Walter Mathes
Bild: Walter Mathes
5. Oktober 2015  /// Leben Wölfin

Die Wölfin – Besser geht’s nicht

Neulich, als ich mit meiner Familie einen Badenachmittag verbrachte, überkam mich eine satte Zufriedenheit. Ich beobachtete meine Tochter dabei, wie sie selbstvergessen im See planschte und wusste, dass es das ist, was mein Leben lebenswert macht. Gleichzeitig dachte ich an den Artikel, den ich am Vormittag abgeliefert hatte, und mir wurde klar, dass das Eine ohne das Andere nur halb so viel wert wäre. Ich spürte große Dankbarkeit dafür, dass es mir gelungen ist, zwei Leben zu vereinbaren – als Mutter und als erfolgreiche Journalistin.

Es wird ja viel geschrieben und diskutiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und immer öfter fällt die Behauptung, dass sie nicht machbar sei. Ich behaupte das Gegenteil: Ja, es ist machbar, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. In meinem Fall funktioniert es, weil ich einen Mann an meiner Seite habe, dem es genauso wichtig ist wie mir, seine Zeit auf Arbeit und Familie aufzuteilen. Es ist möglich, weil wir beide selbständig sind und unsere Arbeitszeit selbst einteilen können. Und es funktioniert vor allem deshalb, weil wir uns nicht nur Kinderbetreuung und Haushalt aufteilen, sondern auch das Familieneinkommen. Denn Halbe-Halbe sollte sich nicht darauf beschränken, den Mann an seine Pflichten im Haushalt zu erinnern, sondern vielmehr eine Chance für beide Elternteile bedeuten, mehr Verantwortung zu übernehmen: er für die Kinder, sie für das Geld.

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten, sondern kann auch funktionieren, wenn beide sich ihre Zeit so einteilen, dass genügend davon für die Famile und Freizeit bleibt. Im Idealfall würde das bedeuten, dass die Arbeitswelt sich endlich an veränderte Bedürfnisse von heutigen Eltern anpasst und es Männern leichter macht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder in Karenz zu gehen. Und den Frauen nicht nur schlecht bezahlte Teilzeitjobs bietet, sondern andere Möglichkeiten, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Familienrechtsexpertin Dr. Helene Klaar meint dazu: „Es sollte für Eltern eine Dreißig-Stunden-Woche geben. Dann könnten sich beide Elternteile um die Kinder und den Haushalt kümmern und gleichzeitig ihren Berufen nachgehen. Das größte Problem für die Familien ist die kapitalistische Produktionsweise. In Wirklichkeit kann niemand 40 Stunden oder mehr arbeiten und sich gleichzeitig um die Kinder kümmern, ohne Verlust jeglicher Lebensqualität.“

Bis dahin scheint es ein weiter Weg zu sein. Und auch bei mir dauerte es lange, bis ich in meiner Partnerschaft Verantwortung für die gemeinsamen Finanzen übernahm. Ich hasste zwar das Gefühl, abhängig zu sein, war latent unzufrieden, nahm das aber lange Zeit in Kauf. Teils aus Bequemlichkeit, teils wegen mangelnder beruflicher Perspektiven. Und auch heute ist es nicht so, dass die Aufteilung zwischen meinem Mann und mir immer reibungsfrei abläuft. Denn es geht ja nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch um die Arbeit im Haushalt, um Freizeit, Sport, Freunde und die Zeit, die wir als Paar verbringen wollen. Und dann wären da noch die Auszeiten, die jeder von uns in regelmäßigen Abständen für sich einfordert. Da kann es schon passieren, dass die Frage, wer mit dem Einkaufen dran ist, in einen Machtkampf ausartet. Und in hitzige Diskussionen darüber, wer sich mehr im Haushalt einbringt. Manchmal helfen dann nur noch ausgefeilte Entspannungstechniken, oder aber die hilfreiche Gabe, Prioritäten zu setzen und großzügig über die Staubschicht im Wohnzimmer hinwegzusehen.

All die Strapazen und Differenzen sind jedoch vergessen, wenn ich mir des Privilegs bewusst werde, all das zu haben, was ich mir immer gewünscht habe: zwei wunderbare Kinder, einen Beruf, den ich liebe, ein erfülltes Leben. Besser geht’s nicht.

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