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13. August 2015  /// Bewegung Leben Ressourcen Umwelt

Die Ressourcen sind aufgebraucht!

Es ist wieder soweit. Wie jedes Jahr warnen Umweltorganisationen vor einer übermäßigen Nutzung natürlicher Ressourcen. Der „Welterschöpfungstag“ (Earth Overshoot Day) fällt heuer auf den 13. August. Das ist rein rechnerisch der Tag, ab dem der ökologische Fußabdruck der Menschheit die Biokapazität der Erde übersteigt. „Die Menschheit entnimmt damit mehr Ressourcen aus der Natur, als diese jährlich erneuern kann, und hinterlässt mehr Treibhausgase, als die Erde nachhaltig verkraften kann“, so die Umweltschutzorganisationen WWF, GLOBAL 2000 und Greenpeace. Deutschland, Österreich oder die Schweiz leben schon seit April über ihre Verhältnisse.

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Mathis Wackernagel (© Borje Müller Fotografie)

Auch wenn die konkrete Berechnungsmethode umstritten ist – wie immer man rechnet: im Prinzip kommen alle einschlägigen Konzepte, der ökologische Rucksack wie der Fußabdruck, Carbon oder Water Footprint, zum gleichen Ergebnis. Der Ressourcenverbrauch westlicher Gesellschaften liegt bis zu 10-mal über dem, was langfristig ein gutes Leben, aber auch erfolgreiches Wirtschaften ermöglicht.

„Die Rechnung ist einfach. Wir haben heute 1.7 produktive Hektar pro Kopf auf der Welt – die Bevölkerung mag wohl auf 10 Milliarden anwachsen, und die wilden Tiere wollen ja auch noch was. Damit ist das längerfristige pro Kopf Budget wahrscheinlich unter einem Hektar. Der nordeuropäische Durchschnitt liegt mit 5 Hektar beim 5-fachen dessen, und in einigen Ländern bis zum zehnfachen“, sagt Mathis Wackernagel, Präsident des Global Footprint Network und Erfinder des „ökologischen Fußabdrucks“ zu N21.

„Diese Überbeanspruchung des Planeten zeigt sich schon heute in geplünderten Meeren, vernichteten Urwäldern, kaputten Böden, schwindender Biodiversität und allen voran im Anstieg des CO2 in der Atmosphäre. Dies ist der Beginn eines gefährlichen Teufelskreises, da der Klimawandel selbst wiederum Boden, Wälder, Meere und Artenvielfalt gefährdet“, warnt Barbara Tauscher vom WWF.

Aber Wackernagel meint auch, dass es anders geht: „Ein gutes Leben ist nicht nur auf großem Fuß möglich, denn es untergräbt die Stabilität, von der ein gutes Leben abhängt.  Zudem braucht das Beste am Leben oft Zeit, aber nicht unbedingt viele Ressourcen  – spielen mit Kindern und Freunden, relaxen, wandern oder radeln, gemütliches mediterranes Kochen. Diese wunderbarste Zeit wird oft zugunsten eines höheren Einkommens und damit Konsumniveaus geopfert. Wir brauchen aber auch eine Politik, die die richtigen Rahmenbedingungen setzt – z.B. die Arbeit steuerlich entlastet und den Ressourcenverbrauch teurer macht.“

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Wolfgang Pekny (privat)

Wolfgang Pekny zieht im N21-Interview einen Vergleich mit den derzeit so heftig diskutierten Staatsschulden. „Wir haben noch nie etwas an die Natur „zurückgezahlt“. Das summiert sich allein in unserem Jahrtausend auf etwa 10 Jahre, die wir an Ökoschuld angesammelt haben”, sagt Pekny, Gründer und Geschäftsführer der Plattform Footprint.

Was bedeutet Overshoot?

Pekny: Erstmals in der Neuzeit könnte die Generation unserer Kinder schlechtere Zukunftschancen haben als ihre Eltern. Ressourcenknappheit, Klima-, Hunger- und Finanzkrisen sind dabei Symptome des gleichen Phänomens: Der Planet Erde ist für die Wirtschaftsformen und Lebensweisen der „Global Consumer Class“ schlicht zu klein geworden.

