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16. November 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland

Athener Tagebuch KW 47 (129-135)

Sonntag, 22.11.15 / Folge 135

Viele Menschen gehen heute zur Wahl. Die konservative Partei hat alle aufgerufen an den Urnen ihre Stimme abzugeben, um den Vorsitzenden der Partei zu wählen.

Das war auch so geplant. Doch gegen neun Uhr kam es zum Fiasko. Die Firma, die für die technische Seite verantwortlich war, gab bekannt, dass das System nicht funktioniert. Ein Desaster größten Ausmaßes und für die Partei eine innenpolitische Katastrophe.

Wie es dazu kommen konnte, werden wir vielleicht nie erfahren, aber man munkelt von einem organisatorischen Chaos. Natürlich sind die Leute, die teilweise viele Kilometer zurückgelegt haben, stinksauer. Denn wie sich im Laufe des Tages herausstellte, funktionierte das System schon seit einigen Tagen nicht.

Wie sagte ein verärgerter Wähler: „Und die wollen uns regieren? Und bringen es nicht mal fertig so eine kleine Wahl zu organisieren?“

Die Frage und die Häme müssen sie sich jetzt gefallen lassen, weil seit Wochen versucht wird die Regierungsparteien zu demütigen, anstatt national geeinigt zu sein in dieser schwierigen Zeit, die das Land durchlebt.

Samstag, 21.11.15 / Folge 134

Die Fahrt nach Piräus am heutigen Morgen ist ein Genuss. Um 9 Uhr morgens ist die Stadt noch in der Ruhephase und das Treffen im Griechischen Yachtclub mit Freunden ist immer etwas besonderes. Ab und zu kommen wir zusammen um einen Kaffee zu trinken und zu plaudern über Dies und Das.

Eigentlich gab es kein spezielles Thema, außer dem üblichen. Wie kommen wir aus der ökonomischen Krise heraus? Ein Freund, Professor an der Uni, meinte, dasss er es zwar nicht erklären könnte, aber er hätte ein gutes Gefühl. Mir geht es genauso. Ist das der Aufschwung? Man fühlt etwas, kann es aber nicht in Worte fassen.

Wir sitzen in Piräus im Club, der oberhalb des Hafens liegt und eine wunderbare Aussicht bietet. Blauer Himmel und eine Brise von Nordwest. Ein Tag für die Segler, die in Massen ausströmen. Piräus beherbergt viele Segelschulen, in denen die Kinder schon im frühen Alter ausgebildet werden und Erfahrungen mit dem Sport und dem Meer sammeln können. Bei einer Windstärke von 3-4 ist das Wetter optimal und man sieht von weitem wie sie versuchen mit dem Wind zurecht zu kommen.

Es macht Spaß zuzuschauen. Das Leben hat doch sehr schöne Seiten. Nehmen wir sie an.

Freitag, 20.11.15 / Folge 133

Aufgrund des Terroraktes in Paris ist das starke Erdbeben auf Lefkada medial etwas untergegangen. Es war ein Beben von der Stärke 6,4 auf der Richter-Skala und wie sich herausstellte, hat es die ganze Insel um 36 Zentimeter nach Süden verschoben!!!

Die Nachbeben sind immer noch über 4.oR und die Experten sind sich nicht darüber einig , ob es nochmals zu einem größeren und gefährlicheren kommen kann.

Viele Menschen übernachten im Freien, weil ihre Häuser entweder unbewohnbar geworden sind oder sie einfach nur Angst haben vor dem nächsten Erdbeben.

Die Natur ist nicht kontrollierbar und sie zeigt uns auch dieses Mal wieder, dass sie stärker ist als jede menschliche Macht. Eine der schönsten Strände auf der Insel ist komplett verschüttet worden. Der Strand war ein beliebtes Ziel von Einheimischen und Touristen, aufgrund seines hellblau gefärbten Wassers und seiner Klarheit.

Diese „Erdausbrüche“ kann man nicht vorhersagen und sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir damit leben müssen auf diesem Planeten. Ihn respektieren und mit ihm in Einklang leben. Das wäre schon ein großer Fortschritt für die Menschheit.

Donnerstag, 19.11.15 / Folge 132

Vorgestern die Vermummten, gestern die Bauern. Die Polizei hatte eine Menge zu tun. Und was passiert heute?

Heute soll das Parlament diverse Gesetze verabschieden. Unter anderem geht es um den Erstwohnsitz. Griechenland hat den höchsten Eigentumsanteil in der EU, weil es jede Familie bevorzugt im eigenen Heim zu wohnen. Das ist seit Generationen so und weil die meisten vom Lande kommen und erst in den 60er-Jahren in die Großstädte gezogen sind, haben sie diese überlieferte Eigenart mitgenommen.

Wie auch in ländlichen Regionen in Zentraleuropa, haben dort die meisten ein eigenes Zuhause, im Gegensatz zur Stadt, so ist es eben auch auf den Inseln. Dort gibt es keine Hochhäuser, dort lebt und wohnt man im Ein- bwz. Zweifamilienhaus, mit Garten.

