Manfred Ronzheimer
Bild: Manfred Ronzheimer
1. Juni 2016  /// Bewegung Gesellschaft Wissenschaft

Bürgerforschung wird zur Bewegung

In Berlin fand das erste große Citizen Science-Treffen für ganz Europa statt

Wer derzeit den Europa-Blues hat, dem hätte ein Abstecher zur ECSA-Konferenz in der Berliner Kulturbrauerei sicherlich gut getan. Dort kamen vor kurzem nicht nur die Mitglieder der European Citizen Science Association, sondern auch viele andere BürgerforscherInnen zu ihrer ersten internationalen Konferenz auf dem Kontinent zusammen. Das Interesse war riesengroß: hatte man anfangs mit 200 Teilnehmern gerechnet, kamen zum Schluss rund 350 Citizen Science-Aktive nach Berlin und hatten Teil an einer hoch inspirierenden Veranstaltung und des intensiven Austauschs, in einer Atmosphäre der Gemeinsamkeit und des Aufbruchs. Das, was dem politischen EU-Europa in der derzeit größten Krise seit der Gründung verloren gegangen ist, hier lebten es junge ForscherInnen und wissenschaftsbegeisterte BürgerInnen in einer alternativen Bewegung von unten vor: Uns eint etwas Gemeinsames und zusammen schaffen wir etwas Neues.

„Citizen Science ist jetzt eine weltweite Bewegung“, stellte Katrin Vohland vom Museum für Naturkunde und Vize-Vorsitzende der ECSA zur Eröffnung unter Begrüßung von Gästen auch aus den USA und Australien fest. Kennzeichen der Bewegung sei der Trend zur Ausbreitung nach außen und der Entwicklung einer Selbst-Identität nach innen. Nicht unwichtig ein weiterer Aspekt, vor dem kritischen Zustand der Europäischen Union: „Citizen Science ist auch ein Ausdruck für die Identität und den Geist von Europa“, sagte Vohland.

Breites Spektrum an Tagungsthemen

Die dreitägige Konferenz widmete sich der Frage, wie sowohl neue als auch traditionelle Formen der Zusammenarbeit wissenschaftliche Erkenntnisse verändern, die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik fördern und einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen können.

Thematische Schwerpunkte waren die Rolle von Citizen Science in der EU-Umweltpolitik, die Anwendung von innovativen Technologien in Citizen Science, das Potenzial für großflächiges Umwelt- und Biodiversitäts-Monitoring sowie die Faszination von Gaming oder die Macht des Storytelling in der Kommunikation von Citizen Science.

Strategie für Deutschland erarbeitet

Förmlicher Gastgeber der Konferenz war das deutsche Projekt „GEWISS – BürGEr schaffen WISSen, Wissen schafft Bürger“ des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, des Museums für Naturkunde Berlin und weiterer Partner. Dieses Projekt hatte in den letzten zwei Jahren mit einer Förderung aus dem Bundesforschungsministerium die Zusammenführung der deutschen Szene betrieben und vor kurzem das „Grünbuch“ für eine Citizen Science-Strategie 2020 vorgelegt. Ein Vertreter des Ministeriums teilte mit, dass in vier Wochen ein nationales Förderprogramm zur Unterstützung von Projekten der Bürgerforschung gestartet werde. Die Rede ist von mehreren Millionen Euro. Nach Schätzungen des GEWISS-Konsortiums, das auf seiner Internet-Plattform 65 deutsche Citizen Science-Projekte versammelt hat, sind insgesamt rund 500.000 Wissenschafts-Interessierte in dieser Szene aktiv.

„Diese Konferenz feiert den Mehrwert von Citizen Science als wissenschaftlichen Ansatz und die großen Erfolge der letzten zwei Jahre seit Gründung des Europäischen Vereins für Bürgerwissenschaften – ECSA“, sagte Prof. Aletta Bonn, Vorsitzende des Konferenzkomitees und Leiterin des Departments Ökosystemleistungen an UFZ und iDiv. „Von besonderer Bedeutung ist die Rolle von Citizen Science im Kontext von Konzepten wie Open Science oder ‚Responsible Research and Innovation‘ – der Entwicklung zu verantwortlicher Forschung und Innovation.“

