Leuchtturm
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12. November 2015  /// Allgemein Leben Meinung

Ax’s Blog

Mühlacker. Noch nie davon gehört? Ich bis vor kurzem auch nicht. Ein Mittelort im Dreieck Stuttgart, Karlsruhe und Frankfurt gelegen. Baden-Württemberg at its best. Der Ort verdankt seine Existenz einem Zufall. Sein Nukleus war eine Eisenbahnstation an der Grenze zwischen Baden und Württemberg gelegen, als weder die Zeit noch der Abstand zwischen den Schienen in beiden Ländern synchron verliefen. Kaum ein Haus ist hier älter als 80 Jahre, erzählen die Gastgeber. Drum herum eine hübsche, hügelige Landschaft, extrem zersiedelt. Viel Industrie. Sehr viel Industrie. Ich bin eingeladen, in der Kirchengemeinde einen Vortrag über unser Buch „Wachstumswahn“ zu halten. Der Saal ist voll und der junge, schwungvolle Pastor Marcus Kalkofen stellt die richtigen Fragen. Ich wäre nicht hier, heute Abend, wenn mich die Familie Fegert nicht über mehrere Wochen so freundlich gebeten hätte, diesen Vortrag zu halten. Mein Zögern beruht auch nicht auf Eitelkeit. Ich hatte nur einfach nicht das Gefühl, die Richtige zu sein.

Am Ende des Abends bin ich froh hier zu sein. „Provinz“, sagt ein Zuhörer später zu mir, „beginnt im Kopf“. Wenn das stimmt, dann ist Mühlacker nicht Provinz, sondern eine der vielen Hauptstädte einer Bürgerrepublik, die es in Deutschland auch gibt. Die Veranstaltung ist ein Gemeinschaftswerk, ein Beispiel für gut funktionierende Netzwerke. Der Schwäbische Albverband Mühlacker, die evangelische St.-Andreas-Gemeinde Mühlacker,  der BUND, die LMU und eine Bürgerinitiative haben sich bei der Vorbereitung zusammengetan.

Der Vortrag gelingt. Und dann beginnt die Diskussion. Wachstum ist für Mühlacker ein schwieriges Thema, denn die Stadt, der Oberbürgermeister, die Ratsherren, sie wollen NOCH ein großes Industriegebiet ausweisen. Dabei gibt es schon so viel Industrie hier, während die landwirtschaftlichen Flächen immer weniger werden. Und die Flächen, um die es in diesem Fall geht, sind besonders guter Boden, höre ich. Doch warum braucht es hier denn überhaupt noch mehr Industrie? Dazu hat der Oberbürgermeister jüngst eine zum Thema passende Erklärung geliefert: Mühlacker muss weiter wachsen, weil die Stadt Schulden hat. Das neue Industriegebiet ist mit seinen Einnahmen bereits in der langfristigen Finanzplanung eingeplant. Kommt es nicht, muss das Schuldenproblem anders gelöst werden.

Eigentlich erstaunlich, dass solch eine reiche Region – Baden-Württemberg ist DAS Musterländle in Deutschland – überhaupt Schulden hat. Immerhin wird hier mehr verdient, als im Rest der Republik. Auf den Hügeln rund um den Bahnhof steht ein schmuckes Eigenheim neben dem nächsten, dicht an dicht. Auch die Autos davor zeugen von Wohlstand.

Dass die Bürgergesellschaft in Mühlacker, wenn sie sich einig ist, viel bewirken kann, dafür gibt es bereits ein gutes Beispiel. Vor einigen Jahren war eine Umgehungsstraße geplant und von BürgerInnen verhindert worden. Es geht also etwas, wenn der starke Arm der Zivilgesellschaft es will.

Vor der Veranstaltung hatte ich kurz Zeit, mit meinen Gastgebern, dem Ehepaar Fegert, zu sprechen. Mich interessierte sehr, wer sie sind, was sie antreibt und bewegt. Rudolf Fegert war sein Leben lang Postbeamter und aktiver Gewerkschafter. Inzwischen ist er im Ruhestand. Sein Alter – er ist fast 80 – sieht man ihm nicht an. Den Nationalsozialismus habe er als kleiner Bub noch erlebt, sagt er. Damals seien alle Helden gewesen. Das stecke tief in ihm drin. Nach dem Krieg sei ihm die Schwere des kollektiven Irrtums bewusst geworden. Bis heute motiviert ihn, dass die Kriegsgefangenen, als sie nach Hause kamen, jede Mitschuld von sich wiesen, nach dem Motto: „Wir haben von nichts gewusst“. „Das stimmte nicht!“, sagt er entschieden. „Das war  gelogen.“

Wir sprechen über den Klimawandel, aktuelle Krisen, die Wachstumsfrage und Flüchtlingsfrage. Der engagierte Schwabe und Hobby-Landwirt fühlt sich mit seiner Region sehr verbunden. Der Erhalt landwirtschaftlicher Flächen und der bäuerlichen Landwirtschaft liegt ihm am Herzen. „Wir brauchen Ernährungssicherheit auch hier bei uns“, sagt er und fragt sich, warum es nie genug sein kann.

Angesichts von Armut und Arbeitslosigkeit an vielen anderen Orten, sei es doch wirklich nicht erforderlich, in dieser dicht besiedelten Region, in der Vollbeschäftigung die Regel ist, noch mehr Böden zu versiegeln Er will das Richtige tun. Niemand könne heute sagen, er habe nichts gewusst.

Als ich am nächsten Morgen im Zug nach Hamburg sitze, bin ich froh, der Einladung gefolgt zu sein. Denn es tut gut zu wissen, dass es auch in Mühlacker viele Menschen gibt, denen es auch unter immer schwieriger werdenden Umständen gelingt, ein Leben in Anstand zu führen und gemeinsam daran zu arbeiten, dass diese Welt ein lebenswerter Ort bleibt.

Eine Antwort zu “Ax’s Blog”

  1. super! ich wa dabei! Aber es gibt auch deutlich ältere Häuser als 80 Jahre. Die Veranstaltung fand im früheren Hauptort Dürrmenz statt, einem historisch gewachsenen Ort. Das nachgeweisen älteste Haus, das heute noch steht wurde ba ld nach1500 erbaut. Die Bahnstrecke wurde 1853 eingeweiht. Seit der Zeit wurde „Mühlacker“ rege gebaut. 🙂 Wir laden Sie herzlich ein, hier einige Urlaubstage zu verbringen und die Gegend bei Tag kennen zu lernen.

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