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1. April 2016  /// Gesellschaft Kultur Lesenswert

Bücherfrühling der Nachhaltigen Entwicklung

Der Frühling lockt derzeit immer mehr Menschen ins Freie. Warum beim Entspannen in der Natur nicht auch wieder mal ein interessantes Buch lesen? Karin Chladek hat dazu gleich vier Empfehlungen parat – thematisch vom Verbrauchsgegenstand Textil zur Biodiversität.

Immer schneller, immer mehr neue Kleidung – und die Folgen

Heike Holdinghausen widmet sich in „Dreimal anziehen, weg damit“ dem Thema Textil. Wie konnte es soweit kommen, dass der Großteil der Textilproduktion heute in asiatischen Ländern stattfindet? Warum sorgt gerade die Textilbranche regelmäßig für internationale Skandale? Warum schuften Frauen und Kinder unter gefährlichen, unangenehmen und teilweise sogar menschenrechtswidrigen Umständen in Textilfabriken? An welchen Gütesiegeln können sich KonsumentInnen wirklich orientieren, wenn schon die Politik versagt? Weshalb ist die Textilproduktion so umweltschädlich? Warum setzen sich umweltfreundliche, traditionelle Fasern wie Hanf und Leinen gegenüber der ewig durstigen Baumwolle nicht durch? Welche fatalen Folgen hat das „immer schneller, immer mehr“, das große Ketten und Modehäuser den KonsumentInnen vorgeben? Und warum spielen viele da eigentlich mit?

Das Thema Textil ist nicht neu, aber das, was Holdinghausen daraus macht, ist wirklich spannend, auch für Leute, die sich selbst für gut informiert halten. Bei Holdighausen findet man viele Fakten und gut recherchierte Zusammenhänge. Zum Beispiel, welche Textilfirmen in Deutschland geblieben sind und wie sie das trotz des wirtschaftlichen Drucks schaffen. Es gibt Alternativen, wenn man informiert ist und es anders macht als der Mainstream.

Heike Holdinghausen: Dreimal anziehen, weg damit. Westend Verlag, Frankfurt a. M. 2015. 224 S. EUR 17,50.

Lauter grüne Mäntelchen

Kathrin Hartmann kann Heuchelei nicht ausstehen. Seit ihrem Buch „Ende der Märchenstunde“ hat sich die Journalistin den Ruf aufgebaut, umweltzerstörerische Wirtschaftsunternehmen, aber auch NGOs wie den WWF, die ihrer Meinung nach zu nachgiebig bzw. zu konzernfreundlich sind, auf die Hörner zu nehmen und pointiert zu entlarven. Aber auch die verbreitete Gier der Mittelklasse-KonsumentInnen, die auf keine Leckerei verzichten oder ihr Mobilitätsverhalten wirklich ändern wollen, ist ihr ein Dorn im Auge.

Mit der bekannten kanadischen Globalisierungskritikerin Naomi Klein ist sie insofern auf einer Linie, als beide das global dominante Wirtschaftssystem des Kapitalismus als Auslöser sowohl von rasanter Umweltzerstörung als auch sozialen Verwerfungen und die Verelendung vor allem der Landbevölkerung vieler Länder ausgemacht haben. Naomi Klein hat vor  Kurzem ein Buch publiziert, in dem sie die Klimakrise und den ausufernden Kapitalismus der letzten Jahrzehnte in Zusammenhang bringt. Die so genannte „Green Economy“, also die grüne Wirtschaft, sieht sie allesamt als Heuchelei an, als Versuch von Großkonzernen, die Zerstörungen, die sie verursachen, als „nachhaltig“ zu verkaufen. Allesamt Greenwasher? Hartmann hat Fans, aber auch Gegner. Oft scheint sie über das Ziel hinauszuschießen. Allerdings tut man ihr Unrecht, wenn man ihr unterstellt, alle ernsthaft um Nachhaltigkeit bemühten Firmen in den Greenwashing-Topf zu stecken. Kleine Firmen und Nischen sind einfach nicht ihr Thema. Möglicherweise übersieht sie dabei, dass diese Nischen und vor allem Sharing-Trends (wie Carsharing) wirkliche Game-Changer sein könnten.

