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Bild: Christine Ax
7. Juli 2015  /// Griechenland Politik

Die Banalität des Bösen

Der Europaabgeordnete Elmar Brock (CDU) sagte in einem Deutschlandfunk-Interview am Tag vor dem Griechenland Referendum etwas Bemerkenswertes. Er sagte: Völker können irren, und er erinnerte damit an etwas, das im Zusammenhang mit Griechenland wenig beachtet wird.

Die großen Irrtümer, die Deutschland, aber auch Länder wie die ehemalige Sowjetunion, die USA oder Japan und die Türkei begangen haben. Und welchen Preis die Welt dafür gezahlt hat.

Deutschland beispielsweise hat im 20. Jh. gleich zwei Mal Europa mit Zerstörung und Tod überzogen. Kann man gravierender irren? Kann man größere Schuld auf sich laden? Und war es nicht trotzdem so, dass Europa Deutschland unfassbar früh die Hand gereicht hat? Und dass die Opfer auf berechtigte Reparationen verzichtet haben? Kann man großzügiger sein?

Erbarmungslos urteilen geschichtsvergessene, und vor allem unfassbar selbstgerechte Besserwisser aus Deutschland über das Unglück Griechenlands, das Scheitern an der Schuldenfrage. Ein Scheitern, für das man denen, die jetzt seit einem halben Jahr regieren, genauso wenig die Schuld geben kann, wie den Griechen, die jetzt unter den Folgen eines jahrzehntelangen Versagens der nationalen und der europäischen Politik leiden. Und ist die Syriza nicht überhaupt die erste Regierung Griechenlands, die sich gegen die korrupten Eliten des eigenen Volks stellt und sich für das Überleben der Armen stark macht?

Schäuble sicherte sich – so wurde berichtet und nicht dementiert – vorgestern den Zugriff auf eine Milliarde Euro, die eigentlich an Griechenland gehen sollte. Es sind die Gewinne, die die Deutsche Bundesbank mit griechischen Staatsanleihen gemacht hat. Am gleichen Abend berichtet zu nachtschlafender Zeit eine Reportage – wieder einmal – über Hunger und Not in Griechenland. Und darüber, wie man Griechenland mit den vielen tausend Flüchtlingen aus Nordafrika alleine lässt. Müsste man Schäuble nicht der unterlassenen Hilfeleistung anklagen?

Deutschland verdiente also vorgestern nicht zum ersten Mal gut an der griechischen Krise. Sigmar Gabriel kritisiert am selben Tag, die Regierung Tsipras betreibe eine eher nationalistische Politik. Er vergaß zu erwähnen, dass Deutschlands Niedriglohnpolitik die Wettbewerbsfähigkeit der anderen Länder Europas (auch Österreich ist jetzt davon betroffen) massiv untergraben hat und diese Länder jetzt zwingen möchte, dieselbe unsoziale Politik auch umzusetzen.

In seinem Gedicht „Ein Pferd klagt an“ verleiht Berthold Brecht einem Wallach eine Stimme, der von hungernden Menschen bei lebendigem Leibe geschlachtet wird. Das Pferd empfindet in diesem Augenblick sehr viel Mitgefühl für seine Schlächter und fragt sich „Wer schlägt da so auf sie ein?“ Was könnte menschlicher sein?

Hannah Arendt – die größte politische Philosophin unserer Zeit – wurde Opfer eines „shitstorms“ (den Begriff gab es damals noch nicht), als sie den Aufsatz „Die Banalität des Bösen“ veröffentlichte. Als Prozessbeobachterin des Eichmann-Verfahrens kam sie 1961 zu dem Schluss, dass mehr Unrecht durch die Unfähigkeit zu Mitgefühl in die Welt kommt, als durch geplant „Böses“. Recht hatte sie. Recht hat sie immer noch. Leider.

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