6. August 2015  /// Bewegung Gesellschaft

Die Kälberschlacht

„Kälberschlachten im Mutterleib“ – wird das in Österreich gemacht? Auf eine N21-Anfrage erklärte uns das Landwirtschaftsministerium,  dass diese Praxis in Österreich kein Thema sei. Es gebe keinerlei Hinweise für eine solche Praxis. Eine weiterführende schriftliche N21-Anfrage an die Mitglieder des Österreichischen Tierschutzrates läuft zur Zeit noch. Zwei Antworten liegen der Redaktion inzwischen vor.

Was ist die Aufgabe des Tierschutzrates? Die Homepage des Bundesministeriums für Gesundheit sagt dazu folgendes: Der aus 17 Mitgliedern bestehende Tierschutzrat hat die Aufgabe, Fragen des Tierschutzes zu Begleitung, Evaluierungen vorzunehmen und an der rechtlichen Weiterentwicklung des Tierschutzes in Österreich mitzuwirken. Seine Aufgabe ist nicht nur die Beratung des zuständigen Bundesministers, er soll auch die Grundlagen für eine einheitliche Vollziehung des Tierschutzrechts schaffen, die Implementierung des Tierschutzrechts evaluieren und an der Weiterentwicklung der rechtlichen Grundlagen mitwirken. Der Vollzug des Tierschutzes liegt bei den Bundesländern.

Univ. Prof. D. I. Dr. Christoph WINCKLER, von der Universität für Bodenkultur war so freundlich, auf unsere Anfrage in der Sache mit einer persönlichen Einschätzung und dem Verweis auf eine umfangreiche Studie zu antworten. Er geht davon aus, dass die Praxis des Schlachtens trächtiger Kühe möglicherweise in Österreich ein weniger großes Problem ist. Allerdings ist er sich sicher, dass in Österreich trächtige Kühe geschlachtet werden. Dies sei ihm von Schlachthofveterinären des Öfteren berichtet worden. Da es keine Untersuchungen für Österreich gibt, und damit keine konkreten Zahlen, könne man das Problem schwer beziffern. Ohne Zahlen aber – so die Auskunft des Landwirtschafsministeriums – gibt es kein Problem.

Bleiben wir also noch einmal bei den Fakten

In der Tierärztlichen Umschau 66 aus 2011 werden die Ergebnisse einer breit angelegten Studie veröffentlicht, in der drei Institute, ein Landratsamt und ein Team von acht Wissenschaftlern, gemeinsam die Situation in Europa untersucht haben. Das Ergebnis ist leider eindeutig. In allen europäischen Ländern, die untersucht wurden, ergaben die Befragungen der Schlachthöfe, dass das Schlachten trächtiger Kühe leider keine Ausnahme ist. Die Zahl der Kühe, die trächtig geschlachtet werden, dürfte zwischen 5 % und 26 % liegen. Im Vereinigten Königreich war sie am höchsten. Im Durchschnitt lag die Zahl bei 10%. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass diese Praxis leider eine traurige Normalität ist, an der die Veterinäre, die dies in den Schlachthöfen eigentlich verhindern sollten, aber nichts ändern können, weil die Gesetzeslage nicht eindeutig genug ist.

Jenseits aller ethischen Aspekte – auf die gesondert einzugehen ist – ist diese Praxis rein rechtlich ein Problem, weil:

  • der Transport hochträchtiger Kühe oder kranker Kühe verboten ist. Dies ist deshalb relevant, weil zu vermuten ist, dass ein Teil der Kühe trächtig geschlachtet werden, weil sie unter einer Euterentzündung leiden. Eine Krankheit, die Begleiterscheinung einer Züchtung ist, die aus Kühen Hochleistungsmilchproduktionsmaschinen macht, über deren Existenzberechtigung Exceltabellen entscheiden, die auf Input-Output Analysen beruhen.
  • das Tierschutzgesetz eigentlich regelt, dass Tieren kein überflüssiges Leid angetan werden darf und sie ein Recht auf einen „guten Tod“ sprich – Betäubung haben. Dieser Punkt ist relevant, weil die ungeborenen Kälbchen bisher nicht unter Tierschutz stehen. Dies wird von vielen als eine Gesetzeslücke angesehen, weil es immer mehr Untersuchungen gibt, die darauf hinweisen, dass natürlich auch und womöglich sogar gerade Föten (vor allem wenn sie schon lebensfähig sind) eine erhöhte Schmerzempfindung haben.

