Martyn Sibley
Bild: Martyn Sibley
2. September 2015  /// Bewegung Gesellschaft Leben

Barrierefrei Reisen

Was haben Inklusion und Barrierefreiheit mit nachhaltiger Entwicklung zu tun? Viel, denn beides sind Voraussetzungen für eine gute Zukunft für die Mehrheit der Menschen.

Sowohl Barrierefreiheit als auch nachhaltige Entwicklung sind keine Minderheitenthemen. Menschen mit Behinderungen können oft nicht reisen, wohin sie möchten – sondern nur dorthin, wo es barrierefreie Angebote gibt.

Martyn Sibley
Bild: Martyn Sibley

Häufig bestehen die Probleme darin, dass es entweder keine oder nur teure barrierefreie Übernachtungsmöglichkeiten gibt oder keine barrierefreien Erlebnismöglichkeiten. Doch niemand fährt auf Urlaub, um dann im Hotel festzusitzen.

Der Transport stellt eine eigene Herausforderung dar. Wer eine Behinderung hat, aber kein eigenes Auto, stößt bei Europas Bahnen auf vielerlei Hindernisse– vor allem in den ländlichen Gebieten. Auch Fluglinien sind unzureichend auf Passagiere mit Behinderungen eingestellt. Und bei Taxifahrten ist es nicht immer einfach, einen entsprechend ausgerüsteten Anbieter zu finden.

Verlässliche Infos vorab

Menschen mit Behinderungen müssen daher eine Reise gut planen und sich vorab gut informieren. Gut ausgebildete TesterInnen können hilfreiche Informationen über die Barrierefreiheit vor Ort bieten, damit Rollstuhlfahrende nicht vor Stufen im Eingangsbereich stehen, um ein häufiges Beispiel zu nennen, oder vor zu schmale Türen, oder ungeeigneten Badezimmern, etc..

europe without barriers
Bild: Martyn Sibley

Meist sind TourismusanbieterInnen zu optimistisch beziehungsweise wollen nicht unhöflich wirken. Das hat dann Folgen, wenn Gäste mit Behinderungen anreisen.

Natürlich sind Beeinträchtigungen verschieden und haben unterschiedliche Konsequenzen. Barrierefreiheit bedeutet für Menschen mit Sehbehinderung etwas anderes als für Menschen mit Höreinschränkung. Für RollstuhlfahrerInnen können zwei Stufen unmöglich allein zu überwinden sein, während diese Stufen für andere, die mit Krücken gehen, keine Hindernisse darstellen.

Deutschland bietet „Reisen für Alle“

In Deutschland fördern immer mehr Bundesländer die Ausbildung unabhängiger Tester im touristischen Bereich. Das Deutsche Seminar für Tourismus (DSFT) Berlin e. V.:  arbeitet derzeit in Kooperation mit dem Verein Tourismus für Alle Deutschland e.V. – NatKo an der Einführung des Kennzeichnungssystems „Reisen für Alle“ im Sinne eines Tourismus für Alle in Deutschland.

Das System basiert laut DSFT-Geschäftsführer Rolf Schrader auf Elementen aus 30 verschiedenen Systemen in Europa und hat die in Deutschland existierenden Normen zur Grundlage. Schrader weiter: „In Deutschland leben etwa zehn Millionen Menschen mit einer Behinderung. Für sie sind detaillierte und verlässliche Informationen über die Nutz- und Erlebbarkeit touristischer Angebote eine wesentliche Grundlage für ihre Reiseentscheidung. Barrierefreier Tourismus ist außerdem eines der wenigen Segmente mit Wachstum und großem ökonomischen Potenzial in Deutschland. Barrierefreiheit ist für etwa 10% der Bevölkerung unentbehrlich, für 40% hilfreich und für 100% komfortabel.“ Zur Finanzierung der Ausbildung der TesterInnen sagt Schrader: „Wir haben ein Lizenzsystem; die Bundesländer und Hotelkooperationen sind die Partner und zahlen die Ausbildung zum Erheber meistens. In einzelnen Fällen zahlen es auch die Personen selbst und erwirtschaften dieses Investment durch die Erhebungen.“

europe without barriers
Bild: europe without barriers

Die AG „Barrierefreie Reiseziele in Deutschland“, mit ihren derzeit acht Mitgliedern setzt sich schon seit Jahren für die Entwicklung von barrierefreien Angeboten in verschiedenen Regionen und Städten wie Erfurt und Magdeburg ein. In vielen deutschen Bundesländern und Regionen gibt es schon länger eigens zusammengestellte Broschüren und Websites für Gäste mit verschiedenen Einschränkungen. Das erleichtert die die Reiseplanung.

Auf der Website www.barrierefrei-brandenburg.de findet man beispielsweise sogar Hausboote, die für Rollstuhlfahrende geeignet sind. An Speisekarten in Blindenschrift sowie Rücksicht auf Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten wurde ebenfalls gedacht.

Insgesamt werden 288 Übernachtungsmöglichkeiten, 317 Freizeitangebote und 211 Orte zum Essen und Trinken vorgestellt. Diese sind für Reisende mit verschiedenen Beeinträchtigungen geeignet. Touristische Attraktivität wird dabei vorausgesetzt; das berühmt-berüchtigte „Behindertenzimmer“, das aussieht wie ein Spitalsraum, ist hier längst passé.

