28. September 2015  /// Bewegung Gesellschaft

Die Bildungsrevolution

Mein Interesse an Bildung ist relativ groß. Ständig überlege ich mir, wie unser Bildungssystem aussehen müsste, um Menschen Empathie zu lehren – wie es sie befähigen kann, unsere Welt in harmonische Zeiten zu führen. Wenn ich mir Zeitungen anschaue oder die politische Agenda, dann fällt mir auf, dass auch hier das Thema Bildung eine zentrale Rolle spielt: Parteien haben hitzige Diskussionen darüber, wie man Kinder zum Lernen motivieren kann, damit sie später eine Chance in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem haben.

Ich war immer der Meinung, dass Bildung dazu da ist, Menschen zu einem glücklichen Leben zu befähigen. Das Wort „Glück“ steht jedoch in keinem der Parteiprogramme und Strategien. Ich muss mich geirrt haben.

Politische Überlegungen

Also entscheide ich mich besser nachzulesen, was die Parteien denn umsetzen wollen. Google gibt mir auf meine Suche zur „Bildungsdebatte“ auch gleich einen sehr ausführlichen Bericht der APA mit dem Stand von Mai 2015. Die SPÖ spricht von mehr „sozialem“ Lernen, die ÖVP „will vielfältige Angebote für unterschiedliche Begabungen“ – was soviel heißt wie „man soll danach eine Arbeit finden können“ – die FPÖ vernachlässigt alle Vergleiche und Lehren aus den letzten Jahren und fordert weiterhin getrennte Schulen sowie „mehr Zeit zum Üben“ – bei den Grünen und den NEOS kommt ein wenig das Modell der Gesamtschule durch, mit späterer Trennung der Klassen – sie haben sich immerhin Vorzeigemodelle wie Finnlands Bildungssystem angeschaut – beim Team Stronach heißt es, man solle dem Modell der Niederlande folgen und Privatschulen fördern, um die gesamte Qualität der Schulen zu steigern. Ich überlege kurz … hier wird lediglich über Strukturen diskutiert.

Lehrern mehr Autonomie einzuräumen, ist sicherlich ein guter Weg, denke ich – sonst kann sich doch im Unterricht selbst nichts ändern. Auch die Gesamtschule macht Sinn, Finnland hat außergewöhnliche Ergebnisse damit erzielt. Eine Sache jedoch wundert mich sehr: Warum werden überhaupt keine Änderungen am Schulplan, am Curriculum selbst vorgeschlagen?

Lösungsansätze

Ich schaue mich weiterhin um, da mich bis jetzt keines der Modelle überzeugt hat. Ich stoße auf einen Artikel, der über das Schulsystem in Hong Kong informiert. Hong Kong hat eines der besten Schulsysteme der Welt, heißt es – tatsächlich ist es oft unter den Top 5 bei zahlreichen Rankings. Am Ende des Artikels heißt es jedoch, dass auch in Hong Kong sich die Schulen auf Reformen umstellen: Die hohe Anzahl an Prüfungen werde drastisch reduziert, während mehr auf die persönliche Entwicklung der einzelnen Schüler Wert gelegt werde – mit persönlicher Weiterentwicklung meinen sie die Schaffung eines Gemeinschaftsbewusstseins sowie die positive Beeinflussung von Moral- und Wertvorstellungen. Auch körperliche Fitness spiele eine große Rolle. Der Artikel ist 3 Jahre alt. Die Reformvorschläge entsprechen schon eher meinen Vorstellungen eines gelungenen Schulsystems.

Ich suche weiter. Ich stoße auf einen weiteren Artikel, einen Kommentar von Christian Friesl, welcher einen Vorschlag von der Industriellenvereinigung aus dem Jahr 2014 vorzeigt. Das Konzept heißt „Beste Bildung“, und es setzt besonders auf die Differenzierung und Autonomie innerhalb der Schulen. Damit würde die Vielfältigkeit des Schulsystems erhöht und eine gute Basis geschaffen. Dieser Vorschlag überzeugt mich bisher am meisten. Er scheint Vielfalt und besonders Empathie stärker zu fördern als die anderen Ideen. Die Schulen hätten mehr Freiheit, und es könnten sich interessante Modelle und Best Case Practices innerhalb eines Landes herausbilden, da sich der Unterricht innerhalb der Schulen relativ stark unterscheiden kann.

