8. Juli 2016  /// Bewegung Gesellschaft

„Dramatisch falsch informiert“ (2)

Wird über die „Große Transformation“, den grundlegenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit, in den Medien zu wenig berichtet? Darüber diskutierten Ende Juni auf der Berliner Wannsee-Insel Schwanenwerder die Teilnehmer der Konferenz „Blackout Planet. Die Große Transformation und das Schweigen der Medien“. Teil 1 dieses Artikels finden Sie hier.

Weniger Tiefgang im Journalismus

Joachim Wille, ehemaliger Umweltredakteur der „Frankfurter Rundschau“, und Dagmar Dehmer, die im Berliner „Tagesspiegel“ die Umweltthemen betreut, gaben konkreten Einblick in die „Produktionsbedingungen“ auf Presseseite. Das Umweltressort, so Wille, habe in den letzten 40 Jahren mehrere Wellen durchlaufen, vom erfolgreichen Anschreiben gegen das Waldsterben Anfang der 80er Jahre bis zum Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels 2009: „Da wollte ich meinen Beruf an den Nagel hängen“. Die heutige Umweltberichterstattung fand Wille zu aktualitätsfixiert: „Es gibt immer weniger Texte, die in die Tiefe gehen“.

Dagmar Dehmer schnitt das Glaubwürdigkeitsproblem an, dem sich auch viele Qualitätsmedien ausgesetzt sehen. Durch die sozialen Medien gebe es immer mehr fragmentierte Öffentlichkeiten, die aber nicht bereit seien, sich gegenseitig auszutauschen: „Ich merke eine große Unlust, sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen“, stellte Dehmer fest. „Das hat Folgen für die Art, wie wir arbeiten“. Zu Umweltthemen fehlten außerdem junge AutorInnen: „Ich merke, dass der journalistische Nachwuchs nicht wild auf das Thema ist, selbst wenn man sich privat im Öko-Bereich engagiert, aber darüber zu schreiben: Keine Lust“.

Martin Jänicke, einstiger Gründungsdirektor des Forschungszentrums für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin (FU), sah angesichts des tiefgreifenden Medienwandels die Notwendigkeit, dass sich auch die Politik mit der Sachlage beschäftigen müsse. Dem Qualitätsverfall des Journalismus könne bei seiner Bedeutung für die Demokratie nicht nur von einzelnen Journalisten und Pressetiteln Paroli geboten werde. Jänicke: „Eine generelle Medienreform ist nötig“. Konkret schlug der Umwelt-Professor die Einrichtung einer Enquete-Kommission zur Erarbeitung von Vorschlägen vor. Einer könnte darin bestehen, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz nur solchen Medien mit einem bestimmten Qualitätslevel zuzuerkennen. Jänicke: „Wir müssen die Reform der Medien auf die Tagesordnung setzen, sonst wird es schwer für zukunftsbewusstes Handeln in unserem Land“.

Reaktivierung der Agenda21-Prozesse

In der abschließenden politischen Diskussionsrunde, an der auch die SPD-Bundestagesabgeordnete Daniela De Ridder teilnahm, forderte der Vorsitzende des Bundes für Natur und Umwelt Deutschland (BUND), Hubert Weiger, eine stärkere Unterstützung für Ansätze einer transformativen Wissenschaft. Die Ansätze nach dem WBGU-Gutachten, etwa der Transformationskongress 2012 oder die Einrichtung der zivilgesellschaftlichen Plattform „Forschungswende“, seien steckengeblieben oder hätten nicht die erhofften Erfolge gebracht. „Wir haben es weder geschafft, in unseren Umweltorganisationen eine Innendebatte in Gang zu bringen, noch die Gesellschaft mit unseren Zielen zu erreichen“, räumte Weiger selbstkritisch ein. Dies habe auch damit zu tun, dass den Transformationsansätzen in den letzten Jahren massiver Gegenwind ins Gesicht geblasen habe, etwa beim Abwehrkampf gegen das Erneuerbare Energien-Gesetz, beim Kohleausstieg oder bei der Verhinderung der Agrarwende.

Der Prozess der Großen Transformation verlangt nach Ansicht Weigers jetzt den Wechsel zu verstärkten Aktionen und Bündnissen vor Ort. So etwa in der Lausitz: „Es ist ein Treppenwitz, dass wegen 7000 Kumpel in der Lausitz die schlimmsten Kohlekraftwerke noch immer nicht vom Netz gehen können“, kritisierte Weiger. Dort müssten aber zugleich Anstrengungen für alternative Arbeitsplätze ergriffen werden. „Wir brauchen beides: Konzepte für Umwelt und Arbeitsplätze“, sagte der BUND-Vorsitzende.

„Wir müssen die Akteure vor Ort zusammenbringen und weit in die Gesellschaft hineinwirken“, forderte Weiger. Eine Chance sei in der Reaktivierung der Agenda21-Prozesse, die nach dem Erdgipfel von Rio 1992 mit einer kommunalen Transformationsarbeit begonnen hätten. Als Beispiel für einen solchen Prozess könne Schweinfurth angesehen werden. Die bayerische Mittelstadt sei wirtschaftliche stark von der Automobilindustrie abhängig, weshalb es bereits lokale Diskursprozesse über alternative Entwicklungspfade gebe. Weiger: „Das ist ein spannender, aber auch mühsamer Prozess der Vertrauensbildung vor Ort“. Doch der – gute – Wandel komme nicht von selbst. „Transformation heißt auch, dass es Verlierer gibt, und das sind nicht die Schwächsten im Land“, schätzte der BUND-Vorsitzende ein. Das bedeute: „Wir brauchen völlig neue Formen der Zusammenarbeit“.

Kommunikation am „Dritten Ort“

Als „Location“ für diese neue Kooperation hatte der Direktor des Berliner Hauses der Zukunft, Reinhold Leinfelder, das Konzept des „Dritten Ortes“ eingebracht. Im Unterschied zu den beiden ersten Orten, dem Wohnraum mit seiner Privatsphäre, und dem zweiten Ort des Arbeitens, die beide relativ geschlossen sind, folgt der „dritte Ort“ dem Gedanken der Öffentlichkeit, in der Individuen als Gesellschaft zusammenkommen. An diesen Orten solle die Kommunikation im Mittelpunkt stehen. Die Besonderheit dritter Orte besteht darin, dass sie offen und inklusiv sind, soziale Unterschiede aufheben, wechselseitige Hilfeleistung ermöglichen, eine spielerische Note haben. Als mögliche Dritte Orte nannte Leinfelder Museen, Bibliotheken, Akademien, Reallabore, offene Partizipationsräume, „Urban spaces“, Social Media, partizipativer Journalismus sowie Citizen Science. Auch sein Haus der Zukunft ist dieser Kategorie zuzurechnen. Zukunft wird dort nicht als Bestimmtheit verstanden, sondern als „Möglichkeitsraum“, der aus Wahrscheinlichkeiten, Optionen und Wünschbarkeiten geformt wird.

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