v.l.:Madeleine Auer, Franz Joseph Huainigg, Ines Egger, Helene Jarmer, Christiane Link, Katja Horninger, Herr R.(http://www.martinsteiger.at/)
Bild: v.l.:Madeleine Auer, Franz Joseph Huainigg, Ines Egger, Helene Jarmer, Christiane Link, Katja Horninger, Herr R.(http://www.martinsteiger.at/)
29. November 2015  /// Gesellschaft

Behindert auf der Flucht

Dass Flüchtlinge mit Behinderungen unter den vielen Tausenden sind, die derzeit nach Europa kommen, ist unbestritten. Es gibt Fotos von Flüchtlingen etwa in Rollstühlen, die von ihren Freunden und/oder Familienangehörigen geschoben werden. Meistens behaupten Behördenvertreter (zuletzt eine Sprecherin der steirischen Landesregierung im Radiosender Ö1), diese wären „Einzelfälle“. Auch die mediale Berichterstattung konzentriert sich auf drastische individuelle Schicksale – siehe etwa diesen Artikel im „Spiegel“. Der Tenor ist: Schlimm, natürlich muss die Gesellschaft in Europa tun, was geht, um diesen Wenigen, die extra viel Pech im Leben hatten, zu helfen, aber um ein Massenphänomen handelt es sich nicht. Wir – vor allem Behörden und Politik in Deutschland und Österreich – sind schließlich schon gefordert genug.

Wirklich nur Einzelfälle?

Doch stimmt das? Sind Flüchtlinge mit (einer) Behinderung(en) wirklich nur Einzelfälle? Oder sind 15, gar 20 oder 30 Prozent der Asylsuchenden betroffen? Tatsache ist, es werden keine Statistiken erhoben. Weder in Deutschland noch in Österreich. Man könnte fragen, ob es die Behörden überhaupt so genau wissen wollen. Denn würde sich herausstellen, dass relativ viele Asylsuchende von Behinderungen betroffen sind, müsste man mit ihnen gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention, die sowohl Deutschland als auch Österreich unterzeichnet haben, anders umgehen.

Keine Statistik

Dazu sagt die Künstlerin und freiwillige Helferin Annton Beate Schmidt aus Berlin: „Die Situation, zumindest kann ich das für Berlin sagen, ist katastrophal. Auch hier gibt es keinerlei Statistik. Auf dem sogenannten B-Bogen bei der Registrierung existiert bisher nicht einmal eine Rubrik Krankheiten oder Behinderungen. Das bedeutet, wenn der Sachbearbeiter nicht aufmerksam oder geschult ist, landen schwerkranke und schwerstbehinderte Menschen in den vollkommen ungeeigneten Notunterkünften.“

Derzeit sind es vorrangig zivilgesellschaftliche Netzwerke und auch engagierte Beamte, die sich um die ankommenden Menschen kümmern. In Deutschland wie in Österreich. Sowohl unter den Helfenden als auch den Flüchtenden sind Menschen mit Behinderungen, wie die selbst im Rahmen von „Train of Hope“ helfende Journalistin Christiane Link in der „ZEIT“ schreibt.

Diskussionsrunde in Wien

Der Frage, ob überhaupt und wenn ja, wie viele Menschen mit Behinderungen sich aktuell auf die Flucht nach Europa begeben, ging Mitte November eine Diskussionsrunde in Wien nach.
Am Podium waren:
• Madeleine Auer, Lazarettleiterin bei Train of Hope (ein zivilgesellschaftliches Netzwerk in Wien)
• Franz Joseph Huainigg, Sprecher für Menschen mit Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP)
• Helene Jarmer, NRabg. und Sprecherin für Menschen mit Behinderung der Grünen Österreich
• Christiane Link, Journalistin und Unternehmerin
• Ines Egger, Verantwortliche für Wissensmanagement, LICHT FÜR DIE WELT
• Herr R., Flüchtling mit schwerer Sehbehinderung

Wie klappt der Umgang mit Schwächeren?

Organisiert wurde die Diskussionsrunde von Licht für die Welt, einer Organisation, die sich schon lange für die Interessen von Menschen mit Behinderungen in den sogenannten Entwicklungsländern einsetzt. Nun zeigt sich durch die Massenflucht nach Europa, dass wir in einer gemeinsamen Welt leben.

Gesellschaft für neue Herausforderungen vorbereitet?

Dabei ist das allgemeine Thema der nachhaltigen Entwicklung angesprochen: Wie gut ist eine Gesellschaft dazu gerüstet, mit neuen oder größeren Herausforderungen umzugehen? Im Umgang mit Schwächeren – Flüchtenden und Menschen mit Behinderungen etwa – zeigt sich, wie gut eine Gesellschaft für die Zukunft vorbereitet ist. Mitteleuropa kam dabei schlecht weg, könnte man zusammenfassen, wenn man analysiert, was bei der Podiumsdiskussion zu hören war.

