15. August 2015  /// Bewegung Gesellschaft Politik

Die Ernährungswende und das Politische im Essen (1)

von Wilfried Bommert

Bekannt geworden ist Valentin Thurn durch seinen Film „Taste the Waste“. Ein Skandalfilm über den alltäglichen Wahnsinn, mit dem ganze Paletten voller Pfirsiche, Körbe voller Brot, Wurst und Schinken, Butter und Yoghurt in den Containern der Abfallwirtschaft landen. Auf Bauernhöfen, in Markthallen, Bäckereien, bei Schlachtern, in Restaurants. Kein Ort, an dem Lebensmittel geerntet, gelagert, verarbeitet oder verkauft werden, ist frei von dieser „ab in die Tonne“ Mentalität. Auch private Küchen und Esstische nicht. Sie alle sind Teil einer gigantischen Verschwendung. Die Empörung über diese Kultur der Entwertung von Lebensmitteln trieb Valentin Thurn an.

Das Unerträgliche beantwortete er mit der Internetplattform „foodsharing.de“. Dort versucht er seit 2013 all jene zusammenzubringen, die Brot, Butter, Kohl, Kompott, Kartoffeln, Salat oder Würstchen vor der Mülltonne retten wollen. Seither feiert die Tauschplattform wachsenden Zuspruch, besonders in Studentenstädten, wo die Lebensmittelretter täglich die Supermarktlandschaft abfahren, auf der Suche nach Überfälligem. Von der Gründung 2013 bis Mai 2015, so die „Foodsharing“ Bilanz, wurden mehr als 1.413.000 Kilo Lebensmittel gerettet, täglich rund 10.000 Kilo Lebensmittel vor der Tonne bewahrt. Über 70.000 NutzerInnen registriert das Netzwerk, Tendenz weiter steigend.

Aber das reichte dem Filmemacher nicht. Mit seinem neuen Film „10 Milliarden, wie werden wir alle satt?“ stellt er das gesamte System unserer Ernährung auf den Prüfstand und fragt, ob und wie wir uns in Zukunft überhaupt noch sicher ernähren können.

Seine Diagnose: Das industrielle System der Land- und Ernährungswirtschaft wird es nicht schaffen, es steht vor einem multiplen Organversagen. In der Medizin ein Todesurteil, in der Welternährung nicht minder. Wer nicht warten will, bis die Vorräte geplündert und die Regale leer sind, so seine Botschaft, der muss eine neue Politik einstellen, eine Ernährungswende einleiten, vergleichbar mit der Energiewende. Ein Neustart, der bei Bürgern beginnt, in Gärten, auf Balkonen, Dachterrassen, in Parks und auf Grünflächen, in Schrebergärten und auf den Bauernhöfen im Speckgürtel der Städte. Eine Bewegung von unten nach oben, hinein in Stadträte und Verwaltungen.

Ernährung steht bislang nicht auf der Agenda der Städte

Aber warum? Haben wir nicht mehr als genug? „Falsch“, sagt Valentin Thurn. Wir wiegen uns in einer trügerischen Sicherheit. Spätestens seit 2008, seit der ersten Welternährungskrise in diesem Jahrhundert, sollten wir wissen, dass das zentrale Versprechen der Agrar- und Ernährungsindustrie, unser Essen sei sicher, nicht mehr stimmt. Die Zivilgesellschaft muss sich selbst um ihre Ernährungssicherheit kümmern und ihre Nahrungskette im Lokalen neu organisieren. Seither setzt sich die Überzeugung durch, dass zukunftsfähige Ernährung Teil der Stadtpolitik werden muss, genauso wie Verkehr, Schule, Erholung, Gesundheit. Wie Wasser oder saubere Luft, gehört sichere und gesunde Ernährung zur Alltagsfürsorge und damit zur Basis jeder kommunalen Verantwortung. Davon ist auch Lukas Fesenfeld überzeugt. Er studierte Public Policy an der Hertie School und gehört zu den Mitbegründern der Berliner Initiative „Nahhaft“. Gemeinsam mit Paula Voigt, die an der Hochschule Eberswalde Ökoagrarmanagement studierte, und einem Dutzend Gleichgesinnter, zog er im März 2013 den Verein „Nahhaft“ auf. “Wir handeln lokal für gesundes Essen, frisches Essen, gutes Essen, natürlich nachhaltig”, lautet ihr Kredo. Sie wollen „Good Governance“ für die Ernährung der Städte, und das heißt, dass das tägliche Brot und seine Sicherheit zum Pflichtenkatalog eines jeden Stadtrates und seiner Verwaltung werden soll. So wie in Nordamerika, wo das Thema mittlerweile zum selbstverständlichen Teil der kommunalen Politik geworden ist. Nicht als Geschenk der Stadtoberen an ihre Bürger, sondern zunächst heiß erkämpft durch sogenannte „Food Policy Councils“. Genau das schwebt auch Lukas Fesenfeld für Berlin vor.

