Foto: Hausensteiner
Bild: Heike Hausensteiner
25. November 2015  /// Klima

Morgen, morgen, nur nicht heute

Von Heike Hausensteiner

Wir haben’s eigentlich gut. Wir leben in einem Zeitalter, in dem so viel Expertenwissen und so viele Informationen wie noch nie zuvor am Tisch liegen. Dieses Wissen wird allerdings sehr oft nicht genützt, sehr oft nicht in politische Beschlüsse gegossen und auch nicht im praktischen Leben umgesetzt. Das kann man in national geregelten Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Pensionen ebenso feststellen wie in internationalen, siehe Friedens- oder Klimapolitik. Schade. Denn die Akquirierung dieses Wissens hat erstens viel Geld gekostet. Es nicht anzuwenden, kostet zweitens viel Zeit – und mitunter die Lebensgrundlage.

20 Klimagipfel – wenige Verbesserungen

Dass auf unserem Planeten die Klimaverhältnisse schlechter und die Bodenressourcen immer weniger werden, ist seit geraumer Zeit bekannt. Die Ursachen genauso. Die Umwelt wurde daher vor bereits 43 Jahren bei der Konferenz von Stockholm zu einem internationalen Problem erhoben. Nachfolgende rund 20 Klima-Gipfel, ob in Rio (1992), Berlin (1995), Kyoto (1997), Johannesburg (2002) oder Kopenhagen (2009), zogen wenige Verbesserungen nach sich. Der massive Ausstoß von Kohlendioxid (CO2), der für die Erderwärmung verantwortlich gemacht wird, steigt weiter drastisch an. Die bereits beschlossenen Gegenmaßnahmen erwiesen sich in den vergangenen Jahren als wirkungslos. Mit gemischten Gefühlen werden denn auch die Beschlüsse der Umweltkonferenz, die nächste Woche in Paris eröffnet wird, erwartet.

Paris: Die mediale Kampagne läuft 

Die mediale Kampagne läuft in Frankreich und in der Hauptstadt selbst seit Wochen auf Hochtouren. So machen etwa Plakate auf öffentlichen Plätzen und in U-Bahnen mit Tieren als Sujet witzig, aber mit Esprit Werbung für die Umweltanliegen. Zeitungen und Zeitschriften liefern dazu Hintergrundberichte, die ihresgleichen suchen. Die verheerenden Attentate vom 13. November haben freilich den medialen Fokus verschoben. Umgekehrt wird wohl die zweiwöchige Umweltkonferenz ein wenig von der verletzten Seele Frankreichs ablenken. Es steht nämlich viel am Spiel. Und das dürften – trotz Klimawandelskeptikern sowie Industrielobbys – doch immer mehr Entscheidungsträger einsehen.

Es steht viel auf dem Spiel

Saßen 1997 am Konferenztisch in Kyoto Teilnehmer aus 37 Ländern, die sich erstmals auf eine Reduktion der Treibhausgase um zumindest fünf Prozent verständigten, werden in Paris 40.000 Delegierte aus 195 Staaten (also fast allen der Welt) zu neuerlichen Beschlüssen zusammenkommen. Nunmehr soll die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau des Jahres 1850 begrenzt werden. Ein Ziel ist, dass die EU-Länder ihre Treibhausgase um zumindest 40 Prozent reduzieren. Innerhalb der EU soll auch der Anteil der Erneuerbaren Energien etwa durch Wind oder Sonne auf 27 Prozent beinahe verdoppelt werden (2012: 14,1 Prozent), um die schmutzige Stromerzeugung etwa in Kohlekraftwerken hintanzuhalten. Wird nichts unternommen und bleiben die Emissionen auf dem derzeitigen Niveau, könnte die Erderwärmung laut Schätzungen um bis zu 4,8 Grad Celsius steigen.

Steigender Meeresspiegel und Migration 

Tatsache ist: Im Zeitraum von 1870 bis zur Jahrtausendwende stieg der Meeresspiegel um 18 Zentimeter, sechs Zentimeter davon alleine in den letzten 20 Jahren. Der Anstieg könnte bis zum Jahr 2100 sogar 82 Zentimeter erreichen, so eine pessimistische Prognose. Bedroht wären dadurch große Teile von Küstenstaaten wie Bangladesch oder die Niederlande. Eine Welle von schätzungsweise 200 Millionen „Klimaflüchtlingen“, wegen Unwettern, Überflutungen, aber auch Dürre, wäre laut Experten die Folge. Man stelle sich vor, fast die Hälfte der Einwohner der EU müsste flüchten. Studien, die einen deutlichen Rückgang der Meeresspiegel belegen würden, gibt es jedoch nicht.

