30. November 2015  /// Athener Tagebuch Griechenland

Athener Tagebuch KW 49 (143-149)

Sonntag, 06.12 / Folge 149

Nikos ist ein weit verbreiteter Name und heute ist deren Namenstag. Natürlich kenne auch ich viele „Nikos“ und das bedeutet entsprechend viele Telefonate. Man gratuliert und wünscht ihnen nicht nur alles Gute, sondern auch ein schönes Leben.

Dabei erinnerte ich mich an den Film „Big Fat Greek Wedding“. Eine Komödie, die Tom Hanks finanziert hat und mit dem niedrigsten Budget ausgestattet war. Sie spielte so viel Geld ein und hatte derart großen Erfolg, dass selbst die Filmindustrie Hollywoods davon überrascht war.

Auf jeden Fall gibt es im Film eine Szene, in der der Vater der Tochter, den zukünftigen Schwiegereltern seine Familie vorstellt. Und da er mehrere Brüder hat, stellt er auch deren Kinder vor und die hießen alle Nikos und Nikola.

Die Schwiegereltern blickten ziemlich verstört rein, da alle fast den gleichen Namen hatten und sie die natürlich später nicht auseinander halten konnte.

In Griechenland sagt man außerdem nicht nur den Namen, sondern dazu auch noch die Namen der Eltern. „Nikos, der Sohn von Maria und Georgos“ heißt es dann etwa. So jetzt könnt ihr euch vorstellen, wie es mir in den Anfangsjahren erging, denn ich mußte mir nicht nur den Namen behalten, sondern auch noch die Familie dazu.

Nebenbei erwähnt, habe ich damit übrigens noch heute Probleme und verwechsele sie ständig.

Samstag, 05.12.15 / Folge 148

Und wie immer ist Samstag Markttag. Die Eierfrau, die immer lächelnd und freundlich an ihrem Stand verweilt, hat mir heute ein bisschen von ihrer Vergangenheit erzählt.

Aufgewachsen in Athen, arbeitete sie in einer Reederei, bis sie ihren Mann kennenlernte. Sie hatte überhaupt keinen Kontakt mit der Landwirtschaft und schon gar nicht mit einer Hühnerfarm. Und wo die Liebe so hinfällt, lernt sie ihren Mann kennen und es verschlug sie nach Megara, das ca. 50 km  von Athen entfernt liegt, in Richtung Korinth.

Für eine Landwirtin ist sie überdurchschnittlich gebildet und so besucht sie auch regelmäßig mit ihrer Tochter das Theater und andere kulturelle Stätten.

Das ist interessant und das hätte ich nicht erwartet. Und so unterhielten wir uns über einen längeren Zeitraum über die Theaterthemen und Museen.

Daran erkennt man, dass man Menschen nicht nach ihrer Arbeit beurteilen sollte, denn das könnte zu falschen Schlüssen führen, wie in diesem Falle. Wie schön zu sehen, dass eine, nach außen hin „einfache Eierfrau“, derart kulturell gebildet ist.

Da schmecken die Eier noch besser!!!

Freitag, 04.12.15 / Folge 147

Heute wird das Thema Schengen in Brüssel zur Sprache kommen. Gerade Deutschland pocht auf dieses Abkommen und bringt Griechenland in eine schwierige Lage.

Oder steckt dahinter eventuell der gescheiterte Versuch des GREXIT?Die Gerüchteküche brodelt und man vermutet, dass bestimmte Staaten, die das Land schon außerhalb des Euros haben wollten, jetzt den nächsten Versuch starten.

Was für ein Europa ist das? Der Chef von Daimler Benz hatte vor Monaten öffentlich kundgetan, dass Deutschland einen neuen Aufschwung braucht und dafür benötigt man Flüchtlinge!!!

Was für ein Satz. Er lässt tief blicken, weil damit der ganze Strom erst provoziert wurde, denn fast alle Flüchtlinge, die nach ihrem Zielort befragt wurden, gaben Deutschland an.

Dabei ist Griechenland geostrategisch wichtiger geworden als noch vor einigen Wochen. Und das hängt mit dem Abschuss des russischen Kampffliegers und dem Syrien-Konflikt zusammen. Englische Maschinen starten von Zypern aus und amerikanische von Kreta. Europa braucht diese Stützpunkte, deswegen ist es unerklärlich, dass man von einem Land, das die größte ökonomische Krise durchmacht, auch noch finanzielle Opfer fordert, um die europäischen Außengrenzen zu kontrollieren, wie es Brüssel fordert.

Klingt alles ein bisschen paradox. Das ist es auch, genauso wie der Krieg. Einfach paradox!

Donnerstag, 03.12.15 / Folge 146

Europa macht enormen Druck wegen des Flüchtlingsstromes, der unaufhaltsam anhält. Man droht dem Land mittlerweile sogar, es aus dem Schengener Abkommen herauszulösen. Das würde bedeuten, Griechenland in eine Zweitklassigkeit abzustufen, für die es nicht verantwortlich ist.

Denn wer hat den Krieg in Syrien verursacht? Wo leben die meisten Terroristen in Europa? Sicherlich nicht hier!

Man hat aber jetzt den schwarzen Peter gefunden und hier zeigt Brüssel die andere Seite seines Gesichts. Anstatt die Türkei stärker abzumahnen, weil von dort aus der Menschenschmuggel organisert wird und das hoch professionell, fasst man sie mit Samthandschuhen an und prangert vielmehr Griechenland an, dass sie nicht fähig sind, ihre Grenzen dicht zu machen.

