22. Februar 2016  /// Athener Tagebuch

Athener Tagebuch KW 7 (199-205)

Sonntag, 21.02.2016 / Folge 205

Was für ein wunderschöner Frühlingstag. Da bekommt man richtig Lust etwas zu unternehmen. Und kaum hatten wir den Gedanken ausgesprochen, klingelte das Telefon. Es war die Cousine aus Andros, einer Insel der Kykladen. Sie war auf Besuch mit ihrem Mann in Athen und fragte ob wir nicht Lust hätten bei diesem schönen Wetter in die Altstadt zu fahren.
Es gibt also doch Telepathie, dachten wir uns!

Wir trafen uns unter der Akropolis und wir waren erstaunt darüber, dass wohl ganz Athen die gleiche Idee hatte wie wir. Es waren Massen von Menschen unterwegs. Gut gelaunt und fröhliche Gesichter. Musiker spielten Blues, andere zeigten Vorführungen für Kinder und wieder andere verkauften ihre selbst gebastelten Produkte.

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Die Restaurants waren überfüllt und wir machten uns auf in ein kleines Cafe unter der Akropolis. Es liegt in der Plaka und wir fanden mit ein bisschen Glück einen Platz. So saßen wir draußen in der Sonne und genossen diesen Sonntag bei einer Plauderei, die über zwei Stunden ging und eigentlich alle Themen beinhaltete. Von der Insel über die Politik, den Krieg in Syrien und die Flüchtlinge, sowie das tägliche Leben, die Bauernproteste und so weiter, und so weiter.

Das ist es, was das Leben in Griechenland ausmacht. Man philosophiert, diskutiert und redet sich alles von der Seele. Ach, tat das gut!

Samstag, 20.02.2016 / Folge 204

Eine Liste von Steuersündern, ein Angebot des Finanzministers von Nordrhein-Westfalen, hatte der damalige Ministerpräsident Samaras 2012 abgelehnt. Obwohl bekannt war, dass tausende von Griechen, die Steuern hinterzogen, auf dieser Liste waren.

Der Skandal hat mittlerweile dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft bereits zahlreiche Personen ausfindig gemacht und deren Konten gesperrt hat.
Sie können sich entweder selbst anzeigen oder werden strafrechtlich verfolgt.

Hunderte von Millionen sind im Ausland gelandet und der normale Bürger zahlt die Zeche. Das hat jetzt ein Ende und wie der zuständige Minister sagte: „Die Leute werden zur Zeit nicht ruhig schlafen!“

Um so besser, dann können wir wenigstens besser ruhen!

Freitag, 19.02.2016 / Folge 203

Alexis Tsipras wird eine Übereinkunft zwischen Großbritannien und der EU vor der BREXIT-Abstimmung vorerst nicht unterschreiben.

Er fordert, dass die Mitgliedsländer bis zum 06.03.16 einstimmig beschließen, dass die Grenzen offen bleiben. Die Regierung fürchtet einen Domino-Effekt. Man hat Angst, dass die Flüchtlinge alle in Griechenland bleiben. Das Land, das EU-weit am tiefsten in der Rezession steckt, könnte das finanziell überhaupt nicht verkraften.

Ist das der einzige Grund? Wahrscheinlich nicht, der andere wird aber nicht offen diskutiert, sondern nur hinter verschlossenen Türen.
Die Troika verschiebt nämlich ständig den Abschluss der ersten Verhandlungsphase. Damit hängt das Land in der Luft und ökonomisch können keine weiteren Schritte zur Belebung eingeleitet werden. Jetzt fordern Merkel und Hollande, dass diese Zustimmung sofort erfolgt.

Zufall? Sicherlich nicht. Damit macht man auch Druck gegenüber dem IWF. Dieser sträubt sich fast gegen alle Reformen und fordert weitere Einschnitte im Rentensystem.

Das ist aber sozial auf keinen Fall machbar.
Ein politisches Pokerspiel hat begonnen.

Donnerstag, 18.02.2016 / Folge 202

Es ist, als wenn die Uhr stehen geblieben wäre! Dieses Gefühl überfällt uns zur Zeit. Und es ist nicht nur eine persönliche Momentaufnahme, sondern egal mit wem man spricht. Alle sagen das gleiche. Alles steht still.

Aber wie kommt das? Angestoßen durch die Blockaden der Bauern und der neuen Rentenreform gehen jetzt auch andere Gruppierungen auf die Straße und stellen Forderungen. Diese soll der Bürger bezahlen, wie immer. Solidarität ist nicht angesagt, sondern jeder pocht auf seine Position, von der er glaubt, das sie die Richtige sei.