Wir verschulden uns bei der Natur?

Nach unseren Berechnungen kann man sagen, dass sich das jährliche Defizit zu einer ökologischen Gesamtschuld von etwa 3700 Tagen (das sind 10 Jahre!) Ökoschuld angesammelt hat.
Die Menschheit als Ganzes hat in den letzten 45 Jahren somit Öko-Schulden in der Höhe von 1000% angesammelt.

Zusätzlich zur Staatsverschuldung…

Der Vergleich mit ökonomischer Verschuldung drängt sich auf: Griechenland  hat finanzielle Gesamtschulden in der Höhe von 180% des jährlichen Bruttoinlandsproduktes.
Um diese Schulden vollständig zu tilgen, bräuchte es also die nationale Wirtschaftsleistung von 1,8 Jahren.
Um die Ökoschulden der Menschheit zu tilgen, braucht es dagegen bereits die globalen Ökosystemleistungen von 10 Jahren!

Wie soll das gehen?

Die prinzipielle Herausforderung ist ähnlich. In beiden Fällen geht es darum, das Defizit langfristig auszugleichen. Bei der notwendigen Wiederherstellung einer Balance ist eine zentrale Frage, wieviel der Biokapazität bzw. Wirtschaftsleistung kann/soll zur Rückzahlung der Schulden eingesetzt werden, ohne dass dadurch das Gesamtsystem in eine andere Richtung destabilisiert wird?

Sind wir auf diesem Weg?

Der westliche Diskurs in Verbindung mit Konzepten von „Sicherheit“ tendiert in die (fatale) Gegenrichtung einer strategischen Geopolitik natürlicher Ressourcen, während es im Süden vor allem um Nahrungssicherheit, um ein Menschenrecht auf Wasser, um Landrechte für indigene Völker, um Protest gegen Mega-Staudämme, gegen die Patentierung genetischer Ressourcen, gegen „landgrab“ geht.

Was können wir dagegen tun?

Zukunftsorientierte Gesellschaften sollten danach streben, Lebens- und Wirtschaftsformen zu entwickeln, wie wir sie uns auch für alle anderen wünschen. Die Generation unserer Kinder ist die erste, die auf diese Weise global denken muss – und vermutlich die letzte, die eine Chance hat, dies in Frieden zu tun.

Zurück in die Höhle?

Nein. Wir stecken also inmitten einer Zeitenwende. Dabei gilt es zu begreifen: Der friedliche Weg „zurück in die Steinzeit“ ist ausgeschlossen. Es gibt nicht genug Höhlen für bald neun Milliarden Menschen! Für diese „Next Great Transition“ muss das gesamte Innovationspotenzial der Menschen mobilisiert werden: Gefragt ist ein kluges Zusammenwirken technologischer, sozialer, persönlicher und (wirtschafts)politischer Veränderungen, eben ein „Fortschritt der Menschheit“ im eigentlichen Sinn.

Neue Technologien können uns retten?

Wir verstehen Fortschritt nicht nur in der allseits gepriesenen Komponente Innovation, sondern auch in Exnovation, der Fähigkeit, Dinge, Haltungen und Gebräuche auch wieder aufzugeben, wenn sie sich als irrig erwiesen haben. Dieser erweiterte Fortschrittsbegriff ist auf zumindest drei Ebenen anzuwenden:

  • technologischer Fortschritt (Effizienz, erneuerbare Rohstoffe, geschlossene Kreisläufe …)
  • sozialer Fortschritt (Wohlstand teilen, Kooperation statt Konkurrenz)
  • menschliche Reifung (Die Frage „Wann ist genug genug?“ muss in reifen Volkswirtschaften gestellt werden).

Nur mit Fortschritt in seiner breitesten Definition wird die Menschheit ihren – bis auf weiteres einzigen – Planeten in eine „faire Welt“ umgestalten können. Die große Aufgabe des 21. Jahrhunderts lautet daher: Messen – Verstehen – Handeln.

You can’t manage what you can‘t measure?

