Walter Mathes
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16. August 2015  /// Bewegung Gesellschaft Politik

Die Ernährungswende und das Politische im Essen (2)

von Wilfried Bommert

Es geht um Rückgewinnung von Souveränität, um Versorgungssicherheit, Preisstabilität, Selbstversorgung in unsicheren Zeiten, um Großküchen und Schulkantinen, Wochenmärkte und Volksgesundheit. Es geht um das Politische im „Essen“, und das soll in Zukunft eine zentrale Rolle spielen im Lokalen. Lesen Sie dazu auch den Teil 1, welcher gestern erschienen ist.

Ein „Food Policy Council“ bestimmt mit, was auf die Teller kommt

Vor rund 20 Jahren wurde jenseits des Atlantiks in Nordamerika Neuland in Sachen Ernährung  entdeckt. Dort hat die Bürgergesellschaft schon sehr früh ihr Recht auf Mitsprache bei der Stadternährung eingefordert. Von Oakland, Kalifornien, bis nach Toronto, Kanada, bestimmen heute Ernährungsräte in „Food Policy Councils“ mit, was auf die Teller kommt.

Den Boden, auf dem sie gewachsen sind, bezeichnen die Soziologen mit der drastischen Formel „Food Deserts“. Ganze Stadteile, in denen die Bewohner fast ausschließlich zu Pizza, Hamburger, Fastfood und Softdrinks verdammt sind. In denen die Supermärkte zu Verladestationen von Tiefkühlportionen für die Mikrowelle verkommen konnten, in denen Salat, Apfel, Kartoffel, Möhre und auch Banane aus dem Wortschatz der Bevölkerung gestrichen waren, weil die in ihrer Welt nicht mehr vorkamen. Diese Wüste der Ernährung, besonders in den Stadtteilen der armen Bevölkerung, hat in Oakland dazu geführt, dass die Bürger aufbegehrten und von ihrer Stadtverwaltung eine andere, eine richtige Ernährungspolitik forderten.

Es ging nicht nur darum, die Wüsten wieder zu beleben, Gemüse und Obst in den Alltag zurückzubringen, Küchen und den Esstisch neu zu eröffnen und dem steigenden Übergewicht der Fastfood Generation eine gesunde Ernährung entgegenzusetzen. Was auf den Tisch kommt, sollte auch aus der Region kommen. Die Grenze dafür wurde in Oakland erst einmal auf einen 100 Meilengürtel um die Stadt festgesetzt. Ein revolutionäres Konzept, wenn man bedenkt, dass der US Yoghurt, und nicht nur der, üblicherweise mehr als 1.500 Meilen zurücklegt, bevor er seinen „Endverbraucher“ erreicht.

Das Oakland „Food Policy Council“ erntete wachsende Resonanz – auch in anderen Städten der USA

Food Policy Councils schießen in Amerika seit der Ernährungskrise 2008 schneller aus dem Boden als die Politiker schauen können und es der Ernährungsindustrie lieb ist. Sie machen Politik für die lokale Selbstversorgung und scheuen nicht davor zurück, auch die Regeln dafür neu festzusetzen. Sie mischen sich in die Bauplanung ein und fordern, dass auch in Vorgärten Gemüse gepflanzt werden darf und dass die Bauern der Umgebung ihre Produkte auch ohne Lizenz in der Stadt verkaufen dürfen, was Ordnungsämter und Nachbarn bis dato gerne verbieten ließen. Die Bewegung boomt. 2014 zählt das Johns Hopkins Centre bereits 200 Food Policy Councils in den USA, in ganz Nordamerika wuchs ihre Zahl auf 263.