Hartmann geht es vor allem um große Konzerne, die überall auf der Welt präsent sind, viel Geld machen und unser Wirtschaftssystem nach wie vor dominieren. Oder auch um einflussreiche Stiftungen. Da wird man sich schwertun, sie zu widerlegen. Dass die EU konkret durch die Förderung von Agrosprit die Zerstörung vor allem der südostasiatischen Regenwälder und deren „Ersatz“ durch Palmölplantagen massiv verstärkt hat, ist zwar nicht neu, aber ein gutes Beispiel dafür, dass nicht einfach neue Produkte die alten ablösen können und damit alle Probleme gelöst sind. Solange Konsum, verschwenderischer Lebensstil und Produktion so weitergehen wie gehabt, wird sich an Umweltzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit nichts ändern. Auch Elektromobile sind zwar wichtige Elemente eines neuen Mobilitätsmixes, aber allein noch keine Lösung. Denn sie benötigen Straßen und Strom. Solange immer neue Straßen und Autobahnen gebaut werden, wo viel Boden ohnehin schon versiegelt und zerstört ist, solange Strom vorwiegend aus Kohle- und Atomkraftwerken oder großen Staudammanlagen kommt, solange sind Elektroautos allein keine Lösung.

Dass Hartmann das allseits als „bösen“ Konzern bekannten US-Unternehmen Monsanto aufs Korn nimmt, ist nicht originell, wenn auch wichtig, da es sich um einen der einflussreichsten Global Player handelt, der die Landwirtschaft weltweit enorm beeinflusst. Unbekannter ist schon, was sie von den Hintergründen der satt dotierten und damit ebenfalls mächtigen Bill & Melinda Gates Stiftung berichtet: Auch hier nehmen wenige Superreiche großen Einfluss auf die globale Gesundheitspolitik. Durch Gates´ konsequente Weigerung, Vermögenssteuer zahlen zu wollen, wird ein fatales Beispiel gesetzt. Öffentliche Gesundheitssysteme werden ausgehungert und auch die WHO wird immer abhängiger von der Stiftung. Hartmann beruft sich auf den Mediziner David McCoy und Zeitungen wie den Guardian oder die LA Times, wenn sie schreibt, dass die Stiftung nur die Beschäftigung mit wenigen ausgewählten Krankheiten fördert. Fatal ist auch, dass die Stiftung nach wie vor Aktien von Ölkonzernen in Milliardenhöhe  kauft, gleichzeitig aber vor den Folgen des Klimawandels warnt, den diese Ölkonzerne mitverursachen.

Manchmal schüttet Hartmann aber doch das Kind mit dem Bade aus: Etwa, wenn sie behauptet, nur kritische Berichterstattung über Missstände sei richtige Berichterstattung. Damit befindet sie sich zwar in guter Gesellschaft etwa George Orwells, aber die Devise „Only bad news are good news“ ist doch etwas antiquiert. Abgesehen davon, dass eine journalistische Fokussierung auf Negatives, und sei dieses noch so aufwendig  recherchiert und gut geschrieben, allzu oft zur Folge hat, dass sich viele LeserInnen in spe überfordert fühlen und Artikel oder Bücher einfach nicht mehr lesen. Hartmann übersieht, dass ihre eigene Berichterstattung über lokalen Widerstand etwa von AktivistInnen in Indonesien, die sich gegen die Abholzung von immer mehr Regenwäldern zugunsten von Palmölfarmen wehren, auch „good news“ ist. Schließlich erzählt sie davon, dass Widerstand auch unter widrigen Umständen möglich ist. Sie gibt den AktivistInnen Gesichter und Namen.

Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Blessing Verlag, München 2015. 448 S.. EUR 19,60.

