11. Dezember 2015  /// Allgemein

Das Momentum: Zivilgesellschaft und Wirtschaft setzen in Paris die Zeichen

Auf der Klimakonferenz in Paris ist es unmöglich, den  Überblick zu behalten. Die Handlungsstränge entwickeln sich parallel und quer zu einander. Noch während die Journalisten an ihren Artikeln schreiben, dreht sich um sie herum die Welt weiter bei den vielen Sideevents, den Verhandlungen, den bilateralen Gesprächen und an den Tischen der zahlreichen Restaurants und Cafes. Konferenzteilnehmer entwickeln neue Ideen, schmieden strategische Allianzen und beschließen Kooperationen. Auf Pressekonferenzen geben offizielle und zivilgesellschaftliche Gruppen neue Zwischenstände und beeindruckende Finanzierungen bekannt. Viele Konferenzbeobachter in der abgesperrten Blauen Zone berichten, dass sie überladen sind von den vielen Informationen und deswegen nicht schlafen können. Es liegt vibrierende, positive Energie in der Luft. Das liegt jedoch mitnichten daran, dass hier jeder an ein bahnbrechendes Verhandlungsergebnis auf politischer Ebene glaubt. Vielmehr spüren die Beobachter das Momentum für den entscheidenden Schritt von Zivilgesellschaft und Wirtschaft in Richtung nachhaltiger Transformation.

Konzerne haben die Zeichen der Zeit erkannt 

Heike Janssen
Diese Bewegung ist vermutlich nicht mehr zu stoppen. Der Ausstieg des großen Geldes aus der Kohle ,und das Ziel in Zukunft mit erneuerbaren und sauberen Energien Geld zu verdienen scheint für immer mehr Investoren eine beschlossene Sache zu sein. Foto: Heike Janssen

Vertreter tausender milliarden- und millionenschwerer Unternehmen wie Allianz, Microsoft, BNP Paribas, aber auch zahllose Mittelständler haben die Zeichen der Zeit längst erkannt. Sie streben die CO2 Neutralität ihrer Firmen an, investieren in nachhaltige Energien und klimafreundliche Adaptions- und Mitigationsprojekte in ärmeren und gefährdeten Ländern. Hunderte Milliarden Dollar wurden bereits investiert. Ein Drittel der 2000 größten Unternehmen der Welt haben Klimaschutzmaßnahmen angekündigt und viele von ihnen sind in Paris, um auf den großen Bühnen ihre Lösungen und Angebote für andere vorzustellen. Viele Startups und Mittelständler tun es ihnen gleich. Es sieht so aus, als wende sich die Wirtschaft in Richtung „Grüne Ökonomie“, und das unabhängig vom Vertrag zwischen den COP-Staaten. Das ist vielleicht die wichtigste Entwicklung hier in Paris.

Es geht nicht mehr um das ob – sondern um das wie

Heike janssen
Auch die OECD unterstützt die Deivest Bewegung Foto: Heike Janssen

Es gehört schon fast zum guten Ton für Manager, dem UN Global Compact beizutreten, einem Vertrag zwischen den Vereinten Nationen und inzwischen etwa 8.000 Unternehmen, die ihr Kerngeschäft ausrichten an Menschenrechten, ethischen Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung. Auch viele DAX -Unternehmen und deutsche Städte haben sich angeschlossen. Lise Kingo, die geschäftsführende Direktorin des UN Global Compact sagt: „Wir haben noch nie so viel Engagement gesehen, es ist nicht mehr zu bremsen.“ Ihr Verbund befragte Topmanager aus 750 Unternehmen zum Klimawandel. 91%  der CEOs gaben an, dass sie die Erderwärmung für eine signifikante Gefahr halten. Entscheidend ist aber, dass 66% überzeugt sind, dass auch sie selbst mehr dagegen tun müssen. Kingo ist sicher, dass die Wirtschaft das erledigen wird, was die internationale Diplomatie, so ambitioniert sie auch sein mag, nicht schnell genug schafft: „Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass es in der Wirtschaft nicht mehr um die Frage geht, ob wir etwas tun müssen, sondern nur noch: wie.“

Wettlauf zwischen Staaten und Unternehmen

Die Sustainable Development Goals, die fast alle Staaten im September in New York unterschrieben haben, treiben die Diskussion weiter voran. In vielen Chefetagen wird beraten, wie man diese in die Unternehmensstrategie einbaut. „Das wird ein Wettlauf zwischen Staaten und Unternehmen werden“, prognostiziert Klaus Milke von Germanwatch, einer deutschen NGO, die seit 15 Jahren in Politik und Wirtschaft Lobbyarbeit für globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung betreibt und weltweit guten Einblick hat. Manchmal arte es fast in einen Wettbewerb zwischen den Managern aus. Die Debatte um nachhaltige Unternehmensstrategien ist also fast zum Mainstream geworden.