Für jede Branche, jedes Produkt, jede Dienstleistung ist es möglich, den Beitrag zum Ressorucenverbrauch zu messen, und für die meisten ist es möglich, den Footprint auch drastisch zu verkleinern. Das Fassbar-Machen der globalen „Wirkung auf die Welt“ ist die beste Voraussetzung für das Begreifen der zukünftigen Rolle des eigenen Konsums, des eigenen Unternehmens und der eigenen Branche auf dem begrenzten Raumschiff Erde.

 Ressourcen-Ökonomie als Ausweg?

Jedes Produkt, jede Dienstleistung, jede Form von Energie beansprucht Ressourcen und verursacht Emissionen. Auch wenn die quantitativen Zusammenhänge heute noch nicht vollständig erfasst sind, so besteht doch eine direkte physikalische Korrelation. Entsprechend kann jedem Produkt und jeder Dienstleistung ein Ökologischer Rucksack oder Footprint punktgenau zugeteilt werden.

Bei Kenntnis der Verfügbarkeit von Ressourcen, beziehungsweise der Limits der Belastung der globalen Ökosysteme, sollten sowohl die Ressourcen-Entnahmen als auch die Emissionen pro Jahr auf ein dauerhaft verträgliches Maß (carrying capacity) begrenzt bleiben.

Diese „global allowance“ (globaler Ressourcennutzungsanteil) könnte dann in ein internationales gesetzliches Regime einfließen, ein Weg, der seit 1992 für klimarelevante Gase angestrebt wird.

Um welche Größenordnung geht es dabei?

Rechnet man die Bevölkerungsentwicklung mit ein, muss der globale Ressourcenverbrauch in etwa halbiert werden. Für eine durchschnittliche Österreicherin bedeutet das, dass ihr Ressourcenverbrauch die „global allowance“ um das 10-fache übersteigt. Das predigt etwa der deutsche Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek seit beinahe 20 Jahren.

Und nun?

Das ist eine ethische Frage. Wir könnten die „global allowance“ auf alle Passagiere im Raumschiff Erde fair aufteilen. Dies ist die Grundidee der Ressourcenökonomie: Der Umgang mit begrenzten Ressourcen und Senken wird dabei der jeweiligen Eigenverantwortung der Konsumierenden überlassen. Jahr für Jahr neu abgeschätzt und dem Vorsorgeprinzip entsprechend abgesichert, könnten die vorhandenen Ressourcen zu Jahresbeginn zugeteilt und auf einer „Ressourcen-Card“ gutgeschrieben werden. Jede Aktivität müsste fortan nicht nur in Geld bezahlt werden (dieses kann als Anerkennung für menschliche Arbeit oder Leistung bestehen bleiben), sondern auch mit Ressourcenpunkten gedeckt sein.

Ist das wirtschaftlich?

Ja! Die kostenoptimierende Natur des Menschen und die Kraft eines funktionierenden Marktes werden dafür sorgen, dass alle nicht-ressourcen/emissions-optimierten Güter und Dienstleistungen verschwinden. Kein Konsument wird bereit sein, seine oder ihre sehr begrenzten Ressourcenpunkte einem Erzeuger nachzuschmeißen, der weniger effektiv produziert als die Mitbewerber.

Keine andere Maßnahme könnte die Eigenverantwortung der KonsumentInnen besser fördern und zugleich wirksame Anstöße zu Innovationen in Richtung Ressourcen-Effizienz geben.

Als Fernziel steht eine weltweite Ressourcenwirtschaft mit globalen, handelbaren Per-Capita Ressourcenzuteilungen ganz oben auf der Liste der Visionen. Personenbezogene Ressourcenzertifikate können dabei wie eine „unsichtbare Hand“ wirken und den Rahmen für eine Welt abstecken, in der globaler Wettbewerb fast automatisch zu einem verallgemeinerbaren „One-Planet“-Lebensstil führt.

Zur Person

Wolfgang Pekny, 59, ist Urgestein der Ökologiebewegung, Greenpeace-Veteran, Gründer und Geschäftsführer der Plattform Footprint, Mitbegründer der Forschergruppe Netzwerk-Footprinting und Unternehmer mit seiner Unterlassungsberatung footprint-consult e.U.

 

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