionsmittel aus dem Ausland nicht mehr bezahlen konnten. Somit war keine Produktion mehr möglich.
Nun, mittlerweile wurden diese stark gelockert und über den bürokratischen Weg, der leider sehr umständlich ist, geben die Banken wieder Sicherheiten heraus, die von den ausländischen Firmen gefordert werden.

Es war aber auch erkennbar, dass sich das Klima langsam aber sicher positiv ändert und das wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Hoffen wir, dass der Tunnel nicht zu lang ist und wir bald zum Ausgang kommen, denn lange halten es die Familien, die mittelständischen Unternehmen etc. nicht mehr durch.

Samstag, 24.10.15 / Folge 106

Der Klimawandel macht sich auch in Griechenland bemerkbar. Betroffen davon war besonders die Insel Hydra, die übrigens in den 70er-Jahren ein beliebter Ort von Musikern war. Bob Dylan war dort ständiger Gast.

Zurück zur Katastrophe, die immense Schäden verursacht hat. Natürlich muss man sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Ist es nur der Klimawandel oder haben die Menschen die Natur zu stark beschnitten, die Wälder zu stark gerodet für den Häuserbau? Sicherlich beides. Erkenntnis daraus? Wahrscheinlich keine, denn das Geschrei ist groß, aber weiter gebaut wird trotzdem, was Folgen hat.

In einem Youtube-Video kann man die Ausmaße sehen, die dieses Unwetter angerichtet hat.

Wann werden die Menschen endlich aufwachen und die Natur respektieren ? Was muss noch alles passieren, damit der Mensch lernt MIT der Natur und nicht GEGEN die Natur zu leben ?

Freitag, 23.10.15 / Folge 105

Was doch so ein Staatsbesuch für ein Verkehrschaos verursacht. Hollande kam gestern an, begleitet von 70 Leuten aus der Wirtschaft, und wird sich zwei Tage in Athen aufhalten. Die Stadt war komplett abgeriegelt und wir brauchten über 1 Stunde um in die Nähe des Zentrums zu kommen, was wir sonst in 20 Minuten schaffen.

Es ist eine sehr wichtige Reise für das Land, weil es um Investitionen geht, die die französische Seite plant. Auf dem Programm stehen auch die Privatisierungen, die ein ganz wichtiger Bestandteil der Gespräche sind.

Hollande betonte im Fernsehen, dass es eine Ende der europäischen Austerität geben müsse. Er nannte dabei kein Land beim Namen, aber wir wissen alle, dass er damit hauptsächlich Deutschland meint.

Alle bisherigen Sparmaßnahmen, die von der Troika getroffen wurden, sind im Sande verlaufen. Das gilt nicht nur für Athen, sondern auch für Portugal, Spanien und Irland. Man muss sich die Zahlen nur ein bisschen genauer anschauen, dann sieht man das die Staatsüberschüsse auf Kosten der Bevölkerung zustande kamen.

Ja, so kann man auch Profite machen. Ich nehme einfach dem anderen etwas weg und spare Geld, was dann wie ein Gewinn aussieht. Und das nennt man Soziale Marktwirtschaft. Aber gibt es die überhaupt noch? Habe hier meine Zweifel!

Donnerstag, 22.10.15 / Folge 104

Es wird langsam ernst für die privaten TV-Kanäle. Sie geraten immer mehr unter Beschuss. Jahrelanges streicheln der Parteien hat dazu geführt, dass die Sender so gut wie keine Steuern abgeführt haben. Dieses unzulässige Monopol der Privatsender hat zu einer Abhängigkeit vom politischen System geführt und soll jetzt durchbrochen werden.

Teilweise wurden die zu zahlenden Steuern mit den Werbe-Spots vor den Wahlen einfach verrechnet. Somit gerät auch das Kontrollgremium, das eigentlich den Sendern auf die Finger schauen sollte, unter starken Beschuss. Man spricht von Absprachen bei der Vergabe von Frequenzen. Was das heißt, braucht man nicht weiter zu erläutern: „Schmiergelder“!