BürgerforscherInnen rund um den Globus

Nach Muki Haklay vom University College London, einem der Vordenker der Bewegung („Citizen Science and Policy: A European Perspective“, 2015), ist es in den letzten zehn Jahren zu einem „schnellen Wandel im Verhältnis von Bürgern und öffentlichen wie privaten Forschungseinrichtungen“ gekommen. Seit 2007 haben sich nach Haklays Überblick weit über eine Million Menschen an Citizen Science-Projekten beteiligt: von der Klassifizierung von Galaxien-Fotos und der Beobachtung von Fledermäusen über die Abschrift von Tagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Tier-Erkennung in der Serengeti. Internationales Aufsehen hat der deutsche „Mückenatlas“ am Brandenburger Zentrum für Agrarlandschaftsforschung gefunden, bei dem in einem Jahr 5.000 Hobby-ForscherInnen über 17.000 Mücken einschickten. Effekt: eine tropische Mücken-Art, und dort Infektionsauslöser, wurde erstmals in Deutschland entdeckt – eine Folge des Klimawandels.

Ein Projekt zur Beobachtung von Füchsen in der Großstadt, das der Rundfunk Berlin-Brandenurg (RBB) mit dem Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin durchführt, stieß auf enorme Resonanz. „Über 1000 Zuschauer schickten uns mehr als 100.000 Digitalfotos von Füchsen“, berichtet RBB-Wissenschaftsredakteurin Ilona Mahrenbach auf der Konferenz. Jetzt gehen die IZW-Forscher an die Auswertung der Daten, um das geänderte Verhalten von Wildtieren in der Stadt zu erklären.

Dabei gehört das Feld nicht allein den naturwissenschaftlichen Themen. Die Kulturforscherin Andrea Sieber von der Uni Klagenfurt in Österreich stellte das Projekt „Brotzeit“ vor, bei dem Schüler ihre Großeltern im Lesachtal zum Handwerk des Brotbackens interviewen. Sieber: „Als Wissenschaftler interessiert uns der Zusammenhang zwischen der intergenerationellen Weitergabe von Erfahrungswissen und regionaler Identität“. Das Dresdener Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung macht seine Forschung zum Landschaftswandel ebenfalls mit BürgerforscherInnen. „Wir bitten die Bevölkerung“, erklärte Projektleiter Wolfgang Wende, „uns alte Landschaftsbilder aus ihren Fotoalben zu schicken und die gleiche Stelle nach Möglichkeit heute noch einmal zu fotografieren“. Der optische Vergleich zeigt unter anderem die großen Veränderungen im Agrarbereich.

Akzeptanz durch die etablierte Wissenschaft

„Citizen Science wird immer mehr zu einem akzeptierten und anerkannten Forschungsansatz – in der Wissenschaft ebenso wie in Gesellschaft und Politik“, betonte Prof. Johannes Vogel, Leiter des Berliner Naturkundemuseums und Vorsitzender von ECSA. In dieses Amt wurde er in Berlin das zweite Mal gewählt. „Hochqualitative Bürgerforschung ist wahrhaftig gute Wissenschaft“, bestätigte ebenfalls Rick Bonney vom Cornell Lab für Ornithologie (Ithaca, New York). „Sie kann wissenschaftliche Ergebnisse von gleichem Rang wie die konventionelle Forschung hervorbringen, und bisweilen sogar bessere“. Bonney zeigte in seinem Vortrag auf, wie die Gesellschaft eine größere Rolle in der Wissenschaft spielen kann und sollte. Dabei verwies er auf Ergebnisse von naturhistorischen Beobachtungen über das Monitoring von Tieren und Pflanzen sowie Hypothese-getriebene Forschung bis hin zur Bigdata-Analysen in großem Maßstab.

Viele Projekte bei „Citizen Science-Safari“

Die Bandbreite der Themengebiete machte auch eine „Citizen Science-Safari“ anschaulich, zu der die breite Bevölkerung in einen Berliner Stadtpark eingeladen war. Am Stand des „Mückenatlas“ wurden Mücken unter dem Mikroskop bestimmt und präpariert. Der traditionsreiche Entomologen-Verein „Orion“ veranstaltete eine Insekten-Safari in einer Kleingartenkolonie, um die Berliner Insektenwelt zu erkunden. „Wie sauber ist der Himmel über Berlin?“, fragte das Projekt „iSPEX“ und führte auf der freien Fläche Luftqualitätsmessungen mit Hilfe einer App durch und analysierte sie gleich. Mit Hilfe der Toolbox „senseBox“ wurden Vibrations- und Geräuschmessungen in der Nähe von Bahngleisen durchgeführt und visualisiert. Zur Vorbereitung auf den „Ocean Sampling Day“ am 21. Juni 2016 wurden halbstündlich mit einem speziellen Mess-Kit exemplarische Wasserproben aus dem Landwehrkanal genommen.