Also, die Troika möchte an den Erstwohnsitz der GriechenInnen und das wird jetzt gesetzlich geregelt. 60% sollen geschützt werden und der Rest muss schauen, dass er eine Vereinbarung mit der Bank trifft. 15-20% sind Kreditnehmer, die ihre Raten bewusst nicht bezahlen und somit die bisherigen Gesetze ausnutzten. Denn bisher waren 100% geschützt. Das gilt, sollte das Gesetz heute verabschiedet werden, nicht mehr und somit muss diese Gruppe mit Maßnahmen rechnen.

Mittwoch, 18.11.15 / Folge 131

Nun ja, gestern wurden zwar ein paar Molotowcocktails geworfen, aber ansonsten gab es keine größeren Unruhen. Auch daran haben wir uns gewöhnt. Was machen schon ein paar Brandsätze?

Das war gestern. Heute sind die Bauern an der Reihe. Sie haben das Zentrum mit ihren Traktoren besetzt und demonstrieren gegen verschiedene neue Gesetze.

Genauer gesagt, sollen sie zur einfachen Buchhaltung gezwungen werden, was sie aber ablehnen. Ebenso sollen Subventionen gestrichen werden wie billigeres Diesel. Das passt ihnen natürlich nicht, aber von den Landwirten fragt auch keiner danach, wer das bezahlen soll. Das ist nämlich der Bürger, der kein billigeres Diesel erhält und der ordentlich seine Steuererklärung abgibt.

Die Landwirtschaft wurde die letzten Jahrzehnte stark verwöhnt. Nicht nur hier, sondern überall in Europa. Ach ja, ein wichtiger Punkt ist für sie auch noch, dass die Düngemittelpreise steigen sollen.

Unter den demonstrierenden Bauern sind so gut wie keine ökologischen Landwirte. Interessante Tatsache. Sie benutzen nämlich keine Chemiebomben für ihren Acker und achten auf ihre Erde, die sie jedes Jahr bepflanzen, und respektieren die Natur. Daran sollte der Rest sich mal ein Beispiel nehmen!

Dienstag, 17.11.15 / Folge 130

Am 17. November erinnert man sich in Athen an die Stürmung der Technischen Universität durch die  Militärjunta vor mehr als 40 Jahren. Die Innenstadt ist bereits abgesperrt, weil viele Anarchisten diesen Tag nutzen, um Gewalttätigkeiten auszuüben. Ganz zum Leidwesen der Geschäftsleute, die ihre Läden aufgrund der Gefahren von Vandalismus  geschlossen halten.

Der Angriff auf die Uni ereignete sich 1973, nachdem sich viele StudentenInnen im „Polytechnio“ verschanzt hatten. Genaue historische Fakten sind schwer zu finden, da es teils stark widersprüchliche Aussagen gibt.

Aber das spielt keine Rolle für Gewaltmacher, die, anstatt in Frieden gegen Gewalt zu demonstrieren, selbst Gewalt ausüben.

Wann schaltet das menschliche Gehirn mal um? Es braucht doch nur ein Klick in den Gehirnzellen und schon würde alles friedlich ablaufen. Oder werden diese Gruppierungen von außen unterstützt? Sie sind wie immer sehr gut organisiert und benutzen diesen Tag als Fläche für ihre Ideologie. Welche Ideologie? Da müsste man sie mal fragen, aber es ist kaum anzunehmen, dass man eine Antwort bekommen würde.

Wie heißt es so schön: „Es ist Krieg und keiner geht hin!“ Wenn sich alle daran halten würden, dann wäre die Welt in Ordnung. Was für ein schöner Traum.

Montag, 16.11.15 / Folge 129

Nach den letzten aufregenden Tagen sehnt man sich irgendwie nach Ruhe. Und so verabredeten wir uns mit Freunden auf einen Kaffee am Meer. Der beste Platz dafür ist die Natur, und was liegt da näher als das Rauschen der Wellen.

Die naturverbundene Umgebung trug einiges dazu bei, dass wir zwar die vergangenen Tage noch einmal passieren ließen, aber die Gespräche richteten sich  gleichzeitig auch auf das „Morgen“. Wie geht es weiter? Wird es auch Athen treffen? Ist Europa überhaupt noch sicher? Und wie können wir uns überhaupt davor schützen?

Die Antworten waren fast alle gleichlautend auf die letzte Frage. Wir können uns NICHT davor schützen. Wir müssen es nehmen, wie es kommt, und uns eventuell auf eine neue, unangenehme Situation einstellen.

Die Griechen sind das gewohnt, haben sie doch die letzten Jahre eine ökonomische Konstellation miterleben können, die fast 10.000 Menschen das Leben durch Selbstmord gekostet hat. Abgesehen von den psychosomatischen Krankheiten und deren Folgen, die man gar nicht statistisch erfassen kann.

Nach knapp zwei Stunden merkten wir, dass die Welt in Unordnung ist und die eigentlichen Probleme ganz woanders liegen. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder, war das Fazit unseres Gespräches. Und das ist richtig, ob es uns gefällt oder nicht!

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