Eine starke Zivilgesellschaft kann vieles erreichen

Das Gute an der Pariser Umweltkonferenz ist, dass nicht nur Diplomaten miteinander sprechen werden, damit am Ende ein internationales Kompromiss-Abkommen herauskommt. Im Gegensatz zu früheren Konferenzen ist jetzt die Zivilgesellschaft via Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) viel stärker eingebunden. Im Grand Palais haben die Länder, NGOs, Konzerne sowie junge Start-Up-Unternehmen von 4. bis 10. Dezember die Gelegenheit, ihre Best-practice-Lösungen dem Publikum zu präsentieren. Die Gesellschaft werde sich nämlich nicht ändern, indem man sich nur auf den Markt verlasse, meinte Gilles Berhault, Vorsitzender des „Komitees 21 für nachhaltige Entwicklung“. Man hoffe daher auch auf eine Einigung zum „Grünen Fonds“, damit dieser endlich ausreichend dotiert werde.

Ziel: 100 Milliarden für den Green Climate Fund 

Der Energie- und Klimafonds, „Green Climate Fund“ (GCF), wurde 2009 in Kopenhagen vereinbart, das vorgesehene Geld begann aber erst im Vorjahr – zögerlich – zu fließen.  Mit 100 Milliarden Dollar sollte der Topf bis 2020 gespeist sein, durch Zahlungen der Industrieländer, um die Entwicklungsländer bei Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu unterstützen. Für Mai dieses Jahres wäre der Start des Fonds geplant gewesen. Doch einige Länder wie USA, Spanien oder Japan sind säumig.

Indien, China und die USA: Die Hauptemittenten spielen nur halbherzig mit 

Mit Verweis auf die Wirtschaftslage drücken sich etliche Länder immer noch vor dem Klimaschutz. Erst Anfang Oktober veröffentlichte Indien seine – wenig ambitionierten – Pläne, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um immerhin 33 bis 35 Prozent gegenüber 2005 zu verringern. Indien ist der drittgrößte CO2-Emittent weltweit. An erster Stelle stehen die USA und China. Die Volksrepublik hat wenigstens Unterstützung für den  künftigen Review-Prozess signalisiert. Demnach soll in Paris beschlossen werden, dass die Länder die von ihnen genannten Reduktionsziele und Selbstverpflichtungen jährlich zur Überprüfung vorlegen. Hingegen kam aus den USA bereits Widerstand gegen jegliche rechtlich bindende Klimaziele. Die Amerikaner hatten schon das Kyoto-Protokoll – den ersten völkerrechtlichen Vertrag mit verbindlichen Emissionsreduktionszielen – unter Präsident George W. Bush letztlich wieder aufgekündigt. Nichtsdestotrotz strebt Paris sehr wohl eine neue verbindliche Einigung an.

Wissenschaft ist skeptisch 

Skepsis wurde dennoch im Vorfeld angebracht, vor allem auch aus Sicht der Wissenschaften. „Das Problem ist, dass die globalen Emissionen steigen, obwohl die Wissenschaft seit langem das Gegenteil fordert“, sagt Oliver Geden von der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik in einem Interview gegenüber der Wochenzeitung Freitag.de. Die Politik deute wissenschaftliche Erkenntnisse zur Erderwärmung um und wolle Optimismus fördern. Andererseits wollen viele Wissenschaftler „klimapolitischen Fatalismus“ vermeiden.

Der Wahrheit ins Auge sehen – Zweckoptimismus hilft nicht 

Geden, Experte für europäische Energie- und Klimapolitik, ist sich sicher, dass viele wissenschaftliche Berater das neue Klimaabkommen positiv bewerten werden. „Weil sie politikrelevant bleiben wollen – obwohl es hinter dem zurückbleibt, was sie seit Jahren als zwingend notwendig beschreiben“. Doch die Regierungen beeinflussen die Klimaforschung gleichermaßen, indem sie Studien in Auftrag geben, die ausrechnen, wie die zwei Grad (an maximalem Temperaturanstieg) noch zu schaffen sind. In Wirklichkeit sollte man sich von dem Zwei-Grad-Ziel verabschieden, erklärt Geden. „Es hat uns in einer falschen Sicherheit gewiegt, weil die Staaten damit zwar seit Jahren signalisieren, dass sie das Problem verstanden haben – dann aber nicht entsprechend handeln.“ Einen moralischen Druck gebe es, jedoch keinen Sanktionsmechanismus, der eine Einhaltung erzwingt. Ähnlich wie bei der Entwicklungshilfe. „Die Problemlösung wird in die Zukunft verschoben.“ Fragt sich nur, in welche.

Zur Autorin:
Heike Hausensteiner, seit ihrer Schulzeit glühende Anhängerin der Aufklärung, ist freie Journalistin und Autorin in Wien. Heike HausensteingerSie studierte in Paris, Mailand, Wien und Krems und kam über die journalistische Innenpolitik zur Europapolitik und Nachhaltigkeit. Als Wissensarbeiterin beackert sie aber u.a. auch sozial- und wirtschaftspolitische Themen

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.