Die Bildungsrevolution

Erst vor wenigen Tagen erklärte Ernst & Young, einer der größten Aufnehmer von Studienabsolventinnen in Großbritannien, dass das Kriterium „Absolvent“ bei der Einstellung von Mitarbeitern nicht mehr berücksichtigt werde, da es keinen Aufschluss über die Leistungsfähigkeit im späteren Leben gebe. Das könnte der Anstoß zu einer drastischen Änderung im Bildungssystem werden. Sollten andere diesem Beispiel folgen, würde das bedeuten, dass das Schulsystem für Firmen keine ausreichende Evaluation mehr bietet. D.h. das Lernen für den Arbeitsmarkt wäre fehlgeschlagen. Doch wofür lernt man dann? Für ’s Leben etwa?

Im Grunde kann unser Bildungssystem zu viel Gutem beitragen. Es kann kritisches Denken lehren, es kann auf den Wettbewerb vorbereiten, es fördert logisches Denken und lässt einen erkennen, worin die eigenen Stärken liegen – zumindest in manchen Fällen. Wozu es auch beitragen könnte – es aber noch nicht geschafft hat – ist das Glücklichsein während der Kindheit.

Glück und Arbeit

Laut einer Studie der UN waren im Jahr 2007 in den USA nur 21 % der Kinder während ihrer Schulzeit glücklich. Für die meisten war sogar die Schule selbst der Grund, dass sie unglücklich sind. Als man die Kinder fragte, was sie an der Schule verändern würden, sagten sie: Sie wollten mehr Zeit mit der Familie und Freunden verbringen und mehr Zeit haben, um Spirituellem nachzugehen. Auch hier merke ich wieder die Parallele zu Hong Kongs Reformen: Werte-, Moral- und ein Gemeinschaftsgefühl sollten auch hier gestärkt werden.

Ich erkenne, wie sich ein Muster herausbildet, und bin zunehmend frustriert darüber, dass unser Bildungssystem nicht denselben Weg einschlägt. Auf dem Weg das beste Bildungssystem der Welt zu entdecken, stolpere ich über den Children’s Worlds Report 2015. Die Wissenschaftler der Studie schreiben darüber, wie glücklich Kinder sind – ein Vergleich in 15 Ländern der Welt. Ich bin überrascht, als ich lese, dass Kinder in Äthiopien und Nepal das Leben als Schüler sehr viel glücklicher wahrnehmen, als dies in westlichen Ländern der Fall ist. In Kolumbien erzählen Schüler, dass sie Dinge wie Gesundheit und körperliches Wohlbefinden am meisten schätzen – außerdem finden sie es wichtig, entscheiden zu können, worin Ihre Stärken liegen sollen.

Wenn ich mir das so anschaue, kommt es mir so vor, als werde man in Deutschland für eine Arbeit, in Nepal oder Äthiopien aber für das Leben ausgebildet. Doch bevor ich urteile, möchte ich kurz reflektieren und mich auch mit der Philosophie befassen. Es fehlt etwas in unserer Bildung, etwas sehr Essentielles, glaube ich. Ich weiß jedoch noch nicht was es ist …

Das Intelligenz-Modell

Ken Wilber ist einer der bekanntesten Philosophen und Forscher für Persönlichkeitsentwicklung und Begründer der Integralen Theorie. Er möchte einen Rahmen bilden, in dem verschiedene Traditionen Platz haben. Als ich an einem Online-Kurs mit ihm teilnehme, mit der Bezeichnung „Consciousness Engineering“, verwandelt sich meine Skepsis in Interesse. Er spricht davon, dass wir als Menschen über ein Dutzend verschiedener Intelligenzen verfügten und viele davon gänzlich ignoriert würden. “In der Schule z. B. erfuhren wir hauptsächlich kognitive Intelligenz. Wir bildeten uns weiter in der Art des Wissenserwerbs.” Doch was wir komplett außer Acht ließen, sei u. a. die emotionale Intelligenz, moralische Intelligenz, Werte-Intelligenz, ästhetische Intelligenz oder spirituelle Intelligenz.

