Korb mit Obst und Gemüse Creative Commons CC0
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12. April 2016  /// Politik Schwerpunkt Ernährung

Die Ernährungswende oder das Politische im Essen (1)

(Dieser Artikel ist so ähnlich schon einmal im August 2015 bei uns erschienen. Im Rahmen unseres Ernährungs-Schwerpunkts  wollten wir diese spannende Reportage über bürgerbeteiligte Ernährungspolitik und Essens-Aktivismus noch einmal aufgreifen, weshalb Gastautor Wilfried Bommert aktuelle Entwicklungen dankenswerterweise noch ergänzt hat.)

Gastbeitrag von Wilfried Bommert

Bekannt geworden ist Valentin Thurn durch seinen Film „Taste the Waste“. Ein Skandalfilm über den alltäglichen Wahnsinn, mit dem ganze Paletten voller Pfirsichen, Körbe voller Brot, Wurst und Schinken, Butter und Joghurt in den Containern der Abfallwirtschaft landen. Auf Bauernhöfen, in Markthallen, Bäckereien, bei Schlachtern,  Restaurants, kein Ort an dem Lebensmittel geerntet, gelagert, verarbeitet oder verkauft werden ist frei von dieser „Ab in die Tonne“-Mentalität, auch private Küchen und Esstische nicht, sie alle sind Teil einer gigantische Verschwendung.

Über eine Million Kilo „gerettete“ Lebensmittel

Die Empörung über diese Kultur der Entwertung von Lebensmitteln trieb Valentin Thurn an. Das Unerträgliche beantwortete er mit der Internetplattform „foodsharing.de“. Dort versucht er seit 2013 all jene zusammen zu bringen, die Brot, Butter, Kohl, Kompott, Kartoffel, Salat oder Würstchen vor der Mülltonne retten wollten. Seither feiert die Tauschplattform wachsenden Zuspruch besonders in Studentenstädten, wo die Lebensmittelretter täglich die Supermarktlandschaft abfahren, auf der Suche nach Überfälligem. Von der Gründung 2013 bis Mai 2015, so die „Foodsharing“-Bilanz, wurden mehr als 1.413.000 Kilo Lebensmittel gerettet, täglich rund 10.000 Kilo Lebensmittel vor der Tonne bewahrt. Über 70.000 NutzerInnen registriert das Netzwerk, Tendenz weiter steigend.

Aber das reichte dem Filmemacher nicht. Mit seinen neuen Film „10 Milliarden, wie werden wir alle satt?“ stellt er das gesamte System unserer Ernährung auf den Prüfstand und fragt, ob und wie wir uns in Zukunft überhaupt noch sicher ernähren können. Seine Diagnose: das industrielle System der Land- und Ernährungswirtschaft wird es nicht schaffen, es steht vor einem multiplen Organversagen. In der Medizin ein Todesurteil, in der Welternährung nicht minder. Wer nicht warten will, bis die Vorräte geplündert und die Regale leer sind, so seine Botschaft, der muss eine neue Politik einstielen, vergleichbar mit der Energiewende eine Ernährungswende. Eine Neustart, der bei Bürgern beginnt, in Gärten, auf Balkonen, Dachterrassen, in Parks und auf Grünflächen, in Schrebergärten und auf den Bauernhöfen im Speckgürtel der Städte. Eine Bewegung von unten nach oben in die Stadträte und Verwaltungen.

Ernährung steht bislang nicht auf der Agenda der Städte.

Warum auch, haben wir nicht mehr als genug? „Falsch“, sagt Valentin Thurn. Wir wiegen uns in einer trügerischen Sicherheit. Spätestens seit 2008, seit der ersten Welternährungskrise in diesem Jahrhundert, sollten wir wissen, dass das zentrale Versprechen der Agrar- und Ernährungsindustrie unser Essen sei sicher, nicht mehr stimmt. Die Zivilgesellschaft muss sich selbst um ihre Ernährungssicherheit kümmern und ihre Nahrungskette im Lokalen neu organisieren. Seither setzt sich die Überzeugung durch, dass zukunftsfähige Ernährung Teil der Stadtpolitik werden muss, genauso wie Verkehr, Schule, Erholung und Gesundheit. Wie Wasser oder saubere Luft gehört sichere und gesunde Ernährung zur Alltagsfürsorge und damit zur Basis jeder kommunalen Verantwortung.

