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28. Oktober 2015  /// Lesenswert Politik Wirtschaft

Yanis Varoufakis: „TIME FOR CHANGE“

Von Gerhild Schutti 

„Die Wirtschaft ist zu wichtig, um sie den Wirtschaftswissenschaftlern zu überlassen.“ – In seinem Buch „TIME FOR CHANGEstellt Yanis Varoufakis nicht weniger als die Legitimität von Marktgesellschaften in Frage. Der „Triumph der Tauschwerte über die Lebenswerte“, das vermeintlich Natürliche sowie die steigende Ungerechtigkeit dürfen nicht einfach hingenommen werden, so die eindringlichen Appelle des Ökonomie-Professors an die kritische Jugend. Anschaulich, unkonventionell und leidenschaftlich geht er auf grundlegende Fragen seiner Tochter ein und erklärt ihr seine Sicht der inneren Zusammenhänge von Wirtschaft und Gesellschaft. Historische und zeitgenössische Entwicklungen sowie Zukunftsszenarien werden dabei beispielhaft mit persönlichen Erfahrungen, literarischen Exkursen und Botschaften aus Science-Fiction-Filmen illustriert und zu einer spannenden „großen Erzählung“ verwoben.

Ausgehend von der Frage „Warum gibt es so viel Ungleichheit?“ lenkt Varoufakis den Blick zunächst auf jene gesellschaftlichen Umbrüche, die „Gesellschaften mit Märkten“ sukzessive in Marktgesellschaften verwandelten. Als die ersten feudalen Agrargesellschaften entstanden und mit der Erzielung ihrer Getreideüberschüsse bahnbrechenden Entwicklungen Vorschub leisteten. Als die neuzeitliche industrielle Revolution die Kommerzialisierung von Grund, Boden und Arbeit und damit die Akkumulation von Reichtum sowie die ungleiche Verteilung des Überschusses vorantrieb. Weil die vormals von feudalen Grundherrn abhängige Bauernschaft, nunmehr „befreit“ von Produktionsmitteln, ihre sichere Existenz in Armut gegen eine unsichere, von der Marktnachfrage abhängige, ärmliche Existenz in Form von Pacht, Fabrikarbeit oder Bettlertum tauschen musste.

Schulden fungierten als „Brennstoff der industriellen Revolution“ und in der Folge als Wachstumsmotor, wodurch die unternehmerische Gewinnerzielung zum Selbstzweck mutierte. Den hierfür erforderlichen Wandel menschlicher Denkmuster skizziert Varoufakis eindrücklich anhand zweier unterschiedlicher literarischer Interpretationen des Faust-Stoffes: Während Faust in der Marlowe’schen Urfassung des 16. Jahrhunderts für seinen dubiosen Pakt mit Mephisto noch erbarmungslos mit der Hölle bestraft wird, wird Goethes Faust begnadigt. Weil im 19. Jahrhundert das Zinsverbot bereits obsolet war und Kreditverträge bereits eine gesellschaftlich akzeptierte, unternehmerische Vorrausetzung für die Produktion darstellten.

Varoufakis lässt es aber auch nicht an Gegenwartsbezug mangeln: Seine Leserschaft fühlt sich unweigerlich an die jüngsten Ereignisse der Euro- und Griechenland-Krise erinnert, wenn der Autor den ödipalen Geld- und Arbeitsmarkt oder die „schwarze Magie“ der Banken erklärt. Letztere würden mit ihrer Geldschöpfung aus dem Nichts das „Wunder“ der Marktgesellschaften ermöglichen, nicht ohne dabei laufend ihre Zinsgewinne zu steigern, um damit wiederkehrende Crashs mit nachfolgenden staatlichen Interventionen und einer Verstärkung der Ungleichheit auszulösen. Bei hoher Staatsverschuldung sei daher die Abschreibung der Schulden der einzig gangbare Weg. Diese werde in der Regel durch die Macht der Banken verhindert, wodurch Marktgesellschaften – in Abwesenheit einer koordinierten staatlichen Intervention für einen Schuldenschnitt – ihr Schicksal der Dauerrezession besiegeln. In Marktgesellschaften eignen sich die sozial Stärkeren den kollektiv geschaffenen Überschuss mit staatlicher Beihilfe an, so die Überzeugung des Autors.

Nicht ohne Ironie erstellt Varoufakis einen noch drastischeren Befund, wenn er eine weitere Auswirkung der dominanten Marktlogik problematisiert und dabei beim Filmklassiker „Matrix“ Anleihe nimmt: Demnach verkörpert der marktgesellschaftlich agierende Mensch bereits ein planetares Virus. Die Maschinengesellschaft, welche dieses Virus beherrsche, sei in gewisser Hinsicht bereits Realität. So bestehe kein Zweifel, dass wir bereits für unsere Maschinensklaven und deren Erhaltung arbeiteten. Da Tauschwerte und damit die Marktgesellschaft in einer Maschinengesellschaft aber gegen Null tendieren, bestehe auch noch Hoffnung auf eine alternative menschheitsgeschichtliche Entwicklung à la „Star Trek“: Menschen beschäftigten sich dann mit Forschung, Philosophie und Kunst, während Maschinen produzierten.

Weil die Gewinnorientierung der Marktgesellschaft mittlerweile die absolute Macht über Psyche und Handlungen der Menschen errungen habe und den Planeten in den Ruin treibe, sei es an der Zeit, ihr umfassendes Scheitern zu erklären. Ohne sich Illusionen über die aktuelle Verfasstheit der Demokratie zu machen, sieht Varoufakis die einzige Chance in der kollektiv kontrollierten Demokratie. Sowohl beim Einsatz von Maschinen, bei der Verteilung des gesellschaftlichen Überschusses, beim Umweltschutz als auch beim Geld: „Solange wir es nicht kollektiv und politisch und am Gemeinwohl orientiert verwalten, werden es die Mächtigen vergeuden und in einer krisenfördernden Weise verwenden, die Gesellschaften zerfallen lässt“, so sein Ausblick.

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