Lebendiges Museum

Was für´s Auge – und gleichzeitig für´s Hirn. Als „wunderschönes Bilderbuch für jedes Alter“ bewirbt der Prestel Verlag sein Buch „Das Museum der Tiere“, und dem ist wenig hinzuzufügen. Auf 112 Seiten verbinden sich Scotts präzise Illustrationen von Tieren und ihren Lebensräumen mit Brooms ebenso liebevollen wie detailreichen Beschreibungen. Eine Einladung zum Genau-Hinschauen und Staunen. Jedes Kapitel befasst sich mit einer anderen Gattung: wirbellose Tiere, Reptilien, Vögel, Fische, Säugetiere …

Der Originaltitel des Buches für alle bibliophilen Menschen ab 8 Jahren ist übrigens „Animalium“. Von einem „Museum“, das etwas düstere Folgerungen nach sich ziehen könnte, ist zumindest im Original nicht die Rede. Die Assoziation von „nur mehr im Museum“ drängt sich auf.

Man kann angesichts des weltweiten Artensterbens nur hoffen, dass nicht allzuviele der vorgestellten Tiere wirklich bald im Museum landen.

Jenny Broom und Katie Scott: Das Museum der Tiere. Prestel Verlag. München 2014. 112 S., EUR 25,70.

Das sechste Sterben

Bevor man die zur Schnecke stilisierte Zahl Sechs erkennt, liest man nur „Sterben“. Dazu wartet der Suhrkamp-Verlag mit einem nachtschwarzen Cover auf. Na bum.

Man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Cover kann man abnehmen. Darunter verbirgt sich ein aufwendig recherchiertes Sachbuch, für das Elizabeth Kolbert den Pulitzerpreis bekommen hat. Lustig ist es aber nicht, was Kolbert berichtet: Sie schreibt über das aktuell rasante Verschwinden von immer mehr Tierarten. Anders als die fünf vorherigen Aussterbewellen in der Geschichte der Erde hat das aktuelle Phänomen keinen natürlichen Ursprung, sondern ist auf die wirtschaftliche und demografische Expansion einer einzigen Spezies zurückzuführen – die des Menschen. Nicht umsonst heißt es, wir lebten im Anthropozän, im „vom Menschen geprägten Zeitalter“. Dieses könnte schon in unserer Frühgeschichte begonnen haben: Kolbert geht der Frage nach, inwieweit Homo sapiens am Aussterben der Megafauna wie Mammuts Schuld tragen könnte. Übrigens auch am Verschwinden unserer nächsten Verwandten, des Neandertalers. Dazu trifft Kolbert den führenden Frühmenschenforscher Svante Pääbo in Leipzig.

Obwohl oder gerade weil Kolbert als eine der renommiertesten JournalistInnen zu Fragen des Klimawandels gilt, lenkt sie die Blicke weniger auf die bekannten als auf weniger beachtete, aber ebenso wichtige Ursachen des Artensterbens, etwa der raschen globalen Ausbreitung von lokal ortsfremden Spezies, den so genannten Bioinvasoren. Dabei sind es insbesondere Pilze, die für eine Aussterbeepidemie unter Amphibien und Fledermäusen (v.a. in den Amerikas) sorgen. Diese Pilze sind im menschlichen Schlepptau weit gereist und bringen nun Unheil über viele Arten, die keine Zeit hatten, Abwehrkräfte gegen die Invasoren zu entwickeln. Amphibien gelten weltweit als die am stärksten bedrohte Tierklasse – eine zweifelhafte Ehre. Was das heißt, hat Kolbert in den immer stiller werdenden tropischen Wäldern von Costa Rica und Panama beobachtet, wo zahlreiche Froscharten innerhalb weniger Jahre komplett verschwunden sind. Engagierte Biologen, Kolberts heimliche Helden, können nur mit großer Traurigkeit das Verschwinden vieler geliebter Tiere und Pflanzen feststellen.

Natürlich hat auch der Klimawandel besorgniserregende Effekte auf viele Ökosysteme. So sorgt er für eine zunehmende Versauerung der Meere, die nicht nur Korallenriffen, sondern allen kalkbildenden Organismen das Leben schwer macht. Spannende, aber nicht gerade heitere Lektüre.

Elizabeth Kolbert: Das sechste Sterben. Suhrkamp, Berlin 2015. 312 S., EUR 25,60

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