Bekannte Firmen in Thessaloniki sagten mir, dass sie jeden Tag ins Büro gingen und das Telefon überhaupt nicht mehr klingele. So, als wenn man es abgestellt hätte.
Ein Techniker in Athen meinte: „Ich habe das unangenehme Gefühl, dass bald etwas passiert. Die Menschen können nicht mehr. Wir sind seit 6 Jahren in der Rezession und die Troika fordert weitere Einschnitte, anstatt die Wirtschaft zu beleben. Das macht keiner mehr mit!“

Und genau so ist es. Die Ruhe vor dem Sturm? Das würde uns jetzt gerade noch fehlen.

Mittwoch, 17.02.2016 / Folge 201

Impressionen von heute:

Die Hot Spots auf den Inseln sind fertig. Der Krieg in Syrien geht weiter. Türkei bombardiert syrische Städte. Hunderttausende sind auf der Flucht.

Die Bauern blockieren mit ihren Traktoren alle wichtigen Zufahrtsstraßen und teilen das Land in 2 Hälften. Ende der Woche versöhnliche Gespräche mit Tsipras.

Schengenexit Griechenlands „is out“ sagt Merkel. Der österreichische Außenminister Kurz besteht gemeinsam mit der Visegrad-Gruppe weiterhin auf Schließung der Grenzen.

Die NATO platziert sich mit Kriegsschiffen vor der Türkei und stoppt alle illegalen Flüchtlingsströme. Deutschland will sie jetzt einfliegen lassen.

Gibt es auch noch positive Nachrichten? Ja! Das Wetter: 23°C, milder Südwind, leicht bewölkt. Na, wenigstens etwas!

Dienstag, 16.02.2016 / Folge 200

Manchmal überkommt einen doch die Nostalgie. Vor allem wenn ich im Supermarkt vor der Käsetheke stehe. Erinnerungen werden wach an einen guten Handkäse oder einen Camembert, der schon ein bisschen „wegläuft“ oder wie wär’s mit einem „Stinkekäse“ mit Kümmel? Und dazu ein knackiges Schwarzbrot und ein kühles Bierchen.

Von was man nicht alles so träumt, wenn man weit abseits seiner Heimat lebt. Ja, ab und zu kommen diese Gedanken, die jedoch nicht lange anhalten, aber doch sehr intensiv sind.
Ein Freund von mir, der früher in Aachen studierte erinnert sich noch gerne an seine Schweinshaxe mit Sauerkraut. Heute ist er übrigens Vegetarier, aber Sauerkraut vermisst er immer noch.

Andere Länder, andere Sitten. So ist das eben. Aber lassen wir das mit dem Essen, sonst krieg ich noch Heimweh.
Deswegen gibt es bei uns zum Mittagstisch Haloumi (zypriotischer Käse) mit Salat. Lecker kann ich nur sagen. Dann „Guten Appetit“.

Montag, 15.02.2016 / Folge 199

Die erzkonservativen Kräfte in der EU fordern die Grenzen zu schließen. Skopje soll mit doppelten Grenzzäunen versehen werden. Neben den vier Ländern der Visegrad-Gruppe tritt hier auch der österreichische Außenminister in Erscheinung, der erst 29 Jahre alt ist.

Geschniegelt und gestriegelt, weil er sein Haar mit Gel ständig befettet, macht Sebastian Kurz polemische Politik. Dabei hat er wohl ganz vergessen, dass die Außengrenze nicht bei Skopje liegt, sondern in der Ägäis. Und die wird ab sofort bzw. in den nächsten Tagen von der NATO abgesichert. 14 Schiffe begleitet von Helikopter-Einheiten werden dann das Meer schützen.

Es ist anscheinend die einzige Möglichkeit den Menschenhändlern Herr zu werden, die immer noch versuchen das Leid der Flüchtlinge auszunutzen.
Was treibt aber diesen jungen Minister dazu derartige Forderungen zu stellen, die dem europäischen Gedanken widersprechen? Profilierungs-Sucht? Geltungstrieb? Wer weiß!

Der Rest Europas ist sich aber bis jetzt einig darüber, das andere Lösungen gefunden werden müssen, als einfach Grenzen zu schließen, die vorher noch geöffnet waren und von den Bewohnern mit „Willkommensgrüßen“ empfangen wurden.

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