Foto von Professor Tim Jackson bei Wachstum im Wandel 2016 (© Jana Madzigon)
Bild: © BMLFUW/Jana Madzigon

Blühender Wohlstand

Ende Februar wurde am letzten Tag der Konferenz „Wachstum im Wandel 2016“ angeregt über eine nachhaltige Wirtschaftspolitik diskutiert. Tim Jackson, Professor für Nachhaltige Entwicklung, sprach von „Nachhaltigem Wohlstand“, Staatssekretär Harald Mahrer forderte eine „neue Aufklärung“. Manfred Ronzheimer berichtet für unseren „Schwerpunkt Wachstum im Wandel“.

„Nachhaltiger Wohlstand“. Für diesen Begriff ist Tim Jackson, der führende britische Vordenker einer alternativen Ökonomie, nach Wien gekommen, zur Konferenz „Wachstum im Wandel“ in der Wirtschaftsuniversität. Jacksons Messlatte für Wohlstand sind nicht allein quantitative Indikatoren wie persönliche Einkommenssteigerung oder volkswirtschaftliches BIP-Plus. Er schaut viel intensiver auf Qualitäten. Die Gesellschaft, die ihm vorschwebt, ist nicht ausschließlich auf materiellen Verdienst und finanziellen Reichtum ausgerichtet, sondern setzt Werte wie Gesundheit und Wohlbefinden, eine qualitätshaltige Erziehung und gute, herausfordernde Arbeit mit auf die Gesamtrechnung.

Der Umweltökonom Tim Jackson ist Professor für Nachhaltige Entwicklung an der University of Surrey in Südengland. Ein großes Echo in der alternativen Wirtschaftsdebatte fand sein Bericht „Prosperity Without Growth“, den er 2009 für die britische Regierung unter Gordon Brown erstellte. Unter dem Titel „Wohlstand ohne Wachstum“ ist das Buch auch auf deutsch erschienen.

Gutes Leben ohne Reichtum

Jackson benutzt die Daten der Wirtschaftsstatistik, um zu belegen, dass Wohlstand keineswegs nur aus Reichtum resultiert. In seinem Vortrag an der WU zeigt er die Kurve von Lebenserwartung und Bruttoinlandsprodukt. Sicherlich, in Norwegen, Island und der Schweiz, Länder mit einem umfassenden und teuren Gesundheitssystem, werden die Menschen im Schnitt über 80 Jahre alt. Aber erstaunlicherweise wird eine ähnlich hohe Lebenserwartung auch in Ländern gemessen, die nur ein Zehntel des BIP pro Kopf erwirtschaften: Chile, Costa Rica, Kuba. Es muss also noch andere wirkungsvolle Faktoren für ein langes Leben jenseits von Geld geben. Die nächste Grafik – Kindersterblichkeit unter fünf Jahren – untermauert den Trend. Im bitterarmen Armenien überleben Kleinkinder besser als im superreichen Katar.

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Professor Tim Jackson sprach über Wachstum, Wohlstand und wie beides zusammenhängt. (© BMLFUW/Jana Madzigon)

Der britische Gast spricht vor allem über immaterielle Werte, über die Qualitäten von „gutem Leben“ und „guter Arbeit“ (decent work). Aber die wenigen quantitativen Daten, die Jackson im Gepäck hat, haben es in sich. Eine Kurve zeigt, wie in den Industrieländern der Anstieg der Arbeitsproduktivität immer geringer wird. In den 50er Jahren lag das jährliche Produktivitäts-Plus im Schnitt bei vier Prozent. Derzeit werden kaum noch 0,5 Prozent erreicht. Ist das Wirtschaftswachstum mit dem Produktivitätszuwachs im Lot, bleibt auch die Beschäftigtenzahl stabil. Wird das Wachstum schwächer, muss die Arbeit anders verteilt werden. „Das sollte man nicht unbedingt als etwas Schlechtes sehen, eher als einen Teil des Umstiegs zu einer reiferen Ökonomie“, kommentiert Jackson. Weniger stumpfsinnige Arbeit, die den Maschinen übertragen werden kann, gibt den Menschen mehr Zeit für kreatives Tun.

Der Referent ist am Rande des Kongresses ein gefragter Interview-Partner der Medien. Dem „Standard“ erläutert Jackson seine Position mit den Worten: „Wir müssen das jetzige System ernsthaft hinterfragen. Nur dem Wachstum nachzujagen hat große Konsequenzen für alle. Was den Verbrauch von Ressourcen betrifft, die Schädigung der Umwelt, den Klimawandel, den Verlust an Biodiversität, die Auswirkungen auf unsere Böden. Es gibt Rezepte dafür, genügend gute Jobs zu schaffen, Gesundheit und Bildung, sozialen Schutz, viel Freizeit, Handwerk. Wir brauchen Investitionen in Technologien, die Ressourcen erhalten und kein CO2 verbrauchen. Dann muss man das Finanzsystem stabilisieren, die rücksichtslose Spekulation mit Rohstoffen stoppen. Gehen wir das alles an, und lassen wir Wachstum passieren, wo es passiert. Wenn am Ende eine wundervolle grüne Ökonomie herauskommt, die eine fantastische Tech-Revolution geschafft hat, und die Wirtschaftsleistung steigt weiter und weiter an, dann ist das okay. Es ist die Fixierung auf das Wachstum, die uns die wirklich relevanten Dinge vergessen lässt.“