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Helene Jarmer (li.), NRabg. und Sprecherin für Menschen mit Behinderung der Grünen Österreich und Christiane Link, Journalistin und Unternehmerin, diskutierten am Podium. (Foto: http://www.martinsteiger.at/)

Versäumnisse der letzten Jahrzehnte werden sichtbar

Dabei fasste die Journalistin und Unternehmerin Christiane Link, die selbst mit einem Rollstuhl unterwegs ist, zusammen: „Der Umgang mit Flüchtlingen wirkt wie ein Brennglas und macht sichtbar, was im System seit 20, 30 Jahren verabsäumt wurde. Basics wie barrierefreie Wohnungen sind schwer zu finden, aufwendige Behördenwege betreffen alle Menschen mit Behinderungen, egal, ob sie StaatsbürgerInnen oder Flüchtende sind.“ Wenn Bundesheersoldaten Flüchtende an den Grenzen zwingen, Stunden lang auf dem kalten Boden sitzen zu bleiben und nicht auf die Idee kommen, dass das mit amputierten Gliedmaßen oder Prothesen schmerzhaft sein könnte, wird klar, dass es an grundlegender Sensibilisierung fehlt.

Keine Zahlen, nur Schätzungen

Derzeit werden keine Statistiken darüber geführt, wie viele Flüchtende (eine) Behinderung(en) haben. Christiane Link wies darauf hin, dass bei der Registrierung der Menschen sowohl in Deutschland als auch Österreich die simple Frage nach einer Behinderung immer noch fehlt. Nach Monaten, in denen der Flüchtlingsstrom nicht abreißt.
Man ist deshalb auf Schätzungen angewiesen. Da man davon ausgehen kann, dass 15 % aller Menschen weltweit mindestens eine Behinderung haben und man weiters davon ausgehen kann, dass diese Anzahl in Kriegs- und Krisengebieten wegen oft unbehandelt bleibender Verletzungen und chronischer Erkrankungen tendenziell höher ist, kann man auch annehmen, dass Millionen von Menschen mit Behinderungen auf der Flucht sind. Oft sind Behinderungen – etwa Prothesen – auf den ersten Blick auch nicht erkennbar.

Millionen mit Behinderung auf der Flucht

„Weltweit sind mehrere Millionen Menschen mit Behinderung auf der Flucht. Für sie müssen ausreichend Hilfsmittel und eine bedürfnisgerechte Versorgung bereitgestellt werden“, appelliert Ines Egger, Verantwortliche für Wissensmanagement bei LICHT FÜR DIE WELT, „Flüchtlinge mit Behinderungen werden in humanitären Krisen oft übersehen. Insgesamt richtet sich nur 1 % der internationalen humanitären Hilfe spezifisch an behinderte und ältere Menschen. Als österreichische Fachorganisation, die sich für Menschen mit Behinderungen in Armutsgebieten einsetzt, möchten wir auf diese Situation aufmerksam machen.“

Pflichten des Staates …

Die österreichische Politik dürfe nicht auf die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen vergessen, meinte Helene Jarmer. Der Staat hätte die Pflicht, Flüchtlinge mit Behinderungen angemessen zu versorgen. Etwa, indem barrierefreie Unterkünfte oder Hilfsmittel bereitgestellt werden, ergänzte Franz Joseph Huainigg.

…und Taten der Zivilgesellschaft

Derzeit müsse die Zivilgesellschaft für Versäumnisse des Staates einspringen, wurde von Licht für die Welt betont. Das funktioniere mittlerweile, wie Madeleine Auer erläuterte, vor allem über Social Media, wo „Train of Hope“ sehr effizient Hilfsmittel wie Rollstühle oder Krücken organisieren konnte. Diese Aussage, wonach zivilgesellschaftliche Organisationen für Versäumnisse des Staates einspringen müsste, kann Annton Beate Schmidt auch für Berlin bestätigen: „Da ich selbst über einige Kontakte zu Orthopädiemechanikern, Heimen und Einrichtungen verfüge, kann ich Hilfsmittel für Flüchtende organisieren. Ohne diese Kontakte und die im Grunde illegale Weitergabe von Hilfsmitteln aus deren Kellerbeständen gäbe es keine Hilfsmittel für Flüchtende mit Behinderungen. Ganz zu schweigen von behindertengerechter Unterkunft. Einige Fälle haben wir letztendlich in unserer Wohnung aufgenommen.“

Zu den Zahlen meint sie: „Nach kurzer Rücksprache mit der Organisation MOABIT HILFT kann ich sagen: Es kommen etwa 40% Geflüchtete mit besonderer Schutzbedürftigkeit an; Kriegsverletzungen, unterbrochene Chemotherapien, HIV, Schwangere und so weiter. Traumatisierungen noch nicht mit eingerechnet.“ Die gute Nachricht ist: Zivilgesellschaftliche Organisationen helfen auch hier, wo sie können. Doch man kann sich fragen, wie lange das noch so weitergehen kann.

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