Unter dem Motto „Stunde der Gartenvögel“ wurden per Exkursionen in ein Wäldchen die dort vorkommenden Vogelarten erkundet. Das Projekt „Igel in der Stadt“ wurde mit einem Telemetrie-Spiel nachempfunden, bei dem versteckte Peilsender in diesem Fall an Stoff-Igeln geortet werden konnten. Mit Einbruch der Dämmerung schlossen sich Bürgerforschungs-Projekte rund um Licht und Dunkelheit an. Durch Teleskope konnten der Sonnenuntergang und der Sternenhimmel angeschaut werden. Ein Experte vom Clear Sky-Blog erklärte, warum die „Lichtverschmutzung“ in den Städten für die Hobby-Astronomen ein Problem ist. Beim Verein „Orion“ ging es um die Frage: Welche Insekten flattern eigentlich nachts im Park durch die Luft? Die BürgerwissenschaftlerInnen stellten eine Leuchtfalle auf und analysierten, welche Insekten angezogen werden und wie sie sich verhalten.

Partizipation und Technologie

Die Mitwirkung von Laien an der akademischen Wissenschaft hat es früher vereinzelt auch schon gegeben, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern und in angelsächsischer Tradition. Nun formieren sich die versprengten Ansätze zu einer breiten und wachsenden Bewegung der Bürgerwissenschaft, die zudem gesellschaftlichen Rückenwind durch den Megatrend der „Partizipation“ erhält. Für BürgerInnen einer Demokratie ist es zunehmend selbstverständlicher geworden, an Entscheidungen übergeordneter Instanzen teilzuhaben, wenn sie die eigene Zukunft betreffen. Und die Wissenschaft mit ihrem Anspruch, immer stärker in die Gesellschaft heute und in Zukunft hineinzuwirken, ist damit längst keine Privatveranstaltung elitärer Gelehrter mehr, sondern vielmehr überreif für Teilhabe der Gesellschaft. Soweit ein Hintergrund. Auf der Konferenz selbst war die wissenschaftspolitische Debatte noch sehr unterentwickelt. Das Thema der Stunde ist der internationale Praxis-Austausch.

Ein weiterer Trend, der das Wachstum der Citizen Science-Bewegung antreibt, sind die modernen Informations- und Kommunikationstechniken, wie Internet und Smartphone, mit denen die Vernetzung viel leichter als früher fällt und zugleich größere Datenmengen erfasst und bewältigt werden können.

Links:

Weitere Informationen aus einer Pressemitteilung zur Konferenz:

Der Verein der europäischen Bürgerwissenschaften e.V. (European Citizen Science Association, ECSA) ist ein gemeinnütziger Verband, der mit dem Ziel gegründet wurde, Citizen Science in Europa zu fördern. ECSA wurde im Rahmen der EU GREEN WEEK im Juni 2013 vom damaligen EU-Umweltkommissar Janez Potočnik und der jetzigen Chief Scientist des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Jacqueline McGlade, gelaunched. Das Sekretariat des Vereins liegt derzeit am Museum für Naturkunde Berlin. In den letzten Jahren ist aus dem informellen Netzwerk von Wissenschaftlern und Kommunikatoren mit einem Interesse an Bürgerwissenschaften ein europäisches Referenznetzwerk für Citizen Science geworden. ECSA besteht aus mehr als 130 Mitgliedern – Einzelpersonen und Organisationen – aus über 28 Ländern, einschließlich EU-Mitgliedsstaaten, der Schweiz, den USA, Israel, Australien und Neuseeland. Die Mitglieder repräsentieren eine Mischung aus NGOs, Universitäten, Forschungsinstituten, Museen und weiteren lokalen und nationalen Gruppen mit Bezug zu Bürgerwissenschaften. Dabei sind Citizen Science Projekte aus den verschiedensten Forschungsfeldern von Biologie, über Do-it-yourself Ansätze und Mapping bis hin zu Geistes- und Sozialwissenschaften vertreten.

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