Margit Atzler
Bild: Margit Atzler
1. August 2015  /// Bewegung Ressourcen Wirtschaft

Mit Bio-Dünger gegen die Quecksilberwüste

Der feine weiße Sand sieht geradezu verlockend aus, die schweißnassen Füße aus den obligatorischen Gummistiefeln zu befreien und die Zehen darin zu wühlen. Meterhohe Dünen ragen immer wieder aus der flachen Landschaft. Der laue Wind streicht sanft über die grünen Blätter der ca. 50 cm hohen jungen Bäume, die in mehreren Reihen nebeneinander zaghaft emporwachsen. Auf den ersten Blick täuscht die Idylle der Wüstenlandschaft. Im trüben Wasser der verstreuten Schottertümpel schwimmt kein einziger Fisch, keine Pflanze wächst um den Tümpel oder abseits der jungen Bäume. Es ist wohl besser, die Gummistiefel anzulassen.

Nicht die Wüste ist die ursprünglich dominierende Landschaftsform unweit von Puerto Maldonado, der Hauptstadt der Region Madre de Dios in Peru, sondern der Regenwald, das artenreichste Öko-System des Planeten. Die Bevölkerung in Madre de Dios ist in den vergangenen zehn Jahren von 60.000 auf geschätzte 150.000 [siehe Quelle] angewachsen. Genaue Zahlen gibt es keine, da der Großteil des unkontrollierten Zuwandererstroms den Goldvorkommen zu verdanken ist und der Abbau des wertvollen Minerals großteils illegal und durch den Einsatz von Quecksilber erfolgt. Das Quecksilber ist dafür verantwortlich, dass an den Orten, wo Gold geschürft wird, Pflanzen und Tiere verschwinden. Die Natur stirbt. Mehr als 100.000 ha sind betroffen. Die Fläche wächst im Verhältnis zum Goldpreis weiter.

„Pampa“ wird das Gebiet von den Peruanern genannt

Sie bezeichnet die Gegend, wo jahrhundertealte Baumriesen und dichtes Gebüsch der Quecksilber-Wüste gewichen sind. Alle paar Kilometer findet sich am Straßenrand entlang der asphaltierten Straße in Richtung der Andenstadt Cusco eine kleine Ansammlung von mit Plastikplanen überdeckten Pfahlbauten oder Blech- und Betonhütten. Ein kleiner Imbiss, junge Männer mit Motorrädern, Grüppchen sitzen essend oder wartend zusammen. Das war’s auch schon. Die kleinen Posten markieren Eingänge zur Pampa.

Die Regierung geht in unregelmäßigen Abständen gegen die illegalen Schürfungen vor, um zu beweisen, dass man darum bemüht ist, die Auswucherung der Pampa zu stoppen – meist begleitet von stimmungsmachender medialer Berichterstattung. Das hat nicht selten Alibi-Charakter, da nicht wenige von den Geschäften rund um das wertvolle Edelmetall profitieren. Peru ist der fünftgrößte Goldproduzent weltweit. Drogen (vor allem „Pasta básica“, der Grundstoff, aus dem durch einen chemischen Prozess Kokain hergestellt wird), Kinderprostitution, Unterernährung, Alkohol, Müllprobleme, eine überdurchschnittliche HIV-Rate uvm. sind „Randerscheinungen“, die die illegale Goldwäsche mit sich bringt.

Gegen die „Mineros“ (die Schürfer) vorzugehen, ist freilich vollkommen sinnlos, scheint doch diese Tätigkeit für viele die scheinbar einzige Alternative, es mit niedrigem Bildungsstandard finanziell zu etwas zu bringen. Unter den Mineros finden sich sowohl Nachkommen der Ureinwohner aus dem Regenwald als auch Zuwanderer aus dem Andenhochland, die für ihre Familien unter wirtschaftlich aussichtlosen Bedingungen in den vielen kleinen Dörfern keine Zukunft sehen. Die Menschen aus den Bergen sind in der ungewohnten Umgebung des Regenwalds oft völlig überfordert. Weder wissen sie den Boden zu bestellen, der sich – anders als in den Anden – nur begrenzt zum Anbau eignet, noch können sie unter den klimatischen Bedingungen und mit spärlichen Mitteln angemessene Behausungen zu bauen. Unter den in Lateinamerika weit verbreiteten Wellblechdächern schläft es sich bei über 80 Prozent Luftfeuchtigkeit schlechter als in einer Konservendose. So leicht wie anfangs vermutet, lässt sich eben doch nicht mit Goldwäsche reich werden. Desillusioniert hören die meisten auf, nach weiteren Möglichkeiten der Selbstermächtigung zu suchen. Der hoffnungsvolle Name der Region Madre de Dios (übersetzt: „Mutter Gottes“) erweist sich als Trugschluss. Letzer Halt: Pampa!

