Silke Helfrich (links) bei der Eröffnungsveranstaltung der SOLIKON 2015 (re. Ursula Sladek (Stromrebellen) Foto: ax
Bild: Silke Helfrich (links) bei der Eröffnungsveranstaltung der SOLIKON 2015 (re. Ursula Sladek (Stromrebellen) Foto: ax
7. November 2015  /// Klima Leben Wirtschaft

Commons sind nicht, sie werden gemacht

Liebe Silke. Die Commonsbewegung wächst, und du bist im deutschsprachigen Raum die derzeit bekannteste Commonsforscherin. Was sind Commons?

Commons sind nicht, sie werden gemacht. Commons sind Güter, die gemeinsam so hergestellt werden, dass alle Betroffenen teilhaben und sie so nutzen, dass sie erhalten bleiben. Der Begriff beinhaltet für mich die Elemente Freiheit, Fairness und Nachhaltigkeit.

Es gibt meines Erachtens keine überzeugenden juristischen, ökonomischen oder sonst wie gearteten Gründe dafür, dass natürliche Ressourcen Privateigentum sein können. Auch der Gedanke  „Eine Idee gehört mir“ ist unsinnig, weil eine Idee nur dann ihr ganzes Potential ausschöpfen kann, wenn sie von vielen geteilt wird. Wenn man Ressourcen aber nicht privatisieren kann, müssen Regeln und Institutionen erarbeitet werden, die sie verwalten. Der schöne, mittelhochdeutsche Begriff der Allmende kommt von „allgemeinida“, was so viel bedeutet wie: Allen in der Gemeinschaft abwechselnd zukommend. Er verweist uns darauf, dass in der  Commons-Idee die Beziehung steckt. Wir konzentrieren uns also nicht auf ein Ding oder auf die Natur, die irgendwie zugerichtet werden muss. Wir schauen darauf, wie wir die Beziehungen unter uns gestalten. Und dann gibt es auch noch den Begriff der Gemeingüter. In der Gemeingüter-Diskussion werden Commons als „Gut“ betrachtet, als ein Ding, als ein Objekt. Aber das sind Commons nicht.

Außerdem ist die heutige Commons-Debatte viel umfassender, als die traditionelle Commonsdiskussion. Der Begriff muss modernisiert und an die Gegenwart angepasst werden. Commons bezieht heute alles mit ein, was wir für die Produktion oder Reproduktion brauchen. Wissen, Ideen, Codes, Software, Wasser, Wald. Alles. Ich sage inzwischen: „Es gibt nichts auf der Welt, was man nicht zu einem Common machen könnte, man muss es nur wollen.“

Wie verhält sich der Commonsgedanke zum Privateigentum?

Nur weil ich sage, dass es viele  Ressourcen gibt, die nicht automatisch Commons sind, sondern erst noch Commons werden müssen, und dass  es viele Gründe gibt, warum Ressourcen nicht Privateigentum sein können, bedeutet das noch lange nicht, dass alles allen gehören muss. Und vor allem heißt es nicht, dass es keine individuellen Nutzungsrechte gibt. Wir unterscheiden begrifflich zwischen Eigentum und Besitz, Dominum und Possessio. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Es gibt Eigentumsarrangements, die nicht individuelles Dominium sind, in denen es aber individuelle Nutzungsrechte gibt.

Man findet heute zum Beispiel kaum noch Kommunen, in denen alle Türen offen stehen. Für ganz viele Co-Housing-Projekte ist es selbstverständlich, dass die BewohnerInnen eigene Wohnungen haben. Das muss ausgehandelt werden. Es muss für die Beteiligten passen, und ich glaube, ein gutes Common zeichnet sich auch durch individuelle Schutzräume aus. Eine gute Gemeinschaft ist nur dann tragfähig, wenn es Schutz für den Einzelnen gibt und man die Tür auch einmal hinter sich zu machen kann.

Wie sind uns die Commons abhanden gekommen?

Ich glaube, die Commons sind uns nicht wirklich abhanden gekommen, aber sie wurden eingehegt. Wir haben zu vielen Commons keinen Zugang und keine Mitspracherechte mehr. Einhegung erfolgte sowohl „von links“ als auch durch den Markt. Es gibt Einhegungen, die von Parlamenten betrieben und vom Staat durchgesetzt wurden und werden. TTIP zum Beispiel. Der Staat setzt eine Agenda durch und macht sie zum Grundgesetz. Danach ist es nicht mehr möglich, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Aber natürlich gibt es auch die Einhegungen über den Markt. Wir VertreterInnen des Commonsgedankens wenden uns gegen jede Einhegung. Wir sind nicht nur gegen Privatisierung. Wir wollen, dass die Gestaltungsmöglichkeiten in den Händen der Betroffenen bleiben und verteidigen sie gegen Übergriffe des Staates. Und wir fragen uns: Wie können wir das ganz konkret machen?