Davon ist auch Lukas Fesenfeld überzeugt. Er studierte Public Policy an der Hertie School of Governance in Berlin und gehört zu den Mitbegründern der Berliner Initiative „NAHhaft“. Gemeinsam mit Paula Voigt, die an der Hochschule Eberswalde Ökoagrarmanagement studierte und einem Dutzend Gleichgesinnter, zog er im März 2013 den Verein auf „NAHhaft“ auf. “Wir handeln lokal, für gesundes Essen, frisches Essen, gutes Essen natürlich nachhaltig” heißt ihr Credo. Sie wollen „Good Governance“ für die Ernährung der Städte und das heißt, dass das tägliche Brot und seine Sicherheit zum Pflichtenkatalog eines jeden Stadtrates und seiner Verwaltung werden soll. So wie in Nordamerika, wo das Thema mittlerweile zum selbstverständliche Teil der kommunalen Politik geworden ist. Nicht als Geschenk der Stadtoberen an ihre Bürger, sondern zunächst heiß erkämpft durch sogenannte „Food Policy Councils“. Genau das schwebt auch Lukas Fesenfeld für Berlin vor.

Regionale Mensen für 25.000 Studierende – zumindest zeitweise

Ein Greenhorn in Sachen Stadternährung ist er nicht mehr. Er und sein Verein „NAHhaft“ haben bereits ihr Gesellenstück abgeliefert. Die Mitglieder organisierten die studentische Nahrungskette neu. Mit dem Studentenwerk Berlin polten sie die Mensen der Stadt um auf ein ökologisches Konzept mit regionalen Zulieferern. 37 Kleinbauern und Biohöfe aus einem Radius von 180 Kilometer um Berlin herum lieferten, was der brandenburgische Boden hergab und die Mensaküchen brauchten. Statt Tiefkühl- und Fertigverpflegung stand nun Selbstgekochtes auf dem Speiseplan der Mensen und das, zumindest bei Gemüse, fast vollständig aus der Region. Gesundes Essen für 25.000 Studierende täglich. Die Aktion dauerte nur zwei Wochen. Aber sie war auch nur der Probelauf für einen ganz anderen Marathon.

Der begann 2014 im Stadtteil Marzahn und soll bis 2017 neue Maßstäbe für die Stadternährung in Berlin setzen. Nach dem Vorbild der nordamerikanischen „Food Policy Councils“ sollen die Bürger künftig mit entscheiden, wie die Stadt sich mehr und besser aus dem Umland versorgen kann. Das ist für Berlin keine ganz neue Forderung, zumindest nach den Recherchen der TAZ. Sie fand heraus, dass das Abgeordnetenhaus schon 2006 beschlossen habe, das bis 2015 rund 15 Prozent aller Lebensmittel in den öffentlichen Kantinen Berlins „Bio“ und/oder „Regional“ sein sollten. Und 2030, so der Beschluss, sollten es 30 Prozent sein. Obwohl sich die Stadtverwaltung selbst nicht mehr an den Beschluss erinnern kann, wollten die Protagonisten von „NAHhaft“ den Plan eines Ernährungsrates für Berlin in die Tat umsetzen.

Das Politische im Essen gärt in Berlin und Köln

Die Stadtregierung von Berlin hat in der Zwischenzeit die Idee durch einen eigenen „Rat für gutes Essen“ im September 2015 verwirklicht. Zusammen mit 30 VertreterInnen u.a. aus der Lebensmittelwirtschaft, dem Lebensmittelhandwerk und dem Handel moderiert „NAHhaft“ diesen  politischen Prozess. Parallel dazu regt sich die Bürgergesellschaft, auch sie will die Ernährung in die Stadtpolitik bringen, allerdings über die Bürger und ihr Engagement. Christine Pohl heißt der Kopf der zivilgesellschaftlichen Initiative. Am 22. April 2016 will sie den Traum von einem Bürgerrat für Ernährung in Berlin in die Tat umsetzen. Dann wird die Hauptstadt gleich zwei Treiber für eine Grunderneuerung der Stadternährung in Berlin haben.

Das Poltische im Essen gärt auch in Köln. Hier eher als Volksbewegung mit „Hetz“, wie der Rheinländer gerne das Zentrum seiner Gefühle nennt. Kurz nach Karneval, am 19. März 2015 quillt der Sitzungssaal 16 F43 des roten Rathauses in Köln Deutz aus allen Nähten. Hinter dem Treffen steht der Verein „Taste of Heimat“, gegründet und gefördert vom Filmemacher Valentin Thurn. Er will die Souveränität in Sachen Ernährung zurück in die Domstadt holen.

