9. November 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland

Athener Tagebuch KW 46 (122-128)

Sonntag, 15.11.15 / Folge 128

Viele GriechenInnen pilgern in die Stadt, um vor der französischen Botschaft, die direkt gegenüber dem Parlament liegt, Blumen niederzulegen. Erwachsene und Kinder zünden Kerzen an, um ihre Trauer und Solidarität mit den Franzosen zu zeigen.

Der französische Botschafter in Athen nahm am Eingang die Beileidsbekundungen der Menschen direkt entgegen. Es war auch ein Dankeschön an das griechische Volk, das eine enge Verbundenheit mit Frankreich hat. Viele GriechenInnen leben bzw. studieren in Paris und hatten direkten Kontakt mit ihren Verwandten und Freunden vor Ort.

Es sind jetzt Maßnahmen angesagt, die Frage ist nur welche? Und wie wirken sie sich auf das tägliche Leben der Menschen aus? Verstecken aus Angst ist sicherlich keine Lösung. Deswegen hat auch Ministerpräsident Tsipras an alle appelliert, nicht die Öffentlichkeit zu meiden, sondern ganz normal seinen Dingen nachzugehen.

Deswegen ging ich gestern Abend auf ein Bierchen in einen Club und dort war von den tragischen Ereignissen tags zuvor, gar nichts zu spüren. Alle waren ausgelassen und gut gelaunt und genossen ihren Samstagabend.

So muss es sein! Man kann Mitgefühl zeigen, aber darf sich nicht manipulieren lassen durch derartige Terrorakte.

Samstag, 14.11.15 / Folge 127

Was für eine Nacht. Die Anschläge in Paris haben uns alle schockiert. Das bewegt uns alle auch heute noch sehr tief und ist das Hauptthema in allen Cafes, beim Bäcker, im Supermarkt. Überall spricht man von diesen Terrorakten, die nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa im Mark getroffen haben.

Dass einer der Terroristen, als einer von Hunderttausenden, über Griechenland eingereist ist, wurde mittlerweile auch offiziell bestätigt. Es könnte aber auch ein gefälschter Pass sein, den man übrigens für 1.200 Dollar in der Türkei kaufen kann.

Das würde bedeuten, dass viele Syrer gar keine sind, sondern ihre Herkunft verschweigen, damit sie leichter nach Zentraleuropa gelangen. Diese Leute nutzen schamlos das Leid Anderer aus, die vor dem Krieg flüchten und ihr Zuhause verloren haben.

Europa ist im Schockzustand, weil uns dieser Angriff mitten im Herz getroffen hat. Denn es wurden die Bürger angegriffen und nicht etwa gezielt staatliche Einrichtungen.
Möchte man damit unsere Freiheit beschneiden? Das darf nicht gelingen, sondern wir müssen auf unseren Werten bestehen.

Eine unruhige Zeit bricht an. Wie wird sie ausgehen?

Freitag 13.11.15 / Folge 126

In Athen ist wieder Ruhe eingekehrt. War gestern alles halb so schlimm, was wir selbst vor Ort im Zentrum erleben konnten.

Als wir gegen 20.00 am Syndagma vorbeifuhren, war nichts mehr von den Molotowcocktails zu sehen. Die Straße war gereinigt und der Verkehr war wie immer.

Mal sehen was nächste Woche los ist, am 17.11., wenn der Tag, an dem die Junta das Uni-Gelände stürmte, von den Anarchisten gefeiert wird. Wieder ein Tag mit Angriffen gegen Staatseigentum, Verwüstungen etc. Jedes Jahr das gleiche, aber warten wir ab, vielleicht sind die Menschen dieses Jahr ein bisschen schlauer geworden!?

Egal ob es eine ökonomische Krise gibt oder keine, der Mensch an sich ist immer unzufrieden, egal wie gut es ihm geht.

Das sollte die größte Lehre für uns sein, Dinge und Gegebenheiten zu nehmen wie sie sind. Nicht an Problemen festhalten, sondern die Lösungen suchen. Und das geht nur über Solidarität und Verständnis füreinander.

Donnerstag, 12.11.15 / Folge 125

Was für ein Tag. Generalstreik in Griechenland. Das heißt, keine Busse, keine Metro, keine Bahn, alle Ämter geschlossen, Krankenhäuser nur im Notdienst usw. usw.

Das selbstverständlich bestimmte Gruppierungen, die das Wort „Frieden“ gar nicht mögen, wieder mit Molotowcocktails dabei sind, erübrigt sich zu kommentieren.

Warum nicht etwas kaputt machen, was der Steuerzahler bezahlt hat? Es ist doch nicht unser Staat, sagen einige. Aber sie leben hier, sie essen hier, sie trinken hier und sie schlafen hier. Eine verkehrte Welt.

Diese extremen Gruppierungen, die sich anarchistisch nennen, glauben doch immer noch, daß man nur mit Gewalt etwas ändert.
Ghandi hat es vorgemacht. Die Leipziger auch, beginnend mit Hundert Leuten, und innerhalb weniger Monate fiel die Mauer. So einfach geht das.

Gewaltlose Solidarität hatte schon immer den größten Erfolg. Aber warum wollen das diese Leute nicht? Warum ist ihr Hass so groß? Wieso sind sie so fanatisch und undemokratisch? Meinungsfreiheit ist ihnen ein Greuel, weil sie nur ihre eigenen Gewalt-Argumente akzeptieren.