Warum hat die Weltgemeinschaft es bisher nicht geschafft, sich bei Nutzung der Weltmeere oder der CO2-Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre auf gemeinsame Nutzungsregeln zu verständigen?

Die Erklärung steckt in der Verwechslung dessen, was (schon) ein Common ist, und was noch ein Common werden soll. Am Beispiel  Klima: Man könnte sagen, die CO2-Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre ist heute ein Common. Dann müssten wir feststellen, dass die Weltgemeinschaft es ganz offensichtlich nicht schafft, dieses Common zu verwalten. Aber das ist nicht wahr. Das Klima ist heute kein Common, sondern es ist ein Open-Access Regime. Jeder bedient sich nach Gutdünken und tut  was er will. Geregelt über den Zugang zu Geld oder Macht.

Das Commoning hat also noch nicht stattgefunden?

Genau. Wie oben beschrieben, könnte die C02 Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre ein „Open-Access-System“  bleiben, wenn alle Beteiligten so klug wären, das System nicht zu übernutzen und innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen zu  bleiben. Aber das tun sie nicht. Folglich müssen wir jetzt die Aufnahmekapazität der Atmosphäre zu einem Common machen.  Solange nur Staaten verhandeln und nicht die Weltgemeinschaft, funktioniert das nicht. Denn die Regierungen sind von einem Wirtschaftsmodell abhängig, in dem der Zugang zu Macht und Geld darüber entscheidet, wer Ressourcen in welchem Umfang nutzen darf. Deshalb müssen wir noch einmal  von vorne anfangen und klarstellen: Commons sind  nicht, sie müssen gemacht werden. Jetzt.

Wie hängen Commons und solidarische Ökonomie zusammen?

Menschen, die den Grundgedanken solidarischen Wirtschaftens in sich tragen und oft auch praktizieren, bringen etwas mit, das für Commons essenziell ist. Commons sind nämlich nicht nur eine Denkweise, Institute oder  Rechtsformen, sondern vor allem soziale Praxis. Wir können von der solidarischen Ökonomie viel lernen. Aber auch im Bereich der solidarischen Ökonomie steht die Frage nach den  natürlichen Ressourcen im Zentrum.

Dass auch Wissen, Codes und Design zu Produktionsmitteln geworden sind, steht noch im Hintergrund. Auf solchen  Konferenzen haben viele einen Apple-Computer dabei oder sie arbeiten mit  Microsoft-Software. Das finden sie auch gar nicht schlimm, weil sie denken, dass es ja nicht um etwas Existentielles geht. Wir Commoners schätzen das anders ein. Sich kulturell frei zu entfalten, Wissen zu teilen und natürliche Ressourcen fair zu teilen, gehören für uns  zusammen. Das kann man überhaupt nicht trennen.

Viele Leute engagieren sich jetzt in Wohnprojekten, Energieprojekten oder Ernährungsprojekten, weil sie mit ihrer Situation unzufrieden sind. Sie fühlen sich abhängig vom Geldverdienen, vom Markt, von staatlichen Zuwendungen. Bisher gab es noch nicht sehr viele Projekte, die mehrere Dimensionen kombiniert haben. Aber genau das passiert jetzt. Ich glaube, das zentrale Motiv ist der Wunsch nach Freiheit.

Was für Menschen braucht es, damit Commons funktionieren?

Es gibt in dem Zusammenhang zwei gute Nachrichten. Die erste ist: Elinor Ostrom, die 2009 den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Gemeingutforschung bekommen hat, hat bewiesen, dass  Commons überall auf der Welt funktionieren. Überall auf der Welt gelingt es Menschen, solche Systeme zu entwickeln.  Man muss den Menschen nicht umerziehen. Die zweite gute Nachricht ist: Es braucht noch nicht einmal geteilte Werte oder ein gemeinsames Grundverständnis davon, was gut oder schlecht ist, was fair oder unfair. Es braucht einfach nur die richtigen Rahmenbedingungen für den erforderlichen Aushandlungsprozess. Die geteilten Werte bilden sich durch das ständige, sich zueinander in Beziehung setzen heraus.

Was kommt nach dem Kapitalismus?

Commons!

Was soll wachsen?

Beziehung und Kreativität. Eine Zuwendungsökonomie, die Beziehungen vertieft und Kreativität freisetzt.

Über Silke Helfrich

Sie ist Autorin und Aktivistin im Bereich „Commons“ sowie Gründungsmitglied der „Commons Strategies Group“. Sie war jahrelang für die „Heinrich-Böll-Stiftung“ tätig und schreibt auch regelmäßig auf dem deutsch- wie englischsprachigen Commons-Blog.

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