Barrierefreiheit als Faktor für Wettbewerbsfähigkeit  

Tourismus lebt von Kreativität und Innovation. Barrierefreiheit im Tourismus bedeutet, kreative, attraktive Lösungen zu finden. Nicht umsonst heißt es, der Gast ist König. Barrierefreiheit im Tourismus wird immer mehr zum internationalen Standard.

Wobei die Standards in Bezug auf barrierefreies Reisen allein in Europa sehr unterschiedlich sind. In manchen Ländern und Regionen wie etwa Großbritannien oder Skandinavien gilt es etwa als selbstverständlich, dass es im öffentlichen Raum relativ viele barrierefreie, für alle Menschen zugängliche Toiletten gibt, in anderen Ländern – leider vielfach auch in Österreich – ist das nicht so.

EU-Projekt „Europe without Barriers“

So ist es erfreulich, dass sich immer mehr der oft gut organisierten MS-Verbände weltweit dieses Problems annehmen. Zum Beispiel trägt die Italienische Multiple-Sklerose-Gesellschaft AISM (www.aism.it) aktuell das EU-Projekt „Europe without Barriers“ – Europa ohne Barrieren. Wie der AISM-Tourismusbeauftragte Marco Pizzio erklärt, wären etwa 70 % aller rund 80 Millionen Menschen mit Behinderungen, die in der EU leben, physisch und finanziell betrachtet in der Lage, zu reisen. Viele tun es aber nicht, weil sie befürchten, vor Ort auf bauliche und topografische Barrieren sowie Hürden im Servicebereich zu stoßen.

Martyn Sibley / NP Eifel
Martyn Sibley / NP Eifel

Im Juni 2015 lud AISM eine Gruppe von Menschen mit verschiedenen Behinderungsformen ein, eine Reiseroute durch Italien und Mitteleuropa auf deren Barrierefreiheit zu testen. Ziel war es, einerseits eine barrierefreie Reiseroute durch verschiedene Länder für künftige Reisende zu verbessern und zu etablieren, andererseits aber auch, Bewusstsein von MitarbeiterInnen in der Reisewirtschaft für die Bedürfnisse von Reisenden mit verschiedenen Behinderungsformen zu schaffen. Die Präsidentin von AIMS, Roberta Amadeo, nahm an der Reise teil.

Insgesamt umfasste die 14-tägige Testtour die Länder Italien, Slowenien, Kroatien, Österreich und Deutschland. Beraten wurde AISM von dem EU-weiten Netzwerk für barrierefreien Tourismus ENAT. Wie der ENAT-Geschäftsführer Ivor Ambrose erzählt, betreibt AISM schon seit mehr als zehn Jahren die barrierefreien Ferienwohnungen „I Girasoli“ in der Toskana. So erfolgte der Einstieg in den barrierefreien Tourismus, in dem es grundsätzlich egal ist, aus welchem Grund jemand eine Beeinträchtigung hat.

Martyn Sibley
Martyn Sibley

Der Brite Martyn Sibley war als Tester für den Rollstuhlbereich dabei: „Ich fand besonders die italienischen Stationen Assisi, Arezzo, Perugia, Siena und Florenz sowohl barrierefrei als auch besonders sehenswert. Die Kopfsteinpflaster in Florenz und Perugia sind zwar für Rollstuhlfahrende holprig, aber zu bewältigen. Siena war phantastisch, aber man sollte sich rechtzeitig nach einer barrierefreien Toilette umsehen, bevor man sie wirklich dringend braucht.“ In Österreich besuchte die Gruppe Viktorsberg in Vorarlberg und wohnte dort im Hotel Viktor. Martyn Sibley: „Ich fand sowohl die Rollstuhlzugänglichkeit des Hotels als auch das Personal großartig. Verbessern könnte man die Transportinformationen. Außerdem sollte man einen barrierefreien Zugang zur Sauna schaffen.“

Aibnb barrierefrei

Martyn Sibley,  arbeitet aktuell an einer neuen Plattform, die eine große Lücke schließen soll: Accomable, einer Buchungswebsite für barrierefreie Urlaubswohnungen.

 

Über die Autorin

Karin Chladek studierte in Wien und Nottingham Anglistik und Germanistik und machte anschließend eine Postgrad-Ausbildung zur Wissenschaftskommunikatorin am IFF in Wien. Sie arbeitete in den Bereichen Kommunikation und Tourismus für verschiedene Umwelt-NGOs, darunter BUND und NFI. Frei journalistisch tätig war und ist sie u.a. für  den „Falter“ und „Lebensart“. Zu ihren großen Leidenschaften zählen Film, Literatur und Reisen. Ja, das Reisen. Aufgrund einer Gehbehinderung ist es mühsamer geworden als früher. „Aber barrierefreies Reisen ist als Thema im Kommen.“ Und dann gibt´s noch das gepflegte Armchair-Travelling …Derzeit wohnt Karin Chladek in Wien und arbeitet als freie Journalistin, fühlt sich Berlin, wo sie lange lebte, aber nach wie vor sehr verbunden.

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