Die Fernsehzuschauer haben das schon seit langem erkannt und wenden sich immer stärker dem staatlichen TV-Sender ERT zu, der zumindest neutrale Nachrichten bringt – auf einem hohen Niveau. Jetzt ist es soweit. Das Gesetz wurde gestern verabschiedet. Nun geht es an die praktische Umsetzung.
Hoffen wir auf ein wertefreieres Fernsehen!

Mittwoch, 21.10.2015 / Folge 103

Man muss den Tatsachen in die Augen schauen. Und wenn man ehrlich ist, dann muss man feststellen, dass die wirtschaftliche Lage explosiv ist. Viele Kleinunternehmer können ihre Kranken- und Rentenversicherung nicht mehr bezahlen. Man geht von über 50 % aus! Die Kassen stehen seit geraumer Zeit schon vor dem Kollaps und werden nur durch Kredite am Leben gehalten.
Das ist kein gesunder Zustand.

Auch die Abführung der Steuern an das Finanzamt ist nur noch möglich, wenn man es über Ratenzahlungen macht. Weil die Versteuerung zu hoch ist, besteht die Gefahr, dass die Paraökonomie (Schwarzgeld) stark zunehmen wird. Und sie wächst gerade.

Viele lehnen jetzt schon direkte Einzahlungen auf ihr Konto ab. Alles gegen Bargeld ist die Devise. Wem kann man das verübeln? Wenn man die monatlichen Kosten für den Lebensunterhalt etc. nicht mehr decken kann, weil es für mittelständische Unternehmen, Freiberufler, Selbständige keinen Steuerfreibetrag gibt?

Einmalig in Europa und keiner versteht die Troika, die immer noch auf dieser Form der Austerität besteht. Wie kann man da die Wirtschaft ankurbeln?
Aber wen frag ich das? Beamte, die noch nie in ihrem Leben etwas riskiert haben!

Dienstag, 20.10.15 / Folge 102

Vom Erbfall meiner Frau und dem damit verbundenen Bürokratieaufwand hatte ich Euch bereits erzählt. Aber heute setzte das Amt noch einen drauf. Man verlangte den Namen des verstorbenen Großvaters für das Ausstellen eines Formulares. Hierzu muss man sagen, dass der gute Mann bereits in den 70er-Jahren von uns gegangen ist. Das sind nach meiner Rechnung über 40 Jahre!!

Als ich mich kurz darauf, einem Freund, der als Rechtsanwalt arbeitet, davon berichtete, meinte er, es sei fast unmöglich geworden, sich in diesem Gesetzesdschungel auszukennen. Nur in Italien soll es noch schlimmer sein. Dort haben sie über 150.000 landesweite Gesetze!! Da können wir ja noch von Glück reden, hier sind es weit weniger, aber eine genaue Zahl liegt mir leider nicht vor.

Trotzdem wurden eigens neue Mitarbeiter in diversen Ministerien eingesetzt, die Licht in diesen Dschungel bringen sollen und ein Abbau der Bürokratie eingeleitet werden kann.
Persönliche Bemerkung: Licht hat die Menschheit schon immer gebraucht!

Montag, 19.10.15 / Folge 101

Das Flüchtlingsdrama nimmt unmenschliche Ausmaße an. Alleine in den letzten 24 Stunden sind mehr als 10.000 Menschen auf Lesbos und den anderen griechischen Inseln gelandet. Die Gestrandeten, Familien mit Kindern, sind teilweise in einem katastrophalen gesundheitlichen Zustand.

Die Reise über das Meer mit den starken Ägäis-Winden im Oktober hat sie körperlich ausgezehrt. Die Ungewissheit, überhaupt lebend eine der Inseln zu erreichen, wird von Tag zu Tag größer, weil jetzt die großen Herbststürme bevorstehen.

Täglich wird von Toten berichtet, die diese Reisestrapazen nicht überstanden haben. Erschreckende Bilder.

Es sieht auch so aus, als ob die Türkei keinen Riegel vorschiebt. Anders ist diese Massenflucht, die gut organisiert scheint, nicht zu erklären. Denn wer flieht vor dem Krieg und begibt sich in neue Lebensgefahr? Nur Menschen, die absolut hilflos sind und keinen Ausweg mehr sehen.

Wann schreiten die Politiker endlich ein? Die Uhr zeigt 5 nach 12!

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