„Know Your Farmer“

Dieser Slogan hat mittlerweile ganz Amerika erreicht und beginnt auch im benachbarten Kanada die Ernährung umzukrempeln, wo die Ernährungswende von 57 Food Policy Councils getragen wird. In Toronto wurde das erste  Council in Nordamerika 1991 gegründet. Heute ist Toronto ein Vorbild auch im internationalen Vergleich. Rund 30 Mitglieder arbeiten im Food Policy Council ehrenamtlich und unabhängig von politischen Strömungen. Lauren Baker, die Vorsitzende, hat für ihre Arbeit schon einiges an Ehrungen erhalten. Als ihr Meisterstück gilt die „Toronto Food Charter“. Sie legt fest, wie und mit welchen Regeln die Ernährung der Stadt gesichert, welche Rechte die Bürger und welche Verpflichtungen die Stadtverwaltung dabei haben sollen. Alle wichtigen Entscheidungen werden seither durch die “food lens”, die Brille der Ernährungssicherheit, betrachtet und beurteilt.

Auch die Jungen machen mit. Zu den Aktivisten der Bewegung gehört das Toronto Youth Food Policy Council. Die Jungen wissen, dass die Millionen Bürger der Stadt nicht allein durch die eigenen Gärten versorgt werden können. Sie schauen ins Umland und fragen, ob dort auch die Farmer arbeiten, auf die die Stadt hinsichtlich ihrer Ernährung in Zukunft bauen kann. Doch das Durchschnittsalter der Farmer im Staat Ontario liegt bei Mitte Fünfzig. Die landwirtschaftliche Basis der Stadt muss verjüngt und auf neue Füße gestellt werden. Warum nicht aus Toronto selbst, Greenhörner mit Herz und Engagement? 2012 legten die jungen Ernährungspolitiker  einen “Urban Agriculture Action Plan“ vor, der die Basis der Stadternährung sichern soll. Dabei kam heraus, dass die Stadt über große noch unerkannte Reserven verfügt.

Rod Mac Rae, Professor an der York Universität in Toronto, fordert die Stadtplaner auf, die Metropole noch einmal neu zu vermessen. Wenn sie es täten, kämen sie auch darauf, dass allein im Stadtgebiet rund 5.000 Hektar Dachfläche für Gärten zur Verfügung stehen und ein erheblicher Teil der Grünflächen in Sachen Ernährung brach liegt. Mehr Ernährungssicherheit sei nur zu erreichen, wenn auch diese lokalen Puffer genutzt würden. Darin liege eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben der Stadtplanung, erklärt der Professor an der York Universität in Toronto.

Im Verhältnis zu Nordamerika scheint Europa bisher den Trend zur regionalen Ernährung verschlafen zu haben

Die Idee vom Politischen im Essen schwappte erst 2011 über den großen Teich und fiel zunächst im englischen Bristol auf fruchtbaren Boden. Dort gründete Tom Andrews das Bristol Food Policy Council. Heute leitet er als Manager die Partnerschaftsorganisation „Sustainable Food Cities“, die der lokalen Ernährungswelle, die über die britische Insel rollt, Rat und Richtung gibt. Rund 40 Städte in England, Wales und Schottland haben sich mittlerweile der Bewegung angeschlossen und sind dabei, die Chancen der Nahernährung auszuloten, darunter auch die Hauptstadt London.

Auf dem europäischen Festland erwacht das Bewusstsein vom Politischen im Essen erst langsam. Welchen Rang hierbei Deutschland einnimmt, bleibt ungeklärt, weil es bisher noch an  Statistiken fehlt. Wer genau hinschaut, kann die Ansätze in den Städten selbst erkennen. Von Kistengärten, Vorstadtäckern, Solidarischer Landwirtschaft, Bürger-Aktiengesellschaften und Regionalwert AG’s bis zum Kongress Stadt-Land-Food in Berlin, die Graswurzeln sprießen von Nord bis Süd in der Republik. Die Unüberschaubarkeit versucht das Institut für Welternährung in Berlin zu ordnen, mit der Frage, wer von den Aktivisten könnte Träger und Motor für ein neues Ernährungssystem in seiner Stadt werden, wer könnte die lokalen Kräfte bündeln und zu einer  Kraft machen, die dem Politischen im Essen Kontur und Farbe verleiht.