Untersucht wurden nicht nur die ethischen Aspekte des Schlachtens trächtiger Kühe, sondern auch die Risiken, die sich für den Verzehr des Fleisches trächtiger Kühe ergeben. Vor der Aufnahme von Hormonen mit der Nahrung wird nämlich begründet gewarnt. Die Autoren der oben zitierten Studie kommen zu folgendem Schluss: „Es steht außer Frage, dass jeder Eintrag von Steroidhormonen und insbesondere der Eintrag des karzinogen Ostradiol-17β in die Nahrungskette überaus kritisch bewertet werden muss, da für die fraglichen Substanzen zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder eine zulässige Tagesdosis festgesetzt, noch eine quantitative Risikoabschätzung hinsichtlich der alimentaren Exposition des Verbrauchers vorgenommen werden kann (SCVPH,2002; 2000; 1999).“ Dies bedeutet: Den Autoren ist keine Konzentration bekannt, die so niedrig ist, dass man sicher sein kann, dass sie NICHT krebserregend ist.

 

Persönlicher Kommentar von Autorin Christine Ax dazu:

Tu Felix Austria! Wie schön wäre es, könnte man der Einschätzung des österreichischen Landwirtschaftsministeriums glauben und sagen: „Schade, dass es überall in Europa dieses Problem gibt. Aber weil wir für Österreich keine Zahlen haben, passiert es bei uns nicht. Sollen doch die anderen Länder ihre Gesetze ändern, Kontrollen einführen und das Tierschutzproblem lösen. Wir gehen davon aus, dass es das bei uns nicht gibt. Drum müssen wir uns auch nicht kümmern.“ Als Nichtjuristin kann ich nicht beurteilen, ob ein solches Verhalten eine rechtskonforme Haltung ist – angesichts der recht eindeutigen Gesetzeslage (Transportverbot, Tierschutzgesetz) und der extrem hohen Plausibilität, ist eine Praxis, die überall in Europa nachgewiesen ist, vermutlich auch in Österreich ein Problem. Dass es bisher „kein Thema“ war, ist schon erstaunlich genug, angesichts der Tatsache, dass nicht nur in Deutschland die Grünen und die Naturschützer und Tierschützer dieses Thema immer wieder auf die Agenda gesetzt haben. Aber möglicherweise  finden die Tierschutz-Verantwortlichen ja diese Praxis auch gar nicht so schlimm. Dann muss man auch nichts unternehmen. Doch halten wir noch einmal Folgendes fest: Die Föten, und darunter viele lebensfähige Kälbchen, ersticken. Und ich behaupte qualvoll. Sie werden wie Abfall behandelt oder vielleicht sogar (wer weiß) lebend ausgeschlachtet. Denn das SERUM, das ihren schlagenden Herzen entnommen wird, erzielt auf dem Markt für FETAL BOVIN SERUM (FBS) einen sehr hohen Preis. Alleine diese Substanz ist wertvoller als der Preis für ein Kalb. Womit nicht gesagt werden soll, dass man hier von einem Zusammenhang ausgehen muss. Wohl aber, dass das Thema des Schlachtens trächtiger Kühe nicht die einzige Praxis ist, die ich für Tierquälerei halte. Zum Thema FBS in Kürze mehr.

Stellt sich also die Frage, ob es nicht nur in ganz Europa ein Problem gibt, sondern möglicherweise  auch in Österreich.

Mitglieder des Tierschutzrates

N21-Artikel: Das Schlachten trächtiger Kühe soll endlich verboten werden

2 Antworten zu “Die Kälberschlacht”

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.