Walter Mathes
Bild: Walter Mathes
5. September 2015  /// Leben Wölfin

Die Wölfin – Alles auf Schiene

Ratam, ratam, ratam: das Rattern der Zugräder auf den Schienen wäre wunderbar dazu geeignet, mich in den Schlaf zu lullen – wäre da nicht die harte Liege unter mir. Ich befinde mich in einem Liegewagen des Nachtzuges von Wien nach Hamburg und starre seit gefühlten zwei Stunden auf das Bett über mir. Damenabteil? Hatte der nette ÖBB-Mitarbeiter mich beim Reservieren der Tickets gefragt. Da ich diesmal mit meiner Tochter unterwegs bin, stimmte ich zu. Die junge Frau, die außer uns im Abteil ist, schläft längst, während ich mich auf meiner Liege herumwälze. Die Wolldecke, die eigentlich zum Zudecken gedacht ist, habe ich mir zwecks größerem Liegecomfort unter mein Leintuch geschoben. Jetzt liege ich zwar weicher, dafür friere ich. Im Abteil nebenan haben ein paar Jugendliche eine Menge Spaß.

Ich denke an die vielen Bahnfahrten, die ich bereits hinter mir habe, viele davon im Nachtzug. Früher war es mir egal, ob ich nur einen Sitzplatz hatte, auf dem ich es mir gemütlich machte, oder ein Bett zum Schlafen. Damenabteil? Das gab es bis vor wenigen Jahren nicht, und es war auch einerlei, mit wem ich das Abteil teilte – nicht selten waren Schnarcher darunter oder stinkende Füße. Die junge Frau über mir schnarcht auch gerade leise vor sich hin, meine Tochter gibt keinen Mucks von sich.

Bahnfahren – vor allem mit Kindern – hatte für mich immer etwas von einem Abenteuer. Hin und wieder war es anstrengend, manchmal auch nervenraubend, aber beim Gedanken an eine stundenlange Autofahrt, bei der zwei quengelnde Kinder am Rücksitz bei Laune gehalten werden müssen, zog ich das Bahnfahren immer vor. Denn das hatte unschätzbare Vorteile: Im Zug können Kinder sich frei bewegen und sind nicht mit einem Gurt fest geschnallt. Wenn die Nerven blank lagen, konnte ich den Sitzplatz oder auch gleich den Wagen wechseln und vielleicht sogar im Speisewagen einen Entspannungsdrink zu mir nehmen. Zumindest so lange, bis mein Mann in der Tür stand und ebenfalls einen Drink einforderte. Mittlerweile sind meine Kinder alt genug, um sich selbst zu beschäftigen und umso entspannter sind unsere Zugfahrten geworden. Wenn ich alleine mit der Bahn unterwegs bin, liebe ich es, beim Fenster hinaus zu sehen und meine Gedanken schweifen zu lassen oder Unmengen an Büchern zu lesen. Und mich im Nachtzug vom Rattern der Räder in den Schlaf lullen zu lassen – oder auch nicht.

Denn ich liege immer noch wach, mittlerweile mit kalten Füßen. Also stehe ich auf, um im Dunkeln nach meinen Socken zu suchen und lege mich wieder hin. Der Zug bleibt mit quietschenden Reifen stehen und eine Horde von grölenden Deutschen steigt ein. Ich habe mich immer schon gefragt, weshalb Menschen, die mitten in der Nacht in einen Zug steigen, sich benehmen, als wären sie stockbesoffen (vielleicht sind sie es ja auch). Als endlich Ruhe einkehrt, bin ich so müde, dass ich einschlafe – um wenig später vom Zugebegleiter mit den fröhlichen Worten geweckt zu werden: „Guten Morgen, Frühstück!“

(Auf der Rückfahrt von Hamburg von Wien konnte ich dann zum Glück besser schlafen. Die Besoffenen blieben zuhause und der Zugbegleiter hatte eine zweite Decke für mich).

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