Ernährungswende heißt die Transformation des Ernährungssystems in das postfossile Zeitalter, und sie ist eine ebenso große Herausforderung wie die Energiewende. Und sie könnte nach einem ähnlichen Muster ablaufen. Die Zivilgesellschaft erkennt die Bedrohung und bereitet schon weit im Voraus den Boden für einen Paradigmen-Wechsel. Die fundamentalen Daten lassen keinen Zweifel daran, dass ein Systemwechsel unausweichlich sein wird.

Die Fundamente unsere Ernährung bröckeln

Die Bodengesundheit schwindet ebenso wie die Wasservorräte, die essentiellen Düngervorräte, insbesondere Phosphat, gehen ihrem Ende entgegen. Die Vielfalt der Pflanzen ist flächendeckenden Monokulturen gewichen und damit ein permanentes Risiko für Missernten. Der Haupttreibstoff des industriellen Land- und Ernährungswirtschaft, das Erdöl, geht zu Neige. Der globalen Nahrungskette droht der Kettenbruch, nicht nur durch steigende Transportkosten und bewaffnete Wegelagerer an Transportrouten, sondern weil die Prognosen Ernteausfälle von bis zu 40 Prozent als Folge des Klimawandels vorhersagen, auch in den Kornkammern der Welt.

Hinzu kommen die wachsenden Widersprüche im ernährungspolitischen Getriebe: Zwischen Tank und Teller, zwischen Trog und Teller, zwischen Tonne und Tafel, zwischen Überkonsum und Mangelernährung, zwischen Tierwohl und Massentierhaltung, zwischen Intensivlandwirtschaft und Bodenfruchtbarkeit, zwischen Hungerlohn und Spekulation, zwischen bäuerlicher Landwirtschaft und Agrarkonzernen, zwischen Volksgesundheit und Fastfood, zwischen den Treibhausgasen der Fleischproduktion und der Klimakatastrophe.

Nicht nur den Eingeweihten wird langsam klar, dass mit einem so maroden und widersprüchlichen System der Hunger von zukünftig 10 Milliarden Menschen nicht zu stillen ist. Es geht nicht mehr nur um Kurskorrekturen.

Ein wachsender Teil der Weltbevölkerung fordert einen Systemwechsel, das Ende der globalisierten Nahrungskette und einen Neubeginn, die Wiedergeburt des Lokalen, der Esskultur und des Sozialen. Es geht um das Politische im Essen. Auch wenn es noch nicht bis in die Höhen der Stadtpolitik vorgedrungen ist, es drängt voran in Berlin und Köln mit Lukas Fesenfeld und Valentin Thurn und einer stetig wachsenden Schar Gleichgesinnter. Schon melden sich die nächsten Ernährungsräte (in Gründung) aus Freiburg, München, Kassel, Ingolstadt. Sie alle wollen über das „Politische im Essen“ sprechen und die Ernährung ihrer Städte auf ein neues Fundament stellen. Wie sagte doch Victor Hugo: „Nichts ist so kraftvoll, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“.

Zur Person

im Oberbergischen geboren (Jahrgang 1950) studierte Agrarwissenschaften in Bonn und ist seit 1979 Journalist im WDR. Als Leiter der ersten Umweltredaktion im WDR-Hörfunk beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Themen Gentechnik, Klimawandel, Welternährung und Bevölkerungswachstum.
Er ist Vorstand des „Institut für Welternährung / World Food Institute“. Dieses soll die Lage der Welternährung analysieren, kommunizieren, ihre Stakeholder beraten, ihre Projekte evaluieren und koordinieren. Das Institut bündelt das vorhandene Wissen zur Welternährung und entwickelt daraus Prognosen und Konzepte.

www.institut-fuer-welternaehrung.org/

2 Antworten zu “Die Ernährungswende und das Politische im Essen (2)”

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