Microsoft erklärt sich für CO2 neutral

Microsoft ist bereits seit dem Geschäftsjahr 2012 CO2 neutral: In allen Kerngeschäftssparten werden Emissionen reduziert und kompensiert. Manager aus mehr als 100 Ländern melden, wieviel Emissionen ihr Bereich produziert und müssen dafür eine interne CO2 –Abgabe zahlen. So werden die Kosten der Umweltbelastung in die Produkte eingepreist. Zugleich setzt Microsoft damit Anreize, Emissionen zu reduzieren und Kosten zu sparen. TJ di Caprio, Senior Director für nachhaltige Entwicklung bei Microsoft, sagt: „Wir wollen ein Pilotprojekt sein. Viele unterstützen uns dabei, das hat mich selbst überrascht.“

Endlich eine „Wind of Change“ 

Dieser „Wind of Change“ ist relativ neu. In der Vergangenheit hat die Wirtschaft eine desaströse Rolle gespielt. Manager redeten den Verwandlern ein, es gäbe den von Menschen verursachten Klimawandel gar nicht. Klimaschutz sei zu teuer, gerade für die ärmeren Länder. Auch heute noch spielen die Blockierer hinter den Kulissen eine gewaltige Rolle. Firmen wie Exxon versuchen immer noch, die Dekarbonisierung zu verhindern. Auf der COP21 in Paris hängte Avaaz in Luxushotels Plakate von Lobbyisten der Kohleindustrie auf, die die Verhandlungen blockieren wollen. Unter den „wanted“ waren Klimawandelleugner wie James Taylor vom Hartland Institut und Benjamin Sporton von der World Coal Association. Die Bremser können ihre Lobbyarbeit nicht mehr so offensiv und unsichtbar erledigen wie früher, weil die Öffentlichkeit das in Zeiten von Onlinekampagnen und Shitstorms nicht mehr akzeptiert.

Deutschland ist für viele Vorbild und Vorreiter

Es gibt nicht den einen Grund, der die Unternehmen zur Transformation zwingt. Oft werden die Konsumenten aufgefordert, durch ihr Verhalten die Firmen auf den nachhaltigen Weg zu bringen. Doch die bewussten Käufer haben noch lange keine kritische Masse erreicht. Viele Kunden sind überfordert mit zu vielen Informationen, zu vielen Labels und andere haben einfach kein Interesse, ihre Lebensweise zu ändern. Noch muss die Politik gestalten, wie der deutsche Entwicklungsminister Müller mit seinem Textilbündnis. In Deutschland kam auch der entscheidende Anstoß zur Energiewende aus der Politik. Auf der COP21 wird Deutschland immer wieder als Vorbild und Vorreiter bezeichnet.

Doch wirklich großer Druck kommt von unerwarteter Seite: Dem Finanzmarkt.

Die Divestmentbewegung will, dass die Finanzmärkte ihr Geld aus der Kohle abzieht, denn dann fehlt der irgendwann das Geld, um weiterhin Strom aus dem Klimakiller herzustellen.

Die Unternehmen selbst schließen sich zusammen in der die Portfolio Decarbonisation Coalition oder dem Carbon Disclosure Project  davon.

Heike Janssen
Die Finanzwirtschaft setzt deutliche Signale Foto: Heike Janssen

Jay Ralph, Mitglied des Vorstands der Allianz SE, Asset Management, verwaltet Anlagevermögen im Wert von von 2 Milliarden US$. „Unsere Anleger haben mehr und mehr den Klimawandel im Blick“ , sagt er. Die Allianz will ihre Portfolions systematisch dekarbonisieren und künftig nicht mehr in Unternehmen investieren, die „mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes durch den Abbau von Kohle oder mehr als 30 Prozent ihrer Energieerzeugung aus Kohle erzielen“. Heinz-Roger Dohms nennt das auf tagesschau.de ein „Ausstiegchen“. Allerdings handele es sich „bei zwei Dritteln der Allianz-Investments um Gelder, die der Versicherer im Auftrag anderer Investoren anlegt – über die er also gar nicht allein bestimmt.“

Norwegisches Parlament erzwingt den Ausstieg des Staatsfonds aus der Kohle 

Auch große Vermögensverwalter wie der norwegische Staatsfonds, darf nach dem Willen des Parlaments nicht mehr in die Kohleindustrie investieren. Die Anteile an Unternehmen, die mindestens 30 Prozent ihrer Einnahmen mit Kohle erzielen, sollen verkauft werden. Weltweit sind wahtscheinlich 50 bis 75 Firmen betroffen- in deutschland auch E.ON und RWE.

Bislang sind das nur Signale aus dem Finanzmarkt, die aber wohl gehört werden und auf die sich Firmen einstellen müssen.

