29. Oktober 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland

Athener Tagebuch KW 44 (108-114)

Sonntag, 01.11.2015 / Folge 114

Es darf einfach nicht wahr sein. In 24 Stunden ertranken vor der Insel Lesbos 45 Menschen, darunter Frauen, zwei Kinder und vier Neugeborene.

Ein Junge von zehn Jahren überlebte die Überfahrt und eine Frau von der Insel hat ihn in ihrer Familie aufgenommen. Die Bilder im Fernsehen waren so herzzerreißend, weil der Kleine seine „neue Mutter“ fest umarmte und sich bei ihr bedankte, dass er noch am Leben war und ein Zuhause gefunden hatte.

Sie versorgt ihn wie ihren eigenen Sohn und wird sich auch um ihn in Zukunft kümmern. Mittlerweile wurde bekannt, dass sein älterer Bruder in Schweden lebt und sie hatten Kontakt miteinander. Auch die Mutter, die noch in Syrien ist und Haus und Hof verloren hat, konnte mit ihrem Sohn sprechen. Sie lebt in einem Zelt und hatte keine Geld für die Überfahrt nach Griechenland.
Wenn man das hört und sieht, dann muss man feststellen, dass es uns wirklich gut geht.

Das sollten wir nicht vergessen. Wir haben ein Dach über dem Kopf, ohne bombardiert zu werden. Keine IS, die die Frauen vergewaltigt und verkauft. Wir haben jeden Tag zu essen und zu trinken. Was will man mehr?

Dafür bin ich dankbar und weiß es sehr zu schätzen.

Samstag, 31.10.15 / Folge 113

 

Samstag ist Markt-Tag und ganz bei uns in der Nähe verkaufen Bio-Bauern ihre frischen Produkte. Hier kaufen wir seit über 10 Jahren unsere wöchentlichen Rationen ein.

Ich kann mich noch gut erinnern, als am Anfang nur zehn Stände ihre Waren anboten. Heute sind es über 60 und man muss sich beeilen, dass man auch alles bekommt, was man so braucht. Der Andrang ist groß, obwohl alles ein bisschen teurer ist, aber man weiß was man auf dem Teller hat.

Ökologische Agrarprodukte werden immer mehr auf den griechischen Märkten angeboten, weil man auch hier erkannt hat, dass die Massenproduktionen der großen Farmen massenweise Pflanzenschutzmittel, Düngemittel und andere chemische Zusätze benutzen. Das ist ein gutes Zeichen, weil somit auch die Großbauern zum Umdenken gezwungen werden.

Heute suche ich Granatäpfel für den Salat. Untermischt mit Olivenöl und ein bisschen Naturessig ist das eine Delikatesse. Nur zu empfehlen! Je nach Geschmack, kann man auch ein paar Frühlingszwiebeln beilegen. Und fertig ist der Mittagstisch.

Lasst es Euch schmecken !!

Freitag, 30.10.15 / Folge 112

Die Lagarde-Liste ist immer noch ein heißes Gesprächsthema in Athen. Vor allem, weil Falciani jetzt in der Schweiz vor Gericht gestellt wird, denn die CD, die er damals Frau Lagarde übergeben hatte, war nach Ansicht der Bank, gestohlen.

Ist es ein Diebstahl, wenn man kriminelle Taten der Bank aufdeckt? Die Frage gilt es zu klären!

Die Bank, die jahrelang Steuersünder, Schwarzgelder, Mafia-Überweisungen etc., gedeckt hat, ist der Kläger. Interessanter Fall, der die Presse sicherlich bald beschäftigen wird.

Diese Liste von mutmaßlichen griechischen Steuerhinterziehern ist vor ein paar Jahren in Griechenland gelandet. Wurde in eine Schublade gesteckt und bewusst „vergessen“. Erst die neue Regierung hat sie wieder herausgeholt und der Staatsanwaltschaft übergeben.

Die ersten Einnahmen konnten schon verzeichnet werden. Es ging angeblich um über 80 Millionen Euro. Ob wirklich alle Namen auf der Liste verfolgt werden, wage ich mal zu bezweifeln. Da sind teilweise einflussreiche Personen dabei, mit internationalen Verbindungen.

So ist es, wenn man kein einfacher Bürger ist, da drehen die Gesetzesmühlen ein bisschen anders.

Donnerstag, 29.10.15 / Folge 111

Die roten Darlehen der Griechen und Griechinnen – so nennen wir die Kredite, die von den Haushalten nicht mehr getilgt werden können. Eine komplexe Geschichte mit vielen Akteuren.

Valdis Dombrovskis – Vizepräsident der Europäischen Kommission – ist eigentlich der verlängerte Arm von Wolfgang Schäuble und vertritt die harte Linie. Die Rekapitalisierung der griechischen Banken soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Das bestätigten auch Juncker und Draghi, die mittlerweile gegen die deutsche Austeritätspolitik Stellung bezogen haben. Man kann das auch als Grabenkämpfe bezeichnen und möchte wohl das Flüchtlingsthema mit der finanziellen Unterstützung der EU verbinden. Nur: Hierzulande droht man Häuser und Wohnungen der Kreditnehmer zu pfänden, die ihre Hypotheken nicht bezahlen können. Und das ist milde ausgedrückt, am Ende macht man sie damit schlicht obdachlos.

Das ist die eine Seite, die der Deutschen und ihrer harten Vertreter. Die andere Seite ist die französische, und die hat sich ebenfalls positioniert. Denn Frankreich lässt sich nicht mehr so einfach in die politische Ecke schieben. Sie unterstützen die griechische Meinung, dass dieser Schritt zu sozialen Unruhen führen würde.

Hinzu kommt, dass der Präsident der Piräus Bank offiziell gesagt hat, dass die Banken absolut kein Interesse daran haben, das Eigentum der Kunden zu konfiszieren. Warum sollten sie auch? Die Banken stehen mittlerweile finanziell relativ gut da, weil sie nicht die zunächst angenommene Summe von 25 Milliarden Euro benötigen, sondern nur 10-15 Milliarden Euro. Dieser Betrag reicht vollkommen zur Rekapitalisierung aus. Am Samstag dieser Woche endet der jüngste Stresstest, dann werden wir exaktere Zahlen und Fakten haben.

Aber es sind nicht nur die Hypotheken der Eigentümer im Gespräch, sondern auch die Geschäftsdarlehen größerer Firmen. Und hier treten plötzlich die Funds in den Mittelpunkt, die großes Interesse zeigen, ganz plötzlich in Griechenland zu investieren. Grund: Man kann billig einkaufen! Und nicht ganz zufällig tritt auch die Weltbank in Erscheinung, die ebenfalls Interesse zeigt an einer Rekapitalisierung der Banken.

Der nächste Zufall. Hollande besuchte mit 70 Wirtschaftsleuten Athen. Und nicht nur das, man munkelt, dass Frankreich, auf Antrag der griechischen Regierung, eine Delegation von Fachkräften auf der Finanzebene installieren wird, die das Finanzsystem, die Bekämpfung von Steuerhinterziehung etc. logistisch unterstützen soll.

Sicherlich sind damit auch Eigeninteressen verbunden, weil man auch über die Privatisierung von Staatseigentum verhandelt hat. Es bilden sich also verschiedene Parteien und die sind einerseits Hollande, Renzi, Juncker und Draghi und andererseits die deutsche Regierung.

Tsipras hat das Verhandeln mittlerweile gelernt und nimmt dazu kaum Stellung. Wenn doch, dann nur in einem sachlichen Ton. Aber die Spatzen pfeifen es mittlerweile schon  von den Dächern, dass die deutsche Regierung mit ihren harten Forderungen nicht durchkommt, weil die EZB eine starke Position eingenommen hat und ein Machtwort sprechen wird.

Einige Journalisten haben bereits hinter vorgehaltener Hand kundgetan, dass an der Rekapitalisierung ganz konkret gearbeitet wird und es zu keiner Pfändung kommen wird. Man ist vorsichtig mit Prognosen und tut auch gut daran, nichts zu bestätigen, bis nicht alles unterschriftsreif ist, weil politische Gegenspieler wieder versuchen, den GREXIT zum Thema zu machen. Und genau das hat Hollande betont! Griechenland ist Europa und wird es auch bleiben. Das ist unumwerfbar und wird nicht verhandelt.

Dieses politische Geplänkel hat sicherlich einen viel „realeren“ Hintergrund. Es geht um milliardenschwere Werte des griechischen Staatseigentums und nicht zu vergessen, die großen Erdgas-Vorkommen.

Mittwoch, 28.10.15 / Folge 110

Heute ist Ochi-Tag, an dem das NEIN von Metaxas gefeiert wird.

Der autoritäre Ministerpräsident Ioannis Metaxas hatte 1940 die Besetzung strategisch wichtiger Punkte durch die Italiener abgelehnt. Dieses OXI (sprich: Ochi) ist deswegen auch ein Zeugnis des Widerstands gegen den Faschismus.
Mussolini sagte Hitler, dass er nur 3 Tage brauchen werde, um das Land einzunehmen. Nach 6 Monaten hatte er es immer noch nicht geschafft, und die griechischen Soldaten konnten die italienische Wehrmacht unter großen eigenen Verlusten, zurückdrängen.
Somit war Hitler gefordert, der eigentlich keine Soldaten nach Griechenland entsenden wollte, jetzt aber gezwungen war einzugreifen.

So kam es, dass die deutsche Wehrmacht ihren Balkanfeldzug bis nach Griechenland ausweitete. Aus der Geschichte ist bekannt, welche Metzeleien angerichtet wurden, für die Hellas bis heute keine Entschädigung erhalten hat.
Deutschland lehnt das vehement ab und verweist auf Verträge, die von hochdotierten Rechtsanwälten jedoch angezweifelt werden, zumal damals auch die Staatskasse geplündert wurde und große Summen nach Deutschland flossen.

Empfehlung dazu: Beitrag aus der deutschen Satire-Sendung „Die Anstalt“ ansehen, in dem diese Inhalte auf eine eindrucksvolle Weise nochmal geschildert wurden.

Dienstag, 27.10.15 / Folge 109

Der Herbst zieht langsam in Athen ein. Eigentlich eine ruhige Zeit, aber im Hinblick auf die anstehenden Reformen und wirtschaftlichen Änderungen könnte es  allerdings stürmisch werden.

Die Apotheker streiken, weil sie sich der Öffnung der Kommission verschließen. Die Hafenarbeiter ebenfalls, weil sie nicht damit einverstanden sind, dass ein Teil des Hafens an die Chinesen verkauft werden soll. Und da haben wir auch noch die Bauern, die sich auf einen großen Generalstreik einstellen und das ganze Land damit überziehen wollen.

Ihre Traktoren stehen schon bereit für den Ansturm auf Athen. Sie erwarten Steuererhöhungen, die sie nicht mittragen wollen. Bisher kamen ihnen enorme finanzielle Erleichterungen und staatliche Unterstützungen zugute, die jetzt gekürzt werden sollen.

Hierzu muss man sagen, dass einige Bauern gar nicht selbst produzieren und dadurch genau diese Vorteile ausnutzen konnten. Dem soll ein Ende gesetzt werden. Das dies bestimmten Cliquen nicht gefällt, liegt auf der Hand. Aber wie mir Bauern auf dem Markt sagten, wird es langsam Zeit, dass sich die Spreu vom Weizen trennt und endlich Klarheit herrscht, wer sich als Bauer bezeichnen darf.

Wie gesagt, die Herbststürme haben es in sich.

Montag, 26.10.15 / Folge 108

Die Flüchtlingspolitik der Europäer hat versagt. Und jetzt möchte man Griechenland den schwarzen Peter zuschieben, weil sie ihre Grenzen nicht kontrollieren? Das Land leidet unter einer wirtschaftlichen Krise und hat nicht die Gelder der anderen europäischen Länder zur Verfügung. Trotz dieser Umstände haben die Menschen auf den Inseln die Flüchtlingen täglich mit Essen und Trinken versorgt. Kleinkinder wurden in den Familien aufgenommen, die sie fast mütterlich versorgten.

Und nun heißt es, die Griechen hätten es versäumt, die Grenzen dicht zu machen? Vielleicht bräuchten einige Politiker ein bisschen Unterricht in Geographie. Die Grenzen sind in diesem Fall die Ägäis und damit nicht mit einem Schlagbaum versehen, an dem man die Ankömmlinge kontrollieren könnte!

Man bräuchte Hunderte von Schiffen, um diese Kontrollen tagein tagaus durchzuführen. Das ist unmöglich und auch nicht bezahlbar. Aber wie gesagt, vielleicht werfen ein paar Regierende mal einen Blick auf die Landkarte.

Wir haben die Bilder und die Hilfsbereitschaft der Leute vor Ort verfolgen können. Man muss es fast als eine Beleidigung empfinden, von Regierenden kritisiert zu werden, die noch nie ihren Chefsessel verlassen haben und dann darüber urteilen, wie man übers Meer kommende Flüchtlinge am besten kontrolliert. Aber vielleicht sollte man sie direkt ins Meer werfen? Oder wie stellen sich das diese Theoretiker vor?

Anscheinend ist für sie auch das Wort Menschlichkeit ein Fremdwort!!!

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