Bild von margitatzler.atHier setzt das Aufforstungsprojekt des Basken Gorka Atxuara an. Gorka arbeitet für das „Consorcio Madre de Dios“, eine Initiative, die von sechs Institutionen (darunter USAID, University of Florida und Universidad Amazónica Madre de Diós) betrieben wird. Vor drei Jahren begann Gorka mit Aufforstungsstudien in Manuani, 116 km von Puerto Maldonado entfernt in Richtung Andenhochland.

Mit dem Moped, einklemmt zwischen dem jungen „Taxifahrer“ und einem riesigen Plastikkanister, geht es an einem Schranken vorbei, den eine Mitte 20-jährige Frau für Gorka öffnet. Das Moped hoppelt in beachtlichem Tempo über einen schmalen kurvenreichen Waldweg. Nach einer viertel Stunde Fahrt ist der Wald ganz plötzlich zu Ende. Sandwüste so weit das Auge reicht. Weiter geht es zwischen den Dünen, die Reste der Goldschürfungen. 100 Soles, umgerechnet fast 30 Euro, kostet eine Fahrt mit dem Moped hin und zurück. Ein stolzer Preis für Peru, doch die Pampa schreibt ihre eigenen Gesetze. Bei einer Ansammlung von jungen Bäumen zwischen einem halben und knapp einem Meter Höhe, die in mehrere Reihen nebeneinander gepflanzt wurden, angekommen, steigt Gorka ab. Er füllt die braune stinkende Flüssigkeit aus dem Plastikkanister in eine Plastikflasche. Nach und nach bekommen die Pflänzchen von Gorkas Bio-Dünger. Bestimmte Reihen gehen leer aus.

Bild von margitatzler.atGorka untersucht, wie sich die Pflanzen in den von Quecksilber verseuchten Gebieten mit und ohne Dünger entwickeln. Bei dem Aufforstungs-Projekt geht es darum zu untersuchen, wie der Boden in den toten Gegenden in Zukunft überhaupt genutzt werden könnte und in welchem Ausmaß Quecksilber-Rückstände und anderen Giftstoffe im Stamm, den Blättern und Wurzeln der nachgepflanzten Bäume zu finden sind. Nach anfänglichem Zögern hilft der Taxifahrer. Besser als gelangweilt in der Gegend herumzustehen. Zu zweit geht es schneller. Außerdem ist gar nicht so uninteressant, was Gorka neben der Arbeit über die Bäume erzählt.

Bild von margitatzler.atDer eigens von Gorka entwickelte Bio-Dünger wirkt sich signifikant auf das Wachstum der Pflanzen aus. Doch was soll das bringen? Schließlich ist klar, dass sich der Regenwald nie wieder erholen wird können – nicht zu unseren Lebzeiten. Das Projekt verfolgt keine Utopie oder versucht, die Uhr zurückzudrehen, sondern ausgehend vom Status Quo das Beste aus der Situation zu machen. Es geht darum, Lösungen zu finden, die vor allem auch den sozial schwachen Schichten vielleicht den Alltag erleichtern. Welche Pflanzen könnten auf Boden, der von Schwermetallen geschädigt ist, angebaut werden? Die Möglichkeit, durch den Einsatz eines Naturdüngers Früchte und andere essbare Pflanzen sowie Nutzholz anzubauen würde bedeuten, dass viele wieder lernen könnten, zumindest einen Teil ihrer Nahrungsmittel selbst anzubauen und dadurch ihre finanzielle Situation in den Griff zu bekommen. Vielleicht würden dadurch Berufe wie der des Lehrers, der zu den am schlechtesten bezahlten in Peru gehört, wieder attraktiver und der Ausblick auf gesteigerte Lebensqualität verlockender als rasche Verbesserung des Einkommens durch illegale Goldwäsche bei gleichzeitiger Vergiftung des eigenen Körpers.

Bild von margitatzler.atDie Bandbreite der Probleme und Fragezeichen in Madre de Dios ist riesig, doch noch größer ist das Feld der Möglichkeiten, die Lage zu verbessern. So ist auch das Gorkas Aufforstungsprojekt ein kleiner Bestandteil vieler kreativer Ansätze, die sich in den immer mehr gegenseitig befruchten.

 

Zum Weiterlesen:

Website des Consorcio Madre de Diós – leider nur auf Spanisch: mddconsortium.org

Website der Initiative zum Schutz des andinen Amazonas – ICAA: www.amazonia-andina.org/eng

[Quelle:] Consorcio Madre de Dios

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