Ein Greenhorn in Sachen Stadternährung ist er nicht mehr. Er und sein Verein „Nahhaft“ haben bereits ihr Gesellenstück abgeliefert. Die Mitglieder organisierten die studentische Nahrungskette neu. Mit dem Studentenwerk Berlin polten sie die Mensen der Stadt um auf ein ökologisches Konzept mit regionalen Zulieferern. 37 Kleinbauern und Biohöfe aus einem Radius von 180 Kilometern um Berlin herum lieferten, was der brandenburgische Boden hergab und die Mensaküchen brauchten. Statt Tiefkühl- und Fertigverpflegung stand nun Selbstgekochtes auf dem Speiseplan der Mensen und, zumindest bei Gemüse, kam es fast vollständig aus der Region.

Gesundes Essen für 25.000 Studierende täglich.

Die Aktion dauerte nur zwei Wochen. Aber sie war auch nur der Probelauf für einen ganz anderen Marathon. Der begann 2014 im Stadtteil Marzahn und soll bis 2017 für die Stadternährung in Berlin neue Maßstäbe setzen. In Marzahn soll ein Rat aus Bürgern, nach dem Vorbild der nordamerikanischen „Food Policy Councils“, künftig mitentscheiden, wie der Stadtteil seine Bürger mehr und besser aus dem Umland versorgen kann. Das ist für Berlin keine ganz neue Forderung, zumindest nach den Recherchen der TAZ. Sie fand heraus, dass das Abgeordnetenhaus schon 2006 beschlossen hatte, das bis 2015 rund 15 Prozent aller Lebensmittel in den öffentlichen Kantinen Berlins „Bio“ und/oder „Regional“ sein sollten. Und 2030, so der Beschluss, sollten es 30 Prozent sein. Obwohl sich die Stadtverwaltung selbst nicht mehr an den Beschluss erinnern kann, wollen die Protagonisten von „Nahhaft“ ihn nun in die Tat umsetzen. Gemeinsam mit einem Kreis von Unterstützern schmiedeten sie den Plan von einem „Food Policy Council“ für den Stadtteil Marzahn, eine Art Labor für die Grunderneuerung der Stadternährung in Berlin. Damit die Erfahrungen nicht im märkischen Boden versanden, wird das Reallabor Food Policy Council Marzahn-Hellersdorf eine wissenschaftlich-journalistische Begleitung bekommen. Zu den Beobachtern im Reallabor zählt das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und das Institut für Welternährung Berlin.

Der politische Wind steht günstig für die Idee. Sie könnte dem Stadtteil ein neues Image verleihen. Denn 2017 wird vor der Hochhauskulisse aus Plattenbauzeiten die Bundesgartenschau ihre Rabatten und Landschaftsparks präsentieren. Der ideale Moment, die Kameras von den üblichen Tulpenfeldern abzulenken und stattdessen die Aufmerksamkeit auf Marzahn als Geburtsort des ersten deutschen Ernährungsrats und als Vorläufer der deutschen Ernährungswende zu präsentieren.

Walter Mathes, Das politische im EssenDas Politische im Essen gärt auch in Köln.

Hier eher als Volksbewegung mit „Hetz“, wie der Rheinländer gerne das Zentrum seiner Gefühle nennt. Kurz nach Karneval, am 19. März 2015 quillt der Sitzungssaal 16 F43 des roten Rathauses in Köln-Deutz aus allen Nähten. Hinter dem Treffen steht der Verein „Taste of Heimat“, gegründet und gefördert vom Filmemacher Valentin Thurn. Er will die Souveränität in Sachen Ernährung zurück in die Domstadt holen.