Bauern, Gastronomen, Naturschutzverbände gemeinsam für eine andere Stadternährung

Ein  Treffen mit Bodenhaftung. Dafür sorgen schon die anwesenden Bauern, die mit ihrer Skepsis gegenüber diesem neuen Weg der Ernährung nicht hinter dem Berg halten. Zwischen der Angst um die eigene Autonomie („da lass ich mir nicht reinreden“) und der Hoffnung auf einen neuen Markt, dessen Preise nicht von den Weltmärkten diktiert werden, und dem Wunsch nach mehr Achtung für das, was sie auf ihren Äckern groß ziehen, schwankt ihre Befindlichkeit. Nein, sie sind nicht alle bio, aber sie möchten ernst genommen und nicht für die Skandale der schwarzen Schafe ihrer Branche mit an den Pranger gestellt werden. Sie wollen ihre Ehre zurück. Und bei dieser Gründungsversammlung findet sich keiner, der ihnen das verwehren wollte, weder die Gastronomen, Caterer, Geschäftsinhaber, noch eine neue Genossenschaftsmolkerei, eine „Ackerdemie“, die Äcker für Schulen organisiert und schon gar nicht die anwesenden Naturschutzverbände. Alle setzen auf „dat Jute“ („das Gute“) im Gegenüber. Darauf, dass sie der Kölner Ernährungslandschaft ein anderes Gesicht verleihen können. Und darauf, dass sie dazu den Rückhalt der Politik bekommen werden.

Mittlerweile haben sie ihn bekommen. Die neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat sich an die Spitze der Bewegung gesetzt. Am Montag, den 7. März 2016 hob sie mit Valentin Thurn den Ernährungsrat für Köln und Umgebung feierlich aus der Taufe. Vorbereitet hat diese Gründung Dr. Rosi Hoeppner
 vom Amt für 
Umwelt- und Verbraucherschutz. Sie gilt als strategische Kämpferin für ein grünes Köln. „Schad dröm“ heißt ihre Kampagne, mit der sie versucht die Herzen der Rheinländer zu erreichen, wenn es um darum geht weniger Lebensmittel in die Tonne zu werfen. Dass die Bürger jetzt mehr wollen, dass es um das ganze Ernährungssystem der Stadt geht, fällt bei ihr auf fruchtbaren Boden. Ein Ernährungsrat für Köln, als politischer Kopf der Bewegung, schreckt sie nicht. Schließlich liegen in den Küchen und Kantinen der Stadt große Potenziale wenn es um Klima, Wasser und Energie geht.

Auch wenn der „Halwe Hahn“ in Köln kein Hähnchen sondern eine Käsebrötchen ist, der leidenschaftliche Fleisch- und Wursthunger belasten die Umweltbilanz der Stadt ebenso wie die Intensivlandwirtschaft von ihren Toren. Autobahnen, Siedlungen und Gewerbeflächen: der ungebremste Bauwille vernichtet immer mehr von den fruchtbaren Äckern im Umkreis des Doms. Köln wächst. Doch der Konflikt um dieses Wachstum hat bisher keinen Ort. „Et küt wie et küt“, sagt der Kölner, wenn er meint, da sei sowieso nichts zu ändern. Aber gerade das könnte sich nun ändern. Wenn die Ernährung der Stadt zum Teil der Stadtpolitik gemacht wird, dann müsste sie auch bei der zukünftigen Flächennutzung einbezogen werden. Da tut sich Neuland auf, nicht nur in Köln.

In Teil 2 berichtet Wilfried Bommert morgen, was sich jenseits des Atlantiks in Nordamerika in Sachen „Food Policy Councils“ alles tut.

Zur Person

im Oberbergischen geboren (Jahrgang 1950) studierte Agrarwissenschaften in Bonn und ist seit 1979 Journalist im WDR. Als Leiter der ersten Umweltredaktion im WDR-Hörfunk beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Themen Gentechnik, Klimawandel, Welternährung und Bevölkerungswachstum.
Er ist Vorstand des „Institut für Welternährung / World Food Institute“. Dieses soll die Lage der Welternährung analysieren, kommunizieren, ihre Stakeholder beraten, ihre Projekte evaluieren und koordinieren. Das Institut bündelt das vorhandene Wissen zur Welternährung und entwickelt daraus Prognosen und Konzepte.

www.wilfried-bommert.de
www.institut-fuer-welternaehrung.org/

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