Gute qualifizierter Mitarbeiter bevorzugen nachhaltige und ethische Unternehmen 

Nicht zuletzt setzen auch der demographische Wandel und der daraus resultierende Fachkräftemangel die großen Unternehmen unter Druck. Immer mehr Vorstände hören aus ihren Personalabteilungen, dass sich wirklich gute Leute heute mit den Zielen ihrer Firma identifizieren wollen, denn bei den Führungskräften und Facharbeitern kommt eine junge Generation zu Wort, die sich mit ihrem Job identifizieren will. Da spielen neben wirtschaftlichem Erfolg auch faire und umweltfreundliche Produktionsketten und gute Arbeitsbedingungen eine Rolle.

Doch viele Nachhaltigkeitsbeauftragte fechten innerhalb ihrer Unternehmen immer noch Kämpfe aus mit denen, die im alten Denken verharren, für die der Gewinn über allem steht und die sich nicht für die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen am Ende der Produktionskette interessieren.

Manche Konzerne sind auch weiter als ihre Kunden: So berichtet der Vertriebsleiter eines großen Textilverkäufers, dass ökologische Kleidung sich besser verkauft, wenn die Kunden nicht auf Fair Trade oder ökologischen Baumwollanbau hingewisen werden: „Das selbe T-Shirt oder Kleid läuft schlechter, wenn wir auf der website die nachhaltigen Labels dazu stellen.“

Die Transformation erfordert also Weitblick, Mut und einen langen Atem.

Jose Manuel Entrecanales ist Vorstandsvorsitzender von Acciona. Das spanische Unternehmen ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei der Entwicklung und Durchführung von Projekten bei erneuerbaren Energien, Wasser und Infastruktur  und hat fast 34-tausend Angestellten auf 5 Kontinenten. Noch vor weniger als 10 Jahren war Acciona eines der größten Bauunternehmen Spaniens. Unter der Führung von Entrecanales gelang die Transformation zur Nachhaltigkeit. Zwischendrin lief es nicht immer gut. Aber 2014 machte Acciona 6,5 Milliarden Umsatz und versorgt heute nach eigenen Angaben 26 Millionen Menschen weltweit mit sauberem Wasser und reinigt Abwasser für 54 Millionen Menschen.

Neue grüne Geschäftsmodelle sind im Aufwind 

Entrecanales kündigt auf der COP an, dass Acciona 2016 CO2 neutral sein und das grünste und nachhaltigste Unternehmen der Welt werden will. „Wir werden beweisen, dass unser Geschäftsmodell das Klima schützt, respektvoll mit allen Menschen umgeht und zugleich wirtschaftlich profitabel ist.“

Germanwatch setzt auch auf den Beitrag von Handwerk und Mittelstand 

Am besten gelingt die Transformation Familienunternehmen wie dem deutschen Otto-Konzern, weil die Firmenleitung „durchregieren“ kann. Michael Otto ist Geschäftsmann und Philantrop, er treibt auch privat mit seiner Stiftung nachhaltige Projekte voran. Klaus Milke setzt außerdem große Hoffnung auf den Mittelstand und das Handwerk. Die Handwerkskammern müssten sich aber stärker für Nachhaltigkeit einsetzen, etwa dafür, dass die Industrie wieder mehr reparierbare Produkte herstellt und weniger Wegwerfware.

Die Stimmung in Paris ist vielleicht zu euphorisch

Die Stimmung auf den Podien in Paris, wo sich die Topmanager präsentieren, lässt glauben, eine Lawine sei losgetreten worden, die sich nicht  mehr bremsen lässt. Doch die ist noch viel zu klein, als dass sich dadurch schon der Klimawandel stoppen lässt.

Eine kritische Zahl an Unternehmen zu mobilisieren, ist für Entrecanales von Acciona ein sehr ehrgeiziges und schwer erreichbares Ziel. Aber, sagt er, man müsse, allein um sich selbst herauszufordern, solche Ziele setzen. Aber auch ängstliche Manager sollten genau beobachten, was derzeit bei RWE und VW passiert. Beide Firmen haben den richtigen Moment verpasst und schwanken jetzt. Sie haben sich zu lange auf ihre guten Verbindungen zur Politik verlassen.

Weil es keine Sanktionen gibt, ist die Begleitung der Umsetzung durch die Zivilgesellschaft umso wichtiger 

Die Mitglieder des  UN Global Compact müssen jedes Jahr berichten, aber es gibt kein Sanktionen, wenn die Richtlinien nicht eingehalten werden. Gerade deshalb wird weiter wichtig sein, dass die Zivilgesellschaft und auch Wirtschaftsprüfer ein Auge darauf haben, ob die Firmen wirklich bereit sind, nachhaltig zu wirtschaften oder ob es sich um Greenwashing handelt.

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