Ein Treffen mit Bodenhaftung. Dafür sorgen schon die anwesenden Bauern, die mit ihrer Skepsis gegenüber diesem neuen Weg der Ernährung nicht hinter dem Berg halten. Ihre Befindlichkeit schwankt zwischen Angst um die eigene Autonomie: „Da lass ich mir nicht reinreden“, Hoffnung auf einen neuen Markt, dessen Preise nicht von den Weltmärkten diktiert werden, und ihrem Wunsch nach mehr Achtung für das, was sie auf ihren Äckern groß ziehen. Nein, sie sind nicht alle Bio, aber sie möchten ernst genommen und nicht für die Skandale der schwarzen Schafe ihrer Branche mit an den Pranger gestellt werden. Sie wollen ihre Ehre zurück. Und bei dieser Gründungsversammlung findet sich keiner, der ihnen das verwehren wollte, weder die Gastronomen, Caterer, Geschäftsinhaber, noch eine neue Genossenschaftsmolkerei, eine „Ackerdemie“, die Äcker für Schulen organisiert, und schon gar nicht die anwesenden Naturschutzverbände. Alle setzen auf „dat Jute“ („das Gute“) im Gegenüber. Darauf, dass sie der Kölner Ernährungslandschaft ein anderes Gesicht verleihen können. Und darauf, dass sie dazu den Rückhalt der Politik bekommen werden.

Die allerdings hält sich in Köln noch zurück. Hier geht die Verwaltung voran, genauer Dr. Rosi Hoeppner vom Amt für Umwelt- und Verbraucherschutz. Sie gilt als strategische Kämpferin für ein grünes Köln. „Schad dröm“ heißt ihre Kampagne, mit der sie versucht die Herzen der Rheinländer zu erreichen, wenn es darum geht, weniger Lebensmittel in die Tonne zu werfen. Dass die Bürger jetzt mehr wollen, dass es um das ganze Ernährungssystem der Stadt geht, fällt bei ihr auf fruchtbaren Boden. Ein Ernährungsrat für Köln, als politischer Kopf der Bewegung, schreckt sie nicht. Schließlich liegen in den Küchen und Kantinen der Stadt große Potenziale, wenn es um Klima, Wasser und Energie geht. Auch wenn der „ Halwe Hahn“ in Köln kein Hähnchen, sondern ein Käsebrötchen ist, der leidenschaftliche Fleisch- und Wursthunger belastet die Umweltbilanz der Stadt ebenso wie die Intensivlandwirtschaft von ihren Toren. Autobahnen, Siedlungen und Gewerbeflächen: Der ungebremste Bauwille vernichtet immer mehr fruchtbare Äcker im Umkreis des Doms. Köln wächst. Doch der Konflikt um dieses Wachstum hat bisher keinen Ort. „ Et küt wie et küt“, sagt der Kölner, wenn er meint, da sei sowieso nichts zu ändern. Aber gerade das könnte sich nun ändern. Würde die Ernährung der Stadt zum Teil der Stadtpolitik gemacht werden, müsste sie auch bei der zukünftigen Flächennutzung einbezogen werden.

Da tut sich Neuland auf. Nicht nur in Köln. In Teil 2 berichtet Wilfried Bommert, was sich jenseits des Atlantiks in Nordamerika in Sachen „Food Policy Councils“ alles tut.

Zur Person

im Oberbergischen geboren (Jahrgang 1950) studierte Agrarwissenschaften in Bonn und ist seit 1979 Journalist im WDR. Als Leiter der ersten Umweltredaktion im WDR-Hörfunk beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Themen Gentechnik, Klimawandel, Welternährung und Bevölkerungswachstum.
Er ist Vorstand des „Institut für Welternährung / World Food Institute“. Dieses soll die Lage der Welternährung analysieren, kommunizieren, ihre Stakeholder beraten, ihre Projekte evaluieren und koordinieren. Das Institut bündelt das vorhandene Wissen zur Welternährung und entwickelt daraus Prognosen und Konzepte.

www.wilfried-bommert.de 

www.institut-fuer-welternaehrung.org/

 

4 Antworten zu “Die Ernährungswende und das Politische im Essen (1)”

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