Wie meinte der zuständige Minister: „Sollen wir denn die Frauen und Kinder ertrinken lassen?“ Man fischt die Menschen in Schlauchbooten aus dem Meer, weil sie, sobald sie ein Rettungsschiff sehen, das Boot zerstören. Damit sind sie dem Tode ausgeliefert und nach internationalem Recht muss jedes Schiff diesen Notruf aufnehmen und die Menschen retten.

Das weiß man in Brüssel, aber es interessiert sie nicht mehr, weil die restlichen europäischen Länder keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen möchten. Eine schwierige Situation und eine hochbrisante dazu.

Mittwoch, 02.12.15 / Folge 145

Was die meisten gar nicht wissen ist, dass alleine in Athen über 20.000 Deutsche leben. Es gibt eine eigene deutsche Schule, die offen ist für alle deutschen Staatsbürger.

Sie wird aber auch gerne von griechischen Familien für ihre Kinder herangezogen, weil sie für eine ausgezeichnete Ausbildung bekannt ist. Aber auch für germanische Disziplin und Ordnung und das mögen sie. Wer also sein Kind auf diese Schule schicken möchte, muss nur einen Antrag stellen. Gleichzeitig werden Kenntnisse der deutschen Sprache gefordert und zu allerletzt muss der Sohn oder die Tochter eine Aufnahmeprüfung bestehen.

Ein Freund von mir hat diese Prozedur seiner Tochter miterlebt und sie wurde dieses Jahr mit Erfolg aufgenommen. Vor 2 Wochen hat sie mir davon erzählt, wie es so in der Schule ist, und mich überkam ein bisschen Nostalgie. Vor allem betonte sie den Ordnungssinn und die Disziplin, die ihr ausgezeichnet gefällt.

„Das macht alles viel einfacher“, sagte sie mir, denn auf griechischen Schulen gehe es etwas chaotischer und temperamentvoller zu. Auf jeden Fall bevorzugt sie das deutsche System, weil es ihr einfach liegt. Aber nicht nur das, denn sie möchte wie ihr Brunder in Old Germany studieren.

„Na denn, viel Erfolg“, wünschte ich ihr zum Abschluss. Und wie mir ihr Vater bestätigte, ist sie eifrig dabei und soll mittlerweile sogar die beste ihrer Klasse sein.

Dienstag, 01.12.15 / Folge 144

Irgendwie kommen die Dinge nicht so voran, wie wir es uns wünschen. Die Arbeitslosigkeit bleibt am selben Stand und die Demonstrationen nehmen zu.

Fast täglich ist das Zentrum gesperrt. Heute sind es die Bauern mal wieder und morgen die Gewerkschaften, die zu einem Generalstreik aufgerufen haben.

Die armen Geschäfte in der Stadt. Sie leiden am meisten darunter, aber wen kümmert das schon. Habe erst letzte Woche mit einem Inhaber gesprochen. Er verkauft Unterwäsche. Seinen Laden, der eine Größe von 2×4 m hat, findet man in einer Seitenstraße. Seit über 10 Jahren kaufe ich bei ihm ein. Erstens ist er viel billiger und zweitens ist seine Ware, obwohl „no-name-Produkte“, beste Qualität.

Sein Geschäft würde in Zentraleuropa sicherlich nicht bestehen, aber hier gibt es eine Menge von diesen winzig kleinen Geschäften, die sogar zwei Familien versorgen.

Eine geringe Miete und eine ganz schlichte Ausstattung, die aus Holzregalen und einem Stuhl besteht. Er und sein Partner sind einfache Leute, aber mit „common sense“ und deswegen unterhalte ich mich sehr gerne mit ihm.

Auf jeden Fall klagt er über diese Demos, die sich über das ganze Zentrum erstrecken und deswegen keine Kundschaft seinen Mini-Laden besuchen kann. Und das geht schon seit Jahren so und zwar in ganz Europa „nur“ in Athen.
Die Innenstadt blutet aus und das auf Kosten dieser einfachen Menschen, die täglich ums wirtschaftliche Überleben kämpfen!

Montag, 30.11.15 / Folge 143

Türkei und Russland beschäftigt die Medien und alle Sender bringen live das Treffen der 150 Staaten zur Klimakonferenz in Paris. Leider wird das Thema Klima nicht so in den Vordergrund gestellt, wie es das eigentlich verdient hätte. Vielmehr wird darüber berichtet, dass es Putin ablehnt Erdogan zu treffen, bevor er sich nicht entschuldigt hat – was er mit Sicherheit nicht tun wird.

Vielmehr bestätigt die EU den Abschuss und stellt dem Lande einen Freibrief aus.

Ministerpräsident Tsipras hat seinem Amtskollegen in der Türkei daraufhin über Twitter vorgeworfen, dass er doppelzüngig wäre, weil die türkischen Kampfflieger wöchentlich ohne Erlaubnis über das Hoheitsgebiet  Griechenlands fliegen. Und das nicht nur 17 Sekunden lang, sondern bis zu 5 Minuten und ausgestattet mit geladener Munition.

Wie schrieb Tsipras in Twitter: „Unsere Piloten reagieren nicht so nervös wie ihre, wenn sie unsere Landesgrenzen durchbrechen!“

Das hat gesessen und die internationale Presse hat das aufgenommen. Damit ist das Thema auf dem „europäischen Tisch“ gelandet und wird die NATO die nächsten Tage beschäftigen und genau das war das taktische Ziel: zu zeigen, dass die Türkei auf seine Landesgrenzen besteht, aber sie im Falle Griechenland überhaupt nicht einhält.

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