All das, meint der Philosoph, sei kein Teil der Weiterbildung, und das sei u. a. auch der Grund dafür, dass es Burn-Outs gebe, Kriege der verschiedenen Kulturen, Mobbing, Gewalt … All die Aspekte unserer Intelligenzen würden sich mehr oder weniger während unseres Lebens weiterentwickeln und so unser Weltbild erzeugen. Die philosophischen Modelle, die er nennt, sind die AQAL Matrix und Gebser’s Worldview Chart. Ich habe von beiden keine Ahnung und entscheide, dass der Mann sehr clever ist und ich diese Dinge im Philosophiestudium nachholen werde.

Meine wichtigste Erkenntnis: Es muss eine ganze Reihe Methoden geben, wie man Bildung anders gestalten kann, um dadurch nicht nur die Empathie eines jeden Menschen zu fördern, sondern um unserem Bildungssystem eine Dimension zu geben, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Ich erinnere mich an die Redewendung: “Du hast eben einen anderen Zugang dazu” – ist damit vielleicht genau das gemeint? Dass wir verschiedene Intelligenzen unterschiedlich entwickelt haben und deshalb unterschiedlich lernen?

Der Neurologe António Damásio erklärte in seinen zahlreichen Forschungen zum Zusammenhang zwischen Emotionen und Logik, dass wir ohne Emotionen keine rationalen Schlüsse ziehen können. Als ich mich durch die Studien lese, die mir mein Mitbewohner geliehen hat, springt mir ein Satz plötzlich ins Auge. Ich übersetze ihn hier zum besseren Verständnis: „Wenn Emotionen und Gefühle die Basis von vernünftigen Prozessen wie etwa Annahmen, Wahlen und Entscheidungsfindungen sind, dann brauchen wir ganz besonders Schulen, die unserem Bedarf an physischem, emotionalem und intellektuellem Engagement gerecht werden.“ Ich glaube, dass besonders das emotionale Engagement in Schulen noch sehr unterentwickelt ist.

Was mach’ ich jetzt …?

Während meiner Reise durch die vielen Aspekte einer möglichen Bildungsrevolution ist mir eines sehr klar geworden. Das Thema „Bildung“ ist unglaublich komplex. So zu tun, als gebe es eine einfache Lösung für alles, wäre nicht nur naiv, sondern auch arrogant.

Ich denke, ich habe eine Idee, wie sich das Bildungssystem weiterentwickeln könnte, um nicht nur glücklich zu machen, sondern um auch die zwischenmenschlichen Beziehungen zu stärken, Empathie zu fördern, kulturelles Verständnis zu lehren, Traditionen zu wahren und gleichzeitig für Neues zu begeistern.

Noch vor einigen Monaten dachte ich mir, es geht nichts voran in der Bildung, niemand macht was – ich habe erkannt, dass ich mich sehr geirrt habe: Teach for Austria, stEFFIE talkin’, COOL Cooperatives Offenes Lernen, Bildung Grenzenlos, jedesK!ND, Neustart Schule, Land der Bildung, Holistic School of Life, Mutmacherei, Option 2.0, Impact Hub Vienna, Pioneers of Change, Waltzing Atoms, Clearing Wien, POWERful-heART, AIESEC in Austria, Eltern im Aufbruch, EinBildung, Verein Scholé, Wiener Lerntafel, TheEmotionalIntelligenceProject sind nur einige Organisationen und Initiativen, die versuchen unser Bildungssystem in Österreich zu verbessern, und sie haben sich am vergangenen Wochenende beim stEFFIE, dem Festival für innovative Bildung, getroffen. Das möchte ich auch. Ich entscheide, selbst aktiv zu werden.

Und was werdet ihr tun?

Bildquellen:

Christian Friesl: www.iv-net.at

António Damásio: wikipedia.org

Ken Wilber: integralesleben.org

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