Besser am Beginn

Der Jackson-Vortrag ist der inhaltliche Höhepunkt vor dem Kongress-Abschluss und passt sich ein in die Drei-Tages-Dramaturgie „Grenzen – Transformation – Entwicklung“. Wer an Grenzen stößt, muss sich oder die Verhältnisse transformieren, um in einer neuen Entwicklung weiter leben zu können. Andererseits hätte eine solche Development-Botschaft Jacksons am Beginn der Tagung einen sehr viel stärkeren Impuls in die vertieften und vernetzten Debatten der Teilnehmer geben können.

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Sieben Thesen passend zur Konferenz wurden kurz von den jeweiligen Vertretern vorgestellt. (© BMLFUW/Jana Madzigon)

Nach dem Wissenschaftler (und Regierungsberater) kommt der Politik die Aufgabe zu, das Gelernte zumindest in einem ersten Reflex zu operationalisieren. Die Vorbereitung dafür bilden „7 Thesen“ der Veranstalter, in denen zentrale Diskursstränge der Tagung zusammengebunden werden (u.a. „Migration und demographischer Wandel beschleunigen die Transformation“).

Andere Wohlstands-Indikatoren

Für Andrä Rupprechter, Bundesminister für Land-, Forst-, Umwelt und Wasserwirtschaft, war als Mitveranstalter der Tagung ein wesentlicher Diskurspunkt die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. „Ziel ist eine absolute Reduktion des Umweltverbrauchs. Gleichzeitig müssen wir Arbeitsplätze erhalten und schaffen, um unseren Wohlstand zu sichern “, so Rupprechter. „Das bedeutet, wir benötigen wirkungsvolle Instrumente sowohl auf globaler, europäischer als auch nationaler Ebene. Es wird darum gehen, den Wohlstand einer Gesellschaft zu bewerten, denn ein lebenswertes Österreich kann nicht nur am Bruttoinlandsprodukt gemessen werden. Wir brauchen darüber hinaus ergänzende Indikatoren. Die Initiative ‚Wachstum im Wandel‘ bietet für diesen Diskurs eine geeignete Plattform“, wird der Minister in der Pressemitteilung seines Hauses wiedergeben. Es brauche die „Interaktion und den Diskurs aller gesellschaftlichen Kräfte“. Rupprechter: „Dann ist Transformation kein Hemmschuh, sondern Ansporn und Chance“.

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Minister Rupprechter (li.) und Staatssekretär Mahrer reflektierten über die Konferenz und stellten sich einigen Fragen der Teilnehmer. Elisabeth Freytag-Rigler (Lebensministerium) moderierte. (© BMLFUW/Jana Madzigon)

Für das Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium sprach sich dessen Staatssekretär Harald Mahrer für mehr „Mut für soziale und technologische Innovationen“ aus. Die Transformation zu nachhaltiger Wirtschaft bringe wertvolle Vorteile und sichere langfristig die Lebensgrundlage. Konkret erwähnte Mahrer: „Besonders mit dem neuen Crowdfunding-Gesetz, dem Gemeinnützigkeitspaket und der digitalen Strategie haben wir den Boden für die Zukunft gut aufbereitet, damit die besten Ideen in unserem Land gefunden und umgesetzt werden können. Denn Wachstum verstehen wir als Chance, die wir für uns alle nutzen sollten“

Eine neue Aufklärung

In seiner kurzen Rede streifte Mahrer – dann mit erkennbarem Schwerpunkt auf dem wissenschaftspolitischen Standbein seines Amtes – einen Horizont der Transformationsdebatte, den Jackson zuvor mit seiner Kritik des „Konsumismus“ ebenfalls angesprochen hatte. Mahrer zitierte die US-Unabhängigkeitserklärung von 1776, die das Streben nach Glückseligkeit (pursuit of happiness) als neues Menschenrecht einer Epoche der Aufklärung formuliert hatte. Dies sei eine Abkehr von der religiösen Ausrichtung gewesen, nach der dem Menschen das wahre Glück erst im Jenseits zuteil werde. So wie sich damals der geistesgeschichtliche Überbau der Gesellschaft fundamental gewandelt habe, stehen nach Wahrnehmung Mahrers jetzt vergleichbare Zäsuren an: „Wir kommen nicht weiter ohne die Frage des Überbaus“. Nötig sei eine „neue Aufklärung“, die auch „Fragen der Spiritualität“ mit einbeziehe. Hierzu habe er sich bereits mit Fred Luks und seinem WU-Zentrum ausgetauscht. Weiter so, und doch anders, war die Botschaft des Staatssekretärs: „Dialoge wie diesen brauchen wir noch sehr viel mehr, und nicht nur unter den Eliten“, sagte Mahrer. „Denn nur so entsteht Veränderung.“

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