Traurig und zugleich frustierend und beängstigend. Das war der Fanatismus schon immer. Links wie rechts. Und wir sollten aufpassen, dass das nicht wieder eintritt.

Mittwoch, 11.11.15 / Folge 124

Der Tod von Helmut Schmidt hat auch in Athen Betroffentheit ausgelöst. Er wurde hier hoch geschätzt, wegen seines Redestiles und seiner klaren Aussagen.

Ein Politiker, wie mir vor Jahren einmal ein Bekannter sagte, den wir gerne in Griechenland gehabt hätten. Die Deutschen können stolz auf so einen Mann sein.

Ja, er war ein großer Staatsmann, von denen es heute nicht mehr viele gibt, wenn überhaupt. Er hat immer den Finger in die Wunde gelegt und hatte auch keine Angst vor einem „shit-storm“, wie man heute sagen würde. Er war einfach ER. Und dazu stand er und das respektierten die Leute und das mochten sie auch gleichzeitig an ihm. Keiner der sich nach dem Wind drehte. Ein echter Hanseat! Immer geradeaus und nach vorne schauend.

Er war auch ein Arbeitstier und ein Kettenraucher und der einzige, dem man in Fernsehstudios erlaubte seine Menta-Zigaretten zu qualmen. Auch das passte zu ihm, weil er nicht versuchte, den Menschen etwas vorzugaukeln.

Das sollte auch ein Beispiel für uns sein. Mal zu polarisieren und nicht die anderen, die eine andere, gegensätzliche Meinung haben, in eine „Ecke“ zu stellen. Egal in welche.

Das ist gelebte Demokratie!

Dienstag, 10.11.15 / Folge 123

Jeden Tag lesen wir etwas über die ankommenden Flüchtlinge, die versuchen, über die Ägäis eine der griechischen Inseln zu erreichen. Was bisher kaum zur Sprache kam ist, wer bringt diese Menschen, unter Lebensgefahr, ins Land?

Es sind türkische Menschenschmuggler, die pro Person 1.000 € oder noch mehr verlangen. Gestern wurde eine Yacht mit über 300 Männern, Frauen und Kleinkindern vor Lesbos ausfindig gemacht. Das zeigt, dass die türkischen Menschenhändler jetzt nicht mehr auf kleine Schlauchboote setzen, sondern auf größere Schiffe, um noch mehr Flüchtlinge aufnehmen zu können.

Man weiß mittlerweile auch, dass die Schiffe von türkischer Seite von Häfen auslaufen und das mit Zustimmung der dortigen Behörden.
Das ist ein großes finanzielles Geschäft, zum Leidtragen der Flüchtlinge, die man schamlos ausnutzt. Wer bietet diesem unethischen Geschäft endlich Einhalt?

Die EU? Nein, sie möchte es sich nicht mit der Türkei vergraulen, dass hat man gesehen, als die deutsche Bundeskanzlerin Erdogan vor zwei Wochen einen Besuch abstattete.

Die Inselbewohner inzwischen nehmen die Kinder in ihre Häuser auf und versorgen sie. Ältere Frauen ziehen Babies groß, die keine Eltern mehr haben. Das alles nennt man griechische Gastfreundschaft, aber die stößt natürlich auch an ihre Grenzen, weil die eigenen finanziellen Mittel begrenzt sind.

Europa hat ein Problem und weiß nicht wie sie es lösen soll. Das ist kein gutes Zeichen!

Montag, 09.11.15 / Folge 122

Die Ankündigung des früheren Innenministers, dass Politiker in terroristische Anschläge verwickelt sind, hat ein politisches Erdbeben ausgelöst.
Er beschuldigt auch die Polizei, Schmiergelder von diversen Personenkreisen erhalten zu haben.

Die Namensliste hat er der Staatsanwaltschaft übergeben, die sofortige Schritte eingeleitet hat. Diese Liste liegt auch bei einem Notar, weil er mittlerweile mit dem Leben bedroht wurde.

Seit langem wird schon gemunkelt, dass bestimmte Organisationen, die mit Gewalt Demonstrationen usw. negativ beeinflussen, von Politikern gedeckt werden. Denn wie kann es sein, dass 20 Vermummte plötzlich eine friedliche Versammlung stören und sie zur Auflösung zwingen?Eigenartigerweise wird dann aber niemand von der Polizei festgenommen.

Das ist ein Angriff auf unsere Demokratie, in der nicht der Bürger, sondern Kriminelle geschützt werden.

Natürlich passiert das nicht nur in Griechenland, sondern alltäglich werden Bürgermeister in Italien von der Mafia bedroht und leben und arbeiten jetzt unter strengem Personenschutz, wie zuletzt in Rom.

Soweit darf es nicht kommen, denn das zersetzt die Grundsteine unserer Demokratie, die sowieso schon sehr anfällig geworden ist durch die politischen Systeme und das herrschaftliche Gehabe einiger führender Politiker.

Manche haben wohl vergessen, dass sie vom Bürger leben, der ihnen monatlich sein Gehalt zahlt.

Wissen sie das überhaupt